Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 22 (1961)
- Issue
- 1865 (1.4.1961)
- Date
- 1961-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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9*- 6 S ï a S Uh« < V FRANQUEO P/.UADC Concesión 908 Concesión 1629 TARIFA REDUCIDA MM ISRAELITA Año XXII. BUENOS AIRES, SABADO 1» DE ARRIE DE 19«! No. 1865 EL EJEMPLAR] an toda la Rapuèlic 4, Buenos Aires PUEYRREDON 2190 1* isq. T. E. 83 - 2613 Liste von NS - Verbrechern Der Jüdische Weltkongress in -New York hat unter dein Titel ,,Who was Who” (Wer war wer?) eine Liste von rund 1.500 Nazi- Kriegsverbrechern und Kollaborateuren vorbereitet, um der Staatsanwaltschaft im kommenden Eichmann- Prozess in Jerusalem die Arbeit zu erleichtern'. Diese Liste nennt u. a. zwölf Mitglieder vom Stab Eichmanns. von denen viele noch am Leben sind, und eine Anzahl seiner hauptsächlichsten Helfer. Samuel Bronfman, der Präsident der nordamerikanischen Abteilung des JWK, Mies darauf hin, dass im Eichmann Prozess bestimmt die Namen anderer, schon abgeurteilter Nazis oder anderer. die noch gesucht werden, sowie Personen genannt werden dürften, die indirekt für den an 6 Millionen Juden begangenen Massenmord verantwortlich sind. Die 96 .Seiten umfassende Schrift des Jüdischen Weltkongresses, die ..Vor. läutige Liste von Verbrechen gegen die Menschlich, keit: angeklagter oder verdächtiger Personen” betitelt ist. könne gut als Unterlage bei dem Prozess dienen, so äusserte Bronfman. Dr. Nehemia Robinson, der Direktor des Instituts , für jüdische Fragen des J.W.K., der die Liste aufges'ellt hat, erklärte, sie bestehe aus verschiedenen Kategorien, d. h. in ihr figurieren Nazis und Faschi. sten, die prozessiert und ab- . geurteilt wurden, tote und hingerichtete Nazis. noch [ flüchtige oder verhaftete Verbrecher. solche. die Selbstmord begangen haben oder verschwunden sind. j wie auch hochgestellte Angehörige des deutschen Hee. res und diplomatischen Korps, die unter Hitler dienten. Der Sachverständige des JWK für Kriegsverbrecher. ■ Fragen betont allerdings in einer Einleitung zu der Liste, dass ..nicht Jede Person. die während der Naziaera irgendein wichtiges Amt bekleidet hat”, oder die in der Liste aufgeführt wird. ,.notwendigerweise ein Verbrecher sein muss.” Dr. Robinson führt aus. 1 die List enthalte die Namen einiger Personen. deren Yerbrecl-sn nicht erwiesen sind, von denen jedoch aufgrund ihrer prominenten Stellung anzunehmen sei, dass sie zumindest Kenntnis von den Naziverbrechen hat. ten. Dr. Robinson hat die Liste ..vorläufig” genannt, denn sie soll später erweitert zur Veröffentlichung gelangen. ln der Liste des ..Who was who” figurieren verschiedene Personen, die in den USA leben. Diese sind Andrija Artukovic. Innenminister im nazistischen Serbien, und Ferdinand Durcansky, Aussenminister der von den Nazis kontrollierten Slowa. kei. Auch Laszlo Agh. ein ungarischer Reserveoffizier und Kommandant eines ungarischen Zwangsarbeitslagers. der kürzlich aus den Vereinigten Staaten depor. tiet wurde, ist angeführt. Artukovic lebt in Kalifornien. Durcansky, wie es heisst, im Mittelwesten. Der ■ Abgeordnete Utt für Kali, formen unterbreitete kürzlich im Kongress ein Gesetz, | durch das Artukovic die ständige Aufenthaltserlaub- : nis gewährt werden sollte. I