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Jüdische Wochenschau · 1961-04-14 · 1868 (14.4.1961) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
22 (1961)
Issue
1868 (14.4.1961)
Date
1961-04-14
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German, Spanish
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JÜDISCHE UIOCUEDSCIinU PUEYKREDON 2190 — 1? jaq. Año XXII. JfoJ&nxitäJsAajelttcL BUENOS AIRES, VIERNES 14 DE ABRIL DE 1961 T. E. 8 3 - 2 6 1 3 »No. 1868 Der “Prozess des J hrhunderts DAS GERICHT Jerusalem. — Das Gericht nahm am Freitag der vergangenen Woche eine letzte Inspektion des Verhandlungssaales vor. Alle technischen Einrichtungen wurden in perfektem Zu stand befunden. Die kugelsichere Zelle für den Angeklagten wurde von einem Polizisten bewacht, der sich in der Zelle befand. Die Richter nahmen ihre Plätze ein. Gleichzeitig wurden die 447 zugelassenen Journalisten in den Saal gerufen, wo sie ihre Plätze besetzten und die Mikrofone LETZTER BERICHT VOR PROZESSBEGINN kontrollierten. Alle Personen, die den Saal betreten, werden genau untersucht. IN DEN USA New York. — Sämtliche Zeitungen. Radio- und Fernsehstationen der Vereinigten Staaten beschäftigen sich beinahe ausschliesslich mit dem bevorstehenden Eichmann-Prozess, der allenthalben ein ungewöhnliches Interesse hervorgerufen hat. Wie man erfährt, sollen durch Sonderflugzeuge die Film- und Hör- Adenauer über Ben Gurion Rom. — Der deutsche Bundeskanzler Dr. Konrrd Adenauer, der einige Ferientage in Italien verbrachte, erklärte: „Der israelische Premierminister David Ben Gurion besitzt einen ungewöhnlichen Sinn für Gerechtig. keit. Er ist ein Mann, der sich durch eine bemerkenswerte Korrektheit auszeichnet. Bereits vor der augenblicklichen Situation wurden die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Israel aufgenori. men. um gemeinsam die Kriegsverbrecher zu suchen. Die israelischen Behörden haben sich durch eine besondere Korrektheit ausgezeichnet. Unsere Beziehungen zueinander muss man als freundschaftliche bezeichnen. wie es auch Ben Gurion getan hat.” Adenauer wies auf die Erklärung Ben Guriors hin. dass die deutsche Jugend nicht für die Verbrechen der Väter verantwortlich gemacht werden kön. ne. Diese Worte, so sagte Adenauer, waren .,für mich zu Beginn des Eichmann-Prozesses wirklich eine Genugtuung.” (ITA) streifen des Prozesses nanih New York gebracht werden. KEIN SCHUTZ DURCH BONN Bonn. — Obwohl Eichmann deutscher Staatsbürger ist, kann er nicht mit dem Schutz der Bundesrepublik rechnen. Nach einer Erklärung des westdeutschen Aussenministers seien 1 die dem Eichmann zur Last gelegten Verbrechen so I schwer, dass sie alle Grenzen für eine Protektion ¡ übersteigen, die die Bun- I desrepublik ihren Bürgern | gewähren kann. j Jerusalem. — Die Menora, das Staatswappen Israj eis, schmückt den grossen Verhandlungssaal; in dem j der Kriegsverbrecher Adolf Eichmann, der Henker des I jüdischen Volkes, abgeurteilt werden wird. | Dr. Servatius, der in der Verteidigung von Kriegs- | Verbrechern grosse Erfah.1 rung besitzt — er war ei-, ner der Verteidiger der An-1 geklagten in den Nürnberi ger Kriegsverbrecher - Pro. zessen, — soll auf verschi«-1 denen Wegen versuchen,, das Verfahren aufzuhalten, j um seinen Schützling zu retten. Zunächst wird Serj vatius versuchen, sich gegen die Zusammensetzung des Gerichts zt: wenden. Ausserdem wird er das Recht Israels in Zweifel ziehen, diesen Prozess durchzuführen, weil Eich, mann mit Gewalt aus einem anderen Lande nach Israel verbracht worden ist. Der Ankläger ist auf solche Einwendungen gut vorbereitet. Er wird auf frühere Präzedenzfälle hinweil sen, die mit dem Fall völ. j lig parallel laufen. Im übri- . gen wird die Anklagebehöri de sich auf einen Rechtsi grundsatz des britischen | Rechtes berufen, dass es : unerheblich ist, mit wel- I chen Mitteln ein Angeklag. 