Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 23 (1962)
- Issue
- 1964 (15.6.1962)
- Date
- 1962-06-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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PUEYRREDON 2190 — 1’ izq. JfaJéMüH&DbsuÁelUa T E. 83-2613 Año XXIII. WIE ICH ES SEHE BUENOS AIRES, VIERNES 15 DE JUNIO DE 1962 No. 1961 Das ist nicht zu verstehen von JEHUDA GOTTHEMER Die Krise hält an. Täglich werden schwere Bluttaten und Zwischenfälle aus vielen Ländern der Erde gemeldet. Revolten und Rebellionen, Zusammenrottungen Unzufriedener und bewaffnete Auseinandersetzungen, Alarm und Panik, Arbeitslosigkeit und Hunger drücken diesen letzten Monaten ihren Stempel auf. Auf fernöstlichen Inseln, in Laos China, in Pakistan und Indien, um Kuweit und im Mittleren Osten, um Berlin und um Kuba, in Afrika und Lateinamerika werden täglich Kämpfe und Streitfälle gemeldet. Drohungen aus Moskau und Washington, aus Peking und Djakarta, aus Kairo und Havanna, kurzum aus allen Enden dieser vielgeprüften Erde erschüttern das Leben der Menschen, die nervös dem nächsten Tag entgegenzittern. Denn über allen schwebt die vernichtende Gefahr der Bombe, jener entfesselten Gewalten, die mit einem einzigen Aufschlag Städte und Staaten zerstören und erhebliche Teile der Menschheit auslöschen wird. Man braucht nur eine Ausgabe irgendeiner Tageszei tung zu studieren, um dieses düstere Bild einer immer näher kommenden Katastrophe zu erkennen. Es bleibt erstaunlich Und rätselhaft, dass alle Völker ohne Ausnahme wieder einmal sehend in ihr eigenes Unglück stürzen. Die schweren Peinigungen, die der letzte Krieg über die Welt gebracht hat, sind vergessen. Die harten Lehren, die alle erhielten, wurden nicht verstanden. Hass und Eifersucht, Machtgier und hemmungsloses Streben nach Einfluss und Gewinn bestimmen das Zeitgeschehen. Die Stimmen der Vernunft werden erstickt. Die Rufe zum Frieden werden unterdrückt. Alle Mahnungen sind bisher in den Wind geschlagen worden. Jeder technische Fortschritt wird zur Vorbereitung künftiger kriegerischer Auseinandersetzungen verwandt. Selbst die vermeintliche Eroberung des Weltraums bildet nur einen Teil jenes unbegrenzten Wettrüstens, das unverhohlen den Vorbereitungen der wahrscheinlich letzten Runde vor dem Untergang der Menschheit dient. Unter der fadenscheinigen Parole, man müsse auf den Ernstfall eingestellt sein, wird Wirtschaft und Technik, Wissenschaft und Erziehung der Jugend, wird die Mobilisierung aller Kräfte systematisch eingeleitet. Wann wird man so weit sein, um die Entscheidung der Waffen anzurufen, die immer herbeiführt oder gar herbeigefleht wird, wenn der eine oder andere Teil sich stärker, sich überlegen wähnt? Die Menschheit befindet sich in einer gewaltigen Krise, die sich keinesfalls nur auf politi-sche Fragen oder wirtschaftliche Probleme erstreckt. Wir stehen vor einer moralischen Krise beinahe nicht mehr zu überbietenden Ausmasses, in welcher alle Werte und Masstäbe zerstört worden sind. Schon ist es kaum möglich, dass Menschen verschiedener Lager und Anschauungen sich verständigen; sie sprechen verschiedene Sprachen; sie reden aneinander vorbei; sie sind nicht mehr gewillt, Argumente der Vernunft zu akzeptieren. Keiner kann den anderen überzeugen, vielleicht will er es schon nicht mehr. Jede Möglichkeit einer auf ruhigen Ueberlegungen beruhenden Verständigung ist geschwunden. Ein Ausgleich der Interessen ist in weiter Ferne. Es gibt nur noch ein „entweder—-oder“, wenn nicht im letzten Augenblick die Verantwortlichen das Steuer umreissen werden. Was bedeutet das: moralische Krise? — Auf das Gebiet des nationalen wie internationalen Lebens übertragen, besteht die moralische Krise darin, dass die Gesetze der Ethik und Moral im öffentlichen Leben nicht gelten. Während jeder Staat innerhalb seiner Grenzen dafür sorgt, dass die allgemeinen Normen des sittlichen Zusammenlebens seiner Bürger beachtet werden, stehen sich die Völker als Gesamtheiten wie Fremdkörper gegenüber, die