Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 23 (1962)
- Issue
- 1963 (7.6.1962)
- Date
- 1962-06-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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I PUEYRREDON 2ino — l’ izq. JfaJé4n¿cut&fe\jCüelUa, T E. 83-2613 Ano XXIII. BUENOS AIRES, JUEVES 7 DE JUNIO DE 1962 No. 1963 DAS ECHO IN DER WELT In der Nacht zum Freitag der vergangenen Woche wurde das Urteil gegen Eichmann vollstreckt. Nach der Ablehnung der Berufung durch das höchste israelische Tribunal und der Zurückweisung des von Eichmann eingereichten Gnadenantrages an den Präsidenten Israels, J. Ben Zwi, wurde die Todesstrafe im Hof des Gefängnisses zu Ramie vollzogen. Die Leiche wurde verbrannt, die Asche ins Meer versenkt. Die Nachricht von der Hintung Eichmanns nahm den ersten Raum in der Tagespresse ein. Hinrichtung und Prozess wurden noch einmal in sensationeller Form der Oeffentlichkeit präsentiert. Es gab zustimmende und kritische Shimmen über die Vollstreckung der Todesstrafe. Die Nachricht über die Hinrichtung Eichmanns wurde von den verantwortlichen deutschen Stellen mit uneingeschränkter Zustimmung ausgenommen. Das argentinische Aussenministerium veröffentlichte eine Erklärung, deren Wortlaut an anderer Stelle wiedergegeben wird. Nachdem der Aussenminister seinem Bedauern über die Nichtanwendung des argentinischen Gesetzes, das keine Todesstrafe kennt, Ausdruck verlieh, unterstrich er den tiefen Abscheu vor den Verbrechen, die von den Nazis begangen worden sind. Mit der Durchführung der Todesstrafe hat der Fall Eichmann sein „offizielles“ Ende gefunden. — ★ Der Fall Eichmann bleibt offensichtliches ein „gefundenes Fressen“ für die Sensationspresse. Jetzt wird aus ,.sicheren Quellen“ mitgeteilt, Eichmann habe nach dem Bekanntwerden der Ablehnung des Gnadengesuches ein Testament geschrieben. Er habe darum gebetendass sein Leichnam verbrannt werden solle. Angeblich soll noch nicht feststehen, ob die israelische Regierung der Familie oder dem Verteidiger das Testament aushändigen werde. ★ Die . europäische Presse diskutiert die Frage, ob Israel richtig gehandelt hat, den Chef derf Abteilung IV, 4 B hinzurichten, oder ob ein Gnadenakt angebrachter Massnahmen gegen den Antisemitismus La Plata. — Die Bundesintervention in der Provinz Buenos Aires hat die Provinzpolizei angewiesen, die Massnahmen zur Verhütung antisemitischer Auswüchse zu verstärken, nachdem in den letzten Tagen neue Ausschreitungen dieser Art, besonders in San Martin, La Plata, Lanüs, Villa Lynch, Necochea, Mercedes und anderen Orten vorgekommen sind. Zahlreiche jüdische Institutionen haben gegen diese Attentate, die der nationalistischen Organisation Tacuarä zugeschrieben werden, energischen Protest erhoben. Der Fall Eichmann --,= von JEHUDA GOTTHEIMER i. Urteil vollstreckt Nachdem der Präsident Israels, Jizchak Ben Zwi, das Gnadengesuch Eichmanns zurückgewiesen hatte, wurde wenige Stunden nach der damit eingetretenen Rechtskraft des Urteils die über den Angeklagten verhängte Todesstrafe vollstreckt. Die Nachricht über die Hinrichtung hat in aller Welt eine gewisse Rückwirkung gehabt. Noch einmal war Veranlassung, den „Fall Eichmann“ zu debattieren, zumal Nazis und Faschisten in manchen Ländern der weiten Erde die Gelegenheit witterten, um mit dem Tode Eichmanns Propaganda zu machen und aus seinem Schicksal politisches Kapital zu schlagen. Alle grossen und kleinen Zeitungen benutzten die sich bietende Gelegenheit, noch einmal über Eichmann, seinen Werdegang und sein Leben, seine Verbrechen und seine Flucht, sein Leben in der Verborgenheit und seine dramatische Gefangennahme zu berichten. Im Zuge dieses Berichtes wurden dann auch Tränen über die armen Opfer eines Schandregimes vergossen, deren Tod auf die Mitwirkung von Männern wie