Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 22 (1961)
- Issue
- 1890 (4.7.1961)
- Date
- 1961-07-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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PUEYKREDON 2190 - J9 i*q. £cu JfemGM4*JsfuOÆlUa Ano XXII. BUENOS AIRES, MARTES 4 DE JULIO DE 1961 Die Deportationen aus Holland LIDICE Der Hauptankläger, Gideon Hausner, lehnte die Be Dem Gericht wurde eine j weiskraft und die Richtigbeeidigte Aussage der in keit der Erklärung ab, die Westdeutschland lebenden | von der Zeugin Freiberg Frau Elise Freiberg vorgeabgegeben worden ist. Er legt, nach der von den 100 , ersuchte das Gericht, das Kindern aus Lidice, die | Buch eines tschechischen Eichmann übergeben wor-: Autors ,.Die Kinder von Liden sind, noch 30 Kinder le- ¿Hce” als Beweismittel an- Nicht unwichtig Dr. W. — Von Zeit zu Zeit erscheinen Nachrichten und Bilder über das Auftreten einer faschistischen Gruppe in den Vereinigten Staaten, die sich der nazistischen Symbolik, vor allem des Hakenkreuzes bedient. Man schenkt dem Treiben dieser Leute in den USA kaum Aufmerksamkeit. Mit einer Handbewegung geht man über solche .exaltierten’ Erscheinungen hinweg. Man ist nicht beunruhigt, denn es sind kleine Gruppen, Splitter, die den grossen Körper des amerikanischen Volkes nicht schmerzen. Diese Haltung ist nicht allein deswegen gefährlich, weil wir selbst alle bereits einmal erlebten, wie aus unbedeutenden Anfängen eine vernichtende Sturmwelle entstand, die in ihrer Sturzflut alles wegspülte, was ihr nicht gefiel, und die unter ihren tödlichen Schlägen Millionen Menschen begrub. Auch der Nationalsozialismus Hitlers entstand als ein lärmender, unbeachteter, lächerlicher Haufen, der — einer Lawine gleich — alles mit sich riss, was nicht fest, was nicht eingewachsen, was unsicher war. Der Boden für eine neofaschistische Bewegung in Nordamerika ist bereiter, als die meisten Menschen, vor allem in den USA selbst, anzunehmen gewillt sind. Zwar gibt es nicht so viele Arbeitslose und Unzufriedene, nicht so viele Gestrauchelte und Entwurzelte, wie damals im besiegten Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg. Die Nazis erhielten aus solchen Kreisen einen unerwartet hohen Zulauf, bis ihre Bewegung zu einem mitgeissenden Strom anwuchs, gegen den sich zu stellen weder die deutschen Intellektuellen noch die grossen Industrie-Kapitäne den Mut aufbrachten. Die heutige Lage der Vereinigten Staaten wird immer noch von rassischen Auseinandersetzungen beschattet. die viel tiefere Wirkungen auslüsen, als die jüdische Frage in Deutschland jemals erzielen konnte. Von einigen Fanatikern in Deutschland abgesehen, war die antijüdische Parole eines dar vielen Lockmittel einer skrupellosen Propaganda, die sich gegen die Jtiden richtete, hierbei aber ganz andere, weitergehende Ziele verfolgte. Mithilfe einer hemmungslosen Aufrüttelung der Instinkte, die gegen die Juden aufgepeitscht wurden, kamen die Nazis in Deutschland zur Macht, um nunmehr getreu dem alten Kampfruf ,,Heute gehört uns Deutschland, morgen die ganze Welt” an die Eroberung der Weltherrschaft zu schreiten. Gewiss gab es auch vor den Nazis bereits einen starken Antisemitismus, der in Deutschland auf eine lange Tradition zurückblicken kann. Besonders nach dem 1. Weltkrieg gab es viele antisemitische Splittergruppen, die vom Nazismus zusammengefasst wurden. W'eil es diesen antisemitischen Nährboden seit Jahrhunderten gab, hatten die Nazis einen verhältnismässig leichtes Spiel. Dennoch gab es keine Rassenkämpfe. Das Feld hierfür wurde von den Nazis — zum grössten Teil künstlich — geschaffen. Ganz anders liegen die Verhältnisse in Nordamerika, wo die Rassenfrage seit