Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 22 (1961)
- Issue
- 1935 (29.12.1961)
- Date
- 1961-12-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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JÜDISCHE IUI» PUEYRREDON 2199 — 1? ix<3. Hu JknvciHáJshcjditcL T. E. 83-2613 Afio XXII. •« ■WWIWMy/Vfr BUENOS AIRES, VIERNES 29 DE DICIEMBRE DE 1961 No. 193S Keine direkten Verhandlungen Vereinte Nationen. —• Adlai Stevenson, der Delegationschef der Vereinigten Staaten vor den UN, erklär, te, sein Land befürworte die Aufnahme direkter Verhandlungen zwischen Israel und den arabischen Staaten „im geeigneten Augenblick”. Er setzte die Gründe auseinander, warum seine Delegation dazu beitrug, dass die von 16 Staaten vorgeschiagene Resolution für direkte Friedensverhandlungen abgelehnt wurde. Für diese Resolution stimmten von den 104 Mitgliedstaaten nur 34. und die Sowjetunion gab ebenso wie Grossbritannien eine Gegenstimme ab. In einer Pressekonferenz gab Stevenson einen kurzen Ueberblick über die Vorgänge in der letzten UN-Versammlung. Seine Delegation, so äusserte er, „glaube, dass die Zurückhaltung in der Flüchtlingsfrage weise gewesen sei und dazu beitragen werde, den Weg für eine mögliche Lösung freizumachen”. Auf die Frage, wie er die Opposition der USA gegen das Projekt der 16 Nationen angesichts der bekannten Haltung seiner Regierung, die in allen Streitfragen zu Verhandlungen eintrete, erklären könne, entgegnete Stevenson: „Unsere Opposition gegen diese Resolution gründete sieh auf den Umstand, dass hier ein alter Konflikt vorliegt, für dessen Beilegung kein entscheidend neues Element beigebracht worden ist. Es hätte sich um eine weitere Resolution ohne Wert gehandelt. Unser Hauptziel ist es, alle Elemente auszuschalten, die eine Störung der Vermittlungsversuche des Dr. Johnson bedeuten könnten. Wir sind für Verhandlungen im geeigneten Moment, und dies haben wir auch bei der Debatte über den Fall zu verstehen gegeben.” Stevenson bewies öffentlich seinen Mangel an Vertrautheit mit der von den 16 Nationen eingebrachten Resolution, die zur Aufnahme von Friedensverhandlungen ersucht, als er in Beantwortung. der Frage begann, von einer anderen Phase der Debatte üW§r das Flüchtlingsproblem zu sprechen. Als er dann selbst merkte, dass er keine konkrete Antwort erteilte, setzte er hinzu: „Ich kann darauf nicht antwor- WIE ICH ES SEHE - im Krieg «in JEHUDA GOTTHEMER Nach der Schaffung des Staates Indien, durch die dem Freiheitskampf des indischen Volkes unter seinem unvergesslichen Führer Ghandi ein Ende gesetzt wurde, blieben noch drei Enklaven übrig, die den Portugiesen gehörten: Goa, Damao und Diu. Seit diesem Zeitpunkt wurde darüber diskutiert, dass die Portugiesen diese alte Kolonien räumen und den Indern die Oberhoheit über ihr Territorium übergeben sollten. 451 Jahre sassen die Portugiesen in diesen Gebieten. Sie wollten sie nicht aufgeben. Portugal, ein kleines, seit Jahren von einer Diktatur beherrschtes Land kann sich überhaupt schwer von seinen Kolonien trennen. Auch in Afrika kämpft Portugal hartnäckig um seine letzten Positionen. Dass trotz einer mehr als 450jährigen Herrschaft Portugal heute unter völlig veränderten Lebensbedingungen in einer neuen Welt kein Recht auf koloniale Besitzungen hat, ist für uns unstreitig. Denn die Zeit der Kolonialherrschaft des alten Stils ist nun einmal vorbei, auch in Go* und auch für Portugal. Die Portugiesen zeigten sich nicht bereit, die Besitzungen in Indien zu räumen. Das war ein Fehler, der sich nicht nur für Portugal, sondern für die gesamte westliche Welt schwer auswirken musste. Das Recht des indischen Volkes ist nicht zu leugnen. Dass es die Portugiesen darauf ankommen liessen, diesen Streit durch Waffengewalt auszutragen, ist bedauerlich. Sehr ernst können sie diese Frage nicht genommen haben. Sie hatten 3000 Soldaten in Goa. Die Position war nicht zu halten, denn Möglichkeiten einer Verteidigung waren niemals