Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 22 (1961)
- Issue
- 1862 (21.3.1961)
- Date
- 1961-03-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
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JÜDISCHE UIOCHEDSCUHII PUEYKREDON 2190 — 1? i*q. JfoJenuiKaJsAjajeJuici Ano XXII. BUENOS AIRES, .MARTES 21 DE MARZO DE 1961 T. E. 8 3 - 2 6 1 3 No. 1862 ISRAEL UND DER ALGERIEN-KONFLIKT Während die relative Beruhigung, die in Algerien nach den blutigen Zusammenstössen anlässlich des Besuches des französischen Staatspräsidenten de Gaulle wieder eingetreten ist, den Eindruck einer Pause zwischen schweren Kämpfen macht, wird der Algerienkonflikt auf der diplomatischen und publizistischen Ebene mit aller Heftigkeit weiter ausgeiochten. Kürzlich erschien in der bekannten französischen Zeitung „Le Monde“ ein Artikel des Journalisten Alfred Fahre-Luce — einer übrigens noch aus der Epoche des zweiten Weltkrieges recht umstrittenen Persönlichkeit — in welchem ziem, lieh klar zum Ausdruck gebracht wird, es könnte in kurzer Zeit eine Situation eintreten, in der Frankreich sich mit den algerischen Rebellen einige und zwar — auf Kosten Israels. Fabre-Luee weist in diei sein Artikel darauf hin. dass die Algerier bereits bei den 1 Vorverhandlungen ebenso 1 wie bei inoffiziellen Kontakten, die zwischen beiden Teilen in letzter Zeit be. I standen haben, besonders i betont hätten, jede Form! der Einigung mit Frank- ( j reich müsste vor allem ei- ' ne grundlegende Aenderung! j der französischen Israel- Politik zur Folge haben. | Nun wird wohl niemand | bestreiten, dass Frankreich wenn es ihm gelingen sollte ' den Algerien-Konflikt zu be. j enden, eine solche Lösung; nicht etwa nur ablehnen ■ wird, um die Freundschaft < I mit Israel aufrechtzuerhal-! ten. Politische Freundschaften basieren nun einmal t auf politischen Gegebenhei-! ten des Augenblicks und es; ist keineswegs ausgeschlossen. dass sich die Gesamtpo. , litik Frankreichs dem nord- : I afrikanischen und arabi- : sehen Raum gegenüber grundlegend verändern wür- I de, wenn es der französischen Regierung gelingen sollte, mit der FLN zu einer grundlegenden Verständigung zu gelangen, die ein algerisches Algerien mit enger Bindung zu Frankreich schaffen könnte. In diesem Zusammenhang ist nicht uninteressant, dass gerade jetzt aus den Kreisen der „Semitischen Aktion“ Uri Awneris eine „Front für ein freies Algerien“ geschaffen w’orden ist. Dieser Kreis ist der Ansicht, dass es an der Zeit sei, „in Israel, das ja während der letzten Zeit unaufhörlich mit Frankreich gegen das freie Algerien marschierte, auch eine andere Stimme zu hören“. Gerade dieser Kreis ist es. der bereits einmal Kontakte mit Arabern aufgenommen hatte, da er oftmals den arabischen Zielen, ohne dies zu beabsichtigen, in die Hände spielt. Die israelische UN-Dcle- WIE ICH ES SEHE Geheime und offene Kontakte Faschistische Internationale i Es ist ein offenes Geheimnis. dass es eine faschistische Internationale gibt. Die Einheitlichkeit der letzten grossen Schmierakiion im Januar 1960 hat hierüber 1 alle Zweifel zerstreut. Es sind auch genügend andere Beweise hierfür vorhanden. Die regelmässigen Tagun. JEHUDA COTTHEIMER ehemalige sind i,r, internationalen Waffenhandel aktiv, der ihnen die Möglichkeit gibt, r.eben einträglichen Verdiensten auch alte wie neue Verbindungen mit Gleichgesinnten aufzunehmen. — Dass die Nazis, die in fühi-er Kloppe, einen ehemaligen höheren SS-Kiihrer und Chef der Polizei in Posen, sind drei weitere SS- F (ihrer wegen Mordverdachts verhaftet worden. Der SS-Obergruppenführer Koppe, der nach Kriegsende unter dem Namen Lohmann Südamerika Zuflucht gefun- 1 untergetaucht w'ar und in den hatten, miteinander in einer westdeutschen Scho- Beziehungen standen, kann j koladenfabrik eine leitende mer Kontakt vorhanden ist. Einige dieser Leute sitzen in Kairo, wo sie sjch unter Nasser.