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Jüdische Wochenschau · 1961-03-03 · 1857 (3.3.1961) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
22 (1961)
Issue
1857 (3.3.1961)
Date
1961-03-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German, Spanish
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4 — Viernes, 3 de Marzo de 1961 An« XXII. — N». 1857 Das Tagebuch des SS-Arztes Dr. Kremer — von Herbert Kiisel I)er 76 Jahre alte ehemalige Universitätsprofessor und SS-Arzt im Konzentrationslager Auschwitz, Dr. Johannes Kremer, wurde im November vom Schwurgericht Münster wegen Beihilfe zum Mord in zwei Fällen zu zehn Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt. Die Strafe gilt durch die Haft Kremers in Polen als verbüsst. Das polnische Volkstribnnal hatte ihn bereits 1947 wegen seiner Tätigkeit in Auschwitz zunächst zum Tode verurteilt, ihn jedoch später zu lebenslanger Haft begnadigt. 1958 wurde der SS-Arzt entlassen und kehrte in die Bundesrepublik zurück. Bei dem Prozess in Münster war das Tagebuch Kremers, dem die Universität Münster wegen seiner Tätigkeit im Dritten Reich den Professorcntltel aberkannt hatte, das wichtigste Beweismaterial der Staatsanwaltschaft. Neun Stunden etwa sind es von Prag. Ueber Olmütz und Mährisch-Ostrau geht die Strecke, und am frühen Abend, kurz nach halb sechs, ist der Zug am Ziel. Ankunft: 17.36 Uhr. ..Erhalte streng geheimen Instruktionsbefehl", trägt sich der Mann den Tag in sein Schreibheft ein. Sommer 1942. am 30. August. Es ist eine drückende Hitze. Die Schwüle des Sommers. Am nächsten Tage: Achtunddreissig Grad im Schatten. Staub und unzählige Fliegen. Verpflegung ausgezeichnet; heute abend, zum Beispiel, saure F.ntenleber für vierzig Pfennig. Das Wasser ist verseucht im Lager, aber es gibt Sprudel genug. Die Selters. flasc-hen werden unentgeltlich ausgeteilt. Wir sind ln Auschwitz. Nicht unter den Häftlingen, gottlob. Drüben sind die Baracken, und was dort umherläuft, trägt die gestreiften Kittel. Der Mann, der gestern hier angekommen ist. sich umschaut, seinen Dienst aufnimmt, hatte sich beim Lazarett in Prag melden sollen. Auf acht, neun Wochen, vielleicht auch zehn, bis zum Ende der Semesterferien, war er dorthin entsandt worden, in das Lazarett nach Prag. Es ist ein Lazarett der SS, und man fährt vom Bahnhof mit der Strassenbahn hinaus, und wenn er das aufschreibt in sein Büchlein, das mit der SS, dann setzt er folgsam und nach hohem Beispiel statt der beiden Buchstaben die spitzen Runenzeichen ein. Er kommt von drüben, aus dem Reich. Aus Münster, ist dort Professor. nicht mehr der Jüngste, Jahrgang 1883. — ja, und eine Mütze muss herbei, ihm fehlt eine Mütze. Mitten im Protektorat und ohne Mütze. Sie wird bestellt bei der Reichskleiderkasse der Schutzstaffel. Schnell ist man im Gespräch abends am Tisch beim Glase Wein soweit, dass er selbst nach Berlin fahren soll, sie zu holen, die Mütze. Da heisst es plötzlich, nein, aas gehe nicht, er solle bleiben. Es ist ein Fernschreiben angegangen. HSSZ 2150. 28. 8. 