gegeben. Oder glaubten die Portugiesen, die Grossmächte des Westens würden Goa schützen helfen? Musste man doch ohne weiteres damit rechnen, dass der Streit um Goa zu einem Konflikt zwischen Ost und West werden würde, wenn wirklich Amerikaner oder Engländer interveniert hätten. Goa aber ist für den Westen keinen Schuss Pulver wert. Das hätten die Portugiesen sich selbst bei ruhiger Ueberlegung sagen können und müssen. Ueber den Fall Goa hat sich die Welt schnell beruhigt. Trotzdem ist er aus mehreren Gründen bemer kenswert. Ohne dass die Weltöffentlichkeit reagierte’ konnte ein kleines Land — und es kann dies heute noch — eine Kolonialpolitik treiben, die letztlich im Ringen um die Zukunft der Völker als anachronistisch gelten muss und dem gesamten Westen auf sein ohnehin genügend grosses Schuldkonto geschrieben werden wird. Wir erleben eine ähnliche Situation in den Auseinandersetzungen» Erklaerung Dr. Frondizis Der Präsident Argentiniens Dr. Arturo Frondizi hat Zeituugsmeldunger zufolge während seiner kürzliehen Reise, die ihn in verschiedene Länder der Welt tührte; in Tokio erklärt, daas „zwischen Israel und Argentinien sehr gute Beziehungen bestehen” und „er hoffe, dass sie so bleiben werden.” Diese Erklärung gab Dr. Frondizi auf die Frage eines Journalisten ab. die sich auf die Festnahme Eichmanns durch israelische Agenten bezog. Der Journalist fragte, ob die argentinische Regierung vor denisraelischen Behörden irgendeinen Protest wegen des Todesurteils gegen Eichmann zu erheben beabsichtige; Hierauf äusserte sich Dr. Frondizi über die Beziehungen zwischen den beiden Ländern und fügte hinzu dass „er den Fall der Entführung Elchmanns als abgeschlossen betrachte”. die Angola um seine Selbständigkeit führt, und bei denen die portugiesische Regierung eine auffallende, nutzlose, schädliche Unnachgiebigkeit entwickelt. Indien hat lange seine Rechte auf Goa und die anderen portugiesischen Enklaven reklamiert, ohne dass man diesen Forderungen in Lissabon die nötige Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Die „angestammten“ j 451 Jahrte alten Rechte der Portugiesen auf ihre Besitzungen gaben ihnen den Vorwand, auch heute noch Kolonialgebiete mit einem Gouverneur zu halten. 451 Jahre haben ihnen nicht genügt, um über andere Völker zu herrschen. Warum haben die Portugiesen nicht ihre geistigen, moralischen und materiellen Kräfte darauf konzentriert, ihr eigenes Land in Freiheit aufzubauen? Warum sind sie heute noch von einem Diktator abhängig, ohne die Kraft zu zeigen, sich selbst regieren zu können? Mit welchem Recht aber wollen sie über andere herrschen, wenn sie sich selbst nicht demokratisch regieren können? Das Ist eine der offenen Fragen, die der Fall Goa aufwirft. II. Die zweite Frage Der westlichen, der demokratischen Welt sind diese Fakten und Erscheinungen bekannt gewesen. Auch sie hat mit ihnen rechnen müssen. Aber sie fühlt sich aussergewöhnlich stark. Die Nordamerikaner führen eine ausserordentlich leichtsinnige Politik. Sie spielen Politik, sie spielen mit den anderen Faktoren. Diese «Behauptung erscheint gewagt, entspricht aber dennoch den Tatsachen. Man kann ruhig noch einen Schritt weitergehen und erklären, dass die Nordamerikaner in ihrem Glauben an sich selbst die Russen nicht ernst nehmen und die Gefahr nicht erblicken, in der sie und mit ihnen der gesamte Westen schweben. Versuchen wir einmal, die Dinge auf ihr Mass zu- 1 ten, weil ich den Fall nicht genau kenne.” Er wartete mit seiner Antwort, bis ein Adjutant ihm die nötigen Unterlagen brachte. Einige Stunden später wurde dem Sowjet-Botschafter Valerian Zorin die gleiche Frage vorgelegt. Ebensowenig wie Stevenson schien dieser die Frage zu verstehen und bat, dass sie j ihm wiederholt werde. I Schliesslich, nachdem auch! er sich mit leiser Stimme j an einen Adjutanten um Auskunft gewandt hatte, i antwortete er, dass „keine Verhandlungen stattfinden könnten, weil die Araber diese nicht