Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 22 (1961)
- Issue
- 1901 (11.8.1961)
- Date
- 1961-08-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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J&J&njana DkAjoelita T. E. PUEYRREDON 2190 — 1» i*q- 8 3-2013 N». 1901 BUENOS AIRES, VIERNES 11 DE AGOSTO DE 1961 An« XXII, Generalstaatsanwalt Gideon Hausner forderte vom Gericht in Jerusalem die Verhängung der Todesstrafe fiir den Mörder Adolf Eichmann. der die „Endlösung der Judenfrage” durchgeführt hat, welcher sechs Millionen Juden zum Opfer fielen. Die israelische Justizbehörde erhob vier Anklagen gegen Eichmann wegen Verbrechen gegen das jüdische Volk, sieben Anklagen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, eine Anklage wegen Kriegsverbrechen gegen Zivilbevölkerungen und drei wegen Zugehörigkeit zu verbrecherischen Organisationen. Eiehmann wurde des weiteren angeklagt, in 21 Landern Europas Verbrechen begangen zu haben. Der Juaenhenker, der sich zv/ei Wochen lang vor seinen Richtern verantwortet hatte, nahm wieder seinen Platz in der gläsernen Kabine ein. Ein zahlreiches Publikum wohnte der Wiederaufnahme ties Prozesses bei, c!er am 25. Juli vertagt: worden war. „In diesem | Saal haben wir das Ge-j spanst Hitlers und seiner Handlanger erscheinen sehen, dieser Teufel in Menschengestalt, derer auf ewig als Fleischwerdung des Bösen gedacht werden wird, dieses Bösen, für das [ Eichmann als oberster Chef i dachte und handelte”, so j begann Staatsanwalt Gideon Hausner sein Plädoyer. „Ein Gleisner, Zerstörer und Komödiant zu gleicher Zeit tat Eichmann in seinem Leben alles, um seine verbrecherischen Neigungen zu befriedigen” fuhr der Staatsanwalt fort. „Er gehörte zu denen, die an den Himmel Europas den traurigen Planeten Auschwitz setzten, diesen Planeten. aus dem wie aus einer Quelle jüdisches Blut floss. Vergebens haben wir auf; ein Wort des Mitgefühls,] einen Satz der Reue gewar-! tet. Eichmann schob die : Verantwortung auf andere. ] Er sagte, er glaube nicht an Gewissensbisse, die niemanden wieder zum Leben erwecken würden. Er stritt hartnäckig die klarsten i Fakten ab. Er versteckte; sich hinter Ausflüchten und ] Lügen nach echter Nazimethode.” KEINE UMKEHR MOEGLICH „Von Eiehmann können wir nicht erwarten, dass er | zu. menschlichen. Werten zu-! rückkehren könnte”, fuhr der Staatsanwalt fort. „Das j einzige, was der einstige SS-Mann bedauert hat, war,! dass das Unternehmen der Judenausrottung nicht zu gutem Ende geführt werden konnte, wie er in Buenos Aires dem Journalisten Sassen erklärt hat. Seine Vorgesetzten, die Himmler. Ileydrich, Kaltenbrunner und Genossen haben mit ihrem Leben für ihre Verbrechen gezahlt, Adolf Eichmann ist der einzige, der überlebt. hat.” Der Oberstaatsanwalt beendete seine Anklage, indem er Eichmanns Teilnahme an der ungeheuerlichen Verschwörung gegen das jüdische Volk beschrieb und unterstrich, dass er „ein erstklassiger Befehlsvollstrecker” war. MOERDER AUS INSTINKT - Während der Rede des Staatsanwalts nahm Eichmann seine Brille ab und putzte die Gläser mit einem bliitenweissen Taschentuch. Hausner fügte hin, es sei völlig unwahr, dass der Angeklagte unmöglich seine Versetzung hätte beantragen können. Er verwies auf den Fall des Obersten Best, der den Plan zur Deportation der dänischen Juden zum Scheitern brachte und niemals bestraf,, wurde ..Eiehmann zog es vor, sein teuflisches Werk des Judenmordes fortzusetzen”, sagte , Hausner. Im weiteren stell- I te er fest dass der Plan der j Ansiedlung der Juden auf der Insel Madagaskar, den i Eiehmann ausgearbeitet habe, sich nicht auf humani- | Lire Motive gründete sondern „der Lektüre des Stür- | mer entsprang”. Hierauf führte Hausner! Beweise für den „antisemij tischen Fanatismus” des : Angeklagten an, die aus seij neu eigenen Geständnissen, | welche er in Buenos Aires ] dem Nazijour lalisten Sas-; sen ablegte, deutlich zu entj nehmen sind. „Der Gouverj neur von Polen, Frank, die; Informationen des Roten Kreuzes und die jüdischen Geheimberichte während des Krieges’” führte Hausner aus, „bestätigen, dass Eiehmann der Spezialist der Gestapo für Judenfragen war und unumschränkte Vollmachten besass. Diese Aufgabe wollte er niei mais aufgeben, ganz im I Gegenteil.” WIE ICH ES SEHE Die Meinung des Philosophen von JEHVDA GOTTHEIMER Vor kurzem publizierte die bekannte Berliner Zeitschrift „Der Monat“ einen lesenswerten Artikel über das Thema „Karl Jaspers zum Eiehmann - Prozess“. Professor Jaspers stand vor einer Reise nach Israel, wo er am Prozess teilnehmen wollte. Er gab dem „Monat“ ein Interview, das mit der Bemerkung eingeleitet wurde. der Eichmann-Prozess, der gegen einen der Hauptverantwortlichen für die Judenmorde gerichtet sei, ist „auf eine Weise in den Mittelpunkt der internationalen Auseinandersetzung gerückt, die es rechtfertigt, die Frage nach der Legitimation des ganzen Verfahrens nicht nur von juristischer, sondern auch von philosophischer Seite zu stellen.“ Bevor wir auf die Einzelheiten dieses gewiss äusserst interessanten Interviews eingehen, dürfte es angebracht sein, einige Worte über Jaspers zu sagen, der in den letzten Jahren als eine Art philosophischer Heiliger gefeiert worden ist-. Seine Haltung in der Nazizeit ist nicht ganz unbestritten, aber seine klaren Worte nach dem vernichtenden Gewitter haben ihn zu einem der geistigen Wortführer eines anderen, neuen Deutschlands gemacht Mit dem Satz „Es liegt am Menschen und nicht an einem dunklen Verhängnis, was aus ihm wird“ bekennt sich Jaspers zur idealistischen Geschichtsauffassung und überträgt dem Meschen die Verantwortung t .• sein Tun. Er stellt sich damit auf den Boden der alten mosaischen und prophetischen Gendankenwelt, dass es jedem Menschen gege- Juden flüchten aus Tunesien Paris. — Ueber 100 französische Juden trafen in Marseille und Paris aus Tunis eia, von wo seit dem i Ausbruch des Konflikts um Bizerta tausende Franzosen nach Frankreich flüchteten. Die Juden erklärten, I die Gemeindeführer hätten ihnen angeraten, Tunis zu verlassen, nicht weil sie Juden sondern Franzosen seien. Die grossen jüdischen Organisationen haben in Marseille, wo das Gros der Flüchtlinge aakommt, Aufnahiuesiellen eröffnet, doch weniger als 20 Familien waren hilfsbedürftig. Die meisten Flüchtlinge haben Verwandte i* Frankreich, und man nimmt an, dass sie von der französischen Wirtschaft absorbiert werde« können. Di« tun«stachen Behörden habe« keine antisemitischen Massnahmen getroffen, und die jüdische BevödsertMg I*fct „so ruhig wie e« i*nt*c de« herrsch«** de* Umstünden möglich ist.” (CTAI ben ist, zwischen dem Guten und dem Bösen zu unterscheiden. Nicht das Fatum, nicht irgendwelche me- . cbanischen Kräfte oder j wirtschaftlichen. Bedingun-; gen bestimmen den mensch- : liehen Willen, der unfrei I wäre, sich über seinen Lebensweg zu entscheiden, sondern der Mensch selbst ist der Träger seines Willens und damit der Gestalter seines Seins. Kann man nach dieser Stellungnnahme den Philosophen Jaspers in die Vorstellungswelt eingliedern, die am klarsten und schönsten bei unserem grossen Lehrer Mosche erkennbar wird, so muss man schon mit grösseren Vorbehalten anderen Aeusserungen des deutschen Philosophen gegenübertreten, die den Stempel philosophisch-politischer, zeitgebundener Auffassungen tragen. Jaspers sagt: „Weder dem Vergangenen anheimfallen, noch dem Zukünftigen. Es kommt darauf an. ganz gegenwärtig zu sein“. — Dieser Ausspruch oder diese Meinung dürfte äusserst bedenklich sein. Mau kann sich nicht des Eindrucks erwehren, dass es sich hierbei weniger ura eine philosophische Stellungnahme als um «ine ad hoc gefasste politische Parole handelt. Gewiss darf man nicht dem Vergangene« anheitnfallen, aber