langer Zeit das kardinale Problem der nordamerikanischen Innenpolitik ist. Ganz im Gegensatz zu Deutschland sind die USA — in letzter Zeit neben Südafrika — sozusagen das klassische Land rassistischer Auseinandersetzungen. Beinahe täglich schlagen die Leidenschaften auch heute noch gegeneinander, wenn diese Frage aufgeworfen wird. Das Leben j rikanischen Kontinent zu oder Zeitschriften überfliegt stellt sie aber jeden Tag. verstehen und zu Erkenntj und von den schlagwortar- Unter solchen Umständen hat eine neofaschistischnissen zu gelangen, die auch j tigen Meldungen, die in la nazistische Bewegung in den USA ein viel einfacheres j für die weltpolitische*Situapidaren Sätzen einen Einj Er baute eine Strasse, die T. E, 8 3 - 2 6 1 3 No. 1890 ben sollen. Die Zeugin ver sichert, diese Kinder in einem Konvent in Pushikovno gesehen zu haben. Demgegenüber hatte die Anklage den Angeklagten beschuldigt, 100 tschechische Kinder aus Lidice nach dem Osten deportiert uhd in Gaskammern umgebracht zu haben, bevor die Russen zunehmen. Aus diesem Buch ergebe sich der Beweis, dass 82 dieser Kinder offensichtlich in die Gaskammern von Chelm geschickt und dort umgebracht worden sind. Der Vorsitzende verkündete, dass das Gericht zu einem späteren Zeitpunkt beschliessen werde, ob die dieses Gebiet besetzten. Die ses Buch als Beweismittel Väter dieser Kinder waren entgegengenommen wird von den Deutschen als Re-1 ccjer nicht. _ pressalie für die Beseiti-! gung von Heydrich ermor-. NOCHMALS LIDICE det worden. 1 Dann kam der Fall der tschechischen Kinder aus Lidice zur Sprache. Aber t auch mit dieser Angelegen- \ heit hatte der Angeklagte, j so erklärte er, nichts zu j tun. Er wisse nichts Genaues... j Der Verteidiger behauptete, einen Brief aus Bremen erhalten zu haben, dass diese Kinder am Kriegsende noch lebten, als die Russen gekommen sind. Servatius versuche, so erklärte er, nunmehr die Vernehmung des Briefschreibers zu erreichen. — MIT SERVATIUS UNZUFRIEDEN Jerusalem. — Die Anzeichen einer wachsenden Distanzierung zwischen dem Angeklagten Adolf Eichmann und seinem Verteidiger traten bei der 82. Ge- WtE ICH ES SEHE Man sollte mehr nachdenhenx van JEHUDA G0TTHE1MER Vor kurzem las ich inter-! manen absehen will, die; war. An seine Stelle trat essante Ausführungen über den Bananenkrieg. Was wissen die meisten schon von diesen Vorgängen, die uns eine Möglichkeit bieten, Entwicklungen und Erscheinungen auf dem lateiname Riesenauflagen erleben, von! der erst 37jährige Jacobo den vielen schönen, aber J Arbenz Guzmän, der sich nichtssagenden Filmen, die berufen fühlte, ein Präsigrosse Kinos Abend fürjdent für das Volk zu sein. Abend füllen, von den Ge- Fr zwang die amerikanischichten, die man in wenisehen Verkehrs- und Elekgen Minuten in Zeitungen trizitäts-Gesellschaften, ihre hohen Tarife zu senken. Er wollte ein staatseigenes Elektrizitätswerk errichten Spiel, um zu allen möglichen Zwecken die weisse Bevölj tion von grosser Bedeutung kerung auf ihre Seite zu ziehen. Es ist kein Zufall, dass sind. In früheren Zeiten hadie» nordamerikanischen Hakenkreuzler heute gegen die ben die Menschen mehr und Neger und morgen gegen die Juden polemisieren und intensiver gelesen und stu- Demonstrationen veranstalten. „Gegen Juden und Ne ger”- haben die Nazis gewettert, wobei die Neger nur den Hintergrund abgaben, da es damals keine Neger in Deutschland gab. In den USA aber ist diese Forderung gegen „Juden und Neger” keine theoretische. Während für die Nazis die Neger nur ein Beiwort waren, um die diert. So kam es, dass un sere Väter besser orientiert blick in das zeitgenössische 1 das amerikanische Ver- Geschehen vermitteln. Al-: kehrmonopol gefährdete, les