1 ter vor die Richter gestellt I worden ist.! Man rechnete von vornherein damit, dass auf diesen Einwand mindestens zwei weitere Aktionen des Dr. Servatius folgen werden. Eines dieser Argumente gipfelt in der Behauptung, Israel habe kein Recht über Eichmann zu richten, weil die Verbrechen ausserhalb der israelischen Landesgrenzen begangen worden seien. Ausserdem müsj se, so meint Servatius, be_ i I Der Eichmann - Prozess moege die volle Wahrheit enthüllen Bonn. — ,,Der Eiehmann-Prozess möge die volle Wahrheit enthüllen und mit einem gerechten Urteil abgeschlossen werden”, erklärte Bundeskanzler Adenauer im Fernseh-Sender, als er sich kurz vor Be. jlnn der Verhandlungen gegen den ehemaligen Ober durmbannfiihrer der SS Adolf Eichmann ans deut-;che Volk wandte. Alle, die nach dem nazistischen Zusammenbruch an den Aufbau eines anderen Deutschlands schritten, so sagte der Bundeskanzler, ¡ haben ein tiefes Schamgefühl für das empfunden, was j geschehen war. Erstmalig war uns zum Bewusstsein i geworden, wie tief Deutschland unter der hitleristi- | sehen Herrschaft gesunken v ar. Wir fragen uns, wie es nur möglich war, dass das nazistische Gift so tief ins deutsche Volk clngedrungen war. ’ — j Adenauer erinnerte daran, dass Deutschland im Jahre 1952 Israel seine Mitarbeit beim Aufbau ange. boten hat, was auch akzeptiert worden ist. Heute gäbe es keine Spuren des Nationalsozialismus mehr m deutschen Volke. Schliesslich wies der Kanzler darauf hin. dass auch der Präsident Israels. Ben Zwi, öffentlich kundgetan habe, die deutsche Jugend könne und dürfe man nicht für die Verbrechen ihrer Väter verantwortlich machen. (ITA) riieksichtigt werden, dass die dem Eichmann zur Last gelegten Verl rechen begangen worden sind, bevor der Staat Israel bestanden hat. Ein Gesetz, das mit rückwirkender Ki aft erlassen worden sei, wäre — immer nach der Auffassung von Servatius — nicht zulässig. Demgegenüber hat. die Anklagebehörde eine grosse Reihe von Argumenten vorbereitet. Sie beruft sich in erster Linie auf das Beispiel der Nürnberger Gerichte und aller früheren Verfahren, in denen in der gleichen Weise prozessiert worden ist. — Erst nachdem über die vermuteten Einwen Jungen von Dr. Servatius entschieden worden ist. wird in das eigentliche Verfahren eingetreten werden. Die Verhandlungen werden mit der Verlesung der Anklageschrift eingeleitet werden, die aus 15 Pui.kten besteht. Möglicherweise wird die Verlesung erst am Freitag durch den Generalstaatsanwalt Gideon Hausner erfolgen. Wie man annimmt, wird der Oberste Ankläger darauf hinweisen, dass die Anklage sich nicht allein gegen Eichmann richtet:, sondern gegen alle Deut,- (Fortsetzung auf Seite 5) WIE ICH ES SEHE Das war der gelbe Stern j von JEHUDA COTTHEIMER Das ist die grosse histo-! rische Bedeutung des Eiehmann.Prozesses: noch ein-. mal der Menschheit zum Bewusstsein zu bringen, .was geschah. Nicht vergessen. um für alle Zeiten gewarnt zu sein, wohin Hass ■und ungezügelte Leidenschaften ein Volk treiben können. Zu begreifen, dass die Hoffnung der Mensch- : heit nicht im Kampf um die Macht, sondern im fried. liehen Wettstreit um den Fortschritt liegt. Der Prozess, der gegen einen einzelnen geführt wird, Ist eine Anklage gegen ein Volk, gegen ein System. gegen eine Zeit. Der einzelne war „nur” Voll- , Strecker, er war Werkzeug und derjenige zugleich, der das Werkzeug benutzt. Die Mordmaschine, die vom nazistischen Schandreglme in Bewegung gesetzt wurde, war nichts anderes als die i lange Kette der einzelnen BS-, SD- und Gestapoleute, die eingesetzt wurden und sich selbst einsetzten, war ' nichts anderes als die vielen Hunderttausende, die irgendwo und irgendwie mithak'en. das Mordsystem durchzuführen, die Eisenbahner. die für die Trans, porte arbeiteten, die Arbeiter, die bei der Herstellung der Gase mitwirkten, mit einem Wort: das Mordregij me waren alle, die für und mit Hitler tätig waren, um die Herrschaft des Braunen Reiches über Europa zu errichten.! t Es geht aber nicht um 1 die Schuldfrage, zumal ih-1 re Beantwortung unschwer und eindeutig sein sollte — bereits heute, und ohne diesen Prozess. Die histori. 