wünschten.” Die „Saturday New York Post” gibt hierzu den folj genden Kommentar: „Sowohl die USA wie die USSR unterstützen häufig Resolutionen, von denen sie wissen, dass sie nichts ändern werden ausser die moralische Atmosphäre um den Fal zu reinigen. Im Fall von Palästina haben es beide Länder unterlassen, eine moralische Position zu beziehen, weil man anscheinend glaubt, dass die selben wichtigen Freunde beleidigt gewesen wären.” (ITA) EIN ECHO DES PROZESSES Jiew York. — Nach Abschluss des Eichmann-Prozesses ist die nordamerikanische Oeffentlichkeit zu der Ueberzeugung gelangt, dass der Prozess gerecht geführt worden ist und Israel der geeignete Ort für die Aburteilung des Nazimörders war. Dies wurde durch eine Umfrage festgestellt, welche das American Jewish Committee veranstaltete. Im vergangenen Monat Mai. vier Wochen nach Beginn des Prozesses, glaubten 71 Prozent Nordamerikaner, wie aus einer vom Gallup-Institut durchgeführten Umfrage hervorging, dass der in Jerusalem gegen Eichmar.n eröffnete Prozess gerecht sei, während 21 Prozent keine Meinung hatten. Der Prozentsatz derer, die der Ansicht sind, dass der Prozess gerecht war, hat sich erhöht und umfasst selbst Nordamerikaner, die sich ursprünglich gegen die Abhaltung des Prozesses in Jerusalem ausgesprochen hatten. Aus dem Bericht des American Jewish Committee ist zu entnehmen, dass die gebildeteren Kreise weniger dafür waren, dass Israel diesen Prozess führe, als die ungebildeteren Schichten. Die gebildeten Nichtjuden zogen es damals vor, dass ein internationeier Gerichtshof Eichmann abgeurteile hätte. Allerdings wurden sich diese Leute seit Eröffnung des Prozesses darüber klar, dass es kein internationales Gericht gibt und wegen des Kalten Krieges keine Möglichkeit vorhanden war, ein solches Tribunal zu schaffen, um den Eichmann-Fall zu behandeln. Sie letgten sich auch von der Tatsache Rechenschaft. ab, dass es kein Deutschland gibt sondern vielmehr zwei Deutschland und der Prozess in keinem der beiden Teile Deutschlands in gebührender Form hätte gehandhabt werden können. Der wichtigste Grand für diesen Meinungsumschwung ist jedoch darauf zurückzuführen, dass diejenigen, die den Eichmann-Prozess aufmerksam verfolgt haben. sich überzeugen konnten, dass Israel die Gerichtsverhandlungen ebenso gerecht und korrekt durchführte, wie dies irgendein anderes Land hätte tun können. Sie haben ferner erkannt, dass ihre Einwände gegen die Abhaltung des Prozesses in Israel vor einem israelischen Gericht sich auf höchst abstrakte Ueberlegungen gründeten. Es ist nunmehr offensichtlich, dass die Mehrzahl jener Nordamerikaner, welche anfangs Zweifel an der Objektivität des Gerichtshofes hegten, ihre Meinung geändert haben. _ BORIS SMOLAR Ben Gurion wieder in Israel Tel Aviv. — Nach einem sechzehntägigen Besuch in Birmanien, den Ben Gurion als offizieller Gast der Regierung in Rangoon verbrachte, kehrte der Ministerpräsident wieder nach Israel zurück. Bei seiner Abreise aus Rangoon wur- : de Ben Gurion im Flugj hafen vom birmanischen Premierminister U Nu; verabschiedet. (ITA) rückzuführen. Sicherlich ' sind die Amerikaner auch heute noch die Weltmacht Nr. 1, aber morgen kann dies alles schon anders sein Die USA tanzen auf einem Vulkan, der sich bereits in Eruption befindet! Man braucht seine Blicke nur auf den südamerikanischen Kontinent zu richten, um zu verstehen, wie schnell eine totale- Schwenkung von ei-1 nem ins andere Lager voll-! zogen werden könnte. Die! Amerikaner überschätzen I die Bedeutung des Dollar j für das Leben der Nation, | Die Zeit eines einseitigen! Hochkapitalismus ist vorbei, zumal auch sozialistische Länder wie die Sowjetunion ihnen absolut kapitalistischen Charakter nicht mehr bestreiten. Das, was die Kommunisten un» ter „Sozialismus“ und unter „Kapitalismus” verstehen, verhält sich zueinander wie deren Begriffe über Faschismus und Kommunismus. Es sind dieselben gesellschaftlichen Erscheinungen und Regierungsformen