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Jüdische Wochenschau · 1960-09-02 · 1809 (2.9.1960) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
21 (1960)
Issue
1809 (2.9.1960)
Date
1960-09-02
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German, Spanish
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J.C'i I n?cV Institut Liva :v*v 1^39 "ir/.-. A 1c ORK. B,:- ,o ,u. ~ ’S t* B 2 FRANQJEOPAGADO Concesión 908 TARIFA REDUCIDA Concesión 1629 ISRAELITA Año XXI. BUENOS AIRES, VIERNES 2 DE SEPTIEMBRE DE 1960 No. 1809 EL EJEMPLAR» en toda la República y — Buenos Aires PUEYRREDON 2190 1? i*q. T. E. 83 . 2613 Die Zukunft der Kibbuz - Bewegung Im allgemeinen habe ic?" die Erfahrung gemacht, t ' .s sich die Leute, die ausserhalb der Arbeitergemeinschafts . Siedlungen dieses Landes leben, immer viel mehr den Kopf über die Zukunft des Kibbuzes zerbrechen, als diejenigen, die seit Jahr und Tag in ihm leben. Das mag daran liegen, dass sie. — die anderen — den Kibbuz, ob sie nun wollen oder nicht, zu einem moralischen Wertmesser des israelischen Staates gemacht haben. Leben sie auch selbst nicht darin, so wäre ihnen doch nicht ganz wohl, wenn diese ..Einrichtungen“ nicht mehr bestünden! Warum eigentlich? Nun, der Kibbuz Israels hat einen bestimmten Geist geschaffen: den der schlichten Lebensführung, der Gemeinschaftlichkeit, der Einsatzbereitschaft. Gerade jetzt da ich aus einer Veranstaltung komme, höre ich einen Sprecher, der nicht zu uns gehört, erklären: „Hier fand ich meinen Weg, unseren Weg!“ Wann war das, und wie war das? Damals, als Ness ha nissim der einzige „Jisehuw“ in einer feindlicheil Umgebung war, als man verrostete Waffen aus der Türkenzeit aus vergrabenen Kästen hervorholte, als eben dieser Junge — heute längst zum Manne gereift — das Elternhaus in Jerusalem verliess (gewiss gegen den Willen seiner Familie), um zui Verfügung zu stehen, sich einzusetzen! Was wäre Israel, wenn dieses Netz der Einsatzbereiten nicht geschaffen worden wäre? Man spricht oft über „Rechnungen” mit uns. Durchaus berechtigt, ich leugne das nicht! Nur: auch wir könnten sie aufstellen. Wieviel Gemeinschaften sind durch unsere Wirtschaftshöfe nur „hindurchgegangen“, oder haben bei uns die Sprache und auch körperlich arbeiten gelernt? Waren diese Kibbüzim nicht die Lehrstätten dieses Landes? Haben diese Gemeinschaften nicht zahlreichen Flüchtlingen — Einzelnen und Familien — Unterkunft und Einordnung garantiert, die Individuen in der Stadt niemals hätten geben können, auch bei bestem ' Villen nicht? Das ist natürlich nicht ver-; gessen, und manchem wird es bange, wenn er hört, die Zukunft des Kibbuzes sei in Frage gestellt. Natürlich ist es schwer, Prophezeiungen auszusprechen, da die Zukunft des Kibbuzes nicht nur von seiner inneren Struktur abhängt. Auch diese Gesellschaftsform ist in eine höhere, allgemeine Struktur eingeordnet. Eine führende Persönlichkeit der Kibbuzbewegung sagte mit Recht: „Mit Abtrünnigen lässt sirch schwer streiten!” Dass es eh me solche ,Abtrünnigkeit’ in der westlichen Welt gibt, wer 'vollte da-- : ,-cbv4tfn? Dass .es sie auch in Israel gibt, auch das ist nicht verwunderlich. Die Frage ist nur: wird sie die Jugend „erweichen“? Soweit es die für uns in Frage kommende Jugend anbetrifft, bin ich optimistisch. Jugend sucht vor allem sich ausleben zu können. Mit Hilfe einer immer mehr erstarkenden Technik kann es der Jugendliche im Kibbuz heute immer noch. Der Einzelne draussen kann es möglicherweise, wenn er genügend Kapital hat, um sich fremde Arbeit dienstbar zu machen. Hat er es nicht, so bleibt er beispielweise ein kleiner Siedler, wenn er individualistische Ambitionen hat. Der Kibbuz hat Maschinen, Flächen, entwickelt Projekte. Das sollte eine Jugend nicht reizen? Wenn es sie nicht reizt, warum kommen dann Einzelne und ganze Gruppen aus so vielen Ländern, „um es uns abzugucken?