Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 21 (1960)
- Issue
- 1802 (9.8.1960)
- Date
- 1960-08-09
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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Maries. de Agosto de I960 Ado XXI — No. 1802 — 7 LA SEMAWA lO AELITA Theodor Herzl PUEYRREDON 21901. St. T.E. 83-2612, Die Zionistische Bewegung und der Judens w ieder befand sich der Präsident der Zionistischen Organisation Dr. Nachum C Admann. im Lande. Gewiss war zunächst der Anlass seines Besuches die Teilnahme an den Feiern des Jom fiaazmaut, der diesmal mehr im Zeichen des Visionärs des Juden Staates Theodor Herzl stand, der Gründers und ersten . residenten der Zionistischer- Organisation, deren Präsident — als Nachfolger Herzls — heute Dr. Goldmann' ist. Zyniker, die der geschieht Kehen Entwicklung vorauseilen, meinten scherzhaft, als- Dr. Goldmann im Radio Kol- Israel seine Herzl-Redezum 100. Geburtstag seines berühmten Am-tsvocgänger» hielt, dass der „letzte Präsident” der Z. O. die Rede auf der ersten Präsidenten der Z, O. gehalten habe. Es liegt eine gewisse Wahrheit in diesem bitteren Scherzwort, denn wenn auch Rabbi Dr. Abba Hiliel Silver den seltsamen Ruhm für sich in Anspruch nehmen will, der „letzte Zionist” zu sein; für das Bewusstsein der Massen ist dieser „letzte Zionist” alten Stils eigentlich Dr. Nachum Goldmann, der noch einmal in sich alledie Tugenden und Eigenschaften des „klassischen Kongress-Zionismus”, dfes G-ola- - Zionismus, des ideologischen und organisatorischen Zionismus verei- Die aus Gedanken zu verbergen. Nicht selten hat Dr Goldmann nach diesem Rezept seine Erklärungen mit äusserster Vorsicht gehalten. Nun aber trat er aus seiner Reserve heraus und erklärte unumwunden, dass er jetzt Ben Gurion vor eine i klare Entscheidung, stellen! müsse: Will er heute eine j starke Zionistische Organisa- \ tion, die die Massen des jüj dischen Volkes in aller Welt, i vorwiegend natürlich. in Amerika, rings um die Medinat Israel als eine grosse vom SCHALOM BEN-CHOR IN und Institutionen, so den diverser, Rabbinerseminaren, nicht aber mit den Führern der amerikanischen Zionisten. Ein klarer Affront, der nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist. __ Vor allem, so klagt' Df. Goldmann, ist das ein Symptom für die Geringschätzung der Zionisten durch B. G. Und nun erhebt sich die Frage: ob dieses Symptom nur für B. G. persönlich gilt, Die gleichsam ..unideologi sehe Haltung" B. G.’s ist aus seinem Verhältnis zu seinem grossen zionistischen Antagonisten zu ersehen,. Wladimir Jabotinsky. Ben Gurion hat. Jabotinsky ein Leben lang bekämpft, eigentlich aber dessen zionistische Postulate sämtlich übernommen, wenn auch zu anderen Zeitpunkten, Jabotinsky kämpftefür den Judenstaat und die Juden Zionismus al; -Ue ewige Idee aufgefasst, ci> auch im Judenstaat weiterleber soll und weiterleben wird, eine moderne Form des altbiblischen Messianismus, der das „ewige Endziel der Geschichte”, nicht nur der jii. dischen bleibt. Im Sinne des ewigen Zionismus ist Ben Gurion Zionist geblieben, aber er zieht .es vor, sich auf Jesaja und Micha statt auf Herz-l und Nordau zu berufen. Das mag nicht zuletzt auch mit gewissen menschlichen Schwaiv mjtmnm '. l£iTUNG‘V0M TfiWCMBSW# vrm Vf 7* i-H Z9~st auöijst i mr (mb mz Ttfrmtfnrt xwc-w» jvpïtpn niHVsn tvw&t Dis- EkituMwungsiafBi am KTo si nögebäude iw Basel, wo der erste Zionistervkongress stattfand. Die feierliche Enthüllender stellte einesder festlichstem Eraian-icsA — ... _ j. . —u..