Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 21 (1960)
- Issue
- 1786 (14.6.1960)
- Date
- 1960-06-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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4 — Martes, 14 de Junio de 1960 Año XXI. — Mo 1786 M*1 LA SEMANA ISMAELITA Jugend ohne Widerspruch LITERATUR« von SCHALOM BEN-CHORIN Die Situation der Jugend die rebellisch sich gegen die Verhältnisse auflehnt die ihr von d r älteren Generation präsentiert werden hat Goethe in seinem „Faust” klassisch Umrissen. Im zweiter. Akt des Zweiten Teils sagt Mephistopheles in unverkennbar frankfurtischem Dialekt zum Baccalaureus die berühmten Worte: Wenn sich der Most auch ganz absurd gebärdet, Es gibt zuletzt doch noch e’ Wein_“ Der sich absurd gebärdende Most, also der schäumende, junge Saft, der erst langsam sich abklärend zu einem geniessbaren Wein wird, das war das Bild der rebellische! Jugend vor und nach Goethe — bis auf unsere Zeit. Aber dieses grossartige Bild, das in zwei Zeilen alles umriss, was hier gesagt werden konnte, trifft merkwürdigerweise nicht mehr •uf die heutige Jugend, insbesondere nicht mehr auf die jüdische Jugend in USA zu. Ein erster Experte für diese Frage weilt»- kürzlich zu längerem Studienaufenthalt in Jerusalem: Rabbi Dr. Alfreu Jospe, früher Bezirksrabbiner in Schneidemühl und später an der Neuen Synagoge in Berlin. Seit 1939 lebt Dr. Jospe in den Vereinigten Staaten von Amerika und ist seit über fünfzehn Jahren hauptamtlich im Studentenerziehungswerk in den USA, nunmehr als Vizedirektor der Beth Hillel- Foundation tätig, jener auch in Jerusalem wohl bekannten Benei . Berit - Logenstiftung, die ein weites Netz von Hillel-Studentenheimen für j üdische Studierende unterhält. Die Zahlen die Dr. Jospe gibt, sind erstaunlich: Jeder dritte Jugendliche zwischen 17 und 25 Jahren besucht heute in den USA ein College oder eine Universität. Man schätzt, dass es im Jahre 1970 bereits soweit sein wird, dass jeder zweite Jugendliche einige Jahre Hochschulbildung hat. Das sind allgemeine Verhältnisse, und die jüdischen unterscheiden sîsfe nicht davon, ja — wie Efe+it weiter verwunderlich — bei den Juden ist der Prozentsatz vielleicht noch um ein Geringes höher als bei den Nichtjuden Nun ist aber der Typus des amerikanischen Studenten im allgemeinen und insbesondere des jüdischen Studenten in den USA grundverschieden von dem, was wir unter akademischer Jugend aus Europa kannten: der sich „absurd gebärdende Most” ist zu einem „stillen Wasser“ geworden. Die heutige jüdische Jugend in Amerika ist nicht mehr radikal. Man trifft Studenten keineswegs mehr in der vordersten Linie politischer und sozialer, radikaler Bewegungen an. Man ist nicht mehr intellektuell in dem Sinne, dass man in leidenschaftlichen Nachtgesprächen die Probleme der Welt diskutiert und für jede Frage eine Patentlösung bereit hält, die erst später durch die Erfahrungen des Lebens lädiert wird. Diese amerikanisch - jüdische Jugend hat eigentlich keine Ideale mehr. Als bei einer grossartigen Hillel-Tagung ein grossartiges Programm jüdischer Bildung den Studierenden vorgelegt wurde, sagte ein Student mit schöner Offenheit: „Ich werde hier drei Jahre ökonomische Wissenschaften studieren. Dann trete ich in die Fabrik meines Vaters ein, der in Brooklyn Hosen fabriziert. Glauben Sie, dass ich bessere und billigere Hosen fabrizieren kann, wenn ich all dieses tote Wissen in mich aufnehme, das man uns hier offeriert?” Auf diese zweckbetonte Frage gibt es keine jüdische Antwort. Das Studium verhilft diesen jungen Leuten dazu, einen besseren Job im Leben zu finden. Ihre Träume sind ganz von dieser Welt: ein guter Posten, ein hübsches Haus, eine schöne Frau, ein eleganter Wagen... Und was darüber ist, das ist offenbar völlig unnötiger Ballast. Und das bei akademischer