Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 22 (1961)
- Issue
- 1867 (11.4.1961)
- Date
- 1961-04-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9616703-9612115-9612354--1235-9612358- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Im Namen der Gerechtigkeit wird derl Das kleine, spärlichst möblierte Zimmer, in dem wir zusammensassen, das ist das ganze Büro des „Verbandes der Freunde des kämpfenden Warschauer Ghetto” in Tel Aviv. Nur mit Mühe zwängt er, der hochgewachsene stämmige ,.Antek” alias Jizchak Zuk. kermann. einer der bekanntesten Führer des kämpfen, den Warschauer Ghetto, seinen Körper in den schmalen Sessel. Er ist einer jener kleinen Gemeinde, einer von denen, die alles gedenken, die nichts, aber auch nichts vergessen wollen. „Antek“ zieht eine zerknüllte Zigarette aus der Tasche, steckt sie zwischen die Lippen und sagt ruhig: „Eichmann? Was kann er schon zu seiner Verteidigung sagen? Nein, nein! Das war kein winziges Rad im Getriebe der Maschine, kein automatischer Exekutor höherer Befehle, als der er vielleicht auftreten will.“ „Eichmann — was war er schon eigentlich? Alles in allem SS-Obersturmbann. führer“ — so sagt man oft bei ung. Aber wissen denn die Leute nicht, wieviel Sprossen ein Deutscher auf der Rangstufenleiter erklimmen musste, um dieser „Ehrung und Auszeichnung“ teilhaftig zu werden? Die Pyramide der SS war das alleroberste in der nationalsozialistischen Hierarchie. Die Auslese für die SS wurde sehr sorgfältig durchgeführt. Nur die getreuesten konnten da hinein.“ (Nach längerer Gedankenpause): „Die Erforscher der verschiedenen Hierarchie und Bürokratie des III. Reiches fanden heraus, dass die SS schon 1925 als Stosstrupp. der SA. als persönlicher Schutz des Führers und seiner Mitarbeiter in zahlenmässiger Stärke von anfangs zirka 200 Mann gegründet wurde. 1929 erfolgte die Ernennung H. Himmlers zum Befehlshaber der SS, die zum Polizeiarm der Partei wird. Nur die wärmsten Bekenner der gesellschaftlichen und rassistischen ..Ideale“ nazischer Prägung finden hier Aufnahme. Nach Hitlers Machtantritt herrscht die SS über ■ die Gestapo, Polizei, Partei, die Armee und besetzt immer mehr Schlüsselstellungen.” ER NUTZTE SEINE BEFUGNISSE AUS! „Zuerst wurden die jüdischen Angelegenheiten in einer Sonderabteilung der Ge. stapo konzentriert, an deren Spitze Adolf Eichmann stand. Nach mehrfachen Reorganisationen wuchs die Abteilung beträchtlich, und Eichmann wurde zum Bevollmächtigten für die „Endlösung der Judenfrage“ ernannt Als solcher unterstand er nicht einmal dem Leiter seines Amtes. Die Ausrottung des europäischen Judentums lag in seiner Hand. Auf diesem Gebiet war ihm völlige Handlungsfreiheit gegeben. Als Beauftragter des Führers hatte Eiehmann das Recht, Befehle und Weisungen zu erteilen, auf alle Ministerien des Reiches einen Druck auszuüben und ihnen alles abzufordern, was ihm für seine Zwecke notwendig schien. Und er nützte seine Befugnis bis zum letzten aus .!“ „Nein! Eichmann, das war kein Bürokrat — das war der unmittelbare und verantwortliche Leiter eines weitverzweigten Apparates, dessen Abteilungen, Institutionen, Exposituren, deren Mitarbeiter schuldig sind am Raub des Hab’ und Gutes, an der Ausbeutung, der Arbeit und physischer Vernichtung von über sechs Millionen Juden Ich: „Und wenn er doch darauf pocht, er habe nur ,Befehle ¿usgefiihrt“?” Antek (trocken): „Unsinn Es gibt keinen Deutschen, der nicht auf die odCT jene Weise Befehle durchgeführt hat. Damit haben sie sich alle rechtfertigen wollen. Schnappten wir einen SS- Mann, wälzte er die Schuld auf den Leutnant ab, der Leutnant auf den General, der General auf den Füh. rer. Im