« Schutz begeben ha. ben. ohne dass ihre Hoffnungen auf ihn völlig in Erfüllung gegangen sind. Eine | Warnungen erfunden, das gerade jetzt bei neuerlichen Verhaftungen von Nazis in Deutschland mit aller Deutlichkeit in Erscheinung trat. Im Rahmen des Ermittlungsverfahrens gegen den früheren SS-Obergruppen- „verschwinden”, und für nehmung von etwa hundert stattliche Anzahl befindet sich auch im geistesverwandten Spanien, w'o sie sich als Vertreter bedeu- , tender — meist westdeut- I scher — Industrie-Unternehmungen betätigen. Viele Die Welt kann dankbar sein Jerusalem. — Der nordamerikanische Dichter Robert Frost sprach seine aufrichtige Bewunderung für das Werk aus. das Israel auf dem Gebiet der Eingliederung von Einwanderern aus den verschiedenen Ländern vollbracht hat. Frost, der nach Israel als Gast der Hebräischen Universität unter den Auspizien der Samuel Paky-Stiftung von Philadelphia kam, äusserte zu den Journalisten, er sei auf das Interesse und die Unterstützung Nordamerikas stolz. Des weiteren erklärte er, die Welt könne dankbar sein, dass es ein Land wie Israel gäbe, das Einwanderern aus den verschiedensten Ländern Zuflucht bietet. Der 85jährige Dichter sprach vor einer Hörerschaft, die das Auditorium bis auf den letzten Platz füllte. Er las auch aus seinen Gerichten vor. Er wurde von Staatspräsident Jizchak Ben Zw'i und Gattin empfangen. Die bedeutendsten Erzieher und Schriftsteller des Landes waren zu der Veranstaltung erschienen. Frost betonte, sein besonderes Interesse habe den archäologischen Ausgrabungen gegolten, die er während seines Aufenthaltes besichtigen konnte. (ITA ' gation wurde des öfteren für i ihre Position anlässlich der 1 UN-Abstimungen über die Selbständigkeit Libyens gei tadelt. Damals stimmte Israel für diese Unabhängigi keit, und es gab weite Krei. ' j se im Lande, die dagegen \ einwandten, man habe also . : eindeutig geholfen, sieh selbst einen weiteren Feind zu schaffen. Wir stehen bei | der Algerien-Frage vor einem ähnlichen Problem, | auch hier würde jede Unterstützung der algerischen i Freiheitsbestrebungen einerseits einen neuen Feind schaffen helfen und andererseits nichts an der grundlegenden Haltung sowohl i aller arabischen Staaten als auch der Algerier Israel gegenüber ändern. I; Wie sehr oft, dürfte der richtige Weg in der Mitte ( liegen. Man kann es sich wohl in der heutigen Welt nicht leisten. — und als jun- : ger Staat in Asien schon garpicht — gegen den Forschritt Stellung zu nehmen,! auch wenn dieser Fortschritt einem noch so zwei- , felhaft und peinlich erscheinen mag. Auf der anderen 1 Seite hat man auch seine Freunde, solange sie aufgrund der politischen Gegebenheiten solche sind, zu halten. Hier den richtigen Weg zu finden, mag recht schwierig s-ein. Aber diese Form der Balancierung ist ja eben das, was man schlechthin Politik nennt. WEH SIND OIE ANTISEMITEN? Eine grösser? Anzahl älterer Leute als Angehörige der jungen Generation sind in Nordamerika Antisemiten, und mehr Frauen als Männer stehen den Jüdin ablehnend gegenüber. Dieses Resultat ergaben verschiedene Meinungsumfragen, die veranstaltet wurden, um den Zusammenhang zwischen der antisemitischen Einstellung und gewissen Faktoren, wi? z. B. Erziehung, wirtschaftliche Lage und Alter festzustel'en. Diese Umfragen haben ferner erwiesen, dass je mehr Erziehung die Menschen genossen haben und je mehr Geld sie verdienen — dies bis zu einer gewissen Grenze —, umso seltener sind sie Antisemiten. Das American Jewish Committee hat kürzlich einen Bericht veröffentlicht, der sich mit diesen Wechselbeziehungen beschäftigt. Die Untersuchung zeigt, dass die Erziehung der ausschlaggebende Faktor ist. Aermere und ältere Leute, sowie Frauen sind häufig weniger gebildet als wohlhabendere, jüngere Leute und Männer. Immerhin bereitet es dem American Jewish Committee Schwierigkeiten, eine Erklärung dafür zu finden, warum das Vorurteil gegen Juden anscheinend mit der zunehmenden Erziehung abnimmt. Es wird darauf verwiesen, dass im kaiserlichen Deutschland das Gegenteil der Fall war. Dort waren die gebildeteren Schichten die