Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 21 (1960)
- Issue
- 1785 (10.6.1960)
- Date
- 1960-06-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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JÜDISCHE UIOCHEIBCUHU PUEYRREDON 2190 — 1? isq. Año XXI. jg Jewuuta jbAjaelUa BUENOS AIRES, VIERNES 10 DE JUNIO DE 1960 T. E. 8 3.2 6 1 9 No. 1785 Argentinien sendet neue Note Im folgenden veröffentlichen wir die weitere Entwicklung des Falles Eiehmann, wobei wir uns nach Möglichkeit an die chronologische Folge halfen. (Anm. d. Redaktion) "Wie bekannt, hatte Argentinien durch seinen Aussenminister Dr. Diogenes Taboada dem israelischen Botschafter in Argentinien, Dr. Arie Levavi, eine Anfrage seiner Legierung über die Umstände übergeben, die zur Ergreifung des Kriegsverbrechers Eichmann geführt haben. Am vergangenen Freitag wurde der israelische Aussenminister wiederum vom Aussenminister empfanden, dem er bei dieser Gelegenheit die Antwort Israels überbrachte. Der Wortlaut der israelischen Note wurde erst am Montag bekannt gegeben. Wie der Aussenminister der Presse mitteilte, werde die argentinische Regierung die Antwort Israels prüfen und dann ihre Stellungnahme der Oeffentlichkeit unterbreiten. Er wollte noch keine weiteren Mitteilungen machen, um der endgültigen Erklärung seiner Regierung nicht vorzugreifen. Der Text der israelischen Note ist der folgende: „Die Botschaft Israels b’egriisst den Herrn Aussenminister mit ausgezeichneter Hochachtung und beehrt sich, ihm folgendes mitzuteilen: „Die Regierung Israels befand sich in Unkenntnis der Tatsache, dass Adolf Eichmann aus Argentinien gekommen war, da der israelische Sicherheitsdienst keinen Bericht hierüber abstattete. Erst nach Erhalt des am 1. Juni 1960 vom Bohschafter Israels in Buenos Aires übermittelten Kabels hat die Regierung die Umstände des Falles mit den Sicherheitsbehörden geprüft, die Eichmann verhaftet haben, und ist zu den folgenden Fest Stellungen gelangt: „1. Seit Beendigung des zweiten Weltkrieges haben jüdische Freiwillige (darunter einige Israelis) die Suche nach Eichmann, einer der Haupt verantwortlichen für die Ausrottung der europäischen Juden, aufgenommen. „2. Fünfzehn Jahre lang haben die Gruppen von Freiwilligen Eiehmann in den verschiedenen europäischen Ländern, in arabischen 'Ländern und auf dem lateinamerikanischen Kontinent ergeb. nislos gesucht. „3. Vor einigen Monaten trafen Nachrichten von einer dieser Freiwilligen-Gruppen ein, die mit der Suche beschäftigt waren, dass Eichmansich in Argentinien unter einem angenommenen Namen verborgen halte, ohne Kenntnis der argentinischen Behörden, jedoch mit Hilfe anderer Nazis, die im Lande leben. Es war den Nachforschenden nicht klar, ob diese Nachricht glaub- WIE ICH ES SEHE Eine seltsame Begebenheit il von JEHUDA GOTTHEIMER Vor kurzem mussten wir erst Gelegenheit nehmen, über die — sagen wir es höflich — merkwürdige Erscheinung des jüdischen Vorkämpfers für einen deutschen Angriffs- und Expansions . Krieg, des Herrn Schlamm, ein wenig ausführlicher zu berichten. Schlamm tritt als der Künder eines deutschen Sühnefeldzuges gegen die Sowjetunion auf, die nicht nur die ganze zivilisierte Welt bedroht, sondern auch die Schlammsche Existenz wegen roter Meinungsverschiedenheiten von Moskau nach Washington abgedrängt hat. Freunde und Gegner preisen unsere jüdische Solidarität, die nicht etwa nur als eine Eigenschaft erwähnt •wird, die uns Juden auszeichnet, sondern gleichzeitig als ein politisches Propagandamittel gegen uns Anwendungfindet, wenn es unseren Gegnern so gefällt. Vielleicht haben die langen Jahrhunderte der Verfolgung ein ausgeprägtes jüdisches Solidaritätsgefühl hervorgehoben. Dies wäre psychologisch durchaus verständlich, und niemand