Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 23 (1962)
- Issue
- 1950 (9.3.1962)
- Date
- 1962-03-09
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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Viernes. S de Marz« di 15*ft2 LA SEMANA ISRAELITA Ane XXIII. — Nb. 195« — ff Theodor Herxl PUEYRREDON 21901. St. É É \ Y *r T. E. 83 ■ 2613 Israel und die Juden der Welt ZIONISMUS UND JUDENSTAAT Die Weltjudenheit ausserhalb Israels befindet sich Kiim grossen Teil in einem Stadium ernster Krise. Je nach dem Masse, in dem die jüdischen Volksmassen in kultur politischer Hinsicht an ihre Wirtsvölker in den verschiedenen Ländern, in welchen sie leben, gebunden sind, ist diese Krise mannigfach. Sie ist einerseits mehr oder weniger leichter Natur, andererseits in höchstem Masse besorgniserregend, wo jüdisch-nationales Volksdasein wahrhaftig gefährdet erscheint. Die nicht-israelische Judenheit lässt sich in folgende zwei Gruppen zusammenfassen: Erstens die Judenheit der freien Welt in den bürgerlichen demokratischen Staaten, wozu die Juden Amerikas. Nord-, West-. Mittel- und Südeuropas, Australiens und zum Teil auch die Juden des j Orients gehören. Zweitens die Judenheit im sowjetrussischen Lebensraum, inbe- I griffen die unter kommunij stischem Einfluss stehenden Volksrepubliken in Osteuropa, die Juden hinter der chi-1 nesischen Mauer und die Ju- , den unter dem Regime des! Islams. I ln welchem Verhältnis ste-1 hen nun diese beiden in ih- Liiter diesem Titel erschien im teiaviver Verlag Olamenu, der unter der rührigen und eifrigen Leitung des Dr. HUGO GOLD steht, eine Broschüre, die uns aus verschiedenen Gründen bemerkenswert erscheint. Zunächst einmal dürfte die Vielseitigkeit des literarischen Schaffens in Israel allein schon eine Erscheinung sein, die besonders hervorgehoben wer den muss. Dass auch heute noch oder wieder Bücher in deutscher Sprache gedruckt werden, ist ebenfalls nicht so selbstverständlich, wie dies den Anschein haben könnte. Immerhin sind hier auf dem weitem südamerikanischen Kontinent in den letzten Jahren kaum noch deutschgeschriebene Bücher verlegt worden, obwohl sicherlich die Absatzmöglichkeiten hier grösser als in Israel sein müssten. Das vorliegende Buch „Israel und die Juden der Welt"’ ist aber auch aus anderen Gründen bemerkenswert. Handelt es sich doch um eine Aufsatzreihe die sich mit zionistischen Problemen, insbesondere mit der Frage der Alija. der Einwanderung nach Israel, beschäftigt, in der letzten Zeit hat es sehr wenige solche.' Broschüren gegeben. Die Juden in Israel haben andere Sorgen als ihre Position gegenüber der jüdischen Welt ausserhalb ctes Landes. Auch ist die heftige Diskussion, die es über diese Frage zwischen dem Ministerpräsidenten David Ben Gurion und dem Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation gegeben hat, wieder verstummt. Aber das Problem besteht weiter. Sicherlich ist das Interesse nicht in allen Kreisen vorhanden, gerade diese Frage zu diskutieren. Aber innerhalb der Zionistischen Organisationen setzt man sich über diese Frage auseinander, die schliesslich für die Zukunft von erstrangiger Bedeutung ist. Aus diesen Gründen begrüssen w'ir diese Bröselnde, die von Kamiilo Landmann geschrieben worden ist. Sie führt in einen wichtigen Fragenkomplex ein ur.d bietet damit eine brauchbare und anregende Grundlage z.um Nachdenken und zur Auseinandersetzung. Wir werden einige Kapitel veröffentlichen die zur Stellungnahme auffordern. — rem jüdisch-nationalen Be wucstsein bedrohten Gruppen zum realisierten Judenstaat, zu Israel? Israel ist ein junger Staat. Seine Politik konnte seit Bestand des neuen Staatsgebildes lediglich ein ad hoc Programm maximaler Leistung