offensichtlich der Auffassung sind, dass jeder das tun kann und das unterlassen dürfe, was ihm gefällt. Hinter Phrasen und Redensarten versucht man jedes brutale Vorgehen zu rechtfertigen, jede Gewalt zu verteidigen und jede Rücksichtslosigkeit in Schutz zu nehmen. Alle Staaten haben an der Ein empoerender Brief Graz. — Als der Münch-1 ner Universitätsprofessor Dr. Werner LeibbrancU Vorstand des Instituts für Geschichte der Medizin, im Januar 1962 in der ,,Medizinischen Klinik“ einen Aufsatz über seine Reise nach Israel veröffentlichte, hätte er es sich wahrscheinlich nicht träumen lassen, dass dieser Artikel, der sich u. a. auch mit den ärztlichen Problemen des neuen jüdischen Staates beschäftigte, eine antisemitische Reaktion auslösen würde. Zu seiner nicht geringen Bestürzung schrieb ihm nach Erschei nen der Zeitschrift ein Grazer Kollege, Dr. Max Krassnigg — der sich im Briefkopf Primararzt und Universitätsdozent titulierte —, einen nicht einmal mehr neonazistischen, sondern echt nazistischen Brief, in dem fast sämtliche sattsam bekannten Schlagworte Hitlers aufgewärmt wurden. Ob er denn nicht wisse, schrieb der famose Arzt, ein Hals-, Nasen- und Ohrenspezialist aus der „Stadt der Volkserhebung“, dass im Jahre 1920 in Berlin unter 24 Ministern und deren Stellvertretern 19 Juden gewesen seien? Als er, Krassnigg, im ersten Weltkrieg auf einem Hauptverbandplatz als Chirurg tätig gewesen sei. hätten sich dort unter sechs Aerzten drei Juden befunden, die alle drei nach sechs Monaten wieder daheim gewesen seien und „unsere Stellen“ besetzt hätten. „Warum wohl?“ fügt der Naziarzt aus Graz provokatorisch hinzu. „Beweisen Sie“, heisst es in dem Brief weiter, „wenn Sie schon Propaganda zur Sühne machen wollen, dass nicht der heutige jüdische Weltgeist der Totengräber des Abendlandes ist oder warum nur noch in Israel Hitlermethoden Geltung haben.“ Offenbar hat der Eichmann-Prozess den steirischen Ultranazi so aufgebracht, dass er in den ihm gewohnten Jargon verfällt und damit nicht nur die Juden schmäht, sondern auch die österreichische Aerzteschaft vor aller Welt diskreditiert. Schliesslich wärmte Dr. Krassnigg auch die bekannten antisemitischen Minderwertigkeitsgefühle auf. indem er erklärte, die Oesterreicher wüssten schon lange, dass die Juden überdurchschnittlich intelligent und die besseren Psychologen seien, aber diese beiden Fähigkeiten in erster Linie dazu einsetzten, „Geld und Geltung“ zu gewinnen. Prof. Leibbrandt schrieb daraufhin an den Dekan der Grazer Medizinischen Fai kultät und erklärte u. a. er fühle sich durch den Brief Dr. Krassniggs beleidigt und empfinde das Ansehen seiner verstorbenen Frau (die Jüdin war. Anm. d- Red.) und deren Familie beschmutzt. Er könne das Schreiben daher nicht auf sich beruhen lassen. Der Dekan konnte ihm — glücklicherweise — mitteilen, dass Dr. Krassnigg sich zu Unrecht als Dozent bezeichne und seit 1945 nicht mehr dem Lehrkörper der Universität angehöre. Offenbar hat man ihn wegen seiner bekannt waschechten Nazigesinnung bis heute nicht wieder zugelassen. Wir wissen nicht, ob Professor Leibbrand den Weg einer privaten Ehrenbeleidigungsklage beschreiten wird; immerhin aber erhebt sich auch die Frage, was die Oesterreichische Aerztekammer zu dieser empörenden antisemitischen Kundgebung zu sagen hat. Die einzig mögliche Reaktion müsste der sofortige Abschluss Dr. Krassniggs aus der Standesorganisation sein. Alles weitere ist Sache der Sicherheitsbehörden. Gibt es eine eindeutigere „nazisistische Wiederbetätigung“ als das Beschwören des „jüdischen Weltgeistes“, der am Untergang des Abendlandes die Schuld tragen soll? (IPN) Hakenkreuz und Gaskammern Detroit «Michigan). — Ein riesiges Hakenkreuz wurde in grellroler Farbe auf die Aussenwand der Ahavat Achim-Synagoge geschmiert. Darunter war in grossen Buchstaben das Wort „Schlächter“ gemalt, was offensichtlich auf die Hinrichtung Eichmanns Bezug hatte. Flugblätter, die vervielfältigt und in schlechtem Englisch abgefasst sind, wurden in das Gebäude des jüdischen Musikvereins geworfen. Darin wird Juden und Israelis mit Gaskammern gedroht. „Eichmann wird gerächt werden“, heisst es, „und die Juden, die Israel-Bonds kaufen, werden in Gaskammern enden.