Falle Eichmanns besieht, glaube ich. nicht der geringste Zweifel, dass er die Ausrottung aus „ideologischen“, „rein weltanschaulichen“ Motiven in klarem und vollem Bewusstsein seiner Zwecke und Ziele betrieben hat. „Sehen Sie sich nur seine Biographie an: schon seit den dreissiger Jahren beschäftigte er sich mit der Juden, frage. Sie scheint der Spleen seine fixe Idee zu sein, von der er besessen ist. In seinen nationalsozialistischen Anschauungen ist Eichmann 100 Prozent „kcscher“. Er ist SS —, Gestapomann und Sicherheitsdienstler zugleich und während seine Kameraden an die Front gehen, verbleibt er beim leichtesten und sichersten Abschnitt: der Vernichtung des wehrlosen Judentums. Es gibt unwiderlegliche Dokumente und klare Zeugnisse dafür, dass Eichmann den verschiedensten Konferenzen zur Planung der einzelnen Phasen des Vernichtungszugs beiwohnte, und zwar nicht als Randbeobachter oder Befehlsempfänger, sondern als aktiver, regsamer. interessierter Teilnehmer, der sich durch seine erstaunliche Phantasie im Bestialischen auszeichnete .“ (Erinnert sichl: „Apropos: der Nürnberger internationale Gerichtshof hat die SS. insbesondere die Waffen SS als verbrecherische Organisation bezeichnet. Schon allein die Zugehörigkeit zu beiden erfordert gerichtliche Belangung. Das sollte man nicht vergessen. Die SS lassen sich leicht identifizieren. Wie? Da sie sich als Edel- Menschen betrachten, Hessen sie sich in der Achselhöhle ein Zeichen mit Angabe der Blutgruppe einätzen, damit ihnen bei eventueller B'uttransfusion nur das Blut anderer SS-Mitglieder eingeführt werde. Nach dem Krieg versuchten viele, dieses Zeichen durch einen plastischen Eingriff zu entfernen. Es heisst, auch Eichmann habe dieses Zei. chen, aber vielleicht liess er es längst beseitigen.“ Frage: „Sind Sie ihm vielleicht schon nach der Verhaftung gegenübergescssen?“ Antwort: „Nein.“ Ich: „Sie wollen wohl nicht darüber sprechen, sie müssen natürlich nicht...“ Antek (ärgerlich): „Wenn ESTUDIO JURIDICO INTERNACIONAL Dr. Hardi Swarsensky Asuntos Europeos exclusivamente Sprechstunden: Dienstag, Mittwoch u. Freitag v. 15—18 Uhr Dr. Günter Frey Asuntos Argentinos y Sudamericanos TESTAMENTE - ERBSCHAFTSSACHEN VERTRAEGE - VERWALTUNGEN BUEROZEIT: 16—19 Uhr PUEYRREDON 219« esq. Av. LAS HERAS — T. E. 83-2613 ich Ihnen nein sage, so heisst das nein. Doch vielleicht wird sich noch die Gelegenheit dazu bieten — wer weiss....“ (Zündet endlich seine zerknüllte Zigarette an, lehnt sich zurück, macht einen tiefen Zug und sagt mit einem Unterton der Erregung): „Ist es Ihnen aufgefallen. was sich in den letzten Tagen in Deutschland tut? Irgendein Fieber scheint sie erfasst zu haben. Wie sie anfingen. allerlei Kriegsverbrecher festzunehmen! Das ist eine sehr interessante Erscheinung. Sie fragen, warum? Die Deutschen fürchten sich vielleicht vor dem Eichmann-Prozess. Es ist als ob sie der Welt beweisen wollten, „seht, wir bemühen uns doch, die Schuldigen hinter Schloss und Riegel zu bringen!“ Wo waren denn diese Verbre.“ eher seit- Kriegsende? In Deutschland, Wer gab ihnen Brot, Geld, Schutz und Stellungen? Die Deutschen!“ (Mit Nachdruck) „Ich bin überzeugt davon, dass viele Hochgestelite in Deutsch, land allen Grund haben, sich des Prozesses wegen schwere Sorgen zu machen!“ Ich: .Was gibt Ihnen Grund zu dieser Behauptung?