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Jüdische Wochenschau · 1961-03-10 · 1859 (10.3.1961) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
22 (1961)
Issue
1859 (10.3.1961)
Date
1961-03-10
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German, Spanish
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FHAÍiOjtÜ r/.v Aln. J* * « ’S ConoMidn S0Ï s IS 1S29 TARIFA REDUCIDA MANA ISRAELITA Año XXII. BUENOS AIRES, VIERNES 10 DE MARZO DE 1961 No. 1859 EL EJEMPLAR •o toda la Republic* 4, Bueno* Air** PUEYRREDON 2190 1« Uq. T. E. 83 . 2613 Schuld und Entschuldigungen Der Weg zu dem Ziel, Oesterreich möge endlich Wiedergutmachung für die Schädigungen leisten, die im Inland lebende Opfer des Nationalsozialismus erlitten, liegt nunmehr frei, wenn aach nicht vor dem Herbst mit den Zahlungen zu rechnen ist. Die Verhandlungen haben ein weit über die Grenzen des Landes reichendes Mass, aber auch Echo gefunden. Oesterreich kann sich seinen Verpflichtungen nicht mehr entziehen, denn ein internationaler Skandal wäre im Gegenfall die Folge. Bevor wir auf das Thema ..Wie, wann und was“ der Wiedergutmachung eingehen, seien einmal gewisse Vernebelungstaktiken enthüllt. die gerade in letzter Zeit in steigendem Umfang die Basis der ganzen Angelegenheit hi den Augen der Umwelt verwischen wollen. Dass nämlich diese Taktiken und Praktiken bei gewissen naiven Menschen einer. Erfolg haben, sieht man daraus, dass man immer wieder auf keineswegs feindlich Gesinnte stösst, die ganz einfach der Meinung sind, die Juden hätten schon ein Vielfaches der durch den Nationalsozialismus erlittenen Schädigungen erhalten und jeder lebe in gesicherten Verhältnissen. Wer diesen Satz aufmerksam gelesen hat, der ist schon beim ersten Punkt der Vernebelungstaktik, nämlich: „die Juden“. Es ist leicht zu beweisen, dass es in Oesterreich nur rund 10.000 Juden gibt, Säuglinge miteinbegriffen. Von der Gesamtzahl wie er ist ein grosser Teil überhaupt erst 1945 eingereist und später Staatsbürger geworden. Der Prozentsatz der Menschen, die unter dem Naziregime in Oesterreich finanzielle Schädigungen erlitten und nicht Juden sind, ist ungleich grösser als derjenigen jüdischer Konfession. Man liebt es aber von mancher Stelle. das Wort „Wiedergutmachung“ automatisch mit „Juden“ in Verbindung zu bringen. Das Missbehagen, der Neid und die Wut über noch zu ervon GEORG KU EN ST LUV GER, Wien OIE ENTWERTUNG Jerusalem. — Sowohl das Finanzministerium wie die Staatsbank erklärten entschieden, es bestehe keine Absicht, das israelische Pfund abzuwerten. Diese Erklärung wur. de abgegeben, nachdem der Direktor der Bankunion, Isarel Barisof, genus serf hate, die Abwertung sei unvermeidlich, weil die heutigen verschiedenen Kurse eine wirtschaftliche Unsicherheit schaffen. Dies sei seine presönliche .Meinung, bemerkte er, und seiner Ueberzeugung nach müsse das Pfund früher oder später abge. wertet werden, ur.d je früher dies geschehe, umso besser. (ITA) bringende Leistungen aus ' dem österreichischen Budj get sollen gegen die jüdische Minorität gerichtet! werden, um die nicht zu leugnende eigene Schuld nicht zugeben zu müssen. Man kann das ganz einfach durch den berüchtigten Satz ausdrücken: „Der Jud’ ist schuld!”: Wie oft haben wir in den vergangenen Jahren in den Artikeln, die sich mit der Wiedergutmachung befassten, geschrieben, wir lehnten den Ausdruck einer „Gesamtschuld“ ab, bestanden aber auf dem Ausdruck der „Gesamt . Verantwortung”! Wie oft hofften wir doch, es möge die Wahrheit schon dadurch leichter siegen, dass wir vom jüdischen Standpunkt aus, nie in „fanatischer“, sondern stets in einsichtsvoller, ja mau kann ruhig sagen, in „übero'bjektiver“ Weise schrieben. Doch ist es immer wieder das gleiche Spiel: die Gegenseite hält jede Einsicht i unsererseits für Dummheit, ¡jede Objektivität für Fcig-! heit! j Wer ist nun diese „Ge- I genseite“? Das ist wirklich I schwer zu erfassen. Denken i wir doch einmal