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Jüdische Wochenschau · 1962-06-29 · 1966 (29.6.1962) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
23 (1962)
Issue
1966 (29.6.1962)
Date
1962-06-29
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German, Spanish
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JÜDISCDEJÜPtllEDSCUnU BUENOS AIRES, VIERNES 29 DE JUNIO DE 19<52 PUEYRREDON 2190 — 1* teq- Año XXIII. No. I960 Der kriegerische Friedensengel Im wesentlichen nur von der jüdischen Presse beachtet wurde die Erklärung, die der indische Ministerpräsident Nehru vor dem Parlament abgegeben hat. Der Ministerpräsident wurde von einem sozialistischen Abgeordneten gefragt, aus welchen Gründen Indien keine diplomatischen Beziehungen mit Israel unterhalten würde. Die Antwort, die Nehru gegeben hat, zeichnete sich nicht allsin durch grosse Unklarheit, sondern durch einen erstaunlichen Zynismus aus. Nehru meinte. Indien könne keine diplomatischen Beziehungen mit Israel unterhalten, weil Israel in der Vergangenheit , .leider aggressiv“ gewesen sei. Er führte dann aus, dass die Aufnahme diplomatischer Beziehungen Indiens zu Israel zu einer Trübung des Verhältnisses Indiens zu einigen westasiatischen Ländern führen könnte. Wenn man unterstellen will, dass von B. B, SAMUEL Indien nicht den Mut hat, seinen arabischen Freunden gegenüber, insbesondere gegenüber Nasser, klare Farbe zu bekennen und in ein freundschaftliches Verhältnis zu Israel zu treten, so hätte der Ministerpräsident sicherlich auch bessere Argumente finden können als die Behauptung, dass Israels Verhalten ,.leider aggressiv“ gewesen sei. Man wird an die berühmte Methode erinnert, dass nicht der Mörder, sondern der Ermordete, nicht der Dieb, sondern der Bestohlene schuld sei, eine Methode, die oft genug in unserer Geschichte gegen die Juden angewendet worden ist und die nun ausgerechnet von Nehru auf die politischen Beziehungen zwischen seinem Land und dem jüdischen Staat übertragen wird. Der Zynismus wird dadurch unterstrichen, dass Nehru diese Behauptung wider sein besseres Wissen aufstellt, denn es ist ihm, wie jedem Menschen auch, nicht verborgen geblieben, dass Israel mit einer zwei Drittel Mehrheit der Vereinten Nationen proklamiert und dann von sieben arabischen Staaten angegriffen worden ist. Die 600.000 Juden, die damals in Israel lebten, haben nicht das geringste Interesse daran gehabt, Krieg zu führen. Dem gegenüber stehen die wilden Drohungen und die zügellose Hetze der arabischen Länder. die in israelisches Gebiet eingefallen sind. Gerade die intellektuellen Schichten Indiens wie Israels sind sich darüber einig, dass eine Freundschaft zwischen beiden Ländern aus vielen Gründen gerechtfertigt wäre und an die Stelle des augenblicklicher, Vakuums treten sollte. Offen- WIE ICH ES SEHE - Widersprüche in unserer Zeit! von JEHUDA GQTTHEMER Schlechte Zeiten, brummt der brave Bürger, der nur ungern zur Zeitung greift, weil ..doch nichts Gutes drinsteht“. Gewiss hat unsere Generation bereits viel gesehen und manchen Sturm erlebt; sie ist durch historische Tief- und Höhepunkte geschritten und niemals zur Ruhe gelangt. Denn jeder Augenblick schafft neue Situationen und Schwierigkeiten. Krisen und Sorgen hören nicht auf. Letzten Endes war dies aber immer so, wenn auch die Schnelligkeit des Ablaufs der äusseren Ereignisse heute mit der Entwicklung der Technik zugenommen haben mag. Aber auch die früheren Geschlechter wurden von den gleichen Problemen beunruhigt und denselben Sorgen geplagt, zumal sich die Grundgesetze des menschlichen Lebens überhaupt nicht geändert haben. Es blieben dieselben Leidenschaften und Ziele, die das menschliche Leben und die Gesellschaft beherrschen, und die immer wieder von neuem jene Krisen heraufbeschwören, die zu den Auseinandersetzungen führen, deren Folgen dann neue Leidenschaften und neue Krisen sind... Unsere Zeit wird von einer besonders scharf geprägten