Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 22 (1961)
- Issue
- 1870 (21.4.1961)
- Date
- 1961-04-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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- - t PUEYRREDON 2190 - 1? izq. Hx Jkntan&, JsMz&UJba T. E. 8 3 - 2 6 1 3 ar Mit zw ah des Staates Israel Afio XXII. BUENOS AIRES, VIE RN ES 21 DE ABRIE DE 19G1 No. 1S70 7*r - . Nur Israel darf Eichmann richten I#- Jerusalem. — ..Adolf Eich, mann hat die erste Schlacht verloren”, schrieben die Zeitungen, als die Entscheidung des israelischen Gerichtes oekannt wurde, das seine Zuständigkeit für die Durchführung dieses Prozesses erklärte. Die drei Richter verKÜrdeten. weder fühlten sie ein Vorurteil gegen den Angeklagten noch könnten *ie anerkennen, dass sie für diesen Prozess nicht zuständig seien. Sie hätten das absolute Recht, den Angeklagten abzuurteilen, der in 35 Punkten beschuldigt werde, Juden in Massen verfolgt, deportiert und zur Aesrottung ausgeliefert zu haben. Nach be.rahe einer Woche, angefüllt mit Diskussionen über die Legalität dieses Prozesses, konnte in die eigentliche Verhandlung eingetreien werden . Der frühere SS - Obersturmbannführer Eichmann erklärte vor seinen Richtern: ,,Ich bin in allen Punkten unschuldig!” | Eichmann sass mit den j Kopfhörern in gespannter Aufmerksamkeit, als der Vorsitzende des Gerichtsj hofes, Richter Moshe Lan- . dau, seine Ausführungen machte, mit denen er die . Zuständigkeit des Gerichts. | hofes begründete. Damit entschwanden die Spekulationen des \ erteidigers und seines Schützlings, der hoffte, sich mithilfe einer technischen Frage seinen Rieh. I fern entziehen zu können. Landau, der schnell und in hebräischer Sprache den Standpunkt des Gerichts begründete. lehnte mit kurzen | und scharfen Worten den Einwand des Verteidigers ab, der Gerichtshof sei nicht unparteiisch, weil Familienangehörige oder Freunde der Richter unter den Opfern des Nazismus sein könnten. Landau sagte u. a.: ..Es ist richtig, dass d'<* Massenmorde uns alle in Schrecken versetzt haben. Die Richter, die diesem Gerichtshof angehören, sind erfahrene Richter, ge. wohnt, die Beweise objekiv zu überprüfen. Der An. geklagte v»'.rd durch einen erfahrenen Anwalt verteidigt. Wir worden getreu das Gesetz beachten, das die Rechte des Angeklagten auf eire angemessene Verteidigung schützt.” — Die Begr indung der Ent. Scheidung dauerte 20 Minuten. Das Gericht ging anschliessend sofort dazu über, in den eigentlichen Prozess einzutreten, um festzustellen ob Eichmann schuldig ist oder nicht. Der Vorsitzende forderte durch den Gerichtsbeamten den Angeklagten auf, sich von seinem Platz zu erheben. Eichmann kam diesem Ersuchen nach. Der Vorsitzende fragte den Angeklag. ten: ..Haben Sie die Anschuldigung zum ersten Punkt gehört? Geben Sie ihre Schuld zu diesem Punkt zu?” — Der Angeklagte ant- ■ wertete: ,,l>h ein im Sinne c'er Anklage unschuldig”. — Der Vorsitzende richtete 14 Mal diese Frage an den Angeklagten zu den 14 wei- 1 teren Punk en der Anklage; urd 14 Mal wiederholte; Eichmann dieselbe Antwort. i Der Ge leralstaatsanwalt Israels, Gideon Hausner, er. hob sodann im Namen des Staates Israel seine Anklage gegen den engekiagten Exsturmbannführer, indem er p,¡Teilend eine lange Ueber- : sicht über nas nationalsozialistische Regime Hitlers gab. : Hausner sagte u. a.:! Der Generalstaatsanwalt Israels. Gideon Hausner, er- T hob sodann im Namen des . (Fortsetzung auf Seite 6) ' ÏÙ V.'