“ Wird die Kwuza „strukturell“ abgebaut? Sie wird umgebaut, aber das besagt noch nicht, dass sie keine Zukunft hat. In den vierzig Jahren vor der Staatsgründurg hatten wir etwa 120 von Dr. CONRAD N. ROSENSTEJN Kibbuzim. Seit der Staatsgründung wurden etwa hundert neue erbaut. Unter Berücksichtigung der Masseneinwanderung ist das möglicherweise kein glänzendes Fazit, im Hinblick auf das „Absolute“ ist das Ergebnis dennoch nicht entmutigend. Ist Nachwuchs da? Das ist eine komplizierte Frage. Im Noar owed — noar lomed sind heute 70.000 Jugendliche erfasst. Die übrigen Bewegungen haben etwa 100.000 Mitglieder. Das heisst natürlich nicht, dass wir mit einer Masseneinwanderung von Chaluzim zu rechnen haben, aber es ■beweist, dass Nachwuchs auf jeden Fall organisatorisch in grossem Ausmasse erfasst wird! Z. B. besitzt die Bewegung „Habonim“ im Ausland^ allein etwa 20.000 Mitglieder. Die Frage ist nun: Werden diese „Zöglinge” alle kommen? Wenn sie kommen, werden sie in den Kibbuz gehen, und wenn sie in den Kibbuz gehen, werden sie in ihm bleiben? Die Ursachen für das Verlassen des Kibbuz sind im allgemeinen zwei: der proportionale Aufbau der Geschlechter ist ungünstig. Ist nicht genügend weiblicher Nachwuchs vorhanden, so harren die Jünglinge nicht auf die Dauer' aus, weil sie eines Tages ihr „Haus“ begründen wollen, auch in der Gemeinschaft. Der zweite Grund hängt mit dem Wunsch der Jugend zusammen, zur Verwirklichung ihrer Ideale zu gelangen. Sind diese Ideale übertrieben hochgespannt, so hält die Jugend niemals durch. Sie ist enttäuscht. Ist die Jugend überhaupt „leer” gekommen, so hat sie gewiss kein Rüstzeug für die Krisentage, und diese Krisentage kommen. Sie kommen für jeden, denn natürlich hat der Kibbuz seine Problematik: die Auseinandersetzung seiner Ich-Ansprüche gegenüber seiner sozialen Einordnung. Im allgemeinen kann gesagt werden, dass die israelischen Hachschara-Gruppen anfälliger sind als die der Galut. per Grund ist senr einfach. Nach der Militärzeit tritt der „Kandidat“ in die Gemeinschaft ein. Die Selektion, die Frage, ob er sich adaptieren kann, entsteht erst einige Zeit später. Bei den Hachscharagruppen aus dem Ausland erfolgt diese Selektion bereits vor der Alija; ja die Alija ist sozusagen das Bewährungszeugnis nach vorangegangener Trainingszeit und Selbstprüfung. Wird also heute ein Kibbuz begründet, so ist noch nicht ausgemacht, ob er bestehen bleibt, oder ob nicht sehr viele durch ihn „hindurchgehen“ werden, ehe er sich konsolidiert. In massgebenden Kreisen der Kibbuzbewegung steht deshalb das Madrichproblem im Vordergründe. Manch einer rügt den heute „aufgeblasenen Apparat“ der Kibbuzbewegung. Indessen bedenkt er nicht, dass nur durch Seminare, durch Heranbildung von Erziehern aller Altersgruppen zwischen achtzehn und fünfunddreissig etwa, die Fortsetzung garantiert ist. Im allgemeinen kann gesagt werden, dass es Erzieher für mit Senator Joachim Lipschitz Der Leiter der Konsularabteilung der Deutschen Botschaft zu Buenos Aires, Legationsrat Di\ Walter'Kopp, hatte einen kleinen Kreis von Persönlichkeien, unter ihnen einige Anwälte, eingeladen, die sich mit der Frage der Wiedergutmachung und Entschädigung