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Jüdische Wochenschau · 1960-08-02 · 1800 (2.8.1960) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
21 (1960)
Issue
1800 (2.8.1960)
Date
1960-08-02
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German, Spanish
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-Vh-L... ' /*• FRANQUEO P/*<£ADO Coqcmíóa 909 EL EJEMPLAR« en toda la República g - Buenos Aires PUEYRREDON 2190 19 Uq. T. E. 83 . 2613 * ¿ TARIFA REDUCIDA Concesión 1629 Ano XXI. BUENOS AIRES, MARTES 2 DE AGOSTO DE 1960 No. 1800 KZ-Arzl Josef Mengele von Dr. ELLA LINGENS „Warum sind Sie eigentlich im Lager?” Diese Frage stellte mii SS - Hauptsturmführer Dr. Josef Mengele, der kurz zuvor dem Revier des Frauenkonzentrationslagers Auschwitz-Birkenau zugeteilt worden war. Anfang 1944, nachdem er den deutschen Krankenblock unseres Reviers, den ich als Häftlingsärztin versorgte, flüchtig inspiziert hatte. Er war ein sehr hübscher, eleganter Mann, Mitte Dreissig, mit einem etwas knabenhaften, scharf geschnittenen Gesicht, der das dialektfreie, kultivierte Deutsch eines Intellektuellen sprach. Er war ein wissenschaftlich interessierter Arzt; Vererbungslehre, Zwillingsforschung, Studium des Zwergwuchses, das waren seine Interessengebiete. Der Lagerdienst war ihm eine zeitraubende Notwendigkeit. Hoffentlich würde man mit der Vergasungsaktion endlich fertig werden. Schliesslich war die Zahl der im Machtbereich der deutschen Armee lebenden Juden begrenzt, also würde man diese lästige Aufgabe, täglich auf der Bahnrampe zu stehen und. manchmal vor sich hin pfeifend, mit dem Daumen über die rechte oder die linke Schulter zu deuten — hie Gas, hie Einlieferung ins Lager — Gott sei Dank bald hinter sich haben, rasch und prompt erledigt. War schliesslich medizinisch uninteressant und wissenschaftlich unergiebig. „Ich habe versucht, Juden zur Flucht ins Ausland zu verhelfen.” Mit dieser Antwort pflegte ich mir meist jegliche Sympathie zu verscherzen, die mir als blonder und blauäugiger Wienerin zunächst von etlichen SS- Leuten immerhin bis zu einem gewissen Grad entgegengebracht wurde, insbesondere aber mir als Aerztin von den SS-'Lagerärzten, von denen einige mit mir gemeinsam an deutschen Universitäten studiert hatten. „Na, solche wie dich, sollte man ja mit dem Strick erschlagen”,' oder: „Natürlich, ihr sentimentalen Weiber habt ja noch immer nichts gelernt”, das waren so etwa die Reaktionen auf meine Auskunft. Gerade weil ich aus ihrem Milieu stammte, waren sie je doch irgendwie erstaunt gewesen, mich hier in Häftlingskleidern im KZ zu sehen. Aber wenn man so etwas tat, im Jahre 1942! Da durfte ich mich natürlich nicht wundern, jetzt hier zu sein! Lagerarzt Mengele reagierte anders, sachlich, beinahe freundlich. „Aber wie konnten Sie denn glauben, dass Ihnen so etwas gelingen könnte?” Es war der Ton einer gleichgestellten Kollegin gegenüber, die eine Operation mit zu grossem Risiko bei einem ohnehin hoffnungslos an Patienten versucht hatte. Ich konnte ihm beruhigt im gleichen Tone antworten: „Warum? Es gibt eine gewisse Zahl von Fällen, wo das durch Bestechung der Gestapo gelungen ist.” Ich hatte mich nicht getäuscht, auch diese Antwort empörte ihn nicht. „Ja, natürlich verkaufen wir Juden, wir wären dumm, wenn wir es nicht täten. Aber warum geben Sie sich mit solchen Sachen ab. Was haben Sie davon? Jetzt sitzen Sie hier!” Kein Wort von fehlendem Rasenbewusstsein oder ähnlichen Vorwürfen. Er wäre sich selber lächerlich vorgekommen, diesen Blödsinn zu verzapfen. Er, Mengele, sah die Sache anders. Ein schlechtes Geschäft, weiter nichts. Er hatte