.i*?:- WIE ICH ES SEHE ♦ Die Bar Mitzwah Israels i l t eon JEHUDA G0TTHE1MER ES WAREN GEMEINE MORDE Mit grossem Jubel wird in diesem Jahr der 13. Un. abhängigkeitstag Israels begangen werden. Der alt-neue Staat kann auf die ersten 13. Jahre seiner Entwicklung zurüeksehen, die von Schweiss. B’ut und Tränen getränkt sind. Als sich die kleine Bevölkerung des damaligen britischen Mandatsgebiets Pa’ästina in einer bewundernswerten, helden. haften Anstrengnung entschlossen hatte, den jüdischen Staat zu proklamieren, war das Volk auf dieses Ereignis nicht besonders vorbereitet, obwohl es doch während deT beinahe zwei, tausendjährigen Nacht seiner Geschichte unentwegt und niemals entmutigt die Stunde der Wiedergeburt ersehnt und erhofft hatte. Die gewaltigen Schwierigkeiten. die sich den ersten Jahren des Aufbaus, der Verteid:gung und der Festigung des jüdischen Staates entgegenstellten. sollen hier nicht im einzelnen aufgezählt werden, da dies des öfteren geschehen ist, und wir an einem Fest, tage den M it zum Bekenntnis und zur Freude aufbringen müssen. Diese Ereignisse sind noch so nahe; so frisch und 30 beeindruckend dass wir garnicht die rechte Distanz zu ihnen gefun. den haben können. Und hierin liegt eine ungeheure Gnade, denn wir haben ja selbst den Pulsschlag des Gescher.ens gespürt, wir waren es doch selbst, die Zeugen dieser atemraubenden Ereignisse gewesen sind die durch die tiefsten Niederungen unserer Geschichte während des braunen Sehreckensregiments schreiten mussten um dann mit. erleben zu dürfen, wie «sich der Traum der Wiedererstehung unseres jüdischen Staates verwirklichte. Der äussere Ablauf des jüdischen Jahres, die kalendarische Ordnung unseres Lebens gehorcht einem inneren Gesetz, das in seiner Struktur beinahe unheimlich harmonisiert ist. Auch der neueste Feiertag unseres Volkes, der lom Haazmauth. fügt sich dieser Geschlossen, heit ein. Ob Zufall oder nicht bleibt es doch Tatsache, dass dieser Festtag im unmittelbaren Anschluss an Jas Pessaehfest, die Woche zur Erinnerung an die Befreiung unserer Vorväter aus der Knechtschaft Aegyp. teils begangen wird. Zwischen diesen neiden Tagen iiegt ein langer Wanderweg Neue Anklage im Fall Heyde Der schleswig-holsteinische Generalstaatsanwalt hat gegen Bruno Bourwieg Anklage wegen Begünstigung im Amt erhoben. Bourwieg war in den Jahren 1954/55 Leiter der Flensburger Staatsanwaltschaft. Die Anklage wirft ihm vor, er habe gewusst, dass sich hinter Dr. Sawade der ehemalige Euthanasie-Spezialist Hitlers. Heyde, verbarg, und es entgegen seinen Amtspflichten unterlassen, gegen Heyde einzuschreiten. Bourwiegs Mitwisserschaft ist vom parlamentarischen Untersuchungsausschuss aufgedeckt worden, der gegen den Willen der schleswig-holsteinischen CDU vom Landtag zur Untersuchung der Ileyde/Sawade- Ai'färe eingesetzt wurde. unseres Volkes durch die Wüsten dieser Erde, ein Wanderweg. der für viele Juden längst nicht beendet ist. Aber auch dieser Jom Haazmauth selbst ist keine ,,Eintagsfeier”, wenn man dies so ausdrücken darf, er gehört zu einem Komplex von Gedenk, und Festtagen, die in sich ebenfalls ein geschlossenes Ganzes darstellen: der Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus, der Gedenktag an die Gefallenen ces Befreiungs krieges und dann der Jom Haazmauth selbst, der als Abschluss der zwei Erinne. rungstage, die unseren Blick in unsere schwerste Vergangenheit richten, dann einer hoffnungserfüllten Zukunft gewidmet ist. Schon die beiden ersten Erinnerung -.tage stellen uns die gewaltige Dramatik eigenen Erle!