ist auf Schnelligkeit ab-1 Aber dieser Präsident hatgesteHt denn wir haben te noch andere Pläne. Er keme Zeit, am wenigsten , wollte das Grundübel so ^UIj fdr Studium i vieler lateinamerikanischer waren als wir, obwohl sie und für Bildung.! Länder beheben. So erliess weder Radio noch Televi-1 Deswegen sind die mei-! er ein Gesetz zur Agrarresion kannten, obwohl der sten überrascht, wenn sie form und verstaatlichte die Nachrichtendienst weit we- Von unangenehmen Ereigj unbebauten Teile desjeni- Juden verächtlich zu machen, gewinnt dieser Schlachtj niger ausgebildet war als nissen hören, die sich aller-! gen Grossgrundbesitzes ruf der Nazisten und Fasisten in den USA eine aktuelle, heute. Wir lesen wenig, j dings nicht plötzlich eini der mehr als 36 Hektar umpolituäc e Gestalt j wenn man von den belieb-¡stellen, auf die man nur .fasste. Ungefähr 80 Prozent Hier liegt die Gefahr, die niemand ubersehen sollte.' ten storys und Kriminalronicht achtete, weil man kei-1 aller Kaffeeländereien wur- _ | ne Zeit für „Nebensächlich-1 den dadurch Staatsbesitz. keiten” oder für Probleme Der Boden wurde an landlo- 7,u verlieren hatte, die sich'j se Bauern verpachtet. In dann zu Schicksalsfragen wenig mehr als einem Jahr für die ganze Menschheit bekamen 60.000 Bauern entwickeln. Der Bananen-' Land. Vorher hatten drei krieg ist eine solche Bege-1 Viertel des Bodens rund kk ♦ou B. B. SAMUL! benheit, die uns alle verzwei Prozent der Einwohmeintlich nichts anging, die ner gehört, die obendrein , aber doch mehr, als die ' kaum Steuern zahlten, weil Tagelang sagte Eichmann wohl Chef der für die „End-1 skrupellose Vollstrecker der meisten vermuten, für die di« Steuern auf den Vers sein eigener Zeuge auc Iösung der Judenfrage” zuj Entwurzelung, Verfolgung, j Zukunft bedeutungsvoll gebrauchsgütern lagern, die ständigen Abteilung soll j Vertreibung der Juden auf, I wesen ist. I von der Masse der Bevölkesein Büro nur eine Transit-¡in Berlin, in Wien, in Prag, { In wenigen Strichen sei rung getragen wurde. als sein eigener Zeuge aus. Mehr als einmal wurden die Zuhörer ungeduldig, wenn er jegliche Verantwortung von sich abwälzen wollte. Verschiedentlich griff Station gewesen sein, wie er j in Paris, in Budapest und in dieser Banenkrfeg beschrie sich ausdrückte. j Bukarest, um nur einige j ben. Man schrieb das Jahr Wenn man einmal der I Beispiele zu nennen. Dass 1950. In Guatemala entstände r Vorsitzende ein und for- Schilderung folgen wollte,! er allein schon durch dieden erhebliche Schwierigste die Anwesenden auf,'die der Angeklagte selbst1 ses Wirken eine millionen-' keiten, als politische Kreiihren Gefühlen oder Auf-'gegeben hat, so hat er Jahfassungen nicht im Ge- \ re hindurch mit der grössrichtssaal Ausdruck zu ge-! ten Kaltblütigkeit die ihm ben. Die Kommentatoren! erteilten Befehle vollstreckt, der Weltpresse, die sich um! Befehle, die — wie ihm beeine objektive Berichterj kannt — die Ausrottung von . ,„1Illn stattung bemühten, Hessen j Milionen verfolgten. Dass! noch eine ungeheure Schuld. Ubico, erkennen, dass diese Taktik sich niemand in den Dienst I Hat er selbst die Morde weder Verteidigung nicht nur | der nazistischen Mordzen-1 der veranlasst noch verübt, ein sinnloses Bemühen dar-'trale zu stellen brauchte, ‘ so hat er wie kaum ein fache Schuld auf sich gela-1 se sich den Wünschen der den hat, wird einfach ge- Nordamerikaner widersetzleugnet. | ten. Unruhen durchzuckten Sollte man der Darsteldas Land. Die Neuwahlen lung Eichmanns folgen wol-' führten zur Amtsenthebung die Ausrottung von | len, so verbleibt immer des damaligen Präsidenten ~ - ' der USA-freundlich Mit Hilfe von Krediten Wurde das Land von seinen neuen Pächtern bebaut, die bereits im ersten Jahr mehr verdienten, als jemals zuvor von Fabrikarbeitern in Guatemala verdient worden ist... Auch die grössten Skeptiker mussten zugeben, dass das Land sich aufwärts entwickelte. 