brauchte sich dessen zu schämen. Dennoch dürften wir uns auch so viel Selbstkritik bewahrt haben, um Schwarz und WTeiss in den eigenen Reihen zu unterscheiden. Im übrigen befindet sich unser Volk nach nationaljüdischer Auffassung im Prozess der Normalisierung als erstes Ergebnis seiner nationalen Renaissance, sodass wir uns dessen gav nicht zu schämen brauchen, wenn wir auch sells;: - •ne Käuze und merkwürdige Erscheinungen in unseren Reihen haben. Wir sind nicht der Meinung, d.iss alles, was Juden sagen, unbedingt richtig sein muss, und wir vertreten auch nicht die Auffassung, dass alle Juden Engel seien. Schon Herz-l hat gesagt, dass das jüd’sche Volk das gleiche Recht wie andere Völker darauf hat, auch negative Elemente zu besitzen. Es bleibt jedem überlassen, einen Schlamm negativ oder positiv zu bewerten. Aber neben Schlamm gibt es noch aridere jüdische Zeitgenossen, die in letzter Zeit das Interesse der Oeffentlichkeit auf sich gezogen haben. Wir werden im folgenden den Fall des „Oberrabbiners” Dr. Isaak Goldstein erzählen, der ebenfalls für sich in Anspruch nehmen darf, zumindestens reichlich merkwürdig zu sein. Wir wollen uns nicht in lange Untersuchungen verlieren, welcher Jude das Recht hat, sich Rabbiner zu nennen oder nicht. Hierfür gibt es klare Richtlinien, die gewiss verschiedentlich ad hoc variiert worden sind. Ob diese Aenderungen berechtigt waren oder nicht, ist ebenfalls nicht wichtig. Der Titel „Oberrabbiuer” besteht in der jüdischen Diktion ganz gewiss nicht. Hier handelt es sich um eine moderne Erfindung, um dem „geistlichen” Oberhaupt einer Gemeinde mehr Gewicht zu erteilen. Jetzt hat sich im Nachkriegs-Deutschland, das sich überhaupt durch eine Reihe eigenartiger „Rabbinen” auszeichnete, die so gar nicht mit unserer Vorstellung von ■ der Bedeutung und Würde | des Rabbinats in Einklang | zu bringen sind, ein neuer I Oberrabbiner präsentiert: Dr. Isaak Goldstein, übrigens der erste Oberrabbiner, der jemals in Deutschland amtiert hat. Denn dieses Amt war dem deutschen Judentum fremd, und selbst Dr. Leo Baeck, dessen Autorität allgemein anerkannt war, ist, niemals Oberrabbiner gewesen. Dr. Goldstern ist sozusagen über Nacht berühmt geworden, erstens weil er ein Interview gab und zweitens weil er verprügelt wurde. Herr Dr. Goldstein hielt es für richtig, ausgerechnet der Deutschen Soldaten zeitung Rede und Antwort zu stehen und dort mitzuteilen, dass er den Geist der Versöhnung predige und alles verziehen habe. Die Soldatenzeitung benutzte diese Erläuterungen des Rabbi, um sich selbst damit ein billiges Alibi zu schaffen, stand sie doch seit Jahren als neonazistisches Organ im Verdacht, am Sturz der Demokratie zu arbeiten. Da nun kein Geringerer, als der — bis dahin allerdings völlig imbekannte — Oberrabbiuer Dr. Goldstein der Soldatenzeitung freundschaftliche Deklarationen überliess, war es nach der Ueberlegung dieser Herren doch ganz klar, dass die machgesagte neofaschistischen. Tendenz eine böswillige Erfindung der augenblicklichen Machthaber gewesen sein müsse, die sieh darum bemühen, Andersdenkende zu verfolgen. Wenn schon der Herr Obervabbiner der Soldatenzeitung anständige Gesinnung attestiert, dann muss doch der Verdacht, den Bonn gegen die Soldatenzeitung hegt, völlig aus der Luft gegriffen und unbegründet sein. Mit einem Schlage steht würdig sei oder nicht. Dage gen konnten sie feststellen, dass in Argentinien zahlreiche Nazis leben. „Die Untersuchungen wurden mit grösserer Intensität wieder aufgenommen, und man entdeckte den Wohnsitz Eichmanns, der unter einem falschen Namen lebte. Die Gruppen der Freiwilligen, die die Untersuchung durchführten,, nahmen Kontakt mit Eichmann und fragten ihn, ob er bereit sei, nach Israel zu gehen, um sich dort dem