bedeutet das sofort, sich über da« Vergangene hmwegsuatzen? ■ In der allgemeinen Formulierung Jasper«’ kann diese Meinung kein« GöltägMit hat*«*. UNWIDERLEGLICHE BEWEISE Dr. Hausner wies darauf hin, dass Eiehmann zugege- ben habe, bei Aktionen von Sonderkommandos anwesend gewesen zu sein, worauf er seinen Vorgesetzten zu bedenken gab, dass dieser anbefohlene Massenmord die deutschen Soldaten zu wilden Bestien machen müsse. Darauf sei der Gedanke aufgetaucht, Giftgase für die Ausrottung der Juden anzuwenden. Eichmann gab seine Zustimmung für die Einführung des Gastodes im Oktober; 1941. Der Beweis, der sich | auf die Erklärung des j AuScliwitz - Kommandanten I Rudolf Hoess und die Dieter Wislicenys stützt, ergibt unwiderleglich „den Ursprung des Vorschlages zur Verwendung von giftigen Gasen und ihrer Liefewürde die von ihm erstre te Gegenwärtigkeit wurze los werden. Durch die G genüberstellung des Ver-gai genen mit dem Zukunft gen lenkt Jaspers auf d: Gegenwart hin, als der allei massgeblichen Lebensmax me. Das widerstrebt dem ji dischen Denken, das b wusst in der Vergangenhe wurzelt, dass traditionsg' bunden ist, dass seine Krä te aus dem geschichtlic | Gewordenen zieht und durc die Gegenwart mit der Zi kunft verbunden ist. „E kommt darauf an. ganz gi genwärtig zu sein“ lenkt z jener lebensfrohen, leben bejahenden, letztlich ab£ wenig verantwortungsb wussten „Philosophie de Augenblicks“ hin, die in dei berühmten Wort des röm sehen Dichters Horatii Flaccus ihren klarsten Au druck gefunden hat: „Carp diem, quam minlmum cri dula postero” (Nutze de Tag aus und frage so weni wie möglich nach der nächsten). Auf die deutsche Nacl kriegssituation Überträge] würde dies bedeute«, das man sieh über die belastet Vergangenheit hinweg de Tagesfragea zuwendeu s<d Micht der Vergangenhe anheiiafallen, ist eine g< fabrliche politische Parob »weh wen« nn «te Im «t GESCHAFFT SIEGT UEBER HASS Washington. — Die Mitteilung eine* israelische« Ministers, dass die VAR an eine USA-Firma her ange trete« sei, um Einzelheiten über oie «eue israelische Methode zur Entsalzung des Meerwassers zu erfahren, ist von der Botschaft der Vereinigten Arabischen Republik dementiert worden. Eotwicklungsminister Mordcchai Beatow gab bekannt, dass sich die VAR mit der Fairbanks Whitney Corp. in Verbindung gesetzt habe, die die Verkaufsrechte in den Ländern des Westens für das von Dr. Alexander Zarchin, einem heute in Israel lebenden, aus Russland stammenden Einwanderers, entwickelte Verfahren besitzt. Der Minister machte diese Erklärung einer Gruppe von jüdischen Führers, die der Entwicklungskonferenz beiwohnen, welche unter dem Protektorat der Bonds-Organisation stattfindet. Mit dem Hinweis, dass dieses Ersuchen der VAR eine Schlappe für den arabischen Boykott bedeute, berichtete Bentow, die Fairbanks Whitney habe der VAR geraten, sich direkt an Israel zu wenden, da die Vorkaufsrechte in östlichen Ländern nicht vergeben wurden. Der Minister fügte hinzu, Israel sei bereit, der VAR Installationen zu verkaufen, wenn die Produktion begonnen habe, was innerhalb von drei Jahren der Fall sein dürfte. Wie er ausführte, „hat die Fairbanks Whitney schon mit den Entwürfen für den Bau der Maschinen begonnen. und in Elat wurde die Errichtung einer Anlage, die gegen Jahresende zu arbeiten anfargen wird, in Angriff genommen.” Der Sprecher der VAR-Botschaft dementierte, dass „die VAR sich jemals um den Erwerb dieser Methode bemüht habe, weshalb die Erklärung des israelischen Ministers als offensichtliches Verkaufsmanöver anzusehen sei, um die Käufer ven Bonds in der diesjährigen Kampagne anzulocken”. Der Sprecher teilte mit, „als man sich an die betreffende Firma um eine Bestätigung der Aussage gewandt habe, wurde erwidert, dass die VAR sich niemals um die Erwerbung des Verfahrens in den USA bemüht hätte und die einzige