“ NAZIS IN SCHLUESSEL. STELLUNGEN „Wir haben einige Erfahrungen in diesen Dingen. Dieter von Wisliceny hatte was zu erzählen. Rudolf Ferdinand Höss. der Lagerleiter vor, Auschwitz, hatte was zu erzählen; höchstwahrscheinlich wird auch Eichmann was zu erzählen haben. Ich zweifle nicht einen Augenblick daran (seine schwere Faust kracht auf den Tisch nieder), dass in Deutsch, land bis heute Nazis in Schlüsselstellungen sitzen! Bitte — da haben Sie Globke. Adenauers Intimus. Gibt es etwa nicht Beweise schwarz au! weiss. dass er die Nürnberger Rassengesetze formuliert und mit allerhand Kommentaren versehen hat? Er verteidigt sich jetzt, er wollte damit das Los der Juden „erleichtern“! Lächerlich, lächerlich. wenn das alles nicht .so blutig wäre! Und heut ist ei Adenauers Vertrauensmann, den der Kanzler mit Einsatz seines ganzen Prestiges verteidigt. Warum? Ich habe da meine eigene Theorie, doch lassen wir das jetzt. Das würde uns zu weit führen.“ CUeberlegt eine Weile): „Adenauer ist vor allem Deutscher und versucht für Deutschland alles zu erreichen, was sich lässt. (Grollend) „Der jungen Generation hat man die Wahrheit über den Massen, mord an den europäischen Völkern nicht gesagt. Kriegsverbrecher und Mörder, deren Hände von jüdischem Blut triefen, gehen frank und frei in den Strassen der deutschen Städte herum. Wir müssen endlich aufhören, naiv zu sein! Hunderttausende Deutsche haben die Vernichtungsaktionen durchführen geholfen. viele von ihnen leben, atmen und gemessen weiter alle Annehmlichkeiten dieser Welt. Wir wissen von Aerzten, die Greuelexperimente an Juden durchführten, sie arbeiten unbehelligt weiter ir ihren Berufen. Ihre Freunde in den Grosstädten Westdeutschlands beschirmen sie.“ steht’s um die jungen Deutschen?“ Er (seine Worte fallen wie schwere Steine): „Das Deutschland von heute ist kein anderes Deutschland — nein! Nein! Es gibt dort Dutzende Neonazi . Organisationen. Die antisemitische Literatur floriert. Viele Verlage befassen sich mit systematischer Ausgabe hitleristischer Bücher. Das weiss heute jedes Kind. Aber ich will Ihnen etwas Neues erzählen. Mein Freund der Schriftsteller und Dramatiker Mühlrad Lampel, hat John Herseys Wall“ fürs Theater bearbeitet. Von ihm, wissen Sie, bekam ich unlängst einen Brief; er erzählte mir darin von einer zufälligen Begegnung zwischen einer Jüdin und einem jungen Deutschen in der nevvyorker U-Bahn, die sich ineinander verliebten. Er wollte über die beiden ein neues .Julia und Romeo“- Drama schreiben und bat mich, meine Meinung über sein Vorhaben zu äussern. Ich antwortete ihm, ich fühlte mich nicht zu seinem Zensor berufen, doch würde ich ihm raten, das Thema fallen zu lassen. Ich schickte ihm den Brief und ver. gass die ganze Sache. Aber neuerlich erhielt ich von ihm ein Schreiben. Er teilt mir mit, er war in Deutschland, sah sich in Berlin um, in anderen Städten, kam viel in Studentenkreise: „Aus jedem Winkel weht ein neonazistischer Geist“, schreibt er mir. .Vereinzelte Jugendgruppen, die sich ihm zu widersetzen versuchen, sind aus dem Rahmen der GesellschaP ausgestossen. Du hast recht gehabt mit Deinem Rat, das Thema nicht aufzugreifen. In einer solchen Atmosphäre gibt es keinen .seelischen Platz' für die Liebe zwischen einem Deutschen und einer Jüdin!“ ► Oll RAPHAEL I5iS( ES SIND DIESELBEN DEUTSCHEN (Ein Funke glimmt in sei. nen Augen auf): „Das ist doch so klar und einfach: Ihre „Wüstengeneration“, sofern man sieh diesen Vergleich erlauben darf — lebt. Die Generation, die uns gemordet hat. ist nicht ausgestorben. Sie lebt und hat nichts (schüttelt den Kopf', gar nichts zugeiernt. De» Deutschen von 1961 spuken wieder allerlei „Drang nach Osten“-Gedanken im Kopf. Da, die Berlinfrage. Dort, die Oder—Neissc-Grenze, die Sudentendeutsehen und die Deutschen der Ostseegebiete. Wieder füllen sich ihre Reservoire des Menschenhasses. Sie wollen sich einfach dem Urteil der Geschichte nicht beugen: ihr habt gemordet, tragt die Sühne!