Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 21 (1960)
- Issue
- 1801 (5.8.1960)
- Date
- 1960-08-05
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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Leo Baêck Institut iíroaiway U 33 HUEVA YQi^K E.E.U »U• E.E.U.U FRANCI UEO PAGADO Concesión 908 EL EJEMPLAR« en toda la República y ■ Buenos Aires PUEYRREDON 2190 19 Uq. T. E. 83 . 2613 TARIFA REDUCIDA Concesión 1629 Ano XXI. BUENOS AIRES. VIERNES 5 DE AGOSTO DE 1960 No. 1801 Die Volkswohlfahrt in Israel von MEIR FAERBER, Tel Aviv Keine Beleidigung der Juden Rom. — Papst Johann XXIII. hat gewisse Sätze des Rituals der Taufe für Bekehrte unterdrückt, die Beleidigungen für die Juden enthielten. Im Falle von neubekehrten Juden, die zum Katholizismus übertraten, lautete die Formulierung: „Du sollst die jüdische Perfidie verabscheuen und Dich vom jüdischen Aberglauben lossagen.” Schon im vergangenen Jahr hat der Papst einen ähnlichen Beschluss gefasst. In Vatikankreisen wird darauf verwiesen, dass der Papst persönlich die Aenderungen verfügt hat, „um alles hervorzuheben, was diejenigen eint, die an Gott glauben, und alles auszu. scheiden, was sie voneinander trennt.” (ITA) Zwei zusammenwirkende Komponenten machen die Sozialpolitik dos Staates zu einer zentralen_ Funktion der Regierung, ohne die eine kultivierte Gesellschaft solange undenkbar ist, als es noch leidende und bedürftige Menschen gibt: der eine Faktor ist das menschliche Solidaritätsgefühl und der andere der Zwang, die Gesellschaft vor asozialen Elementen zu schützen, zu denen sich Verzweifelte leicht entwickeln können. Dieser zweite Faktor zwingt dem Staat prophylaktische Massnahmen gegen Kriminalität auf, die im Grunde eine Gesellschaftskrankheit ist, wie sich der Arzt und Psychologe Dr. Sch. Kanovitz in einer Knesset-Debatte ausdrückte. Wohlfahrtsminister Dr. Josef Burg sagte: „Es ist immer besser, Geld für Schulen zu geben, als für Gefängnisse.“ Das menschliche Solidaritätsgefühl ist in jüdischen Volk auch durch altehrwürdige Satzungen geheiligte Tradition und wird daher mit besonderer Hingabe gepflegt. Es ist kein Zufall, dass an der Spitze der Sozialarbeit in Israel vornehmlich Vertreter der religiösen Kreise stehen, in der jetzigen Regierung Dr Burg, ein führender Funktionär der Religiös-Nationalen. Ungleich anderen Staaten setzt sich die Bevölkerung Israels zu rund zwei Dritteln aus Einwanderungswellen der letzten zwölf Jahre zusammen, die zu einem grossen Teil mittellos aus rückständigen Ländern gekommen sind. Nur wenn man bedenkt, dass aus vielen Ländern die arme jüdische Bevölkerung nach Israel gewandert ist, während die Reichen in andere Länder gingen oder in ihren Wohnländern geblieber sind, kann man ermessen, welche ungeheure Aufgabe es hier zu bewältigen gilt. Ist schon für einen jungen, beruflich vorgebildeten, voll arbeitsfähigen Menschen die Einordnung in das erst im Aufbau befindliche Wirtschaftsleben eines ihm vorher uribe¬ SS-Verbrecher nicht eingebürgert Rio de Janeiro. — Justizminister Armando FaL cao hat das Einbürgerungs-Gesuch des früheren SS-Fiihrers Herbert Cukurs, dem die Ermordung von 32.000 Juden während der Nazi-Besetzung in Riga vcrgeworfen wird, abschlägig beschieden. Tn der Ablehnung des Gesuches erklärt Dr. Falcao, er sei zu dem Schluss gekommen, dass die Anschuldigungen gegen Cukurs sich auf begründete Vermutungen sffR”en. UTA) kannten. Landes, dessen Sprache er nicht beherrscht, nicht einfach, so