Gericht zu stellen. Als er feststellte, dass er erkannt worden sei, gab Eichmann seine wahre Identität zu und erzählte, er lebe in Argentinien mit falschen Papiere und unter einem anderen Namen. Als er gefragt wurde, ob er willens .sei, vor einem israelischen Gericht zu erscheinen bat er um eine 24stündige Bedenkzeit. Diese Frist wurde ihm zugestanden. Am folgenden Täge erklärte Eichmann sich einverstanden, aus freiem Willen nach Israel zu gehen. Gleichzeitig gab er der Gruppe, die ihn entdeckt hatte, einen eigenhändig geschriebenen Brief, in dem er sich willens erklärt, „ohne Beschönigung die Umstände seiner letzten Jahre im Dien, ste Deutschlands zu beschreiben, damit den kommenden Generationen ein wahres Bild der Ereignisse übermittelt werden könne.” „5. Die Gruppe der Freiwilligen brachte dann Eichmann mit seiner völligen Zustimmung aus Argentinien fori und übergab ihn dem israelischen Sicherheitsdienst. „6. Die israelischen Sicherheitsbehörden teilten am 23. Mai 1960 der Regierung Israels mit, dass Eiehmann sich in ihren Händen befinde, und die Regierung wies die Polizei und den Staatsanwalt an, den Prozess vorzubereiten. Erst später wurde der Oberrabbiner im Mittelpunkt einer öffentlichen Diskussion. Die Sache roch nacl Sensation. Prompt schaltete sich die bekannte Zeitschrifl „Der Spiegel” ein, womil die Angelegenheit zum Ge sprächsthema des Tages wur de. Welcher Tatbestand lieg! der Affaire zugrunde, die auch das innerjüdische Leben in Deutschland, soweit vorhanden, betraf. Ein bis dahin unbekannter Dr. Isaak Goldstein, der siel selbst Oberrabbiner nannte erschien eines Tages in Berlin. Diese einstige Grossgemeinde, die ein stolzer Mit telpunkt jüdischen Geisteslebens und nationaler Schöpferkraft gewesen ist, wurdt durch die Schrecken der nazistischen Verfolgungen da zu verurteilt, nach den: Kriege ein trauriges Schattendasein zu führen. Sie suchte eigentlich die ganzer Jahre hindurch einen Rabbiner, hatte einige bereits engagiert, die aus verschiede non privaten oder sachlicher Gründen jeweils wieder aus dom Amt schieden. Als Goldstein in Berlin auftauchte war die Gemeinde gerack PEDAGOGO AUSTRALIANO Nueva York. — El director de la escuela Mt. Scopus en Melbourne. Australia. Sr. A. Feiglin, fué agasajado con un almuerzo en la sede neoyorkina del Congreso Judío Mundial. Fué presentado a los convidados por el Dr. Maurice L. Perlzweig. director del Departamento de Asuntos Internacionales del Congreso. El huésped vicio aquí procedente de la ciudad de México, donde visitó los magníficos planteles educativos de la comunidad hebrea, y ahora recorre la Unión para estudiar sus diversos sistemas escolares judíos. De aquí saldrá con destino al Canadá, para dirigirse posteriormente a Europa, Israel y Sudúfrica, iodo ello con fines de estudio. El Sr. Feiglin viajará del Canadá a París en compañía del Dr. Perlzweig, para representar a los judies de Australia en la asamblea preliminar de la Primera Conferencia Mundial de Educación Judía, ahora en preparación. A esa reunión fueron invitados los más insignes expertos eu la materia. HERBERT FRANKENSTEIN Ein Paedagoge aus Australien New York. — Der Direktor der Mt. Scopus-Schule in Melbourne, Australien, Herr A. Feiglin, wurde mit einem Essen in dem newyorker Sitz des Jüdischen Weltkongresses geehrt. Er wurde den Gästen von Dr, Maurice L. Perlzweig, dem Direktor der Abteilung für Internationale Fragen des Weltkongresses vorgestellt. Der Besucher kam hier, er aus Mexico-City, wo er die grossartigen Erziehungsanstalten der jüdischen Gemeinde besichtigte. Jetzt bereist er die USA, um ihre verschiedenen jüdischen Erziehungs-Systeme zu studieren. Von hier geht er nach Kanada, um später Europa, Israel und Südafrika, ebenfalls zu Studienzwekken