42, 18.33. Nr. 1565. ... er ist kommandiert zum K. L. Auschwitz. Ein Arzt sei dort wegen Krankheit ausgefallen: ..angeblich”, schreibt er in sein Buch. Und es geht ihm wie jedem von uns. Er hat den amtlichen Eigensinn dieses betont sich abhebenden L so wenig im Handgelenk, dass die Feder unbedacht strauchelt. Wie man’s auf der Zunge hat, wie es im Sprachgebrauch ist; ,,K. Z.”, schreibt er zunächst; rasch verbessert er. gewissenhaft: ,,K. L.”,... zum K. L. Auschwitz. Was ist das für ein Mann, der sich eben jetzt dort am Tor beim Posten ausweist. den Marschbefehl in der Hand? DIE KAISERIN IN DER CHARITE Zum zweitenmal, vierzehn und jetzt wieder, ist das Land in einem schweren Kriege. Im Sommer 1914, ein paar Wochen \or dem Sturm, Ewigkeiten zurück, in einer sorglosen Welt, promoviert er an der Friedrich-Wilhelms - Universität in Berlin, am 18. Juni. Zehn Tage später ist Sarajewo; ein Erdteil schrickt auf. Der Mann hat verhältnismässig früh die Eltern verloren, mit siebzehn Jahren den Vater, fast auf den Tag zehn Jahre danach stirbt die Mutter. Im Herbst 1907, er ist fast schon vierundzwanzig, dient er sein Jahr als Freiwilliger, bei einem Regiment in Münster. Er ist überhaupt spät dran, muss nachholen, was er auf dem Wege versäumt hat. Die Schule im bergischen Land, die er eine Zeitlang besuchte, wird in milder Bosheit als ,,Kaplansfabrik” bespöttelt. Schliesslich holt er sich, nach dem Ablauf der Dienstzeit, in der harten Prüfung der Auswärtigen bei einem Gymnasium das Schlusszeug, nis und im Frühjahr 1909, endlich, kommt er auf die Université(. zunächst nach Heidelberg. Mathematik und Naturwissen, schäften, dann a.if ein Jahr nach Slrassburg, von dort '.ach Berlin. Er bringt das Studium zu Et.de, im Juni 1914 mit dem Dr. phil.. hat aber schon seit zwei Semestern Medizin belegt, kommt als Assistenzarzt an die Chirurgische Klinik, und im Herbst 1919 promoviert er. abermals in Berlin.?um Dr. med.. am 31. Oktober 1919 mit nahezu sechsunddreissig Jahren. Vielleicht hat er sich einmal. aus Briefen und beim Durchblättern in alten Notizheften und Kalendern, ein Gerüst gemacht: was ist so alles mit den Jahren an dir vorübergezogen? Da hat es den Krieg gegeben zwischen Japan und Rursiar.d, du warst noch ein junger Men«-*h damals. 1905, und in dem Feld auf der gleichen Seite ist eingetragen: ..Norwegens Loslösung von Schweden.” Er besuch* auf einer Wanderung das Hermannsdenkmal. Eine Eisenbahnstrekk.'. verrrerli. er i'-h, wird in Betrieb genommen. Anfang Dezember 1912. Ein Mikroskop kommt ins Haus. Von Bonn, wo er ein paar Jahre am Anatomischen Institut ist. macht er einmal des Sonntags einen Ausflug mit dem Rad. Herbst 1923, sechs Stunden ist er unterwegs, von morgens sieben bis mittags eins, am Nachmittag wieder zurück in knapp vier Stun. den, ..Zeichnung der Abtei Maria Laach”. Einmal ist er auf dem Brocken. Eine Sommerreise geht nach Lund in Schweden. hei der Heimkehr ein Halt auf Rügen. Es ist das alltägliche Leben, still und zufällig und ohne jähe Absonderlichkeiten. Die aufregende Begebenheit trägt er ein. den Untergang der ..Titanic”, 15. April 1912. Irgendwo in der Heimat, auf einem der Nester, wo es Tage der Kindheit gab und die Verwandten wohnen, wird eine Kirche fertig. Herbst 1914; eine Zeile hält es fest. Er besucht gelegentlich einen Kongress seiner Wissenschaft in Wien oder in Kiel, und im Sommer 1930 ist er beim Treffen der Zellforscher in Amsterdam. Auf einem Streifzug durch Thüringen steigt er zum Kyffhäuser, August 1935: aus Kartengrüssen oder verbli. chenen Zetteln mag das alles einmal in freien Stunden zusammengetragen worden sein. eir. Gerippe der Erinnerung. Vom Kriege. Juli 1917: ..Kaiserin in der Charité.” An seinem dreissigsten Ge. burtstag. im Dezember 1913. ist er abends in Münster im Theater: ..Rheingold”. 