——Uv füi* HavzI der HERZTLS LETZTE GRÖSSTAT Die latente Krise zwischen' Zionistischer Organisation! und Bewegungauf der ei- - nen- und dem Judensfcaat auf der anderen Seite wurde gerade jetzt zu Beginn des HtetzijaOres auf eine „Sternstunde des Judentums” überbriiekt... nämlich im Zeichen Berz-ls. Die Regierung Israels und die Jewish. Agency (Z. O'.) haben sich in einem Hundertjahres-Comite vereinigt, das die Herzl-Gedtenkfeiern in Israel und in dter Goiadurchführt. Dr. Goldmacm unterliesses nicht, darauf hinzuweisen, dass hier endlich, einmal eine wirkliche Zusammenarbeit erfolgt ist, nicht nur formal, sondern gemäss dem Geiste der Kooperation. Aber machen wir uns nichts vor: was für Feierstunden der Seelen möglich ist, kann auf die harte nüchterne Wirklichkeit des Alltags der Politik und Administration, der Wirtschaft und Repräsentation nicht einfach übertragen werden. Zusammen zu .feiern .ist ®£t leichter als zusammen zu arbeiten, wenn auch die Feiern grossen- Stils viel Vorarbeit erfordern. SYMPTOM ODER PROBLEM? Dr. Nachum Goldmann ist, •bwoht er keinen diplomatischen Status hat,, wohl der gewiegteste Diplomat des jüdischen Volkes in unserer Steift. Nack einem, alten Wort ist die Sprache der Diplomaten ein Mittel, um die Volksreserveschart, oder wünscht er eineandere Form der Organisation, des Gola-Volkes rings um den S taats.Mittel pun kt. in Israel? Für die Z. Öv spricht, ihre grosse Vergangenheit und die Tatsache-, dass sie auch heute noeh die stärkste jüdische Organisation (nach Ansicht Dr. Gbldmunnsl ist. Man giesst kein Wasser weg, selbst wenn, es nicht mehr ganz retn ist, wenn man kein klareres hat. Hat man das wirklich nicht? Das ist die Frage. Ben Gurion zieht offenbar die jüdischen Grossorganisationen vor, die kein zionistisches Lippenbekenntnis able gen, da diese mehr passiven Freunde Israels zwar helfen, aber nicht wie die Zionisten, in parteimässig-er Aufgliederung sich in. die Angelegenheiten dessouveränen;Staates Israel irgendwie ein- . mischen wollen, l D». Goldmonn ist es raii- ¡de — er hat das eigentlich 'offengesagt — immer u-nd' ¡immer wieder vor den Kopf Igestossen zu werden, mm ..letzten Male als unser Mini. ' ster Präsident in Amerika weilte und nicht nur mit jdem Präsidenten Eisenhower 'und dem Bundeskanzler Dr. [Konrad» Adenauer zusam. mentraf, sondern auch mit allerlei jüdischen Kreisen oderob das Problem nicht viel tiefer liegt, nämlich in;d»r geistig-politischen Struk- .tur des Staates selbst, der freilich durch B. G. am klarsten, repräsentiert wird. ’Wenn B. G. auch niemals ausdrücklich gesagt hat: ■ „Der Staat bin ICH” ... so wird er doch von den Massen des Volkes in Israel- und in der Diaspora- und von der .■ nichtjüdischen Weltöffentlichkeit so empfunden: Ben Gurion ist Israel für das-; Vo lksempfinden. i Ist nun die klar ablehnen- •de Haltung-BIG.’s ein Symptom für das Gesamtproblem — oder ist das nur eine persönliche Frage? Sowohl als auch: eines der Geheimnisse der überragenden Wirkung Ben Gurions als Staatsmann liegt darin, dass er immer zum richtigen Zeitpunkt den unausgesprochenen Gefühlen und Gedanken, Stimmungen u-nd Regungen der „Volksseele” Ausdruck verliehen hat. Bfen Gurion ist eigentlich kein Ideologe; Er hat im wesent. liehen d*er zionistischen Ideologienichts Neues hinzugefügt. Er gehört nicht zu den literarischen Klassikern-, die von Mcses Hess über Pinsker zu Herzl und Nor- ' dtra und — im sozialistischen £n<rer — weiter zu Bbrochov;und Berl Katznelson führ- ten. : dische Legion. B. G. widersprach ... und proklamierte die Medinat Israel und schuf die Zwa Hagana le-Israel, das jüdische Heer. 1 Es war nur eine Frage der Zeit, was Aussenstehenden als prinzipielle Frage durch viele Jahre hindurch erschienen war. B. G. predigte „Hawlage” tZurüekhal- , tung) als Jabotinsky zum Aktivismus auf rief. Später -trieb B. G. die Pblitik des iAktivisraus mit starker Hand voran. Jabotinsky hielt an der H-erziscften Judenstaats- ¡Konzeption fest, als Bl G. 