zu besuchen. Von Kanada aus wird Herr Feiglin in Begleitung von Dr. Perlzweig nach Paris fahren, um die Juden Australiens bei der Vorversammlung der 1. Weltkonferenz für jüdische Erziehung zu vertreten, welche jetzt in Vorbereitung ist. Zu dieser Versammlung wurden die hervorragendsten Fachleute auf diesem Gebiet eingeladen. I HERBERT FRANKENSTEIN der Regierung mitgeteilt, dass Eiehmann aus Argentinien gekomme:rfcwar. Der Brief Eichmanns „7. Ich, der Endunterzeichnete, Adolf Eiehmann, erkläre freiwillig folgendes: da meine wahre Identität bekannt ist, verstehe ich, dass es keinen Zweck hat, mich weiter vor der Justiz zu verbergen. loh erkläre, dass ich bereit bin, nach Israel zu reisen, um mich dort einem zuständigen Gericht zu stellen. Ich erwarte, dass ich juristischen Beistand erhalten werde, und ich werde bemüht sein, ohne Beschönigung die Tatsachen meiner letzten Jahre im Dienste Deutschlands darzustellen, um den kommenden Generationen i ein wahres Bild von den Ereignissen zu vermitteln. Ich gebe diese Erklärung aus freiem Willen ab. Man hat mir nichts versprochen, und ich wurde auch nicht bedroht. Ich will endlich inner. lieh zur Ruhe kommen. Da ich mich nicht an alle Einzelheiten erinnern kann und einige Dinge zu verwechseln beginne, so bitte ich, mir durch Bereitstellung von Dokumenten und Zeugenaussagen bei meinem Bemühen zu helfen, die Wahrheit zu finden. Gezeichnet: Adolf Eiobmann, Buenos Aires, im Mai 1960.” „Die Fotokopie dieses Briefes wird der argentinischen Regierung zur Kenntnisnah. me durch die Post zu gestellt werden. „8. Falls die Gruppe der Freiwilligen das argentinische Gesetz verletzt oder gegen die argentinische Souveränität verstossen haben sollte, so wünscht die Regierung Israels, ihrem Bedauern hierüber Ausdruck zu verleihen. Die Regierung Israels bittet, der aussergewöhnlichen Bedeutung Rechnung zu tragen, die in der Tatsache liegt, dass der (Fortsetzung auf Seite 3) wieder einmal ohne Rabbiner. Goldstein wurde angestellt, dann aber nach einigen Monaten vom Vorsitzenden Galinski, der gleichzeitig auch der Geschäftsführer der Berliner Gemeinde ist, wieder entlassen, angeblich wegen unkorrekter Handlungen. Goldstein ist ein Mann mit einem langen Stammbaum, dessen Echtheit insbesondere vom Herausgeber der in Düsseldorf erscheinenden jüdischen Zeitung, Karl Marx, angezweifelt wird. Goldstein ist nicht imbescheiden. Er behauptet Rabbi Löw, der grosse Raschi und sogai der Raw Caj Gaon seien unter seinen Vorfahren gewesen, jener Raw Chaj Gaon, der im babylonischen Pumpedita als Talmtidgelehrter im Alter von 98 Jahren verstorben sei (1038). Offenbar genügte diese gloriose Vergangenheit nicht allein als Empfehlung für eine Rabbinersteile bei der heutigen Berliner Gemeinde. Goldstein wies deswegen noch ein Schreiben des bekannten französischen Diplomaten Francois Poncet vor, der einmal Botschafter Frankreichs im nazistischen Berlin war und nach dem Zusammenbruch Hochkommissar wurde. Jedenfalls war laut Auskunft der „Rabbinerkonferenz in der Bundesrepublik” Dr. Goldstein angestellter Rabbiner in Berlin. — Nur nebenbei dürfte die Frage berechtigt sein, was eigentlich diese Rabbinerkonferenz für eine merkwürdige Körperschaft ist. Aber diese Frage ist auch ein Politikum, deswegen muss sie im Zusammenhang betrachtet werden. Warum hat Goldstein der Soldatenzeitung das Interview gegeben, wird man zunächst fragen. Offensichtlich wollte eine andere Zeitung den bei den jüdischen Ge. meindegrüssen in Deutschland in Ungnade gefallenen Grossrabbiner nicht anhören. Tür die Soldatenzeitung bedeutete dieses „jeden Rahmen sprengende Gespräch” ein gefundenes „Fressen” zur Beschaffung eines Alibi. Wenn man sich der Mühe unterziehen wollte, das In. tFovteetettug auf Seite 2)