beschlossen, nur gute Geschäfte zu machen. Es war kein Vergnügen, ’Lagerarzt in Auschwitz zu sein, besonders im Frauenlager. Die Häftlinge starben dort wie die Fliegen, an Seuchen, an Hunger. Der Hunger, das war geplant, aber die Seuchen waren unangenehm. Im Winter 1943 auf 1944 hatte es unter den 30.000 Frauen täglich bis zu 350 Tote gegeben und, was schlimmer war, die diensthabenden SS-Leute gerieten in Gefahr. Auch sie erkrankten, trotz Impfung, vor allem an Fleckfieber. Da musste einmal Schluss sein. Die Lagerleitung hatte immer wieder Entlausungsaktionen in den überfüllten Scheunen angeordnet, in denen die Häftlinge untergebracht waren. In dem Schmutz und Durcheinander waren sie wirkungslos geblieben. Hier musste man durchgreifen. Mengele liess einen der jüdischen Krankenblöcke, der am Ende einer Reihe stand, räumen, alle Insassen, ausnahmslos, wurden in die Gaskammer geschafft. Nun wurde dieser ' eine Block gesäubert und desinfiziert. Dann wurden die Kranken aus dem Nachbarblock nackt ausgezogen, in einer Desinfektionslösung gebadet, ihre Haare abrasiert. Vor dem sauberen Block bekamen sie neue Nachthemden, und er wurde gesperrt. Dann wur^ der so leer gemachte Block gesäubert und so weiter, reihum, bis das Krankenrevier läusefrei war. Damit war die Fleckfieberepidemie beherrscht, und wir waren von dieser ärgsten Geissei unseres Häftlingslebens erlöst. Das verdankten wir Dr. Mengele, denn er hatte die einzig mögliche Form der Entlausung organisiert und damit vielen der’ Neuankommenden das Leben gerettet. Was wollte man noch von ihm? Ihm vorwerfen, dass er diese gute Sache mit dem Mord an den ersten 400 jüdischen Frauen begonnen hatte, statt die Erichtung einer neuen Baracke zu fordern? Hätte man noch länger zuwarten sollten? _War er die Bauleitung? Die hatte anderes im Kopf. Mengele war immer für das Zweckmässige. Die Medikamente waren spärlich vorhanden, man musste sie dort verwenden, wo sie den meisten Nutzen versprachen, also bei jungen, noch starken Frauen. Die kamen noch als Arbeitskräfte in der Rüstungsindustrie in Betracht. Es gab wieder einmal Inspektion in meinem Krankenblock, im September 1944. Die Räumung des Lagers stand bevor, nur noch wenige deutsche Häftlinge kamen dorthin. So hatte man mir Polinnen, die nach dem Warschauer Aufstand verhaftet worden waren, auf meinen Krankenblock geschickt. Vor allem die alten Frauen hatten die Verhältnisse im Lager keine drei Tage ausgehalten und waren sofort erkrankt. Wir hatten geschmuggelte Medikamente, vor allem Herzmittel; ich gab ihnen davon so viel ich konnte. „Da werden Spritzen hineingejagt noch und noch, Cardiazol, Koramin, Kampher!” Er blätterte in den Fieberkurven, die wir so führten, also wären wir in einem normalen Kranken¬ Untersuchung auf Geisteszustand Washington. — Richter George Neilson verfügte die Internierung des amerikanischen Naziführer George Rockwell im Hospital für Geisteskranke im Distrikt Columbia, wo er auf seinen Geisteszustand untersucht werden soll. Es steht zu erwarten, dass Neilson seine Verfügung nicht erlassen wird, bis der Rekurs zum Entscheid gelangt. Die richterliche Verfügung wurde nach zwei Sitzungen getroffen, in denen Rockwell in eigener Verteidigung aufirat, wobei er seine neonazistische Philosophie auseinandersetzte. Seine Internierung wurde verfügt, nachdem die Psychiater über die Geistesverfassung Jiockwellts „eine Schlacht geschlagen” hatten. Der frühere Leiter der psychiatrischen Klinik des Hospitals sagte als Zeuge der Staatsanwaltschaft aus, er habe hie Schriften Rockwells geprüft, di« dieser während seiner Schul- und Universitätszeit verfasst hat, und fesigestellt, dass der Angeklagte an eher schweren geistigen St* ung leide, die snzunehmenderweise gefährlich v.