Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 22 (1961)
- Issue
- 1898 (1.8.1961)
- Date
- 1961-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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JÜDISCHE imibm PUEYKREDON 2X90 - )? ixq. lo. Jkm£uu*J&\Cdzliici T. E. 8 3 . 2 6 1 3 Año XXIL BÜENQS AIRES, MARTES 1? DE AGOSTO DE 1961 No. 1898 Die Juden in Sowjetrussland Paris. — Ein düsteres Bild von den jüngsten Ereignissen im Leben der sowjetischen Judenheit entwarf Dr. Naebum Goldmann auf der diesjährigen Konferenz der Intellektuellen-, die kürzlich unter' seinem Vorsitz in Paris tagte, um über die Lage von drei Millionen Juden in der Sowjetunion Beratungen zu pflegen. Im letzten Jahr wurden in Russland 13 Synagogen geschlossen, wie Dr. Goldmann berichtete, und zwar in Stalino, Kassaviurt und Kobuleit in Daghestan, ferner in Saratow, Rezina, Kremenschug, Poltawa, Wiliki, Soroka, Nowgorod, Wolinski, Kaminowits, Kuttkum (bei Riga) und ferner die Synagoge in Ruskaja, in Tschernowitz. Im allgemeinen sei im religiösen Leben der jüdischen , Gemeinschaft in Russland ' keine Bésserung zu verzeichnen, so betonte Goldmann; seit die Kcnfe renz im letzten Jahre zuj sammentrat. Ebensowenig seien Erleichterungen im j nationalen und Kulturellen' jüdischen Leben gewährt I worden. j Seit 1960 richtete die Kon-1 ferenz an die sowjetischen j Behörden wiederholt das Ersuchen, den Juden, die i sich mit ihren Familien im : Ausland wiederzuvereinij gen wünschten, di« Ausrei-' se zu gestatten. Dr. Goldj mann verwies in seinem; acht Seiten langen Bericht besonders auf diesen Umstand. „Obwohl zehntausen-1 de Anträge von Juden, wel-1 che sich mi* ihren Verwandten wiedervereinigen wollen, gestellt worden sind”, heisst es dort, „wurde nur eine unbedeutende Zahl dieser Eingaben günstig entschieden.” — Er unterstreicht an anderer Stelle, dass „in Russland ein antireligiöser Wind weht, doch wenn es sich um den jüdischen Glauben handelt, dann wird er schneidend, und antisemitische Töne werden vernehmbar. Die Rabbiner und andere jüdische Gemeindebeamie werden oft als Hochstapler und Spekulanten verleumdet . Nach den Feststellungen Dr. Goldmanns haben die Besucher der Sowjetunion „einen ausgesprochenen Mangel an Gebetbüchern und anderen Kultgegenständen für die Ausübung der jüdischen Religion” bemerkt, woraus hervorgeht, dass die Juden einer viel schärferen Diskrimination als andere Glaubensgemeinschaften in der USSR unterliegen. Ueber die nationale und kulturelle Betätigung weiss Dr. Goldmann nichts Neues zu berichten. „Weder existieren jüdische nationale Institutionen, noch ist eine Abschwächung des völligen Verbots von jüdischen Vereinen, Klubs oder anderer Organisationen zu verzeichnen. Einige wenige jüdische Schriftsteller haben die E-r- (laubnis erhalten, ihre Werj ke in russischer Ueberset- . zung zu veröffentlichen. Je-! doch wurde in Birobidschan j im vergangenen Jahr ein {Kalen<ler auf Jiddisch und Russisch herausgegeben soj wie ein Gedichtband von | Ascher Schwartzman und ' ausgewähite Schriften von . David Bergelson. | Die angekündigte Herausgabe einer jiddischen Zeitschrift, die zweimal monati lieh unter dem Nnmen „Sowjetisches lieimland” erscheinen soll, bietet „für I einige zeitgenössische jüdische Schriftsteller Russlands einen Ausweg”, wie Dr. Goldmann bemerkt. I Doch diese dürftigen Konzessionen „tragen letzten I Endes nur dazu bei, die i Leere im schöpferischen na- | tionaljüdischen Leben noch; fühlbarer zu machen.” * WIE ICH ES SEHE ♦ ♦ 4 ■Die amerikanische Politikl con JEHUDA GOTTHEMER Allgemein konnte man beobachten, dass die Osffentlichkeit mit ihrem Urteil Uber Kennedy und die Von ihm eingescblagenen Wege zurückhält. Offensichtlich wollten alle dem neuen Präsidenten der USA erst die Gelegenheit geben, sich in »eine Amtsgeschäfte einzusrbeiten. Sicherlich hat auch die sympathische Art seines Auftretens eine Rolle dabei gespielt, herbe Kritiken aufzuheben, bis der lächelnde, immer