Jugend! Von zweihunderttausend jüdischen Studenten in Brooklyn haben sich nur zweitausend der Hillel - Gruppe angeschlossen, obwohl diese alle jüdischen Strömungen von der Orthodoxie über die Kon: .rvativen bis zur Reform grundsätzlich umfassen will \xnd sich ebenso an Zionisten und Nichtzionisten wendet. Aber alle diese Einstellungen sind eigentlich theoretischer Natur, denn das jüdische Wissen der heutigen amerikanischen Jugend ist so gering. dass von einer wirklich fundierten innerjüdischen Orientierung nur schwer die Rede sein kann. Ein Kenner der Materie drückte das so aus: „Die jüdische Bildung in Amerika ist eine Meile breit, aber nur einen Zentimeter tief“. (Eine Ausnahme bilden die streng-orthodoxen Kreise, in welchen noch nach traditioneller Weise „gelernt“ wird; aber diese Schicht ist zahlen mässig leider sehr dünn geworden. Die jüdische Bildung hört meist mit dem Bar Miz-wah- Alter auf. Bis zum 13. Lebensjahr, — bei den Mädchen bis zum 12. Lebensjahr — ist wenigstens der Besuch der Sunday-School üblich, einer Religionsstunde ausserhalb des üblichen Lehrplanes, da ja die Slaatsschulen jüdischen Unterricht ebenso übrigens auch christlichen Religionsunterricht nicht innerhalb der Schule vermitteln. Nur ausgesprochene „Konfessionsschulen“ machen da eine Ausnahme. Hier liegt übrigens der Grund für eine seltsame Erscheinung, die wir durchaus nicht negativ beurteilen dürfen: Reformgemeinden haben das Bar Mizw ah-Alter (und ebenso das Bath Mizwah-Alter für die Mädchen) auf 16 und 17 Jahre verlegt, um so eine Handhabe zu besitzen, die Jugendlichen etwas länger im jüdischen Unterricht festzuhalten. Das Judentum, das jungen Menschen, die nur bis zum 13. Lebensjahre Judentumskunde getrieben haben, bekannt ist, muss naturgemäss einen infantilen Einschlag haben. Man kerftit nicht?«die Bibel, sondern nur die „biblische Geschichte, für die Jugend bearbeitet“. Man kennt die Feste des jüdischen Jahres sozusagen nur als Kinderfeste. Man identifiziert so halb unbewusst Judentum mit Kindheitserlebnis und wirft es sehr bald über Bord, wenn dieses unzulängliche Wissen mit dem viel reicheren und komplizierteren Wissensstoff der Universität zusammentrifft. Dabei hält man aber an seiner jüdischen Identität fest. Dr. Jospe erklärt: Vor dreissig, zwanzig pnd fünfzehn Jahren gab es noch ein Problem des Abfalls vom Judentum in der amerikanischen intellektuellen J ugend. Ein anderer Kenner dieser Verhältnisse, Dr. Will Herberg, wies einmal darauf hin, dass gerade religiös aufgeschlossene, denkende amerikanisch - jüdische Jugend noch in den dreissiger Jahren zum Christentum tendierten. Von der entgegengesetzten Seite her ergänzte der amerikanische Trapisten-Mönch Thomas Merton in seinem viel gelesenen Buche „Der Berg der sieben Stufen“ diese Feststellung, indem er 1948 noch darauf hinwies, dass eine ganze Reihe seiner jüdischen Freunde katholisch wurde. Davon ist heute keine Rede mehr. Die jüdische Identifizierung jüdischer Jugend in Amerika ist ganz selbstverständlich geworden. Wir wissen, dass die Gründung des Staates Israel hier entscheidend dazu beigetragen hat. Der junge Jude hat nun, wie der Italiener oder MÀIMCNIOËS i»u s . 1* 0 8 Ihj^ttftakback $ 650.— VERLAG OMEGA, BUENOS AIRES CVRRUCHAGA 2289 — T. E. 71X708 2m b«*i«han durch alle einschlägigen Buchhtndlunicn umd durch di« JUXDISCHK WOCHENSCHAU rfinuDo« *i86 i* — t. e. tt-tm der Ire, der Skandinavier oder der Deutsche in den USA, sein „zweites Vaterland", auf das er mit wohlwollendem Stolze vom sicheren Hafen Amerikas aus blicken kann: Israel. Er identifiziert sich mit seinem Volke, aber diese Identifizierung ist meist ohne klar erkannten, spezifischen Inhalt. Nicht selten tragen junge Jüdinnen in Amerika eine kleine Mesusa als Anhänger am Halskettchen, junge Juden einen Magen David am Rockaufschlag. Man