haben Einwanderer, denen diese Vorbedingungen fehlen, doppelte und dreifache Schwierigkeit zu überwinden. Nur so ist verständlich, dass trotz der umfangreichen Auslandshilfe etwa 250.000 Einwohner Israels Unterstützung^ . Empfänger sind, also etwa ein Achtel der Bevölkerung, und dass sich die Zahl der Bedürftigen im Lande auf fast 400.000 Seelen beläuft. Das Wohlfahrtsmimsterium steht daher ständig vor ungeheuren Schwierigkeiten, hat eine Sysiphus-Arbeit zu leisten und kann nie alle Anforderungen befriedigen. Diesem Ministerium steht im laufenden Finanzjahr ein Budget von 25.510.000 IL zur Verfügung (gegenüber 20,2 Millionen IL im Jahre 1959/jO und 15,5 Millionen IL im Jahre 1958/59), aber obwohl ein Teil dec Hilfswerks von den Munizipalitäten und aus dem Ausland unterstützten Sozialorganisationen finanziert und geleistet wird, kann all das nicht genügen, so vielen Menschen aus ihrer Notlage herauszuhelfen. ORGANISATORISCHE GLIEDERUNG Zwischen der Zentralregiei-ung und den munizipalen Soz" ilämtei'n besteht seit Mitte 1959 eine koordinierte Arbeitsteilung, die sich praktisch bewährt hat. Prinzipiell ist für die Entscheidung über die Hilfe-Massnahmen das Sozialamt am Wohnort des Bedürftigen zuständig. Die Munizipalitäten unterhalten Abteilungen für allgemeine Sozialarbeit, Behandlung von Kindern und Jugendlichen, soziale Rehabilitierung, Blinden - Hilfsdienst, Gruppen-Arbeit, Institute für Berufsausbildung und Distriktsämter. Die zentralen, ’ staatlichen Sozialdienste umfassen: den Dienst für Beaufsichtigung gefährdeter Jugendlicher, den Probations-Dienst für Jugendliche, die Abteilung für öffentliche Institutionen und die Abteilung für Versorgung und Ausstattung. Dem Generaldirektor des Ministeriums unterstehen unmittelbar die Abteilung für Forschung, Untersuchungen und Planung und das Büro für Auslandskontakte. Im Lande gibt cs 168 Sozialämter der Munizipalität, darunter 29 für Nichtjuden. Eine Schwiei’igkeit liegt im Mangel an ausgebildetem Hilfspersonal. Kürzlich haben 60 Sozialpflegcr ihre Spezialschulung beendet und ihre Zeugnisse bekommen, aber auch das ist unzureichend. H, T ER IST HILFS- BEDUERFTIG Im Jahre 1958/.59, für das uns die detaillierte Statistik zur Verfügung steht, wurden 52.467 Familien mit zusammen 224.743 Seelen mit Geldzuwendungen unterstützt., 18.214 Familien bekamen volle l'egelmässige Monatsrenten, 17.992 regelmässige, aber nicht volle Monatsunterstützung. 13.618 Familien unregelmässige Unterstützung, 2352 Familien bekamen die Unterhaltskosten von Kindei'n in Heimen und Instituten und 261 die Untei’hal'.ungskosten von Erwachsenen in Anstalten und Heimen. Von diesen 52.467 Familien lebten 2604 in nichtjüdischen Orten. Oft ist der Familienvater zu alt, um seine Angehörigen ausreiel end ernähren zu können. 374 der untei'- stiitzenden Familienväter waren bis 20 Jahre alt, 16.881 zwischen 20 und 44 Jahi’e, 16.249 zwischen 45 und 49 Jahre, 5.151 zwischen 60 und 64 Jalyen und 11.299 Familienväter 65 und mehr Jahre alt, während bei 2.513 das Alter nicht feststellbar war. sind: Ich las kürzlich in einer polnischen Zeitung, dass der Nazi-Arzt Josef Mengele in Argentinien gesehen worden ist. Dies wurde nach der Festnahme von Eichmann bestätigt. Solange ich lebe, werde ich nicht jene Nächte und Tage vergessen, die Tage. Wochen und Jahre, als dieser Arzt auf einer Plattform im KZ Auschwitz stand und einem jeden Neuankömmling, darunter auch mir, seine verhängnisvollen Fragen stellte . ■. gesund, kurzsichtig, schwaches Herz, Nierenbeschwerden, Krampfadern und natürlich Alter und Beruf, und dann sein schicksalsschweres „Links” oder „Rechts” aussprach. Die eine Seite bedeutete den Tod und die andere das Leben. Das Schicksal sprach in Gestalt eines Naziarztes, den Hitler mit dieser als „Auswahl” bezeichneten Aufgabe betraut hatte. Und nicht einmal das von Mengele geschenkte Leben währte lange, denn sonst hätte die Zahl der von den Nazis Ermordeten nicht die astronomische Ziffer von sechs Millionen sri'eichen können. Als ich mit einer Handvoll Leuten, die die Nazis aus Zeitmangel nicht umbringen konnten, die Nazihölle überlebte, da schwor ich mir zu, diese Erinnerungen zu vei’. bannen. die mich in schlaf, losen Nächten heimsuchen, In dexx Sozialämtern sind iei-ner 38.957 Familien mit 167.482 Seelen als bediiiftig eingetx-agen, ohne Geldzuwendungen erhalten zu haben, davon 2.496 mit 12.388 Seelen in den von Minderheiten bewohnten Orten (vornehmlich Araber). DAS AUSMASS DER HILFE Die regelmässige monatliche Unterstützur g des Sozialministeriums beträgt momentan für eine vierköpfige Familie 53 IL. um 15 % mehr als im Vorjahr. Das Ministex-ium bemüht sich ständig, auch andere Hilfsquellen hei'anzuziehen. So wurde im letzten Jahre 42.000 Familien allmonatlich ein Care-Paket im Wert voh 4,40 IL gegeben. Von besonderer Bedeutung ist die monatliche Altersrente des Volksversicherungs. Instituts die dank der Bemühungen des Sozialministeriums vielen Leuten gesichert wurde, die zur Zeit des Inkrafttreten* des diesbezüglichen Gesetzes die Altersgrenze bewenn die elegante Gestalt des Doktors in SS-Uniform, über das ganze Gesicht lächelnd, mit seiner Mütze auf dem Kopf xxnd Ruhe in den Augen aus dem Dunkel tritt und sagt: „Du musst sterben, weil Du noch ein Kind bist! Du musst sterben, weil Du Brillen trägst! Du musst sterben, weil du dünnes Haar hast! Du musst sterben, weil Du alt hist!” Ich wollte nicht mehr daran denken, denn ich wartete darauf, dass die Gerechtigkeit in der Welt ihre Stimme erheben würde. Und min habe ich gehört, zuerst aus unbestätigten Berichten und schliesslich aus der argentinischen Presse, dass Josef Mengele lebt. Fünfzehn Jahre nach dem Kriege, wie jeder andere Mensch, der ein Recht hat, unter der Sonne zu leben, die Luft zu atmen, seinen Hunger mit Brot zu stillen und seinen Durst mit Wasser zu löschen. Nun muss ich wieder über all das naehdenken, was geschah. Mein Vater erschien im September 1944 vor Dr. Mengele und muste in die „Gaskammer des ewigen Vergessens” gehen, nur weil er schwache blaue Augen und das Aussehen eines alten Mannes hatte. Ich denke wieder an meinen besten Freund. Zdenek Pick, dessen Eltern noch leben, und der in die Gaskammer geschickt reits überschritten hatten, so dass die Versicherung sie nicht automatis-’h erfassen konnte. Als erfoi'derliches Minimum der monatlichen Unterstützung werden 103 TL betrachtet. Man hofft, diese Minimalquote in vier Jahren ei'reichen zu können. Das Ministerium bemüht sich auch ' darum, die Zusammenballung von Sozialfällen in einem Ort zu lokkei-n, da sie die Lösung der Probleme ungeheuer erschwert. Leider hat die Ansiedlungsplanung diese Schwierigkeit übersehen, als die grossen Einwanderungswurde, weil er erst 14 Jahi'e alt war und Dr. Mengele es bestimmte, weil nach der Ansicht der Nazis nur diejenigen leben dürfen, die arbeiten können, nicht aber Kinder. Ich denke weiter an Petr und Paul, Zwillinge, die Dr. Mengele als