beschäftigen, um eine Gelegenheit zu bieten, mit dem Berliner Innensenator Joachim Lipschitz, dem Chef des grössten deutschen Entschädigungsamtes, Fragen allgemeinen Interesses zu besprechen. Neben den Herren Legationsräten Dr. Negwer und Timmermann von der Botschaft waren erschienen: Mark Turkow, der Delegierte des Jüdischen Weltkongresses in Argentinien, Dr. Natan Lerner, Vizepräsident der DAIA, Dr. Semon, stellvertretender Leiter der URO, Dr. Max Biedermann, Leiter der Entschädigungsabteilung des Jüdischen Nationalfonds, der Vertrauensarzt der Deutschen Botschaft, Dr. Enzweiler, sowie die Rechtsanwälte Dres. Graf, 'Lehmann, Neuländer, Peiser, Preuss, Pringsheim, F. Sternberg, Schwarz und Dr. Hardi Swarsensky. Nach einleitenden Begrüssungsworten des Legationsrates Dr. Kopp, der auf den Umfang der bereits geleisteten Zahlungen hinwies, die zum 31. März dieses Jahres bereits einen Betrag von 10 Milliarden DM erreichten, ergriff der Senator das Wort. Er unterstrich das Bemühen, wenigstens materielle Wiedergutmachung zu leisten, durch die natürlich der durch das Naziregime angerichtete Schaden niemals beseitigt werden könne. Er berichtete insbesondere von der Arbeit des ihm unterstehenden Entschädigungsamtes Berlin, des grössten der deutschen Aemter. Senator Lipschitz beendete seine kurzen Ausführungen mit der Aufforderung. Anregungen zu geben oder interessierende Themen anzuschneiden, zu denen er dann Stellung nehmen wolle. Als nächster ergriff Dr. Swarsensky das Wort. Er erklärte, wohl im Namen aller zu sprechen, wenn er auf zwei Fakten hinweise. Zunächst müsse man dem Senator für die Arbeit des Berliner Entschädigungsamtes danken, das trotz der mitunter langsamen Behandlung vieler Fälle "überall einen guten Willen beweise und sich bemühe, den berechtigten Ansprüchen der Opfer der Verfolgungen gerecht zu werden. Sodann solle einmal öffentlich die Tätigkeit des bonaerenser Konsulats anerkannt werden, dessen Beamten sich -bemühen, ihre Aufgabe korrekt und mit Verständnis zu bewältigen. Ohne die Leistungen zu verringern, die durch die mitgeteilte Höhe der Zahlung ersichtlich werden, müsse man doch gerade aus dieser Ziffer erkennen, wie ungeheuer* ’ Ech das Unrecht ist, das den Juden angetan wurde. Dabei dürfe man nicht übersehen, dass gerade diejenige Judenheit, die am meisten unter der Naziherrschaft gelitten habe, nämlich die polnischen Juden, durch die Entschädigungs-Gesetzgebung völlig unzureichend berücksichtigt worden sind. Während die Juden in Deutschland immerhin die Möglichkeit hatten, sich auf ihre Auswanderung Jahre hindurch vorzutereiten und etwas von ihrer Habe mitnehmen konnten, sind die Existenzen der Juden Polens und anderer osteuropäischer Länder von einer Minute zur anderen von den Nazis vernichtet worden. Schliesslich ging Dr. Swarsensky noch auf die Frage der Gesundheitsschäden und die in diesem Zusammenhang erfolgende amtsärztliche Untersuchung ein. Der Senator erwiderte, er könne nur über Fragen sprechen, die sich unmittelbar auf Berliner Verhältnisse beziehen. Eine Erweiterung des Gesetzes erscheine ihm mit allen damit zusammenhängenden Fragen ausserordentlich problematisch, da die Gefahr bestünde, dass die Entschädigung „zerfliesse”. Das Berliner Entschädigungsamt sei mit den amtsärztlichen Bescheinigungen aus Buenos Aires recht zufrieden, die eine gute Grundlage für die Entscheidungen bieten würden. In der weiteren Aussprache, an der sich u. a. die Herren Mark Turkow, Dr. Peiser, Dr. Lehmann und Dr. Pringsheim beteiligten, wurden wichtige