10. Juli 1941: Diesmal brennt das Stadttheater lichterloh, und auf dem Domplatz sieht man tiefe Krater. Fast die ganze Stadt kampiert draussen. Solch ein Tagebuch, so karg es ist, kann erzählen. DAS STAREXPAAR IM MSTKAESTCHEN Das Land lag abermals im Kriege. Die Nachtflieger melden sich beizeiten. Trümmer an vielen Plätzen der Stadt; ,.die Uhr auf 3 Minuten vor 2 stehengebliebcn.” Feldpostnummern von Bekannten sind auf den Seiten eingetragen. Hin und wieder ist von einem Stück Speck die Rede. Besuche auf dem Land erbringen gelegentlich ein Glas Honig oder eine Tasche voll Aepfel, auch mal eine Mandel Eier. Das Leben siedelt sich auf handfestem Grunde an. Süsse Suppe. Schnitzel, Kartoffelbrei. Sauerkraut. Heringssalat. Abends um zwanzig Uhr bereits Fliegeralarm. Ein eisernes Sparkonto angelegt. Bei einer Marktfrau für Gemiisse eingetragen; die Litanei der Heimat. Eines Abends schellt es an der Türe. Hermann unerwartet aus Jüterbog auf Urlaub, muss weiter um 22.46 Uhr; ,,hat seine Gasmaske bei mir liegenlassen.” Im Sommer 1941 — mit einem Gestellungsbefehl. der ihn in die Waffen-SS aufnimmt als Hauptscharführer, später zum Untersturmführer befördert — tut er ein paar Wochen, von Ende August bis Mitte Oktober, Dienst im Lazarett in Dachau. ..Abends stark fiebernden Jungen eingeholt zur Operation; später im Kasino bis halb zwei Uhr Schnäpserei.” Wird dann wieder nach Münster zur Hochschule ins Semester entlassen. 15. März 1942: Schlafzimmer minus fünf Grad. Waschnapf und Waschkrug sind mir auf dem Zimmer wegen der eisigen Kälte in Stücke gegangen. 13. Mai 1942: Das Starenpaar im Nistkästchen fliegt ein und aus zum Füttern der gestern ausgeschlüpften Jungen. 4. August 1942: Heute im strömenden Regen nach zwei Heringen zwei Stunden gestanden. Er lebt sehr einsam. Eine Ehe. nach der Bestallung als Arzt im Herbst 1920 geschlossen, will sich nicht entfalten. Bald schon trennen sich die beiden wieder. doch erst nach langen Jahren, im September 1942. wird die Scheidung ausgesprochen. Die Nachricht, eine Mitteilung seines Anwalts, erreicht ihn in Auschwitz- ..ich sehe wieder Farben, ein schwarzer Vorhang ist von meinem Leben weggezogen”. Seine Arbeit gilt ihm alles, und die Erblehre, hoch angesehen in der Gunst der Zeiten, stellt ihm Aufgaben und Ki isel genug. So schaut er wenig auf, in sieh selbst ruhend. Es sei ihm .echt gewesen, bekennt er in sei nein Buche zu Weihnachten 1940, die Festtage ,,so ganz still und friedlich allein mit dem Hänschen zu verleben.” Am 26. Dezember ist zudem sein Geburtstag und als wäre es aufgesetzt zu feierlicher Danksagung, träufelt der beschenkte Stolz aus der Feder: „Zu meiner Geburtsstunde erstrahlte zum ersten Male der mir von Heinrich Himmler verehrte Julleuchter.” Das Hänschen, wie nicht schwer zu erraten, ist der Vogel im Bauer daheim, ein Kanarienvogel, und gele gentlich ist mit einem kleinen Satz von ihm die Rede. Im Sommer 1941 besorgt unser Freund ein Badehäuschen für den Käfig. Das Futter habe auch nachgeias sen, klagt der Händler in diesem Gespräch. sei jetzt verhältnismässig schlecht. ,,Es käme ja auch weniger darauf an. wenn sie weniger sängen: denn wir selbst hätten ja auch das Singen verlernt.” Bemerkt der Händler. Im Frühjahr 1942 wird das Tier krank; 14. März: ..Den Kanarienvogel gegen Milben behandelt.” HEUTE ANGEKOMMEN Am Tor von Auschwitz, sahen wir. stand ein Mann, begehrte Einlass, wies seinen