Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 21 (1960)
- Issue
- 1784 (7.6.1960)
- Date
- 1960-06-07
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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# 8« J ~ s u « P FRANQUEO PAGADO Concesión 908 3 d> ♦«* £ Ü> c U h fi < o TARIFA REDUCIDA Concesión 1629 Año XXI. BUENOS AIRES, MARTES 7 DE JUNIO DE 1960 D2ESS (Fortsetzung von Seite 1) gung für den Sonderflug der El Al-Maschine zu erhalten, die die israelische Delegation nach Argentinien beförderte. Shimoni fügte hinzu, dass „wenn ¿ie Welt wirklich die Leute preisen will, die an der Festnahme E.chmanns beteiligt waren, so rolle sie sich au diejenigen richten, die ihn wirklich dingfest gemacht haben, und nicht an die, die nichts damit zu tui hatten.’' Erklärung des argentinischen Botschafters Tel Aviv. — Der argentinische Botschafter in Israel hatte eine Unterredung mit Vertretern des Aussenministeriums, lehnte es aber ab, über den Grund hierzu Auskunft zu geben. Auch zu der Frage, ob sein Land einen Protest gegen die Festnahme von Adolf Eichmann einzulegen gedenke, wollte sich der Botschafter nicht äussern. Noch zehn Tage nach der Festnahme Eichmanns weiss das Publikum in Israel nicht, wo er von den israelischen Geheimagenten gestellt wurde. Die hiesige Presse veröffentlicht in grosser Aufmachung die Berichte des „Time Magazine“ und der „Frankfurter Zeitung“, die aus Buenos Aires stammen. Was alte Journalisten sagen Trotz der Aufmerksamkeit die die Presse in der ganzen Welt heute dem gewesenen Obersturmbannführer Adolf Eichmann widmet, wissen Für Freilassung von Häftlingen Wellington. — Der britische Lordkanzler Viscount Kilmuir erklärte kürzlich, auf einer Pressekonferenz in Wellington, nach seiner Ansicht sollten die noch im Spandauer Kriegsverbrecher-Gefängnis befindlichen Häftlinge „wegen guter Führung“ freigelassen werden. Kilmuir war stellvertretender Chefankläger beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess gewesen (AWZ) NS-Verbrechen in Auschwitz Wien. — Nach Mitteilung der olnischen Nachrichtenagentur soll der Leiter der Untersuchung? . Kommission für die Nazi verbrechen in Auschwitz, Dr. -ran Sehn, ein Buch veröiiv.-iitKcht haben, in dem Doku mente über diese Verbrechen enthalten sind. IMs Werk soll auf Tatsachen gestützt sein, welche während der Prozesse vor dem Obersten Polnischen Gerichtshof, dem Internationalen Militärgericht in Niirnb-.rt: und amerik; on .'1 ■ : " rieht sr.eg .“.teckt wordvn. UTA) die wenigsten, wer eigentlich dieser Mann ist, der durch seine Beihilfe die Ermordung von Millionen Juden während des Naziregimes auf dem Gewissen hat. Alte Journalisten der United Press, die im berlinet Büro der Agentur in der Hitlerzeit tätig waren, vertreten den Standpunkt es müsse noch festgestellt werden, in wieweit Eichmann, der damals nur ein obskurer Bürokrat zu sein schien, in diese Verbrechen verwikkelt gewesen ist. Es besteht andererseits der Verdacht, dass Eichmann wegen der Art seiner Funktionen die Oeffentlichkeit mied, um sich dagegen zu versichern, dass er einst zur Verantwortung gezogen werden könne Diese Journalisten wollen niemals seinen Namen in jenen Jahren gehört haben, in denen sie von nahe die furchtbaren Verfolgungen und später die Ausrottung der Juden mitansahen. Nach dem Sieg der Alliierten jedoch fiel immer wieder sein Name bei den Nürnberger berger Prozessen, wo die Nazibonzen im Schatten des Galgens einer nach dem andern Eichmann als den Schuldigen bezeichneten. Eichmann