^ens in symbol, hafter Eindringlichkeit gegenüber. In der Zeit der nationalsozialistischen Verfolgung waren Millionen Opfer eines grausigen Geschehens, dem Me widerstandslos — wenn man es so ausdrücken will: schicksalhaft — aber wehrlos ausgeliefert waren. So fielen sie unter der Hand erbarmungsloser, entmenschter Henker, willige Vollstrecker verbrecherischer Befehle, irregeleitet und getrieben von Hass ünd blindwürdiger Verblendung. Als dann unser Volk den Weg zu sich selbst, den Weg ins Jüdische und zum Judentum zurückgefundcr. hatte, als es dann in einer ci’ oalig grandiosen Renaissance seine eigenen Werte und seine Persönlichkeit sich selbst zurückgab, kam es im Ringen um die Freiheit zu blutigen Auseinandersetzungen, die neue Opfer forderten. Aber diese Opfer waren nicht mehr die hilflos übermächtigen Feinden ausgelie. Die Festnahme Eich-' manns duich israelische' Agenten hat bereits vor dem Beginn des Prozesses in Jerusalem die Aufmerk, samkeit der ganzen Welt noch einmal auf die Verbrechen gelenkt, die von den Nazis während des Krieges (und schon vorher) begangen worden sind. Eine grosse Reihe von Kriegsverj brechern sind in Deutsch, land selbst gefangen genommen worden, die bisher frei herum laufen konnten. Die breite Oeffentlichkeit hat erschrocken, mitunter auch unwillig, noch einmal I erfahren, welche Schandta-1 l ten damals verübt worden ' sind, Verbrechen an Millio- I nen Menschen, für die es eigentlich überhaupt keine! gerechte Sühne und Strafe 1 geben kann. | Mit Verbitterung musste r.an beobachten, dass die I Bürger der meisten Länder Abscheu vor den Sehrekkenstaten der Nazis emp- I f nden, dass aber die Re- , gierungen nicht gewillt j sind, gegen jene Vorzüge, hen, die sich in den ver- VOH B. B. SAMLEL schiedensten Kontinenten | versteckt oder ganz offen unter ihren richtigen Na-j men aufhalten. Dass man ' von Aegypten nicht erwar-1 ten kann. dass es die Kriegsverbrecher ausliefert und somit ihre gerechte Be. * sirafung ermöglicht, wird j r!cht weiter überraschen. Immerhin ist die Anzahl der Nazis mit höheren j Chargen nicht gering, die sich heute in Nassers Paracres breit machen können. Aber auch demokratische Länder zeigen ein Desinteresse, das an jene Gleichgiltigkeit erinnert, die während des Krieges und der Verfolgungen zur Schau getragen wurde. Wenn aber heute ein ho. her italienischer Gerichtshof den Standpunkt vertritt, dass ein Nazi nicht ausgei'efert werden könne, obwohl die westdeutsche Bun. ciesrepublik hierum ersucht hatte, weil er keine Straftaten, sondern politische Verbrechen oder Vergehen begangen habe so muss dies äusserst Dedenklich stim. men, weil es eine Begriffsferten, verängstigten, ver. folgten und geschlagenen Juden, sondern freie Männer, die für den Fortschritt, die Zukunft t,nd die Freiheit ihres Volkes ausgezogen waren, um Jahrtausende