aufstellen, das in einem ..Oeffnen der Tore des Landes” in weitestem Masstabe kulminiert. Die Bevölkerung des israelischen Staates beträgt jedoch nur cirka 10 Prozent, also ein Zehntel der Ge samtjudenheit, während die Juden des Auslandes fast 90 Prozent des gesamten jüdi- | sehe Weltorganisation sehen Volkes umfassen. Das antwortlich. Verhältnis der Bevölkerung Israels zu seinen Brüdern : jenseits der Grenzen ist da-; her 1:10. Nun aber stagniert die : Einwanderung von seiten j der Länder des bürgerlich demokratischen Blockes; nach Israel seit dem Be ( stand des Staates Israel in \ eklatanter Weise, so dass \ naturgemäss eine Kluft zwischen dem autonomen Mutterlande und den Volksgenossen in der freien Welt immer deutlicher zum Vorscheint kommt. Die Regierung Ben Gurion macht hierfür die zionistiver- Insofern der Regierungschef Israels an der Z.W.O. Kritik übte, wäre hierzu zu bemerken, dass solche Kritik dem Ganzen, dem jüdischen Volksleben hüben und narfeier folgendes: Der Ministerpräsident Israels er-; klärte zu wiederholten Ma- : len in aller Oeffentlichkeit. i dass sich die Zionistische . Organisation überlebt habe; drüben, den Juden auf isj und er für die Auflösung raelischem Boden und der derselben eintrete. Israels ausserterritorialen Judenj Aussenminister. Frau Golda heit Nutzen bringen könnte, wofein die politische Teni denz besteht, die Zionisti- \ sehe Organisation durch Maximatforderungen zur Maximalleistung im Rahmen ihres reichen und weij ten Aufgabenkreises anzu spornen. Nun ereignete sich merkwürdigerweise gerade im Zeitpunkte der HerzI Cente¬ An der Wiege des Zionismus Meir, kommentierte diese Stellungnahme dahingehend, dass der Zionismus eine Kluft zwischen der Medinat Israel und der Auslandsjudenheit bedeute. Auf den ersten Blick erhebt sich die Frage: Wie ist, die Konzeption Ben Gurions, die zionistische Organisation zu liquidieren, vom historischen Standpunkte zu beurteilen? Und die Antwort mündet in eine zweite Fra ge, die lautet: Zerstörung oder Neuaufbau? viel zu wenig gesagt, damit, hinsichtlich der Möglichkeiten für den Aufbau einer neuen Organisation, die die Zionistische Organisation abzulösen hätte, konkrete Schlussfolgerungen gezogen werden können. Die Regierung Ben Gurion erklärte zunächst lediglich durch ihren Aussenminister — und diese Erklärung ist eigentlich alles, was zu diesem Punkte gesagt wurde — man müsse die Juden der Weit in einem einheitlichen Rahmen organisieren, der mit dem Staat Israel direkt verbunden wäre. Das ist sehr leicht zu sagen. Das ist ein Plan, ein Projekt politisch-organisatorischer Natur in allgemeinen Umrissen, ohne Details, ohne jede nähere Erklärung. Aber welches ist der Weg zur praktischen Verwirklichung desselben? Ich hatte die Absicht, lei diglich einen Aufsatz über das Verhältnis unseres Judenstaates zur Zionistischen Weltorganisation zu schreiben. Indem ich diesen im Prinzip beendet habe sehe ich, dass das behandelte Problem viel zu ernst ist, um es dabei bewenden zu lassen. Denn ich würde denselben Fehler begehen, den viele machen: kritisieren, was an und für sich keine Kunst ist. Das Wesentliche und Wichtigste bei jeder Kritik ist aber, einen neuen Weg zu zeigen. Indem ich diesen zu skizzieren versuche, reiht sich Aufsatz an Aufsatz. Die=e Aufsätze vereint bilden ein Ganzes. Ich habe daher dieser Schrift den Titel ..Israel und die Juden der Welt” ae- Unser Wissen über Herzls diplomatische Tätigkeit und insbesondere über ihre Ein Wirkung auf einige Herrscher und Führer des damaligen Europa hat durch einen vor einigen Wochen erschienenen Band eine grosse Bereicherung erfahren. Es handelt sich um das Buch „Herzl, Hechler, der Grossherzog von Baden und der deutsche Kaiser” «250 