-rr?--' könne. (ITA) haus. „Ja, was wollen Sie denn von diesen alten Weibern? Aus denen wird ja doch nichts mehr!” Die allen Weiber waren Damen der Warschauer Gesellschaft, die fast alle Deutsch verstanden. „Ich will gar nichts von diesen Frauen, Herr Hauptsturmführer”, sagte ich — ich wusste, was ich mir bei ihm herausnehmen konnte, — „aber ich dachte mir, eine von ihnen könnte einen Sohn in etwa Ihrem Alter haben, der sie gern Wiedersehen will.” Es war das einzige Mal, dass ich Mengele betroffen sah. Er bekam einen blutroten Kopf. „Ich weiss auch nicht, ob ich meine Mutter je Wiedersehen werde”, murmelte er, drehte sich um und ging. O Die wissenschaftliche Forschung war das beste Mittel, sich unliebsame Gedanken fernzuhalten. Eine jüdische Zwergenfamilie kam ins Lager, Artisten aus einem Zirkus, die man irgendwo zusammengefangen hatte. Men. gele schickte ihnen persön.. lieh einige Stangen Wurst aus der SS-Kantine. Sie sollten nicht verhungern, bevor sie nicht von einer Anthropologin vermessen worden waren. Er hatte sich da die Mitarbeit einer sehr guten Wissenschaftlerin gesichert, Prinzessin Martina Pusina. Unter diesem Titel konnte man der Frau auch etwas bessere Lebensverhältnisse im 'Lager verschaffen. War es doch peinlich, so eine Frau — sie war auch sehr schön —, derart im Dreck verkommen zu sehen. Man ist ja schliesslich ein Kavalier. Die Zwergenfamilie wurde erst vergast, als die Arbeit der Anthropologin beendet war. „Doch schade, dass dieses ganze schöne wissenschaftliche Material den Russen in die Hände fallen wird”, sagte er bedauernd zu mir, nachdem er es mir an einem Samstagnachmittag — immer der vorurteilslose Kollege — gezeigt hatte. Er war nicht so kindisch, im September 1944 noch an die Wunderwaffe zu glauben. * Dementsprechend waren seine Vorbereitungen. Die Zwillingsforschunr freute ihn nicht mehr. Er hatte Auftrag gegeben, bei den ankommenden Transporten alle Zwillingspaare zu verschonen und ihm vor Zufuhren. Aber mit der Zeit war er dahinter gekommen, dass wir ihm immer wieder irgendwelche zwei Menschen, die eine gewisse Aelinlichkeit miteinander hatten, als Zwillinge präsentierten; Papiere waren sowieso keine vorhanden. „Auf Sie kann man sich ja auch nicht verlassen, dass Sie Sinn für wissenschaftliche Sauberkeit hätten”, so sagte er kopfschüttelnd zu mir. Also wandte er sich für ihn sinnvolleren Beschäftigungen zu. Arabische Liga beunruhigt ondon. — Die Arabische Liga wird sich endgültig über die arabischen Beziehungen mit Iran bei einer Aussenministerkonferenz im Libanon schlüssig werden die in Kürze stattfinden soll. Der Erfolg, den Israel durch die Herstellung freund- ' schaftlicher Beziehungen mit einem zwar nicht arahisehen, doch mohammedanischen Land für sich buchen kann, bereitet den arabischen Ländern Sorgen, weil , sich hierdurch andere asiatische Länder ermuntert fühlen könnten, ein Gleiches zu tun. Besonders Indien könnte dem Beispiel folgen. Dieses Land steht unter ständigem Druck vieler seiner intellektuellen Führer, die die Anerkennung Israels fordern. Pakistan erklär- ' te, es werde auch weiterhin Israel nicht anerkennen. i Im Bälde wird Zypern ein unabhängiger Staat und hat! den Wunsch ausgesprochen, freundschaftliche Bande zu beiden Parteien zu unterhalten. Die arabische Einflussnahme in entgegengesetztem Sinn war bisher erfolglos. Iran wird die Beziehungen mit der VAR nicht wiek der aufnehmen, solange Nasser an der Macht ist, wie | der iranische Aussenminister Abaws Aram erklärte. Als Aram der