Vex> suchskaninchen dienten, und deren Eltern als schwarzer Rauch aus den Schornsteinen der Verbrennungsöfen gen Himmel fuhren; und auch Petr und Paul wurden von Dr. Mengele n den Tod geschickt. Ich denke an die schönen jüdisch in Kinder, die Dr. Mengeles Gehilfen vor den Augen ihrer Mütter lebendig in den Ofen warfen, um das kostbare Gas zu sparen Ich denke an die Mutter, die, als sie axif die Seite geschickt wurde, die Leben bedeutete, bat, auf die andere Seite gehen zu dürfen, wo ihre Kinder standen und Dr. Mengele ihr gütig erlaubte, dies zu tun; dann wurden sie alle zusammen in die Gaskammer geschickt. Wenn die Menschheit Verbrecher wie Eichmann und Mengele nicht - or Gericht stellt, so bin ich nicht sicher, dass nicht wieder urischuldige kleine Kinder um ihi’e Väter und Brüder weinen werden. Ich sah Dr. Josef Mengele bei der Arbeit. Ich kann vor jedem Gerichtshof erscheinen als einer derer, die überlebt haben, und Zeugnis ablegen für die Millionen Toten zum Wohle der hunderte Millionen Lebender. wellen aus orientalischen und nordafrikanischen Ländern kamen. 38 % der Einwanderer aus asiatischen und afrikanischen Ländern sind auf Unterstützung angewiesen; dagegen sind nur 8,5 % der europäischen Einwanderer hilfsbedürftig. PROBLEME UND PLAENE 32 % asr Bedürftigen sind bis zu 44 Jahre alt, und ihr Problem wäre am besten durch Einordnung in den Arbeitsprozess zu lösen. Familien mit 8 Seelen sind zu 32,6 % hilfsbedtii'ftig. Familien mit 9 Seelen zu 47,4 % und Familien mit 10 und mehr Seelen sind zu 59,9 % untei’stützungsbedürftig'. Die Volksversieherung wurde vor einiger Zeit auch auf kinderreiche Familien erweitert. Als günstigste Form der Hilfeleistung wird die Familienfürsoi'ge betrachtet, die in Besserung der Wohnverhältnisse, Ai'beitseinordnung des Ernährers, Haus, hilfe, wenn die Mutter krank ist, u. dgl. zum Ausdruck kommt. Die soziale Gefährdung beginnt in der Kindheit, und wenn man dem Kinde die Familie ex> hält und dafür sorgt, dass es regelmässig in die Schule geht, rettet man es im allgemeinen vor Komplexen und Kriminalität. 1 70 % der Kinder, die von Gerichten unter Fürsorgepflege gestellt wurden, sind gesellschaftlich voll rehabilitiert und nicht rückfällig geworden, was nach internationaler Statistik als guter Prozentsatz betrachtet werden kann. * Viel erhofft sich die Re. gierung von weiterem Ausbaxi der Wohlfahrtsarbeit von Frauenvereinen, Logen wie Bne Brit, Klubs und sonstiger, freiwilligen Aktionen, die die öffentliche Hilfe ergänzen müssen. Solche Verbände erhalten im Jahre et. wa 16 Millionen IL Unterstützung aus dem Ausland. Nur im Zusammenwii'ken aller öffentlichen Dienste lassen sich die Probleme meistern, denn das Schulwerk, die Gesundheitsfüx-sorge, die Volksversicherung die Beschäftigungspolitik und viele andere haben nicht weniger Einfluss auf die Rrankheitserscheinuru gen in der Gesellschaft al£ die Arbeit des Sozialministeriums. Registro de la Propiedad Intelectual No. 656.635 Impreso en la Imprenta POLIGLOTA —- Corrientes 3114 Ich kann Zeugnis ablegen Die tschechische Nachricnxen-Agentur INA veröffentlichte den folgenden Brief, den sie von dem 34jährigen Schriftsteller Arnost .Lustig erhielt. Lustig ist der Vei-fasser der Bücher „Nacht und Hoffnung”, „Diamanten der Nacht” und „Die Strasse der verlorenen Brüder” sowie verschiedener Kurzgeschichten über das Leben im Ghetto von Theresienstadt und dem von den Nazis besetzten Prag, die in tschechischer und polnischer Sprache erschienen