“ (ITA) Aufrechterhaltung der inneren Ordnung ein echtes Interesse. Die seit Jahrhunderten anerkannten Gesetze werden angewandt, um denjenigen zur Verantwortung zu ziehen, der die Rechtsordnung stört. Im internationalen Leben aber folgt man nicht den sonst üblichen und nicht mehr diskutierten Grundsätzen eines zivilisierten Lebens, sondern vertraut nur auf die Gewalt, auf seine Kraft, auf das „Recht des Stärkeren“. Noch ist die Menschheit nicht in der Lage, jenes Rechtsprinzip für die Beziehungen der Staaten und Völker untereinander anzuwenden und durchzusetzen, das längst für die Bürger eines Landes gilt: jeder ist vor dem Gesetze gleich. Sobald sich dieselben Staatsmänner in die Schranke der internationalen Politik begeben, haben sie vergessen, was Rechtens ist. Der Stärkere fragt den Schwächeren nicht, der sich bedingungslos unter die Interessen des Mächtigeren unterordnen muss. Wo aber die Interessen von zwei Machtkolossen aufeinanderstossen, da bleibt als einziger Ausweg der Krieg, da müssen die Waffen entscheiden. So war es vor Jahrtausenden, auch Wie in der Jugendzeit von JAKOB KATZ-ROGASEN Selbst wohlwollende Beobachter der innenpolitischen Entwicklung der Bundesrepublik müssen über mancae Erscheinungen und jüngste Vorgänge bedenklich das Haupt schütteln. Hierbei ist es durchaus nicht wesentlich, dass man sich „einmischen“ und zu Begebenheiten Stellung nehmen wolle, die nur die Bevölkerung dieses Landes anginge. Man kann überhaupt schwer entscheiden, welche Massnahmen und Entscheidungen „nur innenpolitischen“ Charakter tragen würden, und weiche auch ihre Rückstrahlungen auf das allgemeine Gescnehen haben werden. Diese Frage, die sehr alt ist, konnte noch von niemandem zufriedenstellend beantwortet werden. Der Stein, der sieh in Bergeshöben löst, kann zur Lawine wachsen und im fernen Tal Unheil anrichten. Er kann es, aber er muss es nicht. Aehnlich ist die Situation bei kleinen Ereignissen, die zunächst reichlich unbedeutend und uninteressant erscheinen, eine« Tages aber doch wichtig sein können. Ein österreichisches Blatt meldete jüngst, dass in Deutschland einige Nazi-Schulungslager stattfinden werden. Nun mag es merkwürdig anmuten, dass die Oesterreicher sich über in Deutschland abzuhaltende Nazi- Schulungslager aufregen, wo in ihren eigenen Landen zahlreiche schwere Symptome für eine Blüt« nazistischer Umtriebe vorhanden ist. Bekanntlich können sich die ehemaligen Nazis in Oesterreich immer noch ungestraft aufhalten und selbst erschwindelte Staatsbürgerschaft rettet dann vor Auslieferung. Vielleicht werden derartige Nachrichten auch deswegen von Zeit zu Zeit lanziert, um die Aufmerksamkeit von eigenen unerfreulichen Zuständen abzulenken. In einigen Wochen werde auf dem Gebiet der Bundesrepublik, so hiess es, ein Treffen des „Jugendkorps Scharnhorst“ stattfinck-n. Dieses Jugendkorps Scharnhorst kann auf ein« längere nazistische Vergangenheit zurückblicken. Es wurde 1922 gegründet, um die junge Weimarer Republik zerstören zu helfen. Es tragt den Namen eines preussischen Generals, der ein bedeutender strategischer Kopf und ein unbedingter Anhänger der Freiheit gewesen ist. für die er sein Leben eingesetzt hat. Sicherlich kann jede andere als di« nazistische.Bej wegung mit grösserem Anrecht Schamhorst als einen I der ihren reklamieren. Wie wir weiter hören, soll auch I eine österreichische Jugendgruppe vom „Bund hmmattreu-r Jugend“ an dem Scharnhorst-Treffen teilnohmen. In Oesterreich ist dieser Bund übrigens .verboten1, aber er besteht trotzdem... heute noch ist der blutige i Kampf die vermeintliche! „Lösung der Probleme“... Gewiss haben die Völker unter dem Eindruck des schrecklichen Zusammenbruches, den wir nach dem zweiten grossen Krieg unseres Jahrhunderts erlebten, ] den Weg der Vernunft bej schreiten wollen. Um