Ekhmann zurückzuführen ist. Natürlich war die Berichlerstattung recht unterschiedlich. Manche Zeitungen beschränkten sich auf sachliche Mitteilungen, andere wiederum behandelten den Fall Eichmann wie jede andere Mordgeschichte, bei der das Ende des Täters mit allen Einzelheiten aus Sensationslust mitgeteilt werden muss. Natürlich gab es auch Publikationen. In denen unverhohlen Sympathien mit dem Angeklagten bezeugt wurden. Aber auch das war nicht überraschend, denn bereits vorher sind solche Artikel erschienen, bereits vorher haben Rowdies den Juden gedroht, bereits vorher haben gewisse Ki-cise versucht, durch die Eich-1 mann-Affäre allerlei Verteile zu erzielen. Im allgemeinen wurde die Hinrichtung Eichmanns als eine Notwendigkeit angesej hen und aufgenommen. Da j in Israel für Verbrechen dieser Art die Todesstrafe | angedroht ist, musste sie auch angewandt werden. Dass Eichmann sein Leben vielfach verwirkt hatte, daran zweifelte niemand. In ' Deutschland, um ein Beij spiel zu nennen, haben die | verantwortlichen Regie-' rungskreise die Vollstrek-j kung des Todesurteils als ei-! ne absolute Notwendigkeit betrachtet und die Nachricht hierüber als einen Akt der Gerechtigkeit aufgenom-! men, der nur auf diesem j Wege Genüge getan werden konnte. j In dieser oder ähnlichen [ Form haben alle Regierun- ■ gen reagiert, wobei die Russen die Gelegenheit benutzten, auf die erforderliche Verurteilung aller Kriegsverbrecher hinzuweisen, die noch immer frei herumlaufen. Die vielen Nachrichten, die von der Familie und ehemaligen Freunden Eichmanns lanziert wurden, um Mitleid zu erwecken, brauchen hier nicht weiter erwähnt zu.werden, da es verständlich’ sein dürfte, dass Frau und Kinder alles getan haben, um das Leben des Angeklagten zu retten. Nur sollte man sich jeder Wertung enthalten, selbst wenn man berücksichtigt, dass die Familie und die Freunde über dieses Ende ihres einstigen Helden enttäuscht oder erbittert sind. Die von der Presse nur allzu gern veröffentlichten Aeusserungen und Briefe, zuletzt eines Bruders Eichmanns, der Rechtsanwalt ist, können weder am ge-; schichtliehen Ablauf der Erj eignisse noch am Schicksal I des Hingerichteten etwas ändern. Da Eichmann selbst die Taten verurteilte, die von [ Appell an die Juden Frankreichs Paris. — Der Vereinigte Jüdische Hilfsfonds hat einen Aufruf an alle Juden Frankreichs gerichtet, sich zu einer Rettungsaktion für die jüdischen Kinder, aus Algerien zusammenzuscliliessen. Die jüdischen Familien werden gebeten, vorübergehend jüdische Kinder aufzunehmen, die ohne ihre Eltern aus Algerien flüchten. In den letzten Wochen sind Hunderte solcher Kinder in Frankreich angekommen. Die Familien, die keine Kinder beherbergen können, werden ersucht, einen finanziellen Beitrag zur Schaffung von Heimen für die Flüchtlingskinder zu leisten- Bisher trafen schätzungsweise 40.000 jüdische Algerien-Flüchtlinge in Frankreich ein, doch man erwartet, dass der Fliiehtlingsstrom in den nächsten Wochen weiter ansteigen dürfte. (.ITA) gewesen wäre. Eine finnische Zeitung meint, Israel hätte durch einen Gnadenerweis mit grösserer Sicherheit noch einmal die Aufmerksamkeit der Menchheit auf die nazistischen Verbrechen gelenkt als durch die Hinrichtung. Demgegenüber schreibt Daily Telegraph, dass die schnelle Hinrichtung des Verurteilten eine Notwendigkeit gewesen ist. Das Gerichtsverfahren sei von leidenschaftslosen Richtern durchgeführt worden, „würdig für das Volk des grossen Gesetzgebers Moses.