1 sehe Wahrheit zu erfor- , sehen, sie der Welt noch einmal zu verkünden und sic für die späteren Ge- 1 schlechter festzuhalten, das . ist eine wesentliche Aufga-1 be, die der Prozess zu erj füllen hat. Daran sollten auch alle denken, die sich gegen den Prozess oder seine Durchführung wandten,! weil er zu viel Staub aufwirbeln werde. Als ob es j hierauf ankommen könnte!; Diese Kritiker meinen, es j wäre doch viel einfacher gewesen, einen SS-Mörder zu liquidieren, als ihn -zu verschleppen und ein kostspieliges Verfahren einzuleiten. Einfacher wäre es 1 wiiklich gewesen, aber das dürfte woh] nicht entschei. 1 de-nd sein. i Die Angelegenheit Eich- | mann ist kein Fall für eine Rache, die durch einen 1 Schuss befriedigt werden soll. Es geht überhaupt nicht um Rache. Vielleicht geht es selbst nicht einmal um die Person dieses Ungeheuers. der seine Machtfülle zu einem Massenverbrechen ausgenutzt hat. Jetzt soll noch einmal fest, gestellt werden, wie es möglich war, dass ein Eichmann solche Verbrechen begehen konnte. Die Welt j soll noch einmal durch ein hohes Tribunal erfahren,; welche Verbrechen begau-; gen worden sind. j Zahlreiche Sensationsblätter, illustrierte Zeitungen und „Sendespiele” haben sieh mit oen nazistischen Verbrechen beschäftigt. Millionen und Millionen Menschen haben die Berichte von Augenzeugen gelesen. Gute und schlechte Bücher sind über diese Zeit geschrieben worden. Man hat zahllose Dokumente und viele Bilder gefunden. Die Erforschung der historischen Wahrheit ist nicht so schwierig, wie dies manchesmal erscheinen mag. Gerichte haben Beweise aufgenommen, Angeklagte und Zeugen, Schinder und Opfer gehört. Jetzt aber wird erstmalig ein Gericht über die Zeit der endlosen jüdischen Leiden ein Urteil gegen einen der Haupttäter zu fällen haben, das ein jüdisches Gericht ist. Allein hierin muss man einen Fakt von historischer und erstmaliger Bedeutung erblicken. Bisher haben immer nur Richter anderer Nationen über die Mörder unseres Volkes gerichtet. Israels Bestehen bietet uns die vollkommene natürliche Möglichkeit, die alle anderen Nationen stets besessen haben, nicht fremden Richterspruch zu erbitten, sondern selbst als Volk über diejenigen zu entscheiden, die an dem entsetzlichen Vorhaben beteiligt waren, durch die . Endlösung” unser gesam’es Volk auszurotten. Man hat versucht, die Problematik, die dieser Pro- INVESTITIONEN IN ISRAEL Jerusalem. — Eine neue j Investition von 5 Millio. j neu Dollar wurde von! ■ David Dunsky, dem Prä, I j sicenten des Verbandes I ausländischer Kapitali- , sten angekündigt. Duns. j : ky teilte mit, dass die- |! ser Plan bei seiner kürz- I; liehen Reise nach New j York formalisiert worden sei und die Gesamtsumme in diesem Jahr nach ■ Israel transferiert wer. |; den solle. j j Eine Gruppe der an | diesem Projekt beteilig- | ten Kapitalisten stammt j aus USA. Kanada, Me- I xiko und Südafrika, wäh. rend eine zweite Gruppe in Argentinien und Uruguay lebende Geldgeber | einschliesst. (ITA) zess mit sich bringt, ein wenig zu verlagern. Auf der Anklagebank sitzt ein früherer SS.Obersturmbannfiihrer, nicht irgendeiner der vielen, die diese Posi* tion oder gar eine höhere erreicht haben, sondern der Mann, der die Aktionen zur Ausrottung der Juden von Amtswegen geleitet hat. Auf der Anklagebank sitzt — wenn man sich so ausdrücken will — das nazistische Regime, sitzen alle Nazis, die Eichmanns Werk ermöglicht und geduldet haben. Niemand dagegen hat bisher behauptet, dass das ganze deutsche Volk auf der Anklagebank sässe, ob. wohl auch dieser Standpunkt durchaus vertretbar wäre. Wir aber diskutieren nicht darüber, weil jetzt keine Vei anlassung hierfür gegeben ist. Ob das gesamte deutsche Volk von damals, aus der Nazizeit, aus dem .tausendjährigen’ Reich auf die Anklagebank gehört uder nicht, das wird eine Lehre sein, die der Prozess uw bringen wird, das wird eine Erkenntnis werden, die nach den Feststellungen de-, Gerichts gewonnen werden kann, das wird ein Urteil sein, das jeder sich selbst formen mag, sobald der Prozess abgelaufen ist. Jedenfalls braucht man den Ergebnissen nicht vorzugreifen. Warum sollen wir gerade in diesem Zeitpunkt die Debatte über dieses Problem wieder auf rollen? Wenn jüdische Zeitungen sich berufen fühlen, für einen Freispruch des deutschen Volkes einzutreten, so muss man ihnen das überlassen. Wir respektieren das Recht der .freien’ Meinungsäusserung, verstehen jedoch sehr gut, dass wohl die äusseren Faktoren für eine solche Position entscheidend sind. Dass ausgerechnet eine in Deutschland erscheinende jüdische Leitung Artikel in dieser Richtung lanziert. macht einen peinlichen Eindruck und dürfte der Sache auch wenig nützen. Völlig abwegig aber ist die Behauptung, dass die Mehrheit ies jüdischen Volkes die These von einerdeutschen Kollektivschuld ablehnen würde. Mit einer! solchen Verdrehung der I Tatsachen wird niemandem gedient. Hitler-Deutschland war an den Verbrechen | schuldig. ganz Hitler- Deutschland. was nicht ausschliesst, dass es auch im : Hitler-Deutschland Gegner ■ des Naziregimes gegeben hat. Eine ganz andere Frage ist es, ob man — wie | Ben Gurion es nannte —, die Sünden der Väter den Kindern zur Last legen ' soll. In dieser Hinsicht steht tatsächlich die Mehrheit. | des jüdischen Volkes auf dem Standpunk, dass man das heutige Deutschland : nicht mit dem Nazi- Deutschland auf den gleichen Nenner stellen darf.! Es gibt Geschehnisse, wie der alte Widerstandskämp-! fer und bedeutende Jourra-! list Dr. Rudolf Pechei mit : Recht sagt, die man nicht ve-gessen kann, weil es „trotz allem Bemühenunmöglich ist. sie aus der ei- (Schluss auf Seite 2)! BESORGNIS IN ITALIEN i Rom. — Die Juden Italiens sind über einen Arti- I kel bestürzt, der im „Osservatore Romano", dem of-! fizicllen Organ des Vatikans, erschienen ist. In diei sem Artikel wird u. a. ausgeführt', der römische Kai- I ser Titus habe mit Recht den zweiten Tempel (im j Jahre 70 n, d. g. Z.) zerstört und das jüdische Volk verschleppt. An einigen Stellen des Artikels gewinnt man den Eindruck, dass die Haltung von Titus verurteilt wird, andererseits wiederum schreibt der Autor. Titus habe sich als Vollstrecker eines höheren . Willens gefühlt. Auch wird der römische Schriftstel- : ler TaeAus zitiert, der an verschiedenen Stellen seiner Geschichtswerke davon spricht, das jüdische Volk sei offensichtlich durch Gottes Befehl verfolgt! und gepeinigt. Der Verfasser der Artikels meint dass das jüdische Volk eine, ungeheure Schuld durch die Kreuzi- , gütig Jesu auf sich geladen habe. Deswegen sei tatjsüehlkh in Titus ein Werkzeug des göttlichen Willens; zu erblicken, um die Juden für ihre Sünde zu bestrai feil ». : Ueber diesen Artikel und die darin enthaltene Anklage einer „kollektiven Schuld” der Juden wegen . der Kreuzigung Jesu ist man in alien Kreisen der! italienischen Judenheit beunruhigt, zumal man es- : hol fl hatte, dass durch die Haltung des Papstes Jobann XX11T. diese alle Verleumdung und sinnlose ¡Beschuldigung korrigiert werden würde, < ITA i

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