Fragen der Praxis angeschnitten. Die Aussprache liess den guten Willen des Senators erkennen, überall dort zu helfen, wo dies nur möglich sei. Senator Lipschitz kam dann auch auf eine Frage zu sprechen, die er in einem Vortrag angeschnitten hat, wobei er offensichtlich nicht richtig verstanden worden sei. Er habe gesagt, dass auf dem Wege vom Entschädigungsamt nach Südamerika und zurück erhebliche Beträge hängen bleiben (gemeint waren überhöhte Anwaltshonorare), womit er sich nur gegen die Auswüchse auf diesem Gebiet wenden wollte. Er meinte, dass Honorare von mehr als einem Viertel des zugesprochenen Betrages nicht zu verantworten wären, wobei er ausdrücklich unterstrich, dass keiner der anwesenden Anwälte von diesen Vorwürfen betroffen sei. Allerdings gäbe es in Südamerika einige bedauerliche Falle, die der Behörde bekannt seien. Die Anwesenden stimmten der Verurteilung derartiger Missbräuche lebhaft bei. In einer freundschaftlichen Atmosphäre wurde dem Senator für seine Ausführungen und Arbeit herzlich gedankt. Registro de la Propiedad Intelectual No. 656.635 Impreso en la Imprenta POLIGLOTA — Corrientes 3114 Kinder genug gibt, dass es indessen an solchen der heranwachsenden Jugend mangelt. Ist aber ein ehemals geeigneter Kibbuznik erst einmal über die vierzig hinays, so hat er den Schwung verloren, der ihn befähigt, die Seele des Ju. gendlichen zu entflammen. Er tanzt nur noch selten seine Horra. Sein Wandertempo wird langsamer. Er hat nicht mehr unbedingt den Wunsch jeden Abend Volksgesang anzustimmen. Möglicherweise ist er dennoch ein vorzüglicher Lehrer, gar Dozent: „Madrich“ ist man nur in einer bestimmten Altersgruppe. Das Interesse an kommu. naler Verwaltung und Le. bensform hat in der Welt nicht abgenommen. In Europa, den USA, in Afrika bilden sich immer wieder neue Organisationsformen ähnli. eher Art, von denen wir regelmässig x erfahren. Im alL gemeinen lehren sie, dass der israelische Kibbuz den besten 'Lebensstandard er. reicht hat, sich auch bisher am besten durchzusetzen wusste. , Solche Organisationen entstanden z.B. in Vincennes zu Beginn des zweiten Welt, krieges, im unbesetzten Sü. den Frankreichs. Sie kamen zu recht interessanten Ergebnissen der Arbeitsstundeneinsparung und Freizeit zugunsten allgemeiner Kulturarbeit. Religiöse Kreise — der sogenannten „Brüderhöfe“ — gibt es heute in England, Deutschland, Uruguay, Paraguay, USA und in ihnen Gemeinschaftssäle für Kulturveranstaltungen und gemeinsames Essen. Man lebt dort noch in der „Hüttenperiode“, durch die der israelische Kibbuz vor Jahren ging; aber die Bewegung wächst. In Westafrika entstanden Kommunen für Landwirtschaft und Fischerei. Angesichts dieser Erscheinungen, — und von der östlichen kommunistischen Welt soll hier garnicht einmal die Rede sein, — nehmen wir an, dass morgen noch nicht „aller Tage Abend“ ist. Auf jeden Fall konnten wir beobachten, dass von den Kibbuzim sogar Familien, die nicht mehr ganz jung waren, absorbiert werden konnten, die früher — altersmässig abgelehnt worden wären. Das heisst, der Kibbuz erwies sich selbst für diese Belastung tragfähig. Darüber hinaus ist der Austritt aus der Gemeinschaft — statistisch erfasst — heute geringer als •in vielen früheren Jahren. Wir haben deshalb keinen Grund, pessimistisch zu sein, ohne zu bestreiten, dass es ernste Probleme gibt, die im wesentlichen im Auftreten eines neuen „Standes“ b©- stehöi, dem bezahlten Arbeiter; aber erschüttert hat er unsere Gemeinschaft nicht.

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