Marschbefehl vor. Wurde zur Wachstube, dann auf sein Zimmer ge. führt. Er wusch sich, fuhr mit der Bürste über den Rock, nahm seinen Koffer und legte in den Fächern die Sachen zurecht Dann öffnete er das Fenster, schaute hin. aus. Drüben die Baracken, da waren sie die Häftlinge in ihren gestreiften Kitteln, ein paar hundert Meter von hier. Am Abend, müde von der Fahrt, setzte er sich an den Tisch, schlug das Buch auf. das vertraute, und trug ein, dass ei heute angekomen sei, am 30. August 1942 Abfahrt Prag 8.15 Uhr, Ankunft im Konzentrationslager Auschwitz 17.36 Uhr. „Erhalte streng geheimen Instruktionsbefehl durch den Standortarzt”, schrieb er. Draussen war die Nacht. Er strich mit der Hand über das Löschblatt, klappte den Deckel zu. Dann legte er sich zu Bette. Lösche da j Licht. Seit diesem Abend war mit dem Schreibheft in dem Lager Auschwitz ein Blatt, darauf stand, eingetragen in Münster unter dem 23. März 1942: „Hänschen ist mittags um vierzehn Uhr seinen Qualen erlegen. Es hat mir unendlich leid getan; denn ich war zutiefst mit diesem armen, kleinen und stets munteren Gesellen verwachsen. Einäscherung.” Die Sterne waren am Himmel, und das Blatt lag stumm in seinem Versteck. Sonst rührte sich nichts in dem Dunkel der Nacht. Manchmal, dass ein Hund bellte. Von der Uhr, abgelegt auf dem Stuhl neben dem Bett, kam leise ein Ticken. Man konnte es kaum hören. Die Zeit, sie woll. te nicht rasten. In einer Zelle in Krakau schaute einer der Wissenden, der Kommandant des Lagers, später auf die Tage zurück. „Die Waggons wurden nacheinander entladen. Nach Ablegung des Gepäcks mussten die Juden einzeln an einem SS-Arzt Vorbeigehen, der im Vorbeimarschieren die Tauglichkeit entschied.” Wir haben das Zeugnis eines Häftlings, der sich des Loses an der Rampe bei der Auffahrt der Züge wohl zu erinnern wusste: ..In Windeseile passierten wir die Kontrolle eines SS-Arz. tes, der uns durch Zeichen mit seinem Stock in zwei Gruppen teilte.” Noch einmal der Kommandant. Rudolf Höss. in einer Erklärung, abgegeben vor den Untersuchungsbehörden in Nürnberg: „Ich hatte den Befehl. Ausrottungserleichterungen in Auschwitz im Juni 1942 zu schaffen.” Man beachte den wahrhaft findigen Ausdruck: ..Ausrottungserleichterungen”. Die Beihilfe leisteten dann die Kapseln mit Blausäure; zwischen drei und fünfzehn Minuten etwa schwankte es, bis sie ihr Werk getan hatten: „Wir wussten, wann die Menschen tot waren, weil ihr Kreischen aufhörte.’ MUSELMAENNER Der 31. August 1942. erinnern wir uns, war der heisse Tag. gleich nach der Ankunft; achtunddreissig Grad im Schatten, Staub und unzählige Fliegen. Man hatte sich einzurichten, die Mütze und das Koppel wurden bestellt. Bald begann der Dienst: 2. September 1942: Zum ersten Male draussen um drei Uhr früh hei einer Son. deraktion zugegen. Im Vergleich hierzu erscheint mir das Dantesche Inferno fast wie eine Komödie. ETm sonst wird Auschwitz nicht das Lager der Vernichtung genannt. Im nächsten Frühjahr liegt in der Feld-Kommandostelle auf dem Schreibtisch von Himmler eine statistische Ue. bersicht seines Amtes, die über die Massnahmen zur ..Endlösung” berichtet. Dem Inspektor geht sogleich als Antwort die die Weisung zu. 10. April 1943: ..Der Reichsführer wünscht, dass an keiner Stelle von .Sonderbehandlung’ der Juden gesprochen wird. Auf Seite 9, Punkt 4, muss es heissen: .es wurden durchgel schleust.’ Eine andere Formulierung darf nicht genommen werden.” IN UNSEREM TAGEBUCH: 5. September 1942: Heute mittag bei einer Sonderaktion (.Muselmänner-”): das Schrecklichste der Schrecken. Hauptscharführer Thilo. Truppenarzt, hat recht, wenn er mir heute sagte, wir befänden uns hier am ..anus mundi’. Abends gegen acht Uuhr wieder hei einer Sonderaktion aus Holland. Wegen ¿er dabei anfallenden Sonderverpflegung, bestehend aus einem fünftel Liter Schnaps, fünf Zigaretten. hundert Gramm Wurst und Brot, drängen sich die Männer zu solchen Aktionen. 6. September 1942: Heute. Sonntag, ausgezeichnetes Mittagessen. Tomatensuppe. ein halbes Huhn mit Kartoffeln und Rotkohl (200 g Fett), Siisspeise und herrliches Vanilleeis. Abends um acht Uhr wieder zur Sonderaktion draussen. 12. Oktober 1942: Zweite Schutzimp fung gegen Typhus; abends Reaktion: Fieber. Trotzdem in der Nacht noch bei einer Sonderaktion aus Holland (1600 Personen) zugegen. Schauerliche Szene vor dem letzten Bunker. Das war die zehnte Sonderak-tion. So verborgen sich alles abspielte, es bleiben Belege genug. Sie ergänzen die Niederschriften des Tagesbuehes. als wollten sie die Geschichte von allen Seiten erzählen, von drinnen und draussen. Der Vertreter des Auswärtigen Amtes beim Reichskommissar für die besetzten niederländischen Gebiete: „Seif meinem Bericht vom 11. September 1942 — D Pol 3 Nr. 8 — ist der Abtransport der Juden in das Lager Auschwitz ohne Schwierigkeit und Zwischenfälle weitergegangen. Bis zum 15. Oktober sind etwa fünfundvierzigtausend Juden abtransportiert worden.” DRINNEN: 18. Oktober 1942: Bei nasskaltem Wetter heute. Sonntagmorgen, bei der elften Sonderaktion (Holländer) zugegen. Grässliche Szenen hei drei Frauen, die ums nackte Leben flehen. 19. Oktober 1942: Mit Obersturmführer Wirths und Frau Höss nach Kattowitz gefahren zum Einkauf von Schulterstükken für den Wettermantel. 24. Oktober 1942: Sechs Frauen von der Budyer Revolte abgeimpft. 31. Oktober 1942: Seit etwa vierzehn Tagen wunderschönes Herbstwetter, welches tagaus, tagein im Garten des Hauses der Waffen-SS zu Sonnenbädern Veranlassung gibt. 8. November 1942: Heute nacht an zwei Sonderaktionen teilgenommen. Nachmittags noch eine Sonderaktion, also die vierzehnte, die ich bisher mitgemacht habe. Abends gemütliches Zusammensein im Führerheim, von dem nunmehrigen Hauptsturmführer Wirths eingeladen. Es gab bulgarischen Rotwein und kroatischen Zwetschenschnaps. In der „Chronik”, die auf der Schreibstube des Lagers geführt wird, steht eingetragen unter dem 1. Dezember 1942: „RSHA-Transport, Juden aus Bergen (Norwegen). Nach der Selektion lieferte man 186 Männer als Häftlinge ins Lager ein, sie bekamen die Nummern 79064 bis 79249. Die übrigen wurden vergast.” Wie. der war ein Schub eingetroffen, befohlen vom Reichssiccerheitshauptamt, dem RSHA, und der Wink an der Rampe, die grimme Auslese, nach rechts und nach links, das war die „Selektion”, wie sie es nannten. Noch ein anderes Wort ist zu entschlüsseln. „Muselmann”; ein Häftling erläutert: „Lagerausdruek für die Erschöpften. Hunger, Kälte, Feuchtigkeit, Verletzungen und Krankheit peinigten den Muselmann grausam und entkräfteten ihn vollends. Indem er soviel als möglich sitzen blieb, und die dünne Decke über seinen gebeugten Kopf zerrte, versuchte er, seine schwachen Kräfte zusammenzuraffen. In dieser Aufmachung glich er einem Muselmann im Gebet.” (Scblus folgt)

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