“ Ich: „Sagen Sie mir aufrichtig Antek, wie ist — Ihrer Meinung nach — die Lage in Ostdeutschland? Ist es dort besser? Gibt cs dort weniger Nazis?“ Er (scharf): „Es sind die. selben Deutschen, da und dort. Nur darf man in Ostdeutschland weder in der Presse noch in der Literatur neonazistische An sehauungen verbreiten. Im übrigen? Wie sagt es Reine: „Mir will es bedünken, dass sie alle beide stinken..! Meine Kameraden kennen meine diesbezüglichen Ansichten, und sollte jemand versuchen, mir je den Mund zu versehliessen, dann mach ich sofort kehrt und schlag* einfach die Tür hinter mir zu.“ den d* ß Vernit* «urde f“r SERVATIUS UND - SEIN BENEHMEN (Ein Ausdruck des Widerwillens malt sich auf sei. nem Gesicht!: „Servatius? Unsere Quellen haben seine persönliche Vergangenheit untersucht und keinen Makel an ihm gefunden. Aber sein Benehmen ist alles andere als sympathisch. Er fühlt sich ja in Jerusalem wie in einem Münchener Bierkeller; fährt hin und her; schlägt mit der Faust auf den Tisch, fordert und droht, als sässe er mit seinen Bierkumpanen am Tisch Seine Arroganz ist einfach grenzenlos. Und wir? Wir lassen uns von ihm ins Boxhorn jagen. Telefonieren zu ihm, entschuldigen uns vor ihm, ge. ben ihm nach. Ich begreif’' wirklich nicht, was — zum Teufel —bei uns los ist?! Ich hab’ Berge Material gewälzt und fand nirgends, dass irgendein Land, ausser Deutschland, einem Naziverbrecher erlaubt hätte, sieh auf seinem Gebiet von einem deutschen Rechtsanwalt ’ verteidigen zu lassen. Weder die Polen, noch die Franzosen, noch die Russen erlaubten das; warum tun wir es? Und wir bezahlen noch für diese Verteidigung! Unerhört! Unbegreiflich! Warum soll Eichmanns Familie nicht bezahlen, die Servatius gewählt hat? Warum soll die neonazistische Organisation nicht be. zahlen, die hinter Eichmann steht? Sie glauben, dass er keine geheimen Verbindungen zu ihr hat? Weit gefehlt, mein Lieber! Nehmen Sie zur Kenntnis; er hat sie!“ DIE WAHRHEIT ENTHUELLEN! ges vorgei Kennen - iers TW* steht zu ie rer in et riode ih* bei solch* verzapf; allerlei W gen von archi,elt<c und vf 1 darüber. .Sieg“ werde. S nau fest Völker ■ lisch unc gen und beit in setzen. Die P< zeit ein Plan zur von 50 Was wei Oberhen! Der Pr< storisclu über die weitern. Noch genauer meine: Ghetto als 90.0 von Hu anderen tärlichei kann ui die Deut haben, Hiuigerd Ghetti z einfache liehe Sai len. die ten. Nu Geduld weit k; andere zu such uns A Entwiel deutsch schine tungswi Massen zehntai Gegend fahrene gann u nung \ einem hepunk ..EICIU „Sie fragen mich, was der Eichmann-Prozess für ein Prozess sein soll. Das will ich Ihnen genau sagen: es ist uns zum ersten Mal ge. geben, vor der Welt die Ge. schichte des Mordes an einem ganzen Volk aufzurollen. Nicht am Rande, als Untermalung der Tragödie eines einzelnen Ghetto oder Todeslagers, sondern als die Geschichte der Ausrottung des europäischen Judentums in ihrem vollen Umfang. Das Individuum Eichmann kann als Instrument dienen, um vieles aufzuhellen, was bis heute verborgen und im Dunkeln blieb. Es interessiert uns z. B. zu wissen: wie wurden die Einzelheiten der „Endlösung in allen ihren Phasen ge. fYerä nicht, \ das hei des Gei für mit Eiehma Sein 1/ te id Phanta gen: e; nenmal habe k< Art um Wimannpi Reiehw die gan der sei fassen, rieht zi Deutsch di? Ver sehmae den woi und ¿ei I Israel - Mark und Marken aller Laender — Neuigkeiten-«' EIN „JULIA UND ROMEO“. DRAMA . „Und die junge Generation, Kamerad Antek, wi« ln groesster Auswahl: u. a. VIERERBLOCKS — MARKEN 1^,. NUMMERN — MARKEN MIT BAND — KOMPLETTE Bqg VOLLSTAENDIGE SAMMLUNGEN — WERTVOLLE AUsqAc SERIE VORHANDEN — VERTRAUENSWUER0|Ge c ALFONSO MORITZSON Guanac^ 2, 't _ wq. cari