mit veränderten Vorzeichen. Aber das Prinzip ist das gleiche. Deswegen sind diejenigen Machtfaktoren, auf denen die USA ihr Prädominium aufzubtuen glauben, dieselben, über welche auch die Russen heute und die Chinesen morgen verfügen. Hieraus folgt, dass ohne einen tief gehenden Strukturwandel die Völker, die bis heuteden Amerikaneru folgten, morgen von den Russen beeinflusst werden können, ohne russische Satelliten im Sinne einer vom Kreml gelenkten „Volksrepublik“ zu werden. Die Amerikaner haben durch ihre gewagte Politik v’eie Sympathien, und was noch schwerwiegender ist, weitgehend das Vertrauen der kleineren Nationen verloren. Vertrauen ist aber eine wichtige Kraft im politischen Leben eines Volkes. Da diese Völker der westlichen Hemisphäre bisher nicht in starkem Kontakt mit den Russen standen, ist die Sowjetunion insoweit eine Unbekannte. Vielleicht werden die Russen diese Völker nicht enttäuschen? Man rechnet mit einer Hoffnung. Die Amerikaner haben der Welt bei Kriegsende ein grosses Versprechen gemacht: sie wollten die Völker von der Angst befreien, .von der Angst vor dem Krieg, der Angst vor dem Hunger, usvv. Die Amerikaner haben das Versprechen nicht gehalten. Dabei interessiert nicht, ob dies ihre Schuld ist oder nicht, ob man ihnen die Verantwortung für die Entwicklung der Nachkriegswelt mit ihren Blöcken und Fronten, mit ihren Nöten und Gefahren, mit ihrem kalten Krieg und ewigen Spannungen aufbürden darf j oder nicht. Immer bleibt oie Tatsache als solche bestehen: Das Versprechen, Freiheit vor der Angst, wurde nicht eingelöst. Die Völker blicken mit wachsendem Schrecken auf den ungeheuerlichen Rüstungswettlauf zwischen Ost und West, Hatten denn die Amerikaner nicht die Macht diese ins Unendliche gehende Aufrüstung zu verhindern? — Warum, so fragen die Völker dann weiter, haben sie dann Versprechungen abgegeben, von denen sie selbst wissen mussten, dass sie nicht imstande sind, sie zu halten? Aber nicht hierdurch allein wurde das grosse Vertrauen erschüttert, das eine vom Blut der Unschuldigen triefende Welt, die ihre' beste Jugend verloren hatte, in die Amerikaner gesetzt hatte. Die Amerikaner hatten auch versprochen. die Voraussetzungen für eine bessere Zukunft zu schaffen. Die Gewaltherrschaften sollten beseitigt werden. Die Sklaverei, der Mädchenhandel, die Unterdrückung ganzer Völkerschaften und grosser Nationen sollten in einer neuen Welt verschwinden. Wer aber hat die Gewaltregime gefördert? Wer hat Francos Regiment gestützt? Wer Ibn Saud? Wer duldet in der Völkerfamilie die Sklavenhalter? Wer hat zugelassen, dass die Portugiesen drei indische Enklaven besetzten und nicht gewillt waren sie freizulassen? Das sind doch nur wenige Fragen, denen eine grosse Zahl noch hinzugefügt werden könnte, die eine bittere Antwort verlangen. III. Unnützer Konflikt Auch Washington weiss, dass diese Auseinandersetzungen um die kolonialen Besitzungen und um die Aufrechterhaltung eines Imperialismus, der längst überholt ist, dem Westen ausserordentlich schaden. Das ist einer der Hauptfehler der westlichen Politik, die wir als spielerisch (Schluss auf Seite 2) Dr. SERVATIUS IN JERUSALEM Köln. — Dr. Robert Servatius, der Verteidiger des Naziverbrechers Adolf Eichmann, ist nach Jerusalem abgereist, um seine Vorstellungen gegen das gegen seinen Klienten verhängte Todesurteil zu unterbreiten. Dies muss den israelischen Gesetzen zufolge bis spätestens zum 30. Dezember geschehen. Dr. Servatius beabsichtigt, um eine Verlängerung dieser Frist von vierzehn Tagen zu ersuchen, denn er führt an, dass er keine Zeit gehabt hat, den umfangreichen Akt zu studieren, weicher die Schlussfolgerungen des Gerichts tnthält. Wie Dr. Servatius schon früher erklärt hat, will er in seiner Berufung auf die Nichtzuständigkeit des israelischen Gerichtshofes verweisen, weil Eichmann entgegen den Bestimmungen des internationalen Rechts entführt wurde, sowie gewisse Mängel des Verfahrens beanstanden.