unterstreicht so sein Judentum. In allgemeinen Studentenheimen zünden dentinnen die Schabbat-Ker. zen am Freitagabend an und ihre Kommilitonen die Chanukka-Lichter. Man schämt sich seines Judentums nicht, aber man „erwirbt“ keineswegs, was man „ererbt von seinen Vätern“ hat. Das hängt mit jener bequem gewordenen Haltur.g zusammen, die nicht g-stört und belästigt werden will. Was man hat, das behält man, — aber man vertieft es nicht, man setzt sich garnicht wirklich damit auseinander. Wenn man die Dinge im richtigen Lichte sieht, so ist das eigentlich ein furchtbares Misstrauensvotum für die ältere Generation. Die Welt, die wir haben, ist nicht in Ordnung, ■Weltkrieg, Korea - Krieg, Kalter Krieg, Atombomben. — Drohungen: das sind die Leit, und Leidworte dieser Jugend. Was hat zu diesem Verhältnis geführt? Die Jugend ist daher skeptisch geworden. Sie will von alldem nichts mehr wissen. Aber sie gibt damit zu verstehen, dass wir diese Welt so gründlich verdorben haben, dass eine Auseinandersetzung mit den Pfuschern von Gestern nicht mehr lohnt. Man vermeidet daher die wirkliche Diskussion und will nur noch sein eigenes kleines Glück in dieser keineswegs mehr „besten aller Welten.“ So gesehen ist diese „zahme Jugend“ eigentlich mehr als rebellisch: sie hat gegeüber der Vergangenheit resigniert. Im Anschluss an den Thora-Abschnitt „Wajakhel- Pekudej“, der von der innenrvchitektonischen Ausschmückung des Stiftzeltes spricht, meinte Rabbi Dr. Jospe in einer Gastpredigt in der Jerusalemer konservativen Synagoge „Emeth Weemuna”, dass sich das amerikanische Judentum gerade an diese Pflicht des Baues und der Ausschmückung von Synagogen hält. Hunderte von neuen Synagogen schiessen aus der Erde. Der Zeit. Schrift „American Judaism“ ist zu entnehmen, dass es eiJ nen neuen Spezialisten auf diesem Gebiete, Percy Gutman, gibt, einen Synagogen- Architekten, der supermoderne Tempel baut, einer grandioser und luxuriöser als der andere, — aber der Inhalt dieser Prachtbauten ist oft sehr ärmlich. Fassaden-Judentum: das ist offenbar die Gefahr des zahlen- Dr. Siegmund Kaznelson, der langjährige Leiter des Jüdischen Verlags und selbst ein Schriftsteller von Rang, durfte wenige Tage vor seinem allzu frühen Tode noch sein letztes vollendetes Buch in der Hand halten. Es heisst „Jüdisches Schicksal in deutschen Gedichten”, und der Autor charakterisiert es auf dem Titelblatt und in seiner Einleitung als eine „abschliessende Anthologie” (Jüdischer Verlag, Berlin, 1959, Dünndruck-Ausgabe, Kunst, leder). Es enthält auf 500 Seiten etwa 300 Gedichte von 118 Verfassern, unter ihnen sind nur 23 Nichtjuden, 3 Halb- oder Vierteljuden und 5 getaufte Juden. Alle anderen haben sich, in dieser „der jener Form, mit dem jüdischen Volk und Glauben zeitlebens identifiziert, wenn auch in verschiedener Stärke, je nachdem das jüdische Schicksal sie traf. Die Einleitung gibt einen Querschnitt durch Kaznelsons Auffassung der jüdivon Prof. Dr. ERNST Sl sti.en Geschichte. Fünf grosse Motive haben diese von Anfang an und bis in unsere Tage hinein beherrscht: die der Auserwählung, der Aussonderung, der Austreibung, der Auswanderung und zuletzt, der gepiamen und fast durchgeführten Ausrottung. DL eigentümliche Polarität liefert den Schlüssel zu der sehr charakteristischen formal. Das den, «as K lyrischer scher Sprac mentation <■ iealten Zus .und -"'irke und Deutsc sieht schlos: solche G€c Dichter aus, dischen Stof solche Ged Anok nung der Gedichte in scher Dicht' dreizehn grossen Abschnitten. Der erste, „Die Ahnenreihe“, suchte die Frage: „Woher,“ zu beantworten, tun. Kazne StoffprinziP ¡rjg; -UCh ' sehe Motive, der letzte, „Die Rückkehr”, .«der das L die Frage: „Wohin?