“ — Die holländische Presse bringt dieselben Gedanken zum Ausdruck. Der Manchester Guardian schreibt, die Entscheidung zur Hinrichtung Eichmanns sei erst nach langen Beratungen erfolgt. Israel habe die Hinrichtung im Angesicht der; ungeheuerlichen Verbrechen j vollstreeken müssen, d ie man Eichmann zur Last gej legt hat. Zwei der grössten deutschen Zeitungen hatten be reits vor der Hinrichtung den Standpunkt vertreten, dass das Urteil vollstreckt werden müsse. Die Süddeutsche Zeitung (München) schrieb, Mord bleibt immer Mord, auch wenn Eichmann nur Befehle ausgeführt haben würde. Sicherlich haben noch andere hohe Naziführer die Verantwortung für das Geschehen. Einen ähnlichen Standpunkt nimmt die Frankfurter Allgemeine ein. die schrieb, dass Eichmann nicht der einzige Verant-1 wörtliche sei, dass aher diej se Feststellung sein eigenes! Verschulden nicht verkleinere. „ARRIBA“? — NO! J1UY ABAJO Die italienische Zeitung „Messagero“ <Rob) schrieb, j dass die israelischen Ge- > ihm begangen worden sind. — nur behauptete Eich mann, er sei nicht verantwortlich —. wird auch niemand bereit sein, das Urteil für ungerecht zu erklären. Jedenfalls ist dies bisher noch nicht von einer ernst zu nehmenden Seite gesagt worden. 1 Das Gnadengesuch \ i Dass Eichmann ein Gna-) dengesuch an den israelischen Präsidenten gerichtet | hat, darf als überraschend bezeichnet werden. Diese j Bitte des Verurteilten steht I mit seinen Verbrechen und seinem Verhalten Vor seinen Richtern im Widerspruch. Der Angeklagte hat damit gezeigt, dass er ein schwacher Mensch ist. Es gab sogar Nazis, die besser zu; sterben verstanden. Um j Gnade zu bitten, war sicher-* lieh auf Initiative des Ver- ( teidigers geschehen, der mit einem Gnadenakt seine,' nicht immer sehr glückliche und geschickte, nicht immer I sehr würdige Tätigkeit abi schiiessen wollte, mit der er ’ sich zeitweise in den Mittelpunkt des Weltin.eresses ge- [ spielt hatte. Eichmann selbst war gnadenlos. Im Laufe seines Prozesses wurde ihm die eisige ) Kälte vorgeworfen, mit der I Erklaerung des Aussenministeriums! in der vergangenen Woche wurde im argentinii sehen Aussenministerium die folgende Erklärung zui Kenntnis gebracht: ,. „In Jerusalem wurde gestern Adolf Eichmann hin- »erichtct Das Aussenministerium bedauert, dass die israelischen Gerichtshöfe nicht die argentinischen Ge setzb berücksichtigt haben, nach denen eine geringere Strafe hätte verhängt werden müssen. Diese Erklarung verring?rt nicht im geringsten die energische und entrüstete Zurückweisung der Verbrechen gegea die Menschheit, die von dem Verurteilten begangen worden sind, sei es als Autor oder Mittäter, wie dies im Urteil des Gerichtshofes zu Jerusalem festgestellt wurde. „In der neuzeitlichen Geschichte werden diese Verbrechen niemals vergessen werden, die viel stärker <*e®en die Menschheit und Menschlichkeit als ge- «en das jüdische Volk selbst gerichtet sind. Sie werden auch nicht mit der Auslöschung eines menschlichen Lebens gesühnt sein, die in unserem Strafgesetz nicht vorgesehen ist.“ — richte in Eichmann jedes Regime zum Tode verurteilt habe, das im Menschen den göttlichen Funken löschen will. Dagegen schlug sich „Arriba“, die Zeitung der spanischen Falange (Madrid) völlig auf die Seite der Nazifaschisten, was vielleicht nicht weiter verwunderlich ist. Trotzdem muss der Ton wie der Inhalt jener schändlichen Publikation Erstaunen und Abscheu hervorrufen. „Arriba“ ver steigt sich u. a. zu der Behauptung, der Prozess gegen Eichmann sei „eine der ungeheuerlichsten Verletzungen der Vernunft und des Rechts“ gewesen, einer der „schlimmsten Fusstritte, den das Menschenrecht auf dieser Welt erhalten“ habe. Gegen die Hinrichtung Eichmanns wird auf diese miserable Weise polemi siert; der Mann wird verteidigt, der am Mord von Millionen Menschen aktiv beteiligt war. Der Mörder wird in Schutz genommen, nicht die Ermordeten. Die faschistische Moral, die aus diesen Sätzen der falangistischen Zeitschrift spricht, reisst eine neue tiefe Kluft auf, unüberbrückbar tief; sie stellt auch einen neuen Tiefpunkt dar, der alle demokratischen Völker alarmieren sollte. NAZIS