Unsicherheit charakterisiert. Der grosse Vui kan Menschheit ist noch nicht zum Ausbruch gelangt, an allen Ecken und Enden der Welt vernimmt man jedoch ein dumpfes, Unheil kündendes Grollen. Autgescheucht von diesen Vorzeichen des Bösen wächst die Unruhe und mit ihr die Unsicherheit beim Suchen einer besseren Zukunft, nach der sich alle sehnen. Aber der Weg zum Frieden ist noch weit, weil der Mensch noch nicht diejenige Reife errungen hat, die für die Sicherung eines dauerhaften Friedens erforderlich sein dürfte. I. Augustin und Hagel Dr. D. Carl Gunther Schweitzer, bedeutender Lehrer und Forscher, evangelischer Geistlicher, Direktor im Zentralauschuss für Innere Mission. hat sich jüngst zu der Frage geäussert, ob die Weltgeschichte einen Sinn habe. Diese Frage ist sicherlich bereits so alt, wie Menschen nachzudenken gewohnt sind. Die Lösung des Kein offizieller Protest Washington. — Beamte des State Department äussenen, sie seien im Prinzip dafür, gegen den Antisemitismus in Sowjetrussland von Staats wegen Pro test einzulegen. Aber sie fügten hinzu, dass die Regierung sich an einem derartigen Vorhaben nicht beteiligen könne. Die Behörden gaben diesen Kommentar in Beantwortung eines Schreibens ab. das den Vorschlag zu einer solchen Haltung machte. Wie die Beamten erklärten, sei der Antisemitis mus in der Sowjetunion eine der grössten Sorgen der Vereinigten Staaten. Die Regierung begriisse die Proteste von Einzelpersonen und unterstütze diese im Rahmen ihrer Möglichkeiten, um sie zur Kenntnis Moskaus gelangen zu lassen, doch könne sie dies nicht als offizielle Politik betreiben, da sie hiermit nur eine „gegenteilige Reaktion“ hervorrufen würde (ITA) Problems nach dem Sinn der Geschichte, nach dem Sinn unseres Lebens, die von diesem Geistlichen zu geben versucht wird, ist nicht nur rein theologisch, sondern gefährlich abstrakt und einseitig. Der gelehrte Herr mobilisiert die grossen Geister, um schliesslich zu einer Antwort zu gelangen, die in ihrer Beschränktheit zugleich Ursache und Folge der augenblicklichen Krise ist. Dabei sind sich alle Zeitkritiker dessen bewusst, dass sich die Menschheit im 20. Jahrhundert keineswegs nur in einer permanenten wirtschaftlichen und politischen, sondern und vor allem in einer geistigen und moralischen Krise befindet. Der geistliche Herr nimmt Hegel als Ausgangspunkt seiner Betrachtungen, indem er über das Böse in der Geschichte spricht und sich auf Hegel beruft: ,,Das Uebel in der Welt überhaupt, das Bösemit einbegriffen, sollte begriffen, der denkende Geist mit dem Negativen versöhnt werden.“ Hegel strebt also nach einer Synthese. Das sei eben, wie es weiter heisst, die Versöhnungstat Christi und sein hierin manifestierter Sieg. In diesem Sinne habe bereits Augustin von der .,feüx culpa“ gesprochen, durch welche erst diese Versöhnungstat Christi ermöglicht werde. Hierin sei zugleich das in der klassischen Formel des Augustinus enthaltene Paradox einbegriffen; „servitium Del summa libertas“ (Der Dienst an Gott bedeutet höchste Freiheit). Die eigenartige Verschmelzung der Augustinisehen Erkenntnis mit der Hegelschen Dialektik soll die Widerlegung des heute angeblich dominierenden Marxismus ermöglichen. Der Versuch Hegel als einen christlichgläubigen Geschicbtspbiloso phen darzustellen, erscheint zumindest gewagt und gekünstelt. So wächst Hegel zum grössten Philosophen, sichtlich aber fühlt sich Nehru nicht stark genug, um seinen arabischen „Freunden“ entgegenzutreten, die eine Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern zu vereiteln trachten. Das Beispiel, das s. Zt. die deutsche Bundesregierung den Arabern gegeben hat, die sich den anmassenden Ultimaten der Araber nicht beugte, hat auf Nehru keine Wirkung gehabt. Wenn man auch die Schwierigkeiten nicht verkennen soll, die für Indien bestehen, das in einem permanenten Konflikt mit Pakistan liegt und das an seinen Grenzen ohne Unterlass von den Roten Chinesen bedroht