daran, dass I vor fast einem Jahr, als ' die 15. Wiederkehr der Be- I freiung Oesteri'eichs von; nationalsozialistischer Herr, schaft und gleichzeitig die 5. Wiederkehr der Unterzeichnung des Staatsvertrages gefeiert wurde, namhafte Politiker beider Koalitionsparteien erklärten, es sei eine Schande für Oeste. I reich, dass so viele Jahre I nach Kriegsende noch nichts | an Wiedergutmachung für i in Oesterreich lebende Geschädigte des Nationalso-! zialismus geleistet wurde. Das Jubiläum der Befreiung wurde geradezu dazu verwendet, um diesen Zustand anzuprangern. So sprachen und schrieben Rcgierungsmitglieder und leitende Parteifunktionäre. Das ist also nicht von Geschädigten oder gar nur von der Minorität derjenigen jüdischer Religion behauptet worden, das sagten diejenigen, die dafür sorgen sollten, dass dieser als Schande angeprangerte Zustand aus der Welt geschafft werde. So können sie also nicht als die „Gegenseite“ bezeichnet werden. Dennoch erscheinen, wie eingangs erwähnt, gerade anlässlich der letzten Verhandlungen mit der Deutschen Bundesrepublik über den deutschen Beitrag zu öesterreichischen Wiedergutmachungs - Zahlungen, zahlreiche Aeusserungen, die wiederum einmal die Basis des ganzen Fragenkomplexes vernebeln wollen. Die Basis ist ganz einfach: Oesterreich ist aus der Gesamtverantwortung seines Volkes an den Taten des Nationalismus heraus verpflichtet — gewiss nach Massgabe seiner Verhältnisse —, die Opfer zu entschädigen, wie gesagt, wenigstens teilweise. Ueberdies bestimmt das auch der Qta afci/Drtpfl erf Warum , ten denn — was man hier garnieht gern hören will —! vor einiger Zeit die drei , westlichen Grossmächte,! die den Staatsvertrag unter.! schrieben, Oesterreich dar- ] auf aufmerksam gemacht, es sei höchste Zeit die Verj pflichtungen auf diesem Gebiet zu erfüllen? I Auf die einschlägigen Paragraphen des Staatsver-! träges wies auch eine Reso. i lution eines Kongresses in I Israel hin, die dann dem i österreichischen Botschaf. j ter übergeben wurde, und in der vermerkt war, Oesterreich habe seine Verpflichtungen gegenüber den rassisch und politisch Verfolgten des NS-Regimes und vor allem die Bestimmungen des Staatsvertrages nicht erfüllt. Die Reaktion in Oesterreich war aber wie. der nicht, wie man doch hätte erwarten können (siche die oben zitierten Aussprüche anlässlich des 15. Jahrestages der Befreiung), dass von Schuld oder zumindestens von der Verantwortung gesprochen wurde. Manche Leute gingen seelenruhig mit der alten, leider so bewährten Vernebelungstaktik vor. Ein Abgeordneter erklärte in einer wiener Versammlung, man dürfte derart schwerwiegende Anschuldigungen gegen Oesterreich nicht unwidersprochen lassen. Ja, er ging in seinen Ausführungen so weit, dass er von manchen Leuten sprach, die heute im Ausland in gesicherter Stellung leben und keineswegs Not leiden, zu übersehen scheinen, dass es auch in Oesterreich noch zehnt ausende Menschen gibt, die für jene Verluste, die sie während des Krieges oder in der Nachkriegszeit erlitten haben, noch keine oder eine nur sehr unzureichende Entschädigung erhalten haben.“ Ueberdies erklärte er, man müsse ein „Weissbuch“ herausgeben, dass die noch nicht erfüllten Forderungen, aber auch alle erbrachten Leistungen genau anführen solle. Damit sind wir bei einer weiteren Methode der Vernebelungstaktik: alle Schäden. die seit 1938 bis mindestens 1J55 entstanden sind, werden in einen Topf geworfen. Wenn man zu den Forderungen der NS-Verfolgten diejenigen der Bombengeschädigten, der Heimatvertriebenen, der Spätheimkehrer, der Besatzungsgeschädigten, usw. zählt — nun, dann kommt man wohl auf Beträge, die das österreichische Staatssäckel (das sind die Steuern von uns allen!) natürlich nicht ersetzen kann. Man jongliert aber mit all diesen Zahlen, in der nicht getäuschten Erwartung, in der Bevölkerung werde schliesslich nur übrig bleiben: die Juden verlangen diese Beträge, die Juden haben sie oder werden