freundliche junge Mann einige Erfahrungen gesammelt und seine ersten Schritte gemacht habe. Schliesslich. so dachten wohl die meisten, ist es keine Kleinigkeit, die Aufgabe des Präsidenten der Vereinigten Staatenvon Nordamerika in diesen aufgeregten Zeiten zu erfüllen, die im wesentlichen darin besteht, den Frieden zu erhalten, ohne den Gegnern der Demokratie und der Freiheit, auf welcher Seite diese auch sitzen mögen, zu grosse Konzessionen zu machen. Die Zeiten sind längst vor- : bei. in denen es der Präsi- ■ dent der USA gewesen ist, der den Rhythmus des Handelns im internationalen po- \ litischen Leben angegeben hat oder der bestimmte, auf welchem Schauplatz i die Gegensätze ausgetragen ' werden sollen. Die Initiati- , ve liegt — mit anderen Wor- I ten gesagt — seit langem bei den Russen. Niemand . erwartete, dass sich dies durch die Amtsübernahme von Kennedy ändern werde. ] Um hierüber aber endgültig eine Entscheidung zu tref- I fen, wird man noch eine ge- ' raume Zeit Zusehen müssen, denn Kennedys Gegen-! Spieler Krutschew ist e*n I alter erfahrener Fuchs, der; alte Schliche der internatio- ’ nalen Politik kennt und die I gesamte Klaviatur des di- 1 plomatischeu Spiels beherrscht. Zweifellos müssen wir bei der Beurteilung der Möglichkeiten, die den beiden i grossen Gegenspielerndie- | ser Tage gegeben sind, — Krutschew und Kennedy —, I auch ihre legale Position berücksichtigen und die Sondersitzung der Knesset i Jerusalem. — Die Knesset trat zu einer Sonder-' Sitzung zusammen, um über einen im vergangenen Dezember gefassten Kabinettsbeschluss zu beraten, I durch den Pinehas Lavon von jeder Schuld an dem! Sicherheits-Zwischenfall vom Jahre 1954, als er Verteidigungsminister war, freigesprochen wurde. Unter Stimmenthaltung der Mapai-Deputierten wurden einstimmig zwei Resolutionen gefasst, die einen Verweis für den Ministerpräsidenten Ben Gurion! darstellen. Eine Resolution stellt fest, dass der Rücktritt eines Kabinetts nicht die Annullierung seiner Be-' schlösse bedeutet. Die andere besagt, dass aus die-! sem Grunde die Kabinettsbeschlüsse, welche den Spruch einer siebenköpfigen ministeriellen Kommis-! sion guthiessen, ihre Gültigkeit behalten. I Vier Kabinettsmitglieder, die zu der genannten Kommission gehörten, sprachen in der Debatte, d. h. | Dr. Rosen, Gesundheitsminister Barzilai, Transportj minister Aharon und Innenminister Shapira. Ben Gu-' rion verliess den Sitzungssaal, als der Führer der) Cherut, Menachem Begin, sich amschickte, das Wort zu ergreifen. (ITA) | Machtbefugnisse, die ihnen I zustehen ,abwägen. Wir , müssen ihre Rolle nicht nur ' von der nationalen Ebene j aus, auf der sie operieren, I sondern auch vom internaj tionalen Schauplatz aus be- : urteilen ,um zum rechten (Verständnis zu gelangen und die waltenden Kräfte j korrekt und zutreffend ein- I zuschätzen. J Nehmen wir einmal an. | dass Krutschew ein« „legaj le ^Position” einnimmt, die (mit derjenigen Kennedys vergleichbar wäre. Sicher ist, dass Krutschew als Ministerpräsident und Regierungschef absolut unabhängig ist. Bei aller Machtfülle, di« einem amerikanischen Präsidenten zufällt, kann man von ihm das nicht sagen. Im Gegensatz zu den meisten demokratischen Regierungsformen, wie wir sie in Europa finden, haben wir es bei der überwiegenden Anzahl der amerikanischen Republiken mit Präsidial- Demokratien zr tun, in denen der Landespräsident nicht allein die präsidialen Funktionen ausübt, sondern zugleich auch Chef der Regierung ist. Die „Trennung der Gewalten” ist in beiden Regierungsformen verschieden durchgeführt. Das führt zu dem überraschenden Ergebnis, dass der amerikanische Präsident „an sich” mehr Machtbefugnisse besitzen würde als der russische Ministerpräsiden, da dieser bei normalen demokratischen Verhältnissen erst einmal den Landespräsidenten über sich haben würde, der ihn unter Umständen absetzen oder seinen R-ücktritt veranlassen kann, der in jedem Fall aber vom Parlament weitgehend abhängig