wurde zusammen mit anderen Nazis von den Nordamerikanern gefangen genommen. Es gelang ihm jedoch zu flüchten; einige behaupten, er wurde befreit, weil man ihn nicht kannte. Er lebte versteckt, zuerst in Oesterreich seinem Geburtsland, später, wie es heisst, in Spanien, dann möglicherweise bis zum Jahre 1955 in Argentinien und zuletzt in Kuwait am Persischen Golf. So vergingen 15 ^Tahre, bis die Regierung Israels die dramatische Bekanntgabe von seiner Gefangennahme in einem bisher unbekannten Land und von seiner Prozessierung vor dem Gericht in Jerusalem machte. Vermutungen über Eichmann Die Mehrheit derjenigen, die Eichmann kennen, glauben, dass er in Oesterreich geboren wurde. Doch mit Bestimmtheit weiss dies niemand. Einige meinen, Eichmann sei in Palästina zur Zeit der Türkenherrschaft geboren worden, und daher beherrsche er das Hebräische. Andere glauben, er habe diese Sprache erst in den Jahren der Judenverfolgungen erlernt. Wieder andere wollen wissen, dass er zwischen 1904 und 1906 in Solingen geboren wurde. Gewissen Informationen zufolge soll Eichmann in erster Stunde der Nazipartei beigetreten und zuerst an untergeordneter Stelle in Sicherheitsdienst beschäftigt gewesen sein. Int Jahre 1937 als Hitler auf dem Gipfel seiner Macht stand, sei .er in offizieller Mission nach Palästina geschickt worden, das damals unter britischem Mandat stand. Nach Kriegsausbruch und der erfolgten Besetzung Polens im Jahre 1940 begegnen wir Fachmann wieder, der inzwischen den Rang eines Oberstleutnants bei der Geheimpolizei bekleidet. Ihm untersteht das Büro 4-B, das offiziell eine Abteilung der Sicherheitspolizei in Berlin ist, in Wirklichkeit jedoch die Stelle war, wo Eichmann und seine Genossen den Wunsch des „Führers“ in die Tat umsetzten, die .Endlösung“ des Judenprobiems, vor allem in der besetzten Gebieten Polens und Russlands herbeizuführen. Es war ein Jude, Tuvia Friedmann, der 15 Jahre lartg, wie es heisst, die Spur Eichmanns verfolgt hat, nachdem vor seinen eigenen Augen seine gesamte Familie von den Mord gesellen Eichmanns umgebracht wurde. Der Sprecher der ungarischen Juden, Joel Brand, hat vor einigen Tagen erzählt, Eichmann habe ihm im April 1941 einen Geleitschein für eine Million Juden gegen die Lieferung von tausenden Lastwagen angeboten, die die Nazis dringend für ihren Feldzug in Russland brauchten. Bormann war nicht in, Brasilien Rio de Janeiro. — Aus Quellen der Politischen Polizei verlautet, dass Martin Bormann niemals in Brasilien gewesen sein soll. Zu den Versionen, dass Bormann in Sao Paulo, Rio Grande do Sul, Bahia und Santa Catalina gesehen wurde, äusserten die Gewährsleute, die Polizei gäbe an, Bormann sei nach der Niederlage Deutschlands nach Patagonien geflohen. Nach der Ablösung des Peron- Regimes durch die Befreiungsrevolution sei er dann nach Paraguay geflüchtet, wo er eine Zeitlang im paraguayischen Chaco gelebt habe, und „wo er sich jetzt noch versteckt halten könnte.“ Polen zur Hilfe bereit , Warschau. — Polen ist bereit, den westdeutschen Behörden freien Zutritt zu allen Beweisen zu gestatten, die über die Verbrechen der Nazis in Polen in polnischen Archiven vorhanden sind, wie der Direktor des Zentralarchivs erklärte. Diese Versicherung wurde anschei. nend in Beantwortung einer Erklärung des westdeutschen Justizmimster Schaffer abgegeben, der behauptet hatte, das Fehlen von Dokumenten, die sich im Be. sitz Polens und der Tschechoslowakei befände», mache die Aburteilung von deutschen Kriegsverbrechern äusserst schwierig. ..Es gibt Tausende von an- < scheinend ruhigen Bürgern in der Deutschen Bundesrepublik“, schreibt eine polnische Zeitung, „deren Festnahme und Aburteilung durch die wertvollen Dokument r erleichtert werden kann, welche die staatliche Priifungs - Kommission für Naziverbrechen in Polen besitzt und jetzt den westdeutschen Behörden zur Verfügung zu stellen willens ist.