sie bekommen! Das ist nicht übertrieben, auf das kommt es wirklich heraus! Das soll festU"halten werden. weil n"mlich derselbe Abgeordnete in einer Besprechung der Entschädigungsverhandlungen mit Bonn selbst erklärte, der Vertrag werde voraussichtlich aus drei Teilen bestehen. Der erste Teil sieht eine Regelung der Entschädigung für die Heimatvertriebenen und Umsiedler, der zweite Teil die Lösung für die politisch Verfolgten und schliesslich der dritte Teil die Bereinigung der Forderungen der Sozialversicherung vor. Es ist jetzt verfrüht über Beträge zu sprechen, auch sollen die noch ausstehenden Verhandlungen in keiner Weise gestört werden. Zum Vergleich sei nur eine Zifferngruppe genannt, die von Vertretern der Verbände, deren Mitglieder Forderungen haben (also alle die oben Genannten) als Minimum angedeutet wurde: der erlittene Schaden wird mit ungefähr 3 bis 4 Milliarden D-Mark beziffert, doch wurde als irgendwie tragbarer Ausgleich immerhin eine Summe von 650 Millionen D-Mark angedeutet. Selbst von dieser Summe würde weniger als ein Drittel (200 Millionen D-Mark) für die Verfolgten angenommen. Um aber kein Missververständnis aufkommen zu lassen: das sind die herabgesetzten Schadenssummen und nicht die zu erwartenden Zahlungen! In der Wiedergutmachungs - Frage richteten Vereinigungen ehemals politisch Verfolgter, KZ. und Lagergemeinschaften einen dringenden Appell an die Mitglieder der Bundesregierung, sowie der gesetzgebenden Körperschaften und an die mit den Fragen der Wiedergutmachung befassten Stellen. In diesem Appell wird daran erinnert, dass Artikel 26 des Staatsvertrages besage, dass Oesterreich verpflichtet ist, den durch das NS.Regime Geschädigten Ersatz für die erlittenen Schädigungen zu leisten. In dem Appell heisst es weiter, dass heute, mehr als 15 Jahre nach Beendigung der Annexion Oesteri reichs durch das Gross- ■ deutsche Reich die entsprechenden gesetzlichen Be- | Stimmungen noch nicht ein. 1 mal erlassen wurden, geschweige denn, dass auch nur eine annähernde Wiedergutmachung erfolgt ist. Die vermögensrechtlichen Verhandlungen zwischen Oe. sterreich und der Bundesrepublik Deutschland werden auch von den unterschriebenen Verbänden unterstützt. „Es kann und darf jedoch“, heisst es dort, „die Gewährung und das Aus. mass der Wiedergutmachung nicht von dem Erfolg dieser Bemühungen abhängig gemacht werden. Unter gar keinen Umständen darf der vom Parlament gesetzte Termin — 31. März 1961 — erstreckt werden“. Das war ein richtiges Wort, das auch wir nur unterstreichen kön- | Wenn wir von der „Gej Samtverantwortung“ spre- | chen, wollen wir nur der Einsicht zum Durchbruch ’ verhelfen, dass das Volk.! das heute mit Recht so Die Krise im Kongo und Israel New York. — Die Ereignisse im Kongo haben begonnen, Israel in einer Weise in Mitleidenschaft zu ziehen, dass die Regierung sich gezwungen sieht, Massnahmen zur Wiedergutmachung der Schäden zu unterneh. men. Während die israelischen Politiker sich um die Lavon-Affäre stritten, hat Nasser an Terrain in den afrikanischen Ländern gewonnen, in denen Israel sehr populär war. Selbst Ghana und Mali, wo Israel bedeutende Kapitalien investiert hat, erliegen heute dem Ein. fluss Nassers. Die leitenden Staatsmänner dieser Länder, die der Tagung in Casablanca beiwohnten, auf der die afrikanischen Länder ihre Aktion im Kongo zu koordinieren versuchten, stimmten auf Betreiben Nassers für eine antiisraelische Resolution, die in energischem Ton gehalten war. Israel wollte zuerst nicht glauben, dass Dr. Nkruma und der Premierminister von Mali die Erklärung von Casablanca unterschrieben hätten. Als sich herausstellte, dass dem wirklich so war, sandte Israel Emissäre nach Ghana und Mali, um an höchster Stelle Protest zu erheben. Doch Ghana und Mali blieben bei ihrer Zustimmung zu der antiisraelischen Resolution. Dies war der schwerste Schlag für Israel, seit die USA im Sinaifeldzug sich gegen Israel gewandt hatten. Bisher