antisemitischsten. Bei einer kürzlich im Lande durchgeführten Untersuchung dieser Zustände kam man zu der Schlussfolgerung, dass nicht die Erziehung allein für das Fehlen von Vorurteilen massgebend ist, sondern dass eine Kombination von Merkmalen be' den Menschen vorliegt, die Wert auf Erziehung legen. Auch persönliche Fühlungnahme scheint einen Unterschied zu bewirken, wie aus der Untersuchung hervorgeht. Die mit der Befragung Beauftragten fragten die Leute, ob und welche Art von Beziehungen sie zu Juden unterhielten, z. B. ob sie mit Juden zusammen arbeiten, gesellschaftlichen Verkehr unterhalten oder mit ihnen in der gleichen Nachbarschaft leben. Diejenigen, die derartige Verbindungn hatten, schienen weniger antisemitisch als jene, die solche Be. Ziehungen nicht aufweisen konnten. Besonders Jugendfreundschaften schieren in diesem Zusammenhang eine grosse Rolle z.u spielen. Das American Jewish Committee vertritt allerdings den Standpunkt, es sei auch möglich, dass es nicht der mit Juden gepflegte Verkehr ist, der das Vorurteil abschwächt. sondern vielmehr das Fehlen von Vorurteilen, das die Beziehungen fördert. Jedenfalls bestätigt der vorliegende Bericht, dass Erziehung und Kontakt die beiden Faktoren bilden, die de-n Antisemitismus verringern, besonders bei Nordamerikanern aus der Mittelklasse. Das American Jewish Committee konnte allerdings nicht feststellen, welches der beiden Elemente wichtiger ist, doch es besteht die Absicht, den Fall eingehender zu prüfen. BORIS SMOLAR nach den Enthüllungen nicht Stellung angenommen hat. zweifelhaft sein, die im Zu- , te, war am 30. Januar 1960 sammenhang mit der Eichi unter dem Verdacht der gen der bekannten Faschi- 1 mann-Affäre gemacht wor. Mittäterschaft an der Ersten und Antisemiten aller den sind. Es hätte dieser ( mordung von mehreren hun- Länder liefern den schlüssi- ' Beweise nicht bedurft, denn ■ derttausend Polen und Jugen Beweis, dass ein intidiese Querverbindungen waden festgenommen worden ren auch schon vorher bej und befindet sich seit die. kannt. Im Laufe der Jahre ser Zeit in Untersuchungswurde überall ein eigenes haft. Das ausserordentlich System für „Untertauchen”, j schwierige Ermittlungsve-rein neudeutsches Wort für fahren ergab bei der Ver- Zeugen Hinweise auf den | Verbleib anderer früherer SS-Fiihrer, denen ebenfalls Mord oder Beteiligung am Mord in Vernichtungslagern zur Last gelegt wird. j Aus dem Koppe-Verfahren sind mehrere andere neue Ermittlungsverfahren hervorgegangen, die zum Teil an andere Staatsanwaltschaften abgegeben wurden, j zum anderen Teil aber auch bei der Bonn?r Staatsanwaltschaft bearbeitet weri | den. Als mutmassliche Täter werden noch weitere ’ ehemalige SS-Fiihrer ge. ' 1 sucht. Die Ermittlungen gelten deshalb als so schwie- ' j rig, weil offenbar zwischen 1 den früheren unter Mordverdacht stehenden und , i noch in Freiheit befindli-; chen SS-Fühi'ern eine Verbindung besteht. Wie es i heisst, sollen sie sich gegenseitig warnen. Durch dieses! Verteidigungssystem soll es mehreren Tatverdächtigen inzwischen gelungen sein, ‘ j völlig unterzutauchen.! i Das Ermittlungsverfahj ren im Falle Koppe steht kurz vor dem Abschluss und , wird demnächst in die ge. rieh (liehe Voruntersuchung gehen. Es ist damit zu rechnen, dass der Ermittlungsrichter auch einige Monate für seine Ermittlungen in diesem umfangreichen Komplex benötigt. II. I Clueck gehabt | Glück gehabt, hat der frühere SS-Hauptsturmfiih. rer und Mitarbeiter Eichj manrs Franz Novak. der, nicht nach Deutschland ausi geliefert werden kann und | deswegen in Oesterreich abgeurteilt werden soll, wo sich zahlreiche Nazi-Mörder noch in Freiheit befinden, | obwohl ihre Namen von den Verfolgten - Organisationen : bekannt gegeben worden sind. Eine Ueberprüfung seiner Staatsangehörigkeit hat ergeben, dass er als österreichischer Staatsbür-; ger zu betrachten ist. Er kann also nicht an die Bundesrepublik ausgeliefert werden. j Das österreichische Innen, ministerium hat in den letzten