das internationale Chaos zu meistern, wurden die Vereinten Nationen geschaffen, die in den wenigen Jahren ihres Bestehens trotz aller Mängel und Schwächen grösseres Unheil vermeiden konnten. Aber die Autorität der UN ist gering geworden. Sie haben nur diejenige Kraft die ihnen von den Grossmächten eingeräumt wird. Obwohl auf der Tribüne der UN immer wieder Frieden gepredigt wird, bereiten alle den Krieg vor. Die Abrüstungskonferenzen verlaufen ergebnislos. Die Atombombenversuche wurden wieder aufgenommen. Die Mächtigen dieser Erde verfügen nicht über das moralische Niveau, auf die Anwendung ihrer äusseren Gewaltmittel zu verzichten. Das ist eine Seite der grossen moralischen Krise. Die politischen und wirtschaftlichen Krisen sind nur ihre ebenso logischen wie unerbittlichen Folgeerscheinungen. Wahrscheinlich hat man niemals die politische und die wirtschaftliche Seite einer Krise scharf auseinanderhalten können. Politik und Wirtschaft sind untrennbare Ausdrucksformen des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens. Man kann das am Beispiel Kubas zeigen, wobei man sich nur auf westliche Quellen, nicht etwa auf Moskauer Rezepte zu beziehen braucht. Herbert L. Matthews, Mitherausgeber der New York Times, berichtet in seinem Kuba-Buch darüber, dass „Fidel Castro dem kubani. sehen Volk mehr geben wollte als Freiheit und Demokratie in abstrakten Begriffen. Wie er es machen würde. wusste er am Anfang selbst noch nicht genau.“ Es sei völlig abwegig, sich auf den Standpunkt zu stellen, dass die kubanische Revolutionsbewegung von Moskau (Schluss auf Seite 2) Deutscher Kredit für Israel Wie aus Jerusalem gemeldet wird, wurde dem Staate Israel die Zahlung eines Kredites in Höhe von 50 Millionen Dollar durch die Regierung der Bundesrepublik Deutschland zugesagt. Hier von soll bereits ein Betrag von 25 Millionen Dollar gezahlt worden sein. Die restlichen 25 Millionen Dollar sollen noch im Laufe des jetzigen fiskalischen Jahres zur Auszahlung gelangen So berichtet die israelische Abendzeitung Maariv. Bei diesem Kredit handelt es sich um eine Zahlungsleistung der Bundesrepublik, die ausserhalb des Reparationsabkommens mit Israel erfolgt. Die Zusage zu diesem Kredit wurde von dem deutschen Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer dem israelischen Premierminister David Ben Gurion gegeben, als die beiden Staatsmänner ini Jahre 19G0 in New York zusammenkamen. Die Einräumung des Kredils stellt sowohl in wirtschaftlicher wie in politischer Hinsicht ein oedeutsames Ereignis dar. Dass die Bundesrepublik dem Staate Israel einen Kredit in dieser Höhe gewährt, zeigt das Vertrauen in die politische und ökonomische Lage des jungen jüdischen Staates. Ob man berechtigt ist, aus dieser Kredit - Gewährung Rückschlüsse auf den Erfolg der israelischen Bemü hungen zum Eintritt in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft zu ziehen, muss dahingestelt bleiben. Bekanntlich wurde der Antrag Israels, der EWG beizutreten. nicht unfreundlich aufgenommen, hat aber den erwarteten heftigen arabischen Widerstand gefunden. Im Laufe des letzten Jah res haben zahlreiche deutsche Industrielle Israel besucht, die von dem Fortschritt und der Produktionskraft der jungen israelischen Industrie beeindruckt waren. Nur nebenbei sei b merkt, dass die Aktien; der Tel Aviver Börse fes blieben, als die Aktien i den zentralen Welthandel plätzen, vor allem in Ne York, vor kurzem eii Baisse erlitten und auch d Aktien in der Bunöesrep blik starke Rückgänge at zuweisen hatten. Ohne Zweifel wird d< durch die Bundesrepubl gewährte Millionen - Krec für die weitere Entwickle der israelischen Wirtschs von erheblicher Bedeului sein. Dass dieser Kredit a sserhalb des Reparationsa kommens geleistet wurd unterstreicht sein« komme zielle Bedeutung. Nur nebenbei sei dara hingewiesen, dass die B kanntgabe dieses Kredi kurz vor dem Zusamme tritt einer Wirtschaftskonf renz der sogenannten Ne tralen erfolgte, die auf Ve anlassung von Nasser Kairo Zusammentritt.