Seiten, Dokumente in Faksimile, mit Einleitung und Inhaltsverzeichnis auf Hebräisch und Englisch), das von Hermann Ellern, einem teiaviver Bankier, herausgegeben wurde. Ellern ist nicht nur der Herausgeber, sondern auch der „Vater” der 48 in diesem Buch veröffentlichten Urkunden. Sie wurden von ihm und seiner Gattin, Frau Bessi Ellern, nach langer und eifriger Suche in Karlsruhe, der Hauptstadt des früheren Grossherzogtums Baden, im Archiv der grossherzoglichen Familie entdeckt. Die Dokument^ beziehen sich auf die Zeit von 1896—1904. Es sind 28 Briefe und ein Telegramm von Herzl an den Grossherzog „ Friedrich von Baden, zehn Briefe von Reverend William Hechler an den Grossherzog, zwei von Herzl an den deutschen Kaiser gerichtete Schreiben, ein Brief von Herzl an von Lucanus. den Leiter der kaiserlichen Kabinettskanzlei, ein Briet des Grossherzogs an den Za rer) Nikolaus II.. ein Brief des Zaren an den Grossherzog. ein Brief von Lucanus an von Babo, einen Beamvon Dr. S. U. NACH ON ten des Grossherzogs, eine wurde er von d;r zionisti- Denksebrift des deutschen sehen Idee überzeugt. Er Auswärtigen Amtes und ein j sah in Herzl ein Werkzeug Telegramm der Zionisti-! der göttlichen Vorsehung sehen Organisation an den; und im ..Judenstaat” eine Kaiser. : Bestätigung seiner eigenen Fast alle Briefe Herzls,; Idee, dass die Rückkehr der die im vorliegenden Band in \ Juden nach Palästina in den Faksimile abgedruckt sind, Jahren 1897 oder 1898 stattwaren bereits bekannt, da sie in Herzls Tagebüchern enthalten sind. Alle anderen Dokumente werden in diesem Buch zum ersten Mal; veröffentlicht.! Herzls hauptsächliches Ziel war es, die Judenfrage zu 1 einer internationalen Ange-. finden werde. Hechlers Ansichten sind in einem Brief an den Grossherzog von Baden vom 26. März 1898 zusammengefasst, der in diesem Buch zum ersten Mal abgedruckt ist. Bereits in diesem ersten Schreiben an den Grossherzog, das einen legenheit zu machen. Von i Monat nach dem Erschei Beginn seiner Tätigkeit an bemühte er sich, Unterstiit- | zung auf politischem Gebiet 1 zu erhalten. Der Zufall wolli te es, dass der Grossherzog 1 Friedrich von Baden der erste europäische Fürst war, i an den sich Herzl wandte. Er war auch der erste, der 1 Herzl in seinen Bemühungen aktive Hilfe leistete. Die; Verbindung zwischen dem Grossherzog, der den Onkel j des deutschen Kaisers Wilhelm II. und des russischen Zaren Nikolaus II. sowie j der Schwager des Königs; Eduard VII., von England j war, wurde von Reverend Hechler hergestellt. Dieser j war 1896 Kaplan der priti sehen Gesandtschaft in; Wien und der ehemalige Erzieher eines der Söhne des . Grossherzogs. 1 Hechler war von Anfang an ein eifriger Anhänger: Herz)s. Durch die Lektüre 1 nen des „Judenstaat” abgefasst wurde. schreibt Hechler: „Ich bin geneigt zu glauben. dass, wenn Deutschland und England diese neue Bewegung und einen solchen neuen Staat unter ihren Schutz nehmen und Palästina als ein neutrales Land — etwa wie Belgien — erklären würden, die Rückkehr der Juden Europa zum Segen gereichen und dem antisemitischen Geist des Hasses, der dem Wohl aller unserer Völker so abträglich ist, ein Ende machen würde. In Oesterreich ist der Antisemitismus sicherlich ein brennendes Problem und erzeugt einen Hass, der in vielen Fallen Brüder und Freunde ent zweit.” In seinem Brief erwähnte Hechler häufig Gottes Versprechen an die Erzväter und erklärte, dass Palästina von Herzls „Judenstaat'' ' „den Juden von Rechts wegen gehört, denn es ist das einzige Land in der ganzen Welt, von dem Gott selbst gesagt hat. wem es gehören solle.” Obwohl Hechlers Briefe fesselnd sind, so kommt natürlich den Schreiben der beiden Kaiser viel grössere Wichtigkeit