wird, so sind wohl keine ausreichenden Gründe vorhanden, dass Nehru unrichtige und unsachliche Argumente anfiihrt, die seinen Standpunkt rechtfertigen sollen. Wieder einmal hat sich gezeigt, dass Nehru ein kriegerischer Friedensapostel ist, der Wasser predigt und Wein trinkt; man wird an den Fall Goa erinnert, wo Nehru Waffengewalt anwandte, obwohl er immer wieder in der Weltöffentlichkeit für Frieden und für. ein» friedliche Beilegung der offenen Konflikt eingetreten ist. Mit Bedauern muss man feststellen, dass Indien immer noch nicht den Weg gefunden hat, zu einem Ausgleich der internationalen Spannungen beizutragen, obwohl gerade dieses Land der gegebene Mittler in dem israelisch - arabischen Streit wäre. für dessen Bedeutung sich der geistliche Herr auf niemanden anderen als den sonst so verhassten und befehdeten Karl Marx beruft. Wäre sich doch Karl Marx dessen bewusst gewesen, dass „die Philosophie über Hegel hinaus nichts Neues oder gar Grösseres schaffen könne.“ II. Luther und Marx Man braucht nicht das Schülerwort: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht“ umzubiegen, um zu beweisen, dass hierin die Weisung liegen würde: „mit Christus habe die Zukunft bereits begonnen.“ In seinem Bemühen, die Antwort auf den Sinn der Weltgeschichte aus dem christlichen Glaubensdogma oder der christlich-theologischen Glaubenswelt abzuleiten, beruft sich der evangelische Missionar selbstverständlich auf Luther. Es sei nicht wesentlich, ob durch die Schwäche und die Fehler der Menschheit der Sinn der Geschichte verzerrt werde, an der Wahrheit kann hierdurch nichts geändert wer den. — Diesem Gedanken können wir Juden mit voller Ueberzeugung. aber auch mit gro sser Genugtuung zustim men. Wahrheiten werden durch Machtkonstellationen nicht beeinträchtigt. Der ungeheure Zwang, den die Katholische Kirche Jahrhundert um Jahrhundert in Fra gen des Glaubens und des Erkennens auf die Juden ausgeübt hat, konnte an der Wahrheit der jüdischen Schwierige Lage in Algier Die Lage in Algier ist immer noch wenig übersichtlich. Auch nach dem Abschluss eines Uebereinkommens. das zwischen der französischen Regierung und den muselmanischen Rebellen in Algier abgeschlossen wurde, haben sich die Gemüter noch nicht beruhigt. Die ansässigen Franzosen hatten unmittelbar danach den offenen Krieg sowohl gegen die französische Politik wie gegen die alten Gegner, die einheimische Bevölkerung, proklamiert. Ein ungeheurer Terror wurde geübt, Franzosen kämpften gegen Franzosen. Der durch Jahre hindurch tobende Bruderkrieg hat furchtbare Opfer gefordert. Jetzt haben aber auch die französisch-algerischen Terror-Organisationen ihre Bereitschaft erklärt, mit der muselmanischen Bevölkerung zu einem Ausgleich zu gelangen. Trotz dieser Vereinbarungen, die nunmehr zwischen allen Seiten bestehen und zu einer Befriedung der Situation führen könnten, gibt es noch immer extremistische Terror-Organisationen in verschiedenen Städten, die von einem Burgfrieden oder gar einer dauernden friedlichen Regelung der algerischen Verhältnisse nichts wissen wollen. Ungezählte Artikel und Darstellungen, in denen die herrschenden Zustände geschildert und die offizielle französische Politik der schärfsten Kritik unterzogen worden ist, zeigten die Grausamkeit und Verbissenheit eines Kampfes, in dem es ganz offensichtlich um sehr hohe Interessen sowohl ideeller wie wirtschaftlicher Art ging. Da sehr viele Berichte von Franzosen vorliegen, die ausserordentlich gut bis in die Einzelheiten informiert sind, kann auch kein Zweifel darüber bestehen, dass bei diesen Auseinandersetzungen mit einer Entsetzen erregenden Brutalität vorgegangen wurde. Die Spuren dieser Kämpfe werden noch lange bemerkbar bleiben. Wie immer sind die Juden die ersten Opfer solcher Auseinandersetzungen. Ueberall dort, wo zwei verschiedene Länder, Völker, Nationalitäten oder Parteien aufeinanderstossen, bleiben die Juden als die ersten auf der Strecke. Sehr