pflegte Israel Ghana und Mali als seine besten Freunde in Afrika zu betrachten. Der jüdische Staat hat dort nicht nur Kapital investiert, sondern auch viele Experten in diese Staaten entsandt, Industrie und Handel aufgebaut und auf vielen anderen Gebieten Hilfe geleistet. Jetzt haben sich die Israelis entschlossen, die antiisraelische Haltung Ghanas. Malis und Guineas innerhalb des Rahmens der afrikanischen Ereignisse zu betrachten, und sie werden ihre Investitionen in diesen Ländern einer Prüfung unterziehen müssen. Dies wird ein bedauerliches Unternehmen sein, besonders wenn Nasser dazu schreiten sollte, seine Position in den afrikanichen Ländern, wie er dies bisher getan hat, unter Ausnutzung der stürmischen Vorgänge im Kongo zu festigen. BORIS SMOLAR stolz auf seine schwer errungene Souveränität und das Bestehen demokratischer Verhältnisse ist, beitragen muss, dass diejenigen, die am meisten für die Errinerung dieser Selbständigkeit und für die Wiederaufrichtung demokratischer Verhältnisse gelitten haben, einen, wenn auch nur kleinen Teil der erlittenen materiellen Schäden ersetzt bekommen. Wie richtig dieser Ausdruck „Gesamtverantwortung“ ist, geht aus vielen Kommentaren anlässlich der Verhaftung des ehemaligen SS-Hauptsturmführers Franz Novak, des Komplizen Adolf Eichmanns hervor. Zahlreiche österreichische Blätter schrieben unter Titeln, ähnlich wie „Die Eichmanns sind unter uns!“ und spielten damit auf den ausgezeicheten Nachkriegsfilm „Die Mörder sind unter uns“ an. Die katholische Wochenzeitschrift „Die Furche“ schrieb von einer „grossen Blindheit in Wien, die als eine schwere Wolke über unserem Land liegt”. Als einen der Hauptgründe gibt das Blatt an: „Da ist es zuerst und zuletzt das Schielen führender Männer und Manager in beiden Regierungsparteien nach „nationalem Stimmvieh“, dem man nicht weh tun möchte“ Das katholische Blatt erklärte, sehr bewusst habe man hierzulande ein politisches Klima geschaffen, das ungleich den Verhältnissen in der Bundesrepublik i Deutschland, die Erinnerung an das Wissen, an das, was geschehen ist und was nicht wenige Oesterreicher mitverschuldet haben am Zusammenbruch Europas, verdrängt. Die Zeitung schliesst ihren lesenswerten Artikel mit den Wörtern „Seither feiern ein böser Dünkel und eine mörderische Ueberheb. lichkeit, ein scheinheiliges Sich-die-Augen - Auswischen bei uns Triumphe. Müssen wir uns immer wieder erst von Amerikanern, Engländern, Holländern und nicht zuletzt von Deutschen (und von 10.000 D-Mark, die auf die Erfassung eines Verbrechers ausgesetzt sind) anregen lassen, über unsere wahren Verhältnisse nachzudenken?“ Soweit das Blatt dem man unmittelbare Verbindungen mit der katholischen Kirche nachsagt. Das Organ der sozialistischen Partei, die „Arbeiterzeitung“, schrieb unter dem Titel „Heilsame Beschämung“, es wäre grundfalsch wenn wir uns der Tatsache verschliessen wollen, dass Teile unseres Volkes dem furchtbaren nazistischen Judenmord keineswegs so entsetzt gegenüberstehen, wie sie sollten. „Es ist jedenfalls bitter wahr“, fährt die Zeitung fort, „dass nur zu viele Menschen den Mord an 6 Millionen Juden in irgendeinen Winkel ihres Gehirns verdrängt haben, in dem er sie nicht aufregt, und die Beteiligung daran als eine Art Gentlemandelikt aJbtun, allenfalls mit Entschuldigung. “ Die offenen Worte dieser — untereinander so polaren Blätter mögen einmal in das Volk eindringen. Es soll nicht mehr zu Vernebelungen und Entschuldigungen kommen. Die Toten können j nicht wiedererweckt, die I Tränen kaum getrocknet, 1 die Wunden nur schlecht I geheilt werden! Aber diese! so geringfügige materielle Entschädigung, deren Nichtleistung in den Augen der ganzen Welt eine wahre Schande ist, die nicht die „NS-Verfolgten“, sondern das ganze Land schwerstens schädigt — die darf nicht mehr auf die lange Bank geschoben werden. Registro de la Propiedad Intelectual No 656.635

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