'dieses Endziel nicht für opportun hielt. Dann aber proklamierte er es im Biltmore- Programm feierlich. Und so ist auchder heutige „Antizionismus” B. G.’szu verstehen. Es wäre lächerlich, Ben Gurions eigene Worte zu übernehmen und ihn als- „Nichtzionisten” z-u bezeichnen. Er war und ist Zionist, aber er hat erkannt, dass der alte Zionismus sich überlebt hat, die Zionistische Organisation, nicht der Zions-Gedunke; Die- Z. O-, sollte nach Herzls eigenen Worten „der Jtidenstaat unterwegs” sein. Nun ist er aber a-ngefcommen, nämlich im Staate Israel. Und der „Staat unterwegs” hat neben dem Staat im Heimatlande keinen Platz mehr. Herzl selbst hat aber chen eines grossen Mannes Zusammenhängen. Jesaja und Michal, die Bibel schlechthin, vermögen, den Glanz der Erscheinung B. G.’s nicht zu verdunkeln. Im Gegenteil — als eine Art hebräischer Cromwell, der mit der Bibel in der Satteltasche in den „guten Kampf” zieht, will B. G. gesehen werden und wird er gesehen. Nicht aber will er als Epigone Herzls, als der Erfüller seiner Konzeption ins Rampenlicht der Geschichte treten. So wird man wohl auch die auffällige Zurückhaltung B. G.’s im Rahmen der 10(>-Jahr-Feiern für Herzl richtig interpretieren. Wir fassen zusammen: Es geht gar nicht um Zionismus oder Medinat Israel, 'es geht um die Zionistische Organisation, die sich für B. G. und die Seinen offenbar selbst überlebt hat. DER KONGRESS DER RETTUNG Dr. Goldmann- unddie Zionisten in der Welt sind in einer peinlicher. Situation, die sich mit Goethes berühmtem Worte umreissen lässt: „Wenn ich dich liebe, wasgehts dich an... ” Sie lieben Israel. All ihr Sehnen und Hoffen, Handeln - und Helfen ‘st auf Israel ausgerichtet, und sie finden keine rechte Gegenliebe mehr. Warum? Weil ihre Liebe, um mit,Max Bord zu - chen. zu sehr „Distanz« geblieben ist. Di3 Ziom.üleiden nun eig-.-r tlich urb-r ihrer eigenen Inkor.seeu Wären rie in Massen, we ’ •<- stens die Führer, nach f: - •el gekommen, sc wäre \cr 'Stellung heute eine ganz -tiefer». Aoer während -‘-er T .bbi von Klausen! ,rg nach Israel kommt, um hier sein Kiryat Zans bei N-ata-nja zu errichten, sim. alle die grossen Führer des Zionismis. all das „Gold und SKiver” der Zionistischer Organisation, der.. Lard fern ge. leben. Und das rächt sich eben. Die zionistischen Führer ihaben aber immer behauptet, dass sie in der Diaspora wichtiger seien als in Israel. Und diese These soll auf dem kommenden Zionüdenkongress, Ende dieses Jahres in Jerusalem, unter Beweis gestellt werden. Dr. Goldmann argumentiert: Ihr sagt, dass die Z.O. tot ist — ich werde euch zeigen, dass sie grösser und stärker denn je geworden ist, weil die zionistische Füh. rerschaft auf den Aussenposfen ausgeharrt hat. Die Z. O. wird unablässig reorganisiert. Jetzt gelang cs Dr. Goldmann, nach dem grossen Misserfolg in den USA bei den „Conservatives”, die er schon in der „Tasche” zu haben wähnte, die Juden Argentiniens, Mexikos, Chiles zum kooperativen Anschluss ihrer Gemeinden an die Z. O. zu bewegen. ■ Diese Kollektiv-Neu-Ziouisten werden parteilos am kommenden Kongress teil, nehmen. Mitreden werden sie, an. den Arbeiten der Kommissionen werden sie teilnehmen, aber abstimmen werden sie nicht. Ein eigentümliches Kompromiss. Dr. Gold:~ann will, dass zumindest eine Million neuer Mitglieder der Z. O. zu verbuchen sind, ohne dass diese Fast-Zionisten nun seinem eigenen Bild vom Zionismus, das ja noch immer das eines „radikalen Zionisten” ist, entsprechen. Aber er hofft, dass sich Quantität in zionistische Qualität um- .setzen wird. Und nun ereignet sich etwas, was die beiden Seiten offenbar noch gar nicht bemerkt haben. Die Gegensätze lösen sich in der Praxis ¡auf. Der so kiinstlieh erweiterte Zionistenkongress ist eigentlich kein Zionistenltongress mehr, sondern bereits die erste Manifestation - der umfasenden Gola-Ovga- - nisation der Freunde der .Medinat Israel, die B. G. vorschwebt. Im Lichte der rWirklichkeit sinken die- Gelgensätze ins Wesenlose hin- ,ab. Die Z. O, wandelt sich;durc i ihre Erweiterung, idurch d-ie Anstrengung Dr. .Goldmanns in ein Gebilde", das mehr und mehlder Konzeption von Israel und dev Golä entspricht, die Ben Gurion vertritt. Di.- käinpfanden Fuurc.- .jierkc-n nur noch nicht, wie nahe sie einander geruckt sind