ist, was beim amerikanischen Präsidenten nicht zutrifft. So sieht es in der Theorie aus. Die Praxis ist eine ganz andere, denn der russische Ministerpräsident ist als Sekretär der Kommum- Für soziale Gerechtigkeit New York. — Die Enzyklika des Papstes Jo- . hann XXIII. über soziale I Gerechtigkeit „Mater et Magistra” wurde vom ■ American Jewish Com-; mittee als ein Dokument bezeichnet, „dessen Geist den alten Eifer der biblischen Propheten nach sozialer Gerechtigkeit atmet.” Dr. John Slawson, der Vizepräsident der Exekutive, verwies ferner darauf, dass viele Lehren dieser Enzyklika „auch für die Mitglieder der jüj dischen Gemeinschaft als Richtlinien dienen können.” (ITA) DAS ZWEITE BUCH HITLERS In Kürze wird ein zweites Buch Hitlers erscheinen. Es handelt sich um ein reent konfuses Manuskript von 228 Seiten, die Hitler im Jahre 192o diktiert hat. Diejenigen, die Gelegenheit hatten, die Druckfahnen zu sehen, berichteten, es sei eine Ergänzung seines Buches „Mein Kampf”, Prof. Gerhard L. Weinberg, ein Universitätsprofessor aus Chikago, der auf Aufforderung des Verlagshauses das Vorwort ges-hiiehrr hat, verweist darauf, dass das Buch nach der Machtübernahme Hitlers nicht veröffentlicht wurde, w-ril dei Führer seine Herausgabe für politisch unklug hielt. Hitler soll in dem Manuskript seine politischen Pläne auseinandergesetzt habe, die sich darauf gründeten, dass England der am wenigsten geeignete Verbündete Deutschlands sein würde, während er Italien „wegen seiner Feindschaft gegen Frankreich als den natürlichen Alliierten Deutschlands” bezeichnet. Das Buch wird von der Deutschen Verlagsanstalt Stuttgart unter dem Protekto-at des Deutschen Instituts für Zeitgeschichte herausgegeben. Es wird voraussichtlich kein Bucherfolg in Deutschland sein, wo heute Dokumentarfilme, Erziehungspriyamme in Rundfunk und Fernsehen, sowie zahlreiche Schriften die grausigen Verbrechen der Naziaera anorangem. Kurz nach Vollendung von „Mein Kampf” begann Hitler, seine Gedanken über Aussenpoütik aufzuzeichnen, um sie eines Tages als Fortsetzung seiner Nazibil^l zu veröffentlichen. Mit den Jahren wuchs das Manuskript, doch Hitler verwirklichte niemals den Plan der Herausgabe. Nach Mitteilungen des Münchcr.er Instituts für Zeitgeschichte erwähnte ein französischer Verbindungsoffizier mit den USA-Streitkräften namens Albert Zoller zum ersten Mal die Existenz dieses zweiten Buches Hitlers in einem Buch, das er nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges über den Nazidiktator verfasste. Im Jahre 1951 begann das Institut, Nachforschungen nach diesem Manuskript anzustellen. Es unterzog sich der Prüfung riesiger Mengen von Dokumenten ur.d befragte einen grossen Kreis von Personen, von denen azunehmen war, dass sie Kentnis von dieser Niederschrift haben könnten. Auf die erste Spur stiess das Institut, als ein gewisser Josef Berg, welcher '.n einem Verlag von nazistischen Büchern angestellt war, d<e Enthüllung machte, dass das Manuskript von seinem Verlag in einem Geheimfach aufbewahrt worden sei und im Jahre 1945 von einem nordamerikanischen Offizier beschlagnahmt wurde. In den Vereinigten Staaten hatte Prof. Weinberg eine ähnliche Suche eingeleitet. Er vereinte schliesslich seine Bemühungen mit denen des Münchener Instituts und prüfte eine grosse Anzahl von Dokumenten die nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches in die Hände der USA-Truppen 1 fielen und nach Washington geschafft wurden. Dort fand er dann auch im Nationalarchiv das gesuchte Original. Die darin sntha'tenen Schreibmasehinenfehler lassen vermuten, dass Hitler seine Gedanken direkt in die Maschine diktiert hat. Im Vorwort führt Prof Weinberg aus, Hitler habe sich, als er an die Macht gekommen war, anscheinend Rechenschaft abgelegt, dass die von ihm im Jahre 1925 entwickelten Theorien nicht mehr der Wirklichkeit entsprachen und er wohl deshalb von einer Veröffentlichung seiner Arbeit Abstand nahm. stischen Partei der