häufig in unserer Geschichte haben die Gegner in gleicher Weise die Juden verdächtigt, bescnuldigt und verleumdet, um auf diese Art ein beliebtes und billiges Ablenkungsmittel von der eigenen Verworfenheit und Unlauterkeit der Ziele zu schaffen. Beide Parteien haben den Juden in Algier Versprechungen gemacht. Sowohl die ansässigen Franzosen wie die muselmanischen Führer haben den Juden als Kollektiv volle Sicherheit zugesagt. Aber in Wahrheit hatten die Juden unter diesen Kämpfen schwer zu leiden. Wiederholt kam es zu Ausschreitungen. Der jüdische Flüchtlingsstrom ergiess sich seit Monaten nach Frankreich. Seit der Einstellung der offenen Feindseligkeiten sind mehr als zwanzigtausend algerische Juden von dort gefluchtet. Das jüdische Leben wurde desorientiert und desorganisiert. Die grossen internationalen jüdischen Organisationen haben in der Mehrheit ihre Repräsentanten aus Algier zurückgezogen. Wer die Möglichkeit hat, das Land zu verlassen, ist geflüchtet. Die Jewish Agency unterhält noch ein Büro in Algier; aber auch das hat sein Personal stark reduziert. Im Angesicht der bestehenden Unsicherheit und durch die Ungewissheit über das, was morgen geschieht, muss man es als eine allgemeine jüdische Aufgabe betrachten, die Juden aus Algier zu evakuieren. Die erste Station wird Frankreich sein, wo es bereits die grössten Schwierigkeiten gibt, die Juden unierzubringen. Die Mehrheit wird und soll nach Israel gehen, wofür allerdings sehr ' erhebliche finanzielle Mittel erforderlich sind. Giaubensvorstellungen. der Erhabenheit der jüdischen Gedankenwelt und der Reinheit jüdischen Fühiens nichts ändern. Schwächen und Fehler der Menschen haben keinen Einfluss auf die Richtikeit von Ideen, nicht heute, aber auch nicht gestern .. Es ist interessant, wenn ein evangelischer Geistlicher die Hegelsehe Philosophie einem unphilosophischen Historismus. Psychologismus und Soziologismus gegenüber stellt, um hier aus die Antwort auf die Frage nach dem Sinn der Geschichte zu suchen. Die Verantwortlichkeit des Menschen muss begründet werden, um aus der Willensfreiheit des Individuums den Begriff des Verschuldens tund der Verantwortung) abzuleiten. Hier vergisst nur der Geistliche zu bemerken, dass es sich um eine alte Lehre handelt, die im Judentum verankert ist und die sieh als stärkste Festung im Kampf gegen die marxistische Wiilensunfreitieit des einzelnen Menschen erwiesen hat. Diese Auffassung von der Willensfreiheit des Menschen, wie sie u. a. mit herrlichen W'orten im 5. Buch Moses verkünd :t worden ist, bildet das Fundament der sittlichen Welt, der ethischen Gesellschaftsordnung, jedes geordneten, auf moralischen Prinzipien basierenden staatlichen Lebens. Anstatt auf diese Sätze hinzuweisen, beruft sich Dr. D. Carl Günther Schweitzer auf den Inder Radhakrishnan, der gesagt habe, dass es keine Unabwendbarkeit in der Geschichte gäbe. Der indische Philosoph schreibt: ..Anzunehmen, dass wir hilflose Wesen seien, dem Strom ausgeliefert, der uns schliesslich in den Abgrund reisst, hiesse einer Verschluss auf Seite 2) Ein President besucht Israel Tel ^uiv-. ~ Der Präsident des afrikanischen Staates Liberia, William Tubman, ist zu einem zehntägigen Besuch in Begleitung seiner Gattin und eines Gefolges von 21 Personen eingetroffen. Unter diesen befinden sich Minister, Mitglieder des Parlaments und Experten auf verschiedenen Gebieten. Ein Salut von 21 Kanonenschüssen begriisste die „Theodor Herzt“ bei ihrer Einfahrt in den Hafen von Haifa, und weitere 21 Kanonenschüsse wurden abgegeben, als der liberisehe Präsident israelischen Boden betrat. Das Schiff, das Präsident Tubman in Venedig bestiegen hatte, wurde von israelischen Torpedoboo ten und Düsenflugzeugen in den Hafen begleitet. Staatspräsident Ben Zwi erwartete Tubman im Haien, und nach dem Austausch von Begrüssungen fuhr eine lange Karawane von Autos nach Jerusalem ab.

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