REAGIEREN Die erwartete nazistische Reaktion hat eingeestzt. Man war darauf vorbereitet, dass die Nazis in aller Welt auf den Wink ihrer geheimen Zentrale die Hinrichtung Eichmanns zum AnlaSs nehmen werden, um eine neue antisemitische Kampagne zu lanzieren. In Stockholm wurde vor dem Rathaus ein dreimeterhohes Hakenkreuz von unbekannten Tätern errichtet. In Mexiko wurden die Wände der Synagogen mit Spruchbändern wie „Heil Hitler und Heil Eichmann“ beschmiert. In Lissabon wurde vor dem israelischen Konsulat eine Rauchbombe zum Explodieren gebracht. In Buenos Aires wurden Molotowbomben gegen ein Gebäude (Paso 557) geschleudert, wo eine jüdische Institution ihren Sitz unterhält. Es wurde Sachschaden angerichtet. — Am vergangenen Sonnabend wurde aus einem fahrenden Auto mit einer Maschinenpistole auf das Büro der israelischen Schiffahrtslinie ZIM (Viamonte 1301) geschossen, wobei einige Glasscheiben zerstört worden sind, während Personenschaden nicht eintrat. — TOLLE GESCHICHTE Aus Wien berichtet die Arbeiterzeitung, dass frühere Nazis den Plan gehabt hätten, den Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, Dr. Nachum Goldmann, aus Rache für Eichmann in ein orientalisches Land zu entführen. Goldmann sollte in Bonn aufgebracht und mit unbekanntem Ziel verschleppt werden. Der Plan sei von einem früheren, österreichischen SS-Olfizier, namens Alois Brunner, ausgeheckt worden und seilte mit Hiife anderer Nazis zur Ausführung gelangen. Ein Libanese,, der in Wien „studiert“, sollte als Mittelsmann dienen. Die westdeutsche Geheimpolizei, sohei-st es in der Arbeiter-Zeitung, sei auf diesen Plan ges^ossen und habe seine Ausführung verhindert. er menschliches Leid missachtet hat. Das war einer seiner Charakterzüge: hart sein, unbarmherzig, unerbittlich, streng, grausam. So wütete er in Ungarn, wo er unzweifelhaft die höchste Instanz über die Juden war auch wenn er dies bis zum Jahre 1944 nicht gewesen ist. Dies können zahlreiche Zeugen dieses Zeitgeschehens bekunden. Mit dieser „schneidigen“ Härte begann Eichmann bereits seine Karriere in Berlin. Als die Nazis am Ende standen, als Himmler nachgab, als seine eigene Umgebung die „Endlösung der Judenfrage“ schon aufgegeben hatte, auch dann noch blieb Eich mann der unerbittliche grausame, kalte Chef der Geheimpolizei, besessen von seiner Mission, das jüdische Volk auszurotten. Diese Fakten wurden von Eichmann und der Verteidigung — mehr oder weniger unumwunden — zugegeben. Als dann die Stunde der Verantwortung herannahte als die Strafe vollstreckt werden sollte oder musste, die über ihn verhängt worden war bat er um Gnade. Dass die staatlichen Behörden, dass Israels Präsident diese Gnade verweigerte, war im Angesicht der begangenen Verbrechen eine Notwendigkeit. Die Hinrichtung Eichmanns war kein Rache-Akt. Mit dieser primitiven Formel wollen Antisemiten und sonstige Faschisten die Oeffentlichkeit irrefUhren. Rache zu üben, das ist weder Art noch Aufgabe eines Staatspräsidenten, gewiss nicht Ben Zwis, dessen reine Persönlichkeit über derartige Verdächtigungen erhaben ist. Die Todesstrafe nicht zu vollstrecken, hätte einen Mangel an Selbstrespekt bedeutet, den Mangel an Respekt v°r unserem Volke und seinen Toten, jenen Millionen, die das Opfer des Hingerichte len gewesen sind. Weder der einzelne Jude, der imstande ist, denn Fall Eichmann kühl abwägend zu betrachten — das können mit vollem Recht nur wenige — wie die jüdische Gesamtheit haben nach dem Blut eines einzelnen Mörders geschrien. Aber eine Gnade zu vollziehen, war gewiss unmöglich. Gnade zu üben, ist letztlich das Ergebnis einer seelischen Reife. Aber die seelische Reife darf nicht Schwäche od^r Kompromissbereitschaft bedeuten. Deswegen gab es gegenüber dem Henker unseres Volkes keine Gnade, auch dann (Schluss auf Seite 2)