“ Wann war Eichmann in Argentinien? Die eigene Ehefrau Eichmanns glaubte ebenso wie seine Kinder, dass er im Kriege umgekommen sei, und sie verzogen nach Schweigen, in der Nähe von Heilbronn, wo sie sechs Monate im Hause ihrer Mutter lebte. Ueber Eichmanns Aufenthalt gibt es nur Vermutungen, aber alles scheint darauf hinzuweisen, dass er 1951—52 in Tucumán war, wie ein alter Freund von ihm aussagt, der sich gegenwärtig in San Paulo in Brasilien aufhält. Dies ist auch nach einer Cédula auf den Namen Ricardo Clement anzunehmen, der nach verschiedenen Angaben der Name sein soll, den Eichmann angenommen hatte. Verschiedene Anzeichen verweisen darauf, dass Eichmann beim Zusammenbruch des Peronismus zu gleicher Zeit wie Kurt Tank, Hans Rudel und Adolf Galland, die in Córdoba lebten, au? Argentinien verschwunden ist. In Europa will das Gerücht nicht schweigen, dass Eichmann damals nach Kuwait ging und bei einer Petroleum - Gesellschaft Anstellung fand. Dort soll er von den israelischen Agenten, trotzdem es sich um ein britisches Protektorat handelt, festgenommen worden sein. Goldmann wiederholt seinen Vorschlag Tel Aviv. — Dr. Naclnim Goldmann wiederholte am Wochenende seinen Vorschlag, Adolf Eichmann müsse vor einem internationalen Tribunal mit Sitz in Jerusadem abgeurteilt werden. „Dies war und bleibt meine Ansicht”, erklärte er in einer Pressekonferenz, „denn Eichmann und die Nazis' ermordeten nicht nur Juden. Daher ist es empfehlenswert, dass auch andere Länder, deren Bürger erschlagen wurden, über ihn zu Gericht sitzen und aufgefordert werden, Richter nach Israel zu entsenden, damit ein internationales Tribunal, bei dem ein israelischer Richter den Vorsitz führt, das Urteil über Eichmann fällen soll.” Dr. Goldmaun hatte die Pressekonferenz einberufen, um sich zu Ben Gurions Vorwurf zu äussorn, er habe dem jüdischen Volk mul sei No. 1784 EL EJEMPLAR en toda la República Buenos Aires PUEYRREDON 2190 19 T. E. 83 - 2613 3, ixq. Entrüstung über Turnverein Kiel. — Diffamierungen der Weimarer Republik und eine Glorifizierung der Hitlerzeit sind in einer Festschrift enthalten, die zum 75jährigen Bestehen des Kieler Turnvereins von 1885 herausgegeben wurde. Der Aufsatz mit der neonazistischen Tendenz stammte von dem pensionierten Kieler Studienrat Rathlev. Der schleswig-holsteinische Kultusminister Osterloh und Innenminister Dr. 'Lemke haben mit Entrüstung von diesem Aufsatz Kenntnis genommen. Wie aus einer Stellungnahme der Landesregierung hervorgeht, verurteilten beide Minister die verantwortungslose Art einer derartigen Darstellung. Der Kultusminister hat dem Verfasser seine schärfste Missbilligung ausgesprochen. Da der Studienrat im Ruhestand lebt, kann der Minister keine sonstigen Massnahmen ergreifen. In dem Artikel Rathlevs heisst es bei der Schilderung der Weimarer Republik: „Der Reichstag war eine jammervolle Klamaukbude.” Die „Machtergreifung” Hitlers wird so beschrieben: „Mit einem Schlage verschwanden alle politischen Parteien, und die langersehnte Einheit des deutschen Volkes wurde Wirklichkeit... Es traten wieder geordnete Verhältnisse ein, und danach hatte