zu. Ellerns Buch bringt zum ersten Mal ihren vollen Text. Der sechs Seiten lange, handschriftliche Brief des deutschen Kaisers zeigt, dass er von der Rückkehr der Juden nach Palästina sehr eingenommen w ar. Dieser Brief beweist aber auch, dass für den Kaiser manche antisemitischen Vorurteile als unumstössliche Wahrheiten galten. Die Haltung des Kaisers erweckte bei dem Grossherzog den Eindruck, dass eine Entscheidung zugunsten eines deutschen Protektoi ats über Palästina bereits gefal. ien war und die Angelegenheil bald endgültig geregelt werden würde. Tn Wirklichkeit besprach der Kaiser das zionistische Programm, auf das er von dem Grossherzog von Baden aufmerksam gemacht worden war, lediglich mit Graf Eulenburg, dem deutschen Botschafter in Wien, der sein persönlicher Freund war und aufrichtige Sympathien für den Zionismus hegte. Als der Kaiser an seinen Onkel, den Grossherzog, schrieb, hatte er diese Angelegenheit vor dem Reichskanzler. Fürst Hohenlohe, und dem Aussenminister. Graf Biilow. nicht einmal erwähnt. Beide waren ent- Klar ist. dass die Regie-' ru'}® ,?en Gurions die 2. O. deren erstes Kapitel aufzulosen propagiert hat. ' Was aber den Neuaufbau anbelangt, darüber hat die^ israelische Regierung bisher 1 ..Zionismus und Judenstaat' lautet. «wird fortgesetzt) schieden gegen den Plan. Der Kanzler, der ein Antise.mit war, widersetzte sich konsequent allen vom Kaiser vorgeschlagenen ..Abenteuern”. Der Aussenmini. ster sah in der Begeisterung des Kaisers für den Zionismus eine Gefahr für die des deutschen Kaisers an den Grossherzog war, so negativ war der Inhalt des Schreibens des anderen Neffen des Grossherzogs, des russischen Zaren Nicholaus IT., obwohl er in der höflich sien Form gehalten war Der sich auf den Zionismus guten Beziehungen zwischen j beziehende Abschnitt dieses Deutschland und dem ottomanischen Reich. Es gelang Hohenlohe und Bülow. den Kaiser, der einen impulsiven Charakter hatte, von seinem Vorsatz abzubrin gen. So wie ihn der Philosemitisnius des Grossherzogs von Baden leicht auf dessen Seite gebracht hatte, so wur Briefes lautet — in Uebersetzung aus dem französischen Original — folgendermassen: „Ich habe mit dem grössten Interesse Kenntnis von der Denkschrift des Herrn Herzl. die Ihrem Brief beigeschlossen war, *genomde er mit derselben Leichj da.nke^ Ihrer tigkeit von seinen Ministern! zum Rückzug bewogen. j Die ganze Frage hat heui „ , . te lediglich historisches Inj m^.s konnte sicherlich ei teresse. Man kann auch der Königlichen Hoheit für die freundliche Uebermittlung. Die Theorie des „Zionis- Meinung sein, dass es nur zum Guten war. dass Deutschland bei der Verwirklichung des Zionismus keine Hand im Spiele hatte. Jedenfalls rechtfertigt der Text des Briefes voll und ganz die optimistische Haltung Herzls und die Hoff nungen und Erwartungen die er auf seine Begegnungen mit dem Kaiser in Konstantinopel, Mikwe Israel und Jerusalem — wo der Kaiser am 2. November 1898 offiziell die von Herzl geführte zionistische Abord nung empfing — setzte und erklärt auch Herzls Enttäuschung über die weitere Eni Wicklung. S» ermutigend der Brief nen wichtigen Faktor zur inneren Befriedung Europas bilden, aber ich hege Zweifel, ob eine praktische Anwendung dieser Theorie, selbst in ferner Zukunft möglich sein wird.” Man liest heute diese Sammlung von Dokumen ten, die sich auf die ersten Schritte des Zionismus beziehen, mit tiefer Ergriffen heit. Diese Zeugnisse der unglaublichen Anstrengungen, die Herzl zur Verwirklichung seinei^^ Träume machte. erweckeiT'die grösste Bewunderung. Es ist schwer zu enfschsiden, was höher zu schätzen ist. die Genialität seiner Vision oder die Ausdauer, mit der er sie zu verwirklichen such'«?. %