1952 schüttete die United Fruit Company — die grosse Bananen - Gesellschaft und, wie Guzmän und seine Anhänger meinten, der eigentliche Besitzer des Landes — noch einmal 35 Milof IT „ c..., nem falschen Stolz und von stellt, um die .Unschuld ist erwiesen. Eine ganze zweiter Nazi Beihilfe zu1 seiner glanzvollen Macht- Eichmanns zu beweisen, Reihe von Deutschen, unter millionenfachem Mord ge-(fülle, als er noch ein hoher ^r-eilSV/rani' ihnen sogar SS-L^ute. lehnleistet. Will er auch das ab-| SS-Offizier war Erbärmlich wortungslosigke.it bedeutet, ten d ese Art beruflicher streiten? — i steht er vor dem Gericht tV'u“ t-.- -j einen Versuch neues Un- Beschäftigung ab. Nicht so! Eichmann dürfte nicht gut1 und vor der Welt dS ietz 1 a“ Dlvid£nde.» recht zu schaffen. Eichmanner verdiente beraten «ein . ,a r .. et jetzt jaus! Dann griff aer Prasist' sä Sss; ä äsnrz i s/i : swwsrar otsrsüss. gr'~j sv* «£* . richtssitzung klar zutage, als Dr. Servatius einen offenen Tadel seines Klienten einstecken musste. Servatius hatte angekündigt, er werde den Empfehlungen des Gerichtspräsidenten Mosche Landau gemäss, der das Verfahren abzukürzen bestrebt ist, eines der t :iden unterbreiteten De' umente fallen lassen. I er erhob Eichmann seinen Blick und richtete ihn s itlich verärgert auf seinen Verteidiger. Er machte en Versuch, den Rat seines Anwalts zu umgehen und antwortete auf eine Frage rus dem vorliegenden De :ument. Als er dieses Manöver nochmals wiederhole, zeigte sich Servatius ' an der Haltung seines Manc.nten irritiert. Schliesslich gab Eichmann seiner U Zufriedenheit mit dem Standpunkt des Gerichtshofes, der von Servatius geteilt wurde, offen Ausdruck, indem er sagte: „Wie r ls der, beiden Dokumenten, „ie wir vorgelegt haben, zu entnehmen ist.” t-, Vorher hatte Servati-? geäussert, er sei ebenso w e wie die 3 Richter und das Publikum von den weitschweifigen Antworten des Angeklagten ermüdet. Servatius unterbreitete in dieser Sitzung das vom Internationalen Roten Kreuz verfasste Memorandum über einen Besuch im KZ Theresienstadt im April 1945, der kurz vor dem Zusammenbruch des Tausendjährigen Reiches stattgefunden hat. Der Bericht erwähnt ein Zusammentreffen mit Eichmann auf dem Hradschin in Prag. Hierin wird Eichmann als „ein Mann erwähnt, der in allen diesen Konzentrationslagern die erste Rolle spielt und als Bevollmächtigter des Reichs in der SS angesehen werden muss.” Servatius las hierauf eine Stelle aus dem Bericht vor, in dem es heisst, Eichmann (Schluss auf Seite 8) düng im Banenengeschäft. Jedenfalls wurden 93.600 I Hektar, die der Gesellschaft gehört haben, enteignet, die noch weitere 40.000 Hextor | in ihrem Besitz behielt. Di» I United Fruit Company ver- . langte eine Entschädigung 1 von 16 Millionen Dollar. Der Präsident berief sich! auf den von der Gesellschaft selbst angegebenen ■ steuerlichen Wert von j 600.000 Dollar, die auch bezahlt w’urden. I Das war zu viel. . für; die Gesellschaft, die nun ei-! nen förmlichen Krieg gegen I Guatemala entfesselt", eben | den Bananenkrieg. Das erste, was man — wie immer in solchen Fällen — behauptet. ist das Bestehen einer kommunistischen Gefahr. Mit diesem ■ Zauberwort hat man schon viele berechtigte Forderungen in Lateinamerika mundtot gemacht, und nicht nur auf diesem Kontinent. Das war und ist das grosse Schreckgespenst. Der Wortführer war der frühere USA-Unters>aatssekretär Spruille Braöen, selbst Aktionär der Gesellschaft dia sogar eine be- <Pchru*s aut Seite 2) i