Artukovics Auslieferung ist von der jugoslawischen Re. gierung begehrt worden. Die Männer, die im Stab | Eichmanns gedient haben, 1 werden von Robinson wie folgt benannt: Ferdinand Daurasch, Ernst Girzick. Oito Heischmann, Viktor NEUE GERUECHTE UM MENGELE Paris. — ,,Josef Mengele, der verbrecherische einstige Lagerarzt von Auschwitz, befindet sich gegenwärtig an Bord eines panamaischen Frachters, der nach Israel un. terwegs ist”, verkündeten als exklusivste Nachricht rie. sige Schlagzeilen auf der ersten Seite der Abendzeitung .Paris-Presse”. Diese Sensationsmeldung stammt, wie die Zeitung feststellt, aus gutinformierten Kreisen Tel Avivs, und sollte sie sich bestätigen, so würde sie einen neuen und ausserordentlichen Erfolg des israelischen Geheimdienstes bilden, der ebenso eklatant wäre wie die Dingiestmachung Eichmanns, welcher ebenfalls in Argentinien gefasst worden ist. Wie „Paris-Presse” schreibt, ist es den israelischen Agemen gelungen, heruszufinden. dass Mengele mit ei.; nenn polnischen Pass auf den Namen Stanislaus Pirsky nach Argentinien gekommen ist. Lange Nachforschungen ergaben, dass Mengele in Villa- Ansei, einem der, eleganten Viertel von Buenos Aires wohnte. Als die argentinische Polizei dort erschien, so pnthüllte das Blatt, w'ar Mengele verschwunden und seine Geliebte, eine Po. lin erklärte, er sei nach Brasilien geflohen. Im vergan. gen-,i Monat nun wurde den israelischen Geheimagenten befohlen, Mengele bis spätestens 15. März festzunehmen. Diese Eile ist, wie ,.Paris-Presse” ausführt, dem Wunsch der israelischen Regierung zuzuschreiben, Men. ge e als Hauptzeugen im Eichmann-Prozess auftreten zu lassen Inzwischen entdeckten die israelischen Agenten, dass Mengele weiter in Buenos Aires umveit der Redaktion der Zeitung ,,E1 Atlántico” lebte. Die Agenten, zu: denen einige gehörten, die an Eichmanns Festnahme beJ teiligi gewesen sind, drangen in der Nacht vom 7. zum 8 März in Mengeles Wohnung ein und führten ihren Ge. i taneenen zum Hafen von Ensenada, wo sie ihn an Bord | eines panamaischen Schiffes brachten, das am 20. März nach Israel in See stach. j lmpreso en la Imprenta POLIGLOTA — Rivadavia 831 RegLtio de la Propiedad Intelectual No. 656.635 Nagler. Otto Schw'aner, Oskar Senger, Alfred Slavik, Franz Stuschka, Frans Toy. fei. Josef Umschau. Josef Weizel und Anton Winniwarter. Andere Helfer Eichmanns sind folgende: SS-Offizier Theodor Dannecker, inzwischen tot: Oberstleutnant Lazio Ferenci, Verbindungsmann zwischen Eichmann und der ungarischen Polizei: SS-Offizier Harle-nber. ger; SS-Oberst Helm, Eichmanns Adjutant in Kroatien; Dr. Otto Hunsche. Eichmanns Adjutant in Ungarn, der jetzt in Deutschland auf seine Aburteilung wartet; Hermann Krumey, der Eichmann bei der Deportierung ungarischer. österreichischer und polnischer Juden half und jetzt in Deutschland inhaftiert ist; Eichmanns Beauftragter für die Transporte. Kurt Franz Nowak. der kürzlich in Oesterreich verhaftet wurde; Rolf Guenther, Eichmanns Vertreter in Prag, und sein Bruder, Hans Guenther, Lei. ter des jüdischen Auswanderungsbüros in Plag, die beide im Gefängnis sitzen, i Das Dokument des JWK gibt dann die Nr men von angeblichen Nazis und von Männern an, die mit den Nazis kollaborierten. welche heute Berichten zufolge in anderen Weltteilen leben; ’ In Argentinien: Dido Kvaternik. ein früherer Kroate; Josef Me-ngele. der als La- | gerarzt in Bergen-Belsen die Selektionen für die Aus. j; rottung durehführte; Juan! i Durcansky. früherer slowakischer Minister. dessen ■ Auslieferung Argentinien I abgelehnt hat.! In Brasilien: Baron Bubi von Alvensleben, Himmlers; Adjutant, der vermutlich für Massenhinrichtungen in Polen verantwortlich ist; Her. 1 bert Cukurz, lettischer Kollaborant der Nazis, und R. Striglios. Chef der Polizei j von Riga w'ährend der Nazi-1 Okkupation. In England: Die Nazihelfer Velde und Karlis Vitten.! bergs, die beide Bezirksleiter in Lettland waren. In Schweden: Karlis Vil- , kancis. hoher Nazibeamter in Ludza, Lettland. In Aegypten: Wilhelm 1 Boeckeler (jetzt unter dem Namen Abdel Mah Krim bekannt), früherer SS-Offizier, , der an der Liquidierung des Warschauer Ghetto beteiligt war: Erich Buenz (der jetzt Ali Allen heisst); Dr. Hans; Eisele. Lagerarzt von Dachau; Karl Holter, früherer Gestapo-Offizier; Dr. Johan- , nes von Leers (der sich jetzt Omar Armin von Leers nennt»; Albert Thielemann! (der heute den Namen Aman Khadar führt), frühe, rer hoher SS-Offizier. Boeckeler, Buenz und Thielemann sollen Nassers sog. ..Israel-Abteilung” angehören.! Ein anderer ehemaliger Nazi lebt, w'ie man glaubt, in Syrien. Es handelt sich ( um Alois Brunner, einer . von Eichmanns Stellvertre. ■ tern in Wien, Berlin, Paris und Saloniki. I Das Namensverzeichnis ( des J.W.K. ist noch nicht ab. geschlossen und soll später ífr" * •V.üi-Niää EICHMANN GAB ZU, dass er für den Transport der Juden aus vielen europäischen Ländern in die Vernichtungslager verantwortlich gewesen sei. Das Bild zeigt die i Ankunft eines Transportes in Auschwitz. i DIE EHRE EINER FRAU Folgenden, aus Würz- 1 bürg stammenden Bericht brachte die „Stuttgarter Zeitung“. „Meine Frau war keine , Verbrecherin, sondern ein hilfreicher Engel! Ich verlange ihre Rehabilitierung durch die Justiz.“ Mit diesem Begehren setzt der Würzburger Kaufmann Wilhelm Klaes seit zwölf Jahren der fränkischen Gerichtsbarkeit hart zu. Aber bis heute ist e-s ihm noch nicht gelungen, seine jüdische Frau, die 1943 wegen Hehlerei und Kriegswirt. schaftsverbrechea hingerichtet wurde, vor der Oeffentlichkeit in das Licht zu rücken, das diese hochherzige und tapfere Frau verdient. Die lanjährigen Be. 1 mühungen ihres Mannes um posthume Gerechtigkeit haben die Justiz zu Windun- 1 gen und Wendungen veranlasst. aus denen zu erkennen ist, wde sich die Rechtsauffassung im Laufe der Jahre ändert. Im Jahre 1942 hatten sich , einige junge Männer in Würzburg zu einer „Selbstversorgergruppe” zusam. mengeschlossen. Sie brachen in das Wirtschaftsamt ein und stahlen dort Lebensmittelmarken und Textilbe- 1 zugscheine in grösseren Mengen. Als man sie erwischte, stellte sich heraus, i dass ihnen Frau Klaes einen Teil dieser Marken abgekauft hatte. In der Klaes-; sehen Wohnung wurden ein kleines Lebensmittellager sowie zahlreiche Textilien gefunden. 