unumschränkte Diktator, dessen Macht de facto der eines Zaren der absoluten Monar- J chie in ihrer schärfsten i Spielart entspricht. Herr über Tod und Leben aller Russen hat Krutschew alle j Möglichkeiten, jeden von! ihm . gewollten politischen I Schritt zu unternehmen, ohne dass er von irgendeinem Gremium oder irgendeiner! Instanz zur Rechenschaft j gezogen werden könnte.! Dies gilt so lange, wie er die Macht in den Händen, hat. " | Deswegen ist Krutschew gegenüber jedem westli-. chen Politiker, der kein ) Diktator ist, in seinen Ent-! Scheidungen beweglicher. Er reagiert schneller, er hau-1 delt unmittelbarer, vielleicht! nicht nur, aber auch aus aus dem Grunde, dass er niemandem Rechenschaft | abzulegen hat. Krutschews Taktik gegenüber dem Westen hat sich durchaus; nicht geändert, seitdem! Kennedy die Präsidentschaft1 übernahm. Die konstante j Schaffung von geografisch! wechselnden Unruheherden j sollen der westlichen Welt jede Möglichkeit nehmen, ihre eigene Front zu stabi-1 lisieren. Wenn sich keine anderen Konfliktsstoffe prä-1 sentieren, wird auf die alten Probleme zurückgegriffen, in erster Linie auf Berlin, das sich glänzend dazu eignet, die Welt in permanenter Spannung zu halten. Bisher hat der Westen — sowohl unter Eisenhower wie unter Kennedy — jede Art eines bewaffneten, di rekten Zusammenstösses j mit der östlichen Welt vermieden und zu verhindern j vermocht. Natürlich gehören hierzu beide Partner oder Gegner, und die besondere Tragik der in zwei Teile zerklüfteten Welt liegt j gerade darin, dass die Partner Gegner und die Gegner. immer Partner sind. Die vielen — mitunter sehr blu-1 tigen — Auseinandersetzun-! gen, die in unserer „kriegerischen Friedenswelt” stattj fanden, spielten sich nicht1 zwischen den Giganten ab,l den Blockführern, also nicht | zwischen der Sowjetunion! und den USA, obwohl sie j hinter all diesen Konflikten \ mit ihrem Machtpotential j standen. Dies gilt vor allem j für Korea und für Afrika, ‘ aber auch ftir die ständigen j Unruhen und. Komplikatio-, nen in Mittelost sowie in j letzter Zeit für die drama-1 tische Zuspitzung der Lage. in verschiedenen lateinamerikanischen Ländern. Die Verwaltung des Generals Eisenhower hat jedoch in mancher Beziehung vorsichtiger operiert als die des Zivilisten Kennedy. Die Amerikaner haben bei der kubanischen Invasion keine sehr glückliche Rolle gespielt. Nur die Schnelligkeit unserer Zeit, die sich ständig überstürzenden Ereignisse und die pausenlose Krise haben diesen Vorkommnissen nicht die Bedeutung beigemessen, die sie eigentlich haben. Ausserdem sind die Amerikaner stark genug, um eine Panne und solche Peinlichkeiten hinzunehmen. Dennoch dürften die Russen aus diesen Ereignissen ihre eigenen Schlüsse gezogen haben und verstehen, dass Kennedy auch zu Abenteuern neigt, um die westlichen Positionen zu halten. Sie müssen damit rechnen, dass er beim nächsten Vorstoss vorsichtiger kalkuliert. (Schluss aur Seite 2* Sie wollen von nichts wissen Rio de Janeiro. — Die sowjetische Mission guten Willens, die jetzt Brasilien besuchte, lehnte es ab, ein Memorandum der Föderation der jüdischen Gemeinden Brasiliens in Empfang zu nehmen, in dem diese ihrer Besorgnis über die Lage der sowjetische» Judenheit Ausdruck verleiht. In diesem Memorandum zeigen sich die brasilianischen Juden über den Umstand besorgt, dass die russischen Juden keine religiöse oder kulturele Dachorganisation, keine Institution, die sich mit Erziehungs- oder KuKurfragen beschäftigt, keine Möglichkeit, sich der jiddischen Sprache zu bedienen, noch irgendeine Art von Austausch mit den Judenheiten anderer Länder haben Es wird Protest gegen die antisemitischen Angriffe in der Sowjetpresse erhoben und um die Erlaubnis zur Auswanderung für die russischen Juden ersucht, die sich mit ihren Familien wieder zu vereinigen wünsehen. Die brasilianische Regierung wurde von der Weigerung der sowjetischen Mission, das Memorandum anzunehmen, in Kenntnis gesetzt. (ITA)