Tagen an Hand der von der Bezirkshauptmannschaft in Wolfsberg (Kärnten) angeforderten Akten überprüft, unter welchen Um-1 ständen die im Jahre 1934 erfolgte Ausbürgerung No. ' vaks widerrufen wurde und dieser 1957 die österreichische Staatsbürgerschaft zu-! rückerhielt. Wie ein Spre-! eher des Innenministeriums 1 erklärte, war das Ministerium bei der WiedervetJei. ■ hung der Staatsbürgerschaft [ nicht eingeschaltet, sie sei durch die Bezirkshaupt-! mannschaft in Wolfsberg 1 ohne Rückfrage in Wien erj folgt. Da Novak auf der in Oesterreich geführten j Kricgsverbrecherliste nicht verzeichnet gewesen sei, ha- , he der Sachbearbeiter der Bezirkshauptmannschaft die Ausbürgerung offenbar oh. ne Bezlenkon widerrufen, zumal Novak seinen Weggang aus Oesterreich im Jahre Jahre 1934 mit wirtschaftlichen Motiven begründet hatte. Ob schuldhaftes Verhalten des Beamten vorliege und Disziplinarmassnahmen ergriffen werden könnten, sei noch nicht geklärt. Eine Anfechtung des Widerrufes der Ausbürgerung sei jedoch nicht möglich. Novak bleibe also Oesterreicher. Novak war am 20. Januar auf Grund eines Haftbefehls der Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main in Wien verhaftet worden, wo er Betriebsleiter einer Druckerei war. Zwischen 1945 und 1957 hatte er unter falschem Namen gelebt, seine österreichische Staatsbürgerschaft hatte er aber unter seinem richtigen Namen wieder beantragt und auch zurüekerhalten. Um die Arbeit der österreichischen Behörden, die eine Voruntersuchung gegen den in Wien festgenommenen Eichmann-Mitarbeiter und früheren SS-Haupt- I Sturmführer Franz Novak eingeleitet haben, zu erleichtern, hat die Frankfurter Staatsanwaltschaft eini- . ge Fotokopien des ihr vor- < liegenden belastenden Ma-! terials nach Oesterreich ge. j schickt. "Ergänzendes Mate-; rial wird, wie Erster Staatsj anwalt Dr. Grossmann in ' Frankfurt a. M. mitteilte, 1 spater folgen. Die österreij chisehen Behörden hatten ' sofort nach der Verhaftung darum gebeten. i Wie der Statsanwalt ferner mitteilte, haben die deutschen Justizbehörden bereits vor mehr als zehn * Jahren von offizieller österi reiehischer Seite Unterla- I gen über Novak erhalten, I dessen Aufenthalt damals noch nicht bekannt gewesen I ist. j Bei diesem Sachverhalt dürfte es umso merkwürdi- I ger sein, dass Novak ohne jede Schwierigkeit seinerzeit seine österreichische Staatsangehörigkeit erhalten oder wiedererlangt hat. Die offizielle Mitteilung i .r Wier.er Behörden ist voller Widersprüche. Warum stand Novak nicht auf der österreichischen Kriegsverbrecherliste (Behauptung 1), während im gleichen Augenblick von deutscher Seite erklärt worden ist i Be. hauptung 21, dass die deutschen Justizbehörden bereits vor mehr als 10 Jahren von offizieller österreichischer Seite Unterlagen über Novak erhalten hätten. Wie lassen sich diese beiden Behauptungen miteinander in Einklang bringen? Wie können die Oesterreicher bei ihrer Darstellung bleiben, sie hätten nichts von Novak gewusst, wenn sie selbst das Material zur Verfügung gestellt haben, woran jetzt wohl nicht mehr gezweifelt werden darf. Da diese Lage nicht bequem ist, wird die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit sofort auf den „Schuldigen” gelenkt, den Beamten, der die Einbürgerung vornahm. Dabei ist cie Einbürgerung doch nur eine Nebenerscheinung. Mit Recht wird man eher fragen dürfen, wer die Verantwortung dafür trägt, dass ein Kriegsverbrecher nicht gesucht wird. Eigentlich brauchte er nic.bt .gg,y,mht’' su werden, denn er war ja da, er hat sich selbst bei den Behörden gemeldet, lebte unter seinem Namen und hatte guten Grund, sich gerade in Oesterreich sicher zu fühlen Dieser Fall dürfte erneut dazu beitragen, die Zustün. de, die heute wieder in Oesterreich herrschen, in ihrem besonderen und ei. genen Licht zu sehen. Auf der gleichen Linie der Ignorierung der vergangenen Schandtaten liegt die beharrliche Weigerung der österreichischen Behörden, eine Wiedergutmachung an (Schluss auf Seite 2)