man sich so sehr gesehnt.” Auf dem Gebiet des Sports scheint es Rathlev erwähnenswert, dass „besondere Leistungen auf diesem Gebiet durch das SA-Sportabzeichen anerkannt” wurden. Hitlers Aussenpolitik wird so geschildert: „Alles war Hitler gelungen, und immer weiter drängte ihn der Wunsch zu grossen Plänen. Ganz Europa sollte einmal unter der Hakenkreuzflagge vereinigt werden. Die hochpolitischen Ziele aber fanden keine Gegenliebe bei unseren Nachbarn. Eines Tages geschah es, die Schüsse auf Polen lösten den zweiten Weltkrieg aus...” Der Landesbeauftragte für staatsbürgerliche Erziehung in Schleswig-Holstein, Oberregierungsrat Dr. Hessenauer, den der SPD-Landtagsabgeordnete Bredenbeck auf die Schrift aufmerksam gemacht hatte, hat die Landesregierung und den Vorsitden des Turnvereins, Regierungsinspektor Müller, auf die gefährliche Tendenz der Schrift hingewiesen. Der Kultusminister und der Innenminister Schleswig-Holsteins begrüsste es, dass Müller bereits den Vereinsvorsitz nieder gelegt, sich von dem Artikel distanziert und die weitere Verbreitung der Festschrift verhirdert hat. Der Vorstand des Landessportverbandes Schleswig- Holstein distanzierte sich ebenfalls von den neonazistischen Aeusserungen des pensionierten Studienrats Hermann Rathlev in der Festschrift und missbilligte sie. Rathlev erklärte, er habe nicht die Absicht gehabt, das Dritte Reich zu verherrlichen. Er bedaure sehr, dass seine „unglücklich gewählten Formulierungen diesen Anschein erwecken konnten.” Die Festschrift müsse ganz gelesen werden, um seine gegen das Dritte Reich gerichtete Einstellung zu ermitteln. (AWZ) 1 ner Ehre mit seinem Vorschlag einen Schlag versetzt, worauf er auch schriftlich geantwortet habe. „Ich kann verstehen, warum Sie sich meinem Vorschlag widersetzen”, schreibt Goldmann, „jedoch nicht, warum dieser ein .schwerer Schlag’ sein soll. Ich habe schon erklärt, dass ich keinen Zweifel an Israels Recht hege, Eichmann abzuurteilen, .und ich habe meinem Vertrauen in die israelische Justiz Ausdruck verliehen. Aber ich glaubte und glaube auch heute noch, dass es rat sam wäre, da die Nazis und Eichmann nicht nur Juden getötet haben, diejenigen Länder, deren Bürger ermordet wurden, aufzufordern, Richter nach Israel zu senden. Ich glaube, dass die Teilnahme anderer Richter für Israel eine grosse Ehre bedeuten würde. Man müsste ein Tirbunal unter dem Vorsitz eines israelischen Richters bilden.” Eichmann wird verhört Jerusalem. — Eichmann wurde jetzt einem Richter vor geführt, dessen Name nicht genannt wird. Dieser Richter soll die Präventivhaft gegen Eichmann für einen nicht spezifizierten Zeitraum verlängern. Vorher hatten die Polizeibehör-' den den Namen des betreffenden Beamten mitgeteilt,; doch jetzt werden alle auf Eichmann bezüglichen Angaben geheim gehalten. Es wird darauf verwiesen, dass es bei Bekanntgabe des Namens des Richters leicht sein sein würde, auf den Ort zu schliessen, an dem Eichmann gefangen sitzt. ' Papiere verschwunden Tucumän. — Wie verlautet, ist aus den Personalakten des Ricardo dement, der mit Eichmann identisch sein soll, die Karte mit den Fingerabdrücken abhanden gekommen. Somit ist es un. möglich, diese Fingerabdrücke mit denen Eichmann« zu vergleichen. Die Polizeibehörden Tucuniäns haben ein Enmitt. lungsverfahren eingeleitet, um festzustellen, wie es möglich ist, dass die Fingerabdrücke des Clement abhanden gekommen sind, f Registre de la Propiedad Intelectual KT* 624.07# Impreso la Imprenta POLIGLOTA — Corrientes 3114