mögliche Quelle für diese Erklärung aus Israel das Büro der Fairbanks Whitney in Rom sein könnt?, wo man erfahren habe, dass Anfragen einiger europäischer und mittelöstlicher [Länder eingelaufen seien. Doch gäbe dies bestimmt nicht zu einer derart masslosen Uebertreibung Anlass.” Der newyorker Repräsentant des erwähnten Unternehmens bestätigte hingegen, dass im Büro in Washington in den letzten zwei Monaten Vertreter der VAR erschienen seien, die jedoch an die israelische Regierung verwiesen wurden. (ITA) rung an die nazistischen Todeslager.” Ferner legte der Staatsanwalt Beweise dafür vor, dass Eiehmann weitreichende Vollmachten besass, so auch autorisiert war, mit Pierre Laval, dem Premierminister des nichtbesetzten Frankreichs über das Schicksal der französischen Juden zu verhandeln. Die Reichweite des Einflusses des Angeklagten wurde von der Tatsache erhärtet, dass das Ausenministerium sich bei Eiehmann entschuldigte, weil ohne vorherige Befragung Eichmanns die Ver bindung mit Vichy aufgenommen worden war. AUSFLUECHTE UND LUEGEN „Eiehmann besass die volle Autoritär und machte Gebrauch von ihr. um seine sadistischen Instinkte zu befriedigen, die darin gipfelten, die Juden in dem von den Nazis besetzter. Europa auszurotten”. so sstzte Generalstaatsanwalt Gideon Hausner seine Anklagerede am zweiten Tage fort. Die Beendigung seines Plädoyers war für den darauffolgenden Tag vorgesehen, worauf das Gericht die Sitzungen bis zum Montag nächster Woche vertagen wird, um Eichmanns Anwalt, Dr. Servatius, Zeit zu 1 geben, seine Verteidigungsrede vorzubereiter. Dr. Hausner widerlegte entschieden Eichmanns Behauptung, dass weder er noch seire Abteilung IV B 4 der Gestapo, die mif Judenfragen betraut war, irgendwelchen Einfluss auf die ' Geschehnisse in den Todeslagern besessen hätten. Der Angeklagte hätte ausge- (Fortsetaung auf Seite 3) philosophisches Gewand kleidet. Hiervor muss jede Generation sich bewahren, ganz besonders aber diejenige, die ungeheuerliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit, gegen die Menschheit, gegen die Menschenwürde und Freiheit wie gegen alle ethischen Grundsätze begangen hat, auf denen unsere gesellschaftliche Ordnung wie das gesamte internationale Völkerleben beruhen sollte. Diese allgemeinen Bemerkungen mussten vorangestellt werden, wenn wir uns jetzt mit dem Interview zwischen Jaspers, dem Philosophen, und François Bondy, dem Journalisten, beschäftigen werden. Auf die Frage, ob Eich mann und dieser Prozess alle anginge,gab Jaspers ] ein« Antwort, die jeden zufrieden stellen wird. Er sagte u. a.: „Wieder anders (als Israel und die übrige Welt) reagieren Deutsche — wenigstens einige von ihnen die befürchten, dass in der Weltöffentlichkeit ein Schatten auf Deutschland fallen könnte, wenn die Ungeheuerlichkeiten, die seinerzeit begangen wurden, aufs neue aufgerollt und sichtbar gemacht werden. Diese Sorge zu haben, finde ich als unwürdig für uns Deutsche. •Dmhi wir dürfe« weder selbst vergessen wollen, ¡noch verlangen, dass die Menschheit vergisst, was Hitler-Deutschland einst getan hat.“ Nicht - vergessen - machen noch vergessen wollen, das ist eine Forderung, die jedes Volk an sich selbst zu stellen hat. Das Vergangene gegenwärtig iu haben und zu halten, das ist eine wichtige erzieherische, aber auch politische (Schluss auf Seite 2) Heue USA-Mission Washington. — Ein hoher USA-Funktionär, dessen Namen noch nicht bekannt gegeben wurde, soll in Kürze Israel und die arabischen Länder besuchen, um neue Erhebungen über den Stand des arabisch-israelischen Konflikts anzustellen. Sein Bericht wird der vor^ den UN eingesetzten Schlichtungskommission für Palästina als Grundlage zu Informationen und Empfehlungen dienen, die diese Kommission vor dem 15. Oktober ausarbeiten soll, wie auf der letzten UN- Generalversammlung beschlossen wurde. (ITA) -—.. muai