1 Neben vier jungen Bur. sehen kamen Frau Klaes, ihr Mann und ihre beiden I Töchter auf die Anklagebank des Sondergerichs. Die wiederholte Frage, warum j sie in so grossem Ausmass ..gehamstert” habe, beantwortete Frau Klaes todesj mutig: „Damit wir was zu essen hatten!” Worauf ihr , „jüdische Raffgier” vorge. | worfen wurde. Gelassen nahm sie ihr Todesurteil hin. Auch einer 'der jungen Diebe wurde zum Tode verurteilt, während die ande- | ren drei zusammen mit dem Ehemann Wilhelm Klaes und seiner ältesten . Tochter ins Zuchthaus ka- ‘ men. Auch in der Todeszelle brach Frau Klaes nicht zu- ■ sammen, wie es ein wenige Stunden vor ihrer Hinrichtung geschriebener Brief 1 bewies. Sie ist voller Gottvertrauen und in dem Be-; wusstsein, für eine gute Sai che zu sterben, den letzten schweren Weg gegangen. Verschwiegen betten Frau i Klaes und ihre Angehörigen, dass die gehorteten Waren keineswegs für sie selbst bestimmt waren, sondern dass sie eine Unterstützungsaktion für ihre in allen Teilen Deutschlands le i benden jüdischen Verwandten eingeleitet hatten. Auch die vom Würzburger Bahn- | hof abgehenden Judentransporte pflegte Frau Klaes heimlich mit Lebensmitteln / zu versorgen. Dass sie dabei nicht nur mit ihrem, sondern auch mit dem Leben ihrer Familie spielte,! war ihr klar. Nach dem Kriege hielt Wilhelm Klaes, der übrigens : nicht jüdisch ist, den Zeitpunkt für gekommen, die Ehre seiner toten Frau wiei derherzustellen. Obwohl er seine Behauptungen kaum belegen konnte, da die mei. , sten der von Frau Klaes unterstützten Juden in Kon. zentrationslagern umgekommen waren, erreichte er 1948 die Wiederaufnahme des Verfahrens vor dem Landgericht Würzburg. In dem Prozess hatte er die volle Unterstützung des Staatsanwalts, der das vom Rassenwahn getränkte Terrorurteil. das die Vernichtung eines Menschenlebens bewirkte, aus der Welt zu . schaffen versuchte. : Die Würzburger Nachkriegsrichter bemängelten. ' dass Frau Klaes vorwie. gend Bekannte und Verwandle unterstützt habe, was nicht als .politische! Tat” gewertet werden könne. Das Todesurteil könne c'-shalb aus rechtlichen Gründen nicht aufgehoben 1 werden. Klaes legte Beru. , fung ein, aber das Oberlan- | desgericht in Bamberg be. i kannte sich 1950 zur Ent- , scheidung der Vorinstanz. Unterstützt von neuen i Zeugen und ausgerüstet mit : neuem Beweismaterial er. i reichte er jetzt eine Wiederi aufnahme des Verfahrns vor dem Würzburger Landge rieht, das sich auch diesmal ausserstande sah, einen I Freispruch zu fällen, weit Frau Klaes ausser Lebensmitteln auch Textilien gehortet habe, die möglicher, weise für den Eigenbedarf gedacht waren! Klaes sei den Beweis für seine Behauptung, dass diese Texti. lien bei Bauern gegen Lebensmittel eingetauscht werden sollten, schuldig geblieben. Immerhin kamen die Richter zu folgendem „salomonischem” Spruch: Das Todesurteil wird aufgeho. ben. Das Verfahren gegen Charlotte Klaes wird eingestellt. Dieses Urteil hat aber einen bedenklichen Haken, der in der Begründung siebt, bar wird. In ihm wird nämlich der nachträgliche Frei, spruc-h, der der hingerichteten Jüdin verweigert wird, dem Sondergericht von 1942 erteilt. Das wird so formuliert: Unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft befanden sich die Ju. den zwar unter einer dauernden und auf persönliche Vernichtung abzielenden rechtswidrigen Bedrohung, aber infolge der staatlichen Propaganda hätten das weder di? Oeffentlichkeit noch die Gerichte erkennen kön. nen. Wilhelm Klaes ist damit, keineswegs zufrieden. Er führt den Kampf um di* Rehabilitierung seiner Flau weiter mit dem Ziel. ..Freispruch wegen erwiesener Unschuld” zu erreichen.