Presse bekanntgab, dass der Botschafter der VAR in Teheran von Kairo auf gef ordert worden sei, die Stadt innerhalb von 48 Stunden zu verlassen. ) fügte er hinzu, die Angriffe, die Nasser in seiner Rede gegen den Schah erhoben hat, „seien dem kranken Geist eines, unwürdigen Chefs eines befreundeten mu- / sulmanisehen Staates entsprungen.” (ITA) Da war ein entzückendes blauäugiges Mädchen in Auschwitz, das ein wenig zu lustig gelebt hatte. Den roten Winkel trug sie nur, weil der Liebhaber, mit dem sie, statt ihrer Dienstverpflichtung in einer Fabrik nachzukommen, wieder einmal weggefahren war, irgendeine Mappe mit hochverräterischen Papieren bei sich gehabt hatte. So wurde sie, ein wenig unverdient, ein politischer Häftling. Im Lager gab es ein.n anderen Liebhaber, und von dem bekam sie ein Kind. Ein entzückendes blauäugiges Mädchen, für das s'e rührend sorgte. Mit ihrem Charme setzte sie durch, dass man es ihr nicht wegnahm; irgendwie organisierte sie rosa Wolljäckchen und spielte mit ihm wie mit einer Puppe. Zu ihr kam Mengele und fragte: „Würdest du dich nicht freuen,- wenn deine kleine Dagmar schwarze Augen hätte?“ Nein, wozu? Sie fand die blauen wunderschön, und überhaupt musste man misstrauisch sein, wenn Mengele etwas vorschlug. Aber es nutzte nichts, er nahm ihr das Kind weg. „Du wirst sehn, wie schön das sein wird, schwarze Augen mit den blonden Locken“. Täglich wurde es abgeholt und kam abends zurück. Vom Experimentierblock, wo er etliche Säuglinge gesammelt hatte! drang das durchdringende Geschrei dieser hilflosen Wesen ins Lager. Er Injizierte Farbstoff in die Augen, um zu sehen, ob es möglich sei, die menschliche Iris dauerhaft zu färben. Sinnlose Spielerei? O nein, gar nicht. Er sah ganz klar. Es kam die Zeit, wo es für ihn sehr sinnvoll schien, sich auf das Untertauchen vorzubereiten Kosmetische Operationen? Ganz schön, aber doch nicht Registro de la Propied ganz verlässlich. Die Augen — er hatte recht, die Augen eines solchen Menschen wie er vergisst man nicht. Aber wenn die eine andere Farbe hätten? Da musste auch der Zeuge, dem sich das Bild des Massenmöders unauslöschlich eingeprägt hatte, unsicher werden Es hatte nichts genutzt, Dagmars Augen wollten nicht schwarz werden. Aber sie war in diesen Wochen entsetzlich heruntergekommen. Als sie zuletzt Keuchhusten bekam und, knapp vor der Befreiung von Auschwitz durch die Russen auch noch eine Lungenentzündung dazukam, starb sie wenige Tage später. Ich bin sicher, dass es Mengele leid, getan haben würde, hätte er davon noch' erfahren. Das Ganze war Ja völlig überflüssig gewesen. Wozu untertauchen? Wozu solche kosmetischen Veränderungen? Lächerlich. Je unverfrorener« und zynischer, desto besser. In Buenos Aires gibt es oder gab es jeden, falls bis zum Jur." 1959 eine ärztliche Praxis „Dr. Joseph Mengele“. Warum auch nicht? Wer kümmert sich schon um einen Mengele? Die argentinische'Regierung? Kennt ihn nicht. Die ehemaligen Häftlinge? Die suchen nach versteckter Verbrechern, nicht nach denen, die ganz offen leben. Nein, wahrlich, sie kamen nicht auf die Idee, den Namen Dr. Joseph Mengele in irgendeiner offiziellen Aerzteliste ir. gendeiner Stadt zu suchen. Es jst ein Zufall, dass wir davon hörten. Dass wir Aus. sagen über seine Tätigkeit in Auschwitz sammeln konnten, die wir der Staatsanwaltschaft seines Heimatortes Freiburg im Breisgau zur Verfügung stellen konnten, welche daraufhin im Jiu. ni I960 ein Auslieferungsbegehren an die argentinische Regierung richtete. ad Intelectual No. 856.635 Impreso en la Imprenta POLIGLOTA — Corrientes 311#

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