“. Dazwi. sehen stehen dichterische Zeugnisse über „Weg ur.d j&lbstironie Sendung des Juden“, seine ge haben d sind vertret ■dere fehlei Beziehungen zur Umwelt und deren tragische Folgen: feil -’ in nationalen Wanderschaft und Leid, v^estört, das -letzten Sti ms „An die lassen hat. Die Eig mässig grössten Judentums der Welt von heule, des U S A-J udentums. Die ernüchterte, die gezähmte, die resignierte Jugend besucht auch diese prächtigen Synagogen nicht, und darin weiss sie sich so zieml'ch einig mit der Jugend Israels, die auf ihre Weise ebenfalls resigniert und wenig diskussionsbereit, desillusioniert und gewissermassen „verspiesst“ ist. Sie sind sich nicht so unähnlich, die jungen Sabres und jungen amerikanischen Juden, und daher verstehen sie sich — aus der Entfernung — eigentlich ganz gut. Sie h^ben die Beziehungslosigkeit. Sie machen sich selbst und gegenseitig nichts mehr vor. Gewiss, meint Dr. Jospe, findet man hier noch weit mehr jüdischen Gemeinschaftssinn bei jüdischer Jugend, gewiss ist das hebräische Wissen der israelischen Jugend viel tiefer, wenngleich es mit der „Jüdischkeit“ bekanntlich sehr „hapert“, aber auch die israelische Jugend ist nicht mehr rebellisch, nicht mehr kämpferisch. Die „Ideale“ vom privaten Glück sind der Sabre-Jugend und der amerikanisch-jüdischen Jugend gemeinsam geworden, ebenso das Misstrauen gegen alle Ideologie und die Hin. Wendung zu einem zielbewussten Zweck _ Studium, dem das intellektuelle Feuer der grüblerische Elan fehlt. Das sind Tatsachen, die tief durchdacht sein wollen; denn sie bedrohen den geistigen Bestand der Nation, die jahrhundertelang nur \ m Geist her gelebt hat. Dessen Adel stammt weitgehend aus dem Zwiespalt zwischen Glauben und Unglauben und äussert sich, um mit Heine zu sprechen, .Sammlers k als ein „dunkles Weh“, wel- Xkdicht, un< ches auf irdischer Ebene, ,ren, noch ii das jeben als Schuldgefühl „Zuge zum A fasst, auf metaphysischer, sei. jjhni einen i ner Vergänglichkeit ins Au-^rfechen Di ge sieht. Werden diese Mofos Got tive bewusst mit dem Ju- »freilich ein denschicksal verbunden, so "Gedicht sei entsteht der spezifische „Juurspriii denschmerz“, der sich in.jpsein Ur immer erneutem Abschied i-jen wird. von liebgewordenen Gefährten und vertraut gewordenen Umgebungen imd der ihm folgenden Einsamkeit konkretisiert. Eines allerdings ist beständig und überdauert den Wechsel und Wandel der Generationen: die jüdische Familie. Selbst die grossen Katastrophen, der erste Weltkrieg, die in ihm nie vorher gekannte Masse annehmende Judennot — ihr Unheil haben einige wenige Dichter darunter Gottfried Keller und Stefan George vorausgeahnt — ja sogar Exil und Martyrium haben den Zusammenhalt des jüdischen Volkes nicht vernichten können, ihn sogar noch gefestigt. Der „Schuld und Scham“ edler Nichtjuden — líese: Gedi (inen an t Hamburger token: ma rawohnun; Werten M Dabei m; wieder neu Litei Ne Vorschlag Hsrzl-Mai Ein repu giied des Kongresses Rerzl-Mari lOOjährigei der Serie i Liberty” ] Albrecht Haushofer, Rudolf er auch Hartin, Bc äderen e Birensei Dr. Mar »als Prol Alexander Schröder, Ricarda Huch, Ernst Wiechert, Wolf Kilian und Werner Bergengruen — stehen auf jüdischer Seite gegenüber eine neue, oft gläubige Auseinandersetzung mit der an d bei, mit Brauch und Uebers»en, wure lieferung. bis ein Rest tor der U: schliesslich im Lande Israel :e Acht die neue Heimat gewinnt. heute an Innerhalb dieses wohl versität. durchdachten Rahmens entgc , faltet sich eine Fülle von Gedichten sehr verschiede- J^abeti nen künstlerischen Wertes. ein Kazrclsons Auswahlprinzi- ‘Jeron; pien waren inhaltlich, nicht lignr Israel - Marken Cn grösste! Auswahl: u. a. VIERERBLOCKS — MARKEN MIT PLATTEN NUM¬ MER - MARKEN MIT BAND — KOMPLETTE BOGEN (planchas) — VOLL. STAENDIGE SAMMLUNGEN — WERTVOLLE AUSGABEN - ERSTE SERIE VORHANDEN — VERTRAUENSWUERDIGE BERATUNG Alfonso MÜRITZSON Guanacache 2351, dep. 2 sag. CABILDO MAMMMÉHMAtMMMIMÍM --im««>»n