ali tes Joch zu zerbrechen und einen ganz neuen, und doch! den alten indischen Weg wieder zu beschreiten. Das jüdische Volk, das ein ' langes Gedächtnis hat, wird j am Jom Haazmauth der beiden Erinnerungstage an die Opfer der Verfolgungen und an die Heroen der Befrei, ungskämpfe nicht vergessen. Man hat viel darüber gesprochen und nachgedacht ob es eine Wohltat oder ein Nachteil sei nicht vergessen zu können. Wie alle menschl'ohen Eigenschaften zum Guten wie zum Bösen benutzt werden können, so dürfe dies auch mit dem Vergessen sein. Jedenfalls hat dieses Nicht Vergessen, können in einem erheblichen Umfang dazu beigetragen, aen VolkseharakteT unserer Nation Jahrtausende der Zerstreuung hindurch zu bewahren und aus der Grösse wie aus der Verpflichtung einer alte-ii Geschichte die Kräfte zum W'eiter-Leben. zum Weiter-Glauben und 7,11m Weiter . Kämpfen zu schöpfen. Wenn man nur oberflächlich einen Vergleich zwischen jenen Tagen der Gründung Israels u°d dem heutigen Land zieht, wird und muss man von einer Entwicklung überrascht sein, die sich doch nur auf den /(•Traum einer Bar Mitzwah,, auf 13 Jahre bezieht. Das ist gewiss keine lange Zeit im Leben eines Volkes und dazu eines so alten, wie es das unse;e ist. Und doch waren diese 13 langen und schweren, aber auch erfolgreichen und senönen Jahre ein entscheidender Abschnitt in unserei alten Geschichte. Wie sich beim Menschen der Charakter ln den ersten 13 Jahren bildet, so nahm auch Israel in diesem Zeit, raum bestimmte Formen an, die für seine weitere (Schluss aut Seite 2) 1 erwirrung selbst in den höchsten Kreisen zeigt, die nichts Gutes für die Zukunft versoricht. Man hatte Grund zur Annahme gehabt, dass selbst nicht jede politische Handlung einfach deswegen entschuldbar ist, veil sie sich auf einem politischen Hintergrund abspielte. Nichts anderes jedoch besagt die Entscheid aung des italienischen Gerichtes. Damit ist wieder dem politischen Rowdytum der Weg zur Weltpolitik geö'fnet und alle Piraten- und Wildwest - Aktionen politischer Abenteurer werden hierdurch wieder einmal sanktioniert. Dass eine solche Auffassung auch neute noch oder heute wieder in Italien vertreten wird dürfte nur als ein Alarmzeichen aufgelesst werden. Die Erfahrungen, die keineswegs nur das jüdische Volk mit dem Nazismus und ähnlichen Gewaltsystemen gemacht hat, haben nicht ausgepicht, um nur 16 Jahre ¿•ach dem deutschen Zusammenbruch als abschrekkendes und warnendes Bei. spiel zu wirken .. Der italienische Gerichtshof hat auch die Grundgesetze ausser Acht gelassen, die von den UN zum Schutz ctr Menschenrecnte in mühseliger Arbeit ausgearbeitet worden sind. Dass die Erkenntnisse der Nürnber. gcr Gesetze nicht berücksichtigt wurden, ist eindeutig. Mit Rücksicht aut die unglückliche Entscheidung des hohen ltelienischen Gepeiltes wäre es zu erwäge r. ,ob nicht eine prinzipielle Besch,ussfassung der Vereinten Nationen übedie Frage herbeigeführt werden kann, ob die gemeinsten Massenmorde der Geschichte einfach deswegen aufhören, niedrigste Verbrechen zu sein, weil sie mit politischen A"gu. n.enten verbrämt, erklärt oder gar entschuldigt werden. Hier handelt es sich um e.ne Frage die jeden Menschen angeht. Denn nie mand weiss wer morgigen Tages unter solchen Kon. zepten angegriffen werden kann.