Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 21 (1960)
- Issue
- 1780 (24.5.1960)
- Date
- 1960-05-24
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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o < U FRANQUEO PAGADO Concesión 908 TARIFA REDUCIDA Concesión 1629 Ano XXI. BUENOS AIRES, MARTES 24 DE MAYO DE 1960 EL EJEMPLAR« en toda la República J - Buenos Aires PUEYRREDON 2190 19 iZq. T. E. 83 . 2613 No. 1780 Deutschland ist krank „Deutschland ist krank; es tot die Untaten seiner jüngsten Vergangenheit in Wirklichkeit seelisch noch nicht verarbeiten können. Wir dürfen an einem kranken Deutschland nicht interessiert sein, sondern müssen alle diejenigen Gruppen fördern und ermutigen, die dem Gesundungsprozess des deutschen Volkes, innerhalb desselben, dienen wollen“. Das ist die Quintessenz der Blitz-Tour durch das heutige Deutschland, die der Jerusalemer Redakteur der hebräischen Abendzeitung „Maariv" in diesen Wochen absolviert hat. Zurückgekehrt, berichtete David Giladi im Kollegenkreise des Presse - Klubs von dieser Fahrt im Schatten des Hakenkreuzes. David Giladis praktische Kon.jquenz ist, dass er vorschlägt, die israelische Presse müsste ganz anders als bisher in Bonn vertreten sein, um an Ort und Stelle Material zu der Frage des Neonazismus zu sammeln. In Israel selbst sollte sich ein Spezial-Institut mit diesem Fragenkomplex befassen, dem wir viel zu wenig Augenmerk zugewandt haben. Das heutige Deutschland, die Bundesrepublik kann (mit und ohne diplomatische Beziehungen) unser Freund sein. Das Deutschland von morgen aber — ist fragwürdig, wenn wir die Dinge treiben lassen und nicht versuchen, die positiven Kräfte zu ermuntern. Es gibt heute — das ist die Erkenntnis David Giladis — eine antisemitische Internationale mit dem Zentrum in Malmö (Schweden), mit Filialen in Deutschland. England, Frankreich, Spanien, den USA., Argentinien und Aegypten, usn nur die grösseren Gruppen zu nennen. Ex-Nazis sind überall am Werke, und wir — sind passiv. Der Antisemitismus von heute ist zugleich auch Anti-Israelismus! Dao ist das gewissermassen Neue.Es gab eine Zeit, in der die Nazis ihre berüchtigten „Fahrkarten nach Jerusalem — aber nicht zurück“ Juden auf den Strassen in die Hand drückten, Diese Zeit ist vorbei. Die Neonazis von heute sind zugleich geschworene Feinde des Staates Israel, sodass also ihre einzige Konsequenz die Vernichtung des jüdischen Volkes bleibt, die Vollendung der blutigsten Untat der Geschichte, die von den Nazis „halbfertig” zurückgelassen wurde. Man muss angesichts dieser Drohung nicht in Panik verfallen, aber man soll diese Strömungen auch nicht bagatellisieren. Nach dem Weissbuch von Bonn sind von 800 antisemitischen Manifestationen nur 233 nach gewiesener Weise von Kindern, begangen worden. Der Rest ist also weit ernster zu nehmen. Eine wahre Isnel-Freuridin die junge- Deutsche Eva Beueg aus Homburg vor der von SCHALOM BEN-CHORIN Höhe, die zwei Semester an der Hebräischen Universität in Jerusalem studiert hat, berichtet von Hakenkreuz- Schmieragen schon lange vor der ominösen Weihnachts- Nacht 1959. Eva Beling reist von Ort zu Ort, um Lichtbildvorträge über Israel zu halten. Immer wieder geschah es, dass die Lokale, in welchen diese Veranstaltungen stattfanden, mit Hakenkreuzen besudelt wurden. Einmal war am Eingang zu einem Dorf die Landstrasse mit einem riesigen zwei Meter hohen Hakenkreuz bemalt . . . Willkommensgruss für Eva Beding! Man muss sich nun eine einfache Rechnung vorlegen: In der NSDAP waren siebzehn Millionen Deutsche organisiert. Selbst wenn wir annehmen, dass zehn Millionen Mitläufer waren, bleiben noch immer sieben Millionen, von denen doch mindestens noch drei Millionen am 'Leben Lein dürften... und sie alle sollten nun eines Besseren belehrt sein? Wir wagen es nicht, so optimistisch zu sein. SCHULE UND ELTERNHAUS David Giladi stiess natürlich auf das allgemein heute bekannte Problem von Schule und Elternhaus in Deutschland, die bange Frage des (wohlmeinenden) Lehrers: „Wie sage ich es meinem Schüler?” Nehmen wir an, dass der (junge) Lehrer selbst kein aktiver Nazi mehr war, aber die Eltern seiner Schüler waren es allzuoft. Darf er als Erzieher den Konflikt mit dem Elternhaus heraufbeschwören? Was werden die -deutschen Eltern ihren Kindern antworten, wenn diese fragen: Vater, was hast du in diesen Jahren getan? Mutter, hast du zu all diesem Unrecht und Blutvergiessen geschwiegen? Die Deutschen, so meint Giladi, lieben es, die Frage zu stellen, ob nicht auch in anderen Ländern unter ähnlichen Verhältnissen — verlorener Krieg, wirtschaftliche Not, Inflation, Arbeitslosigkeit — wie sie um 1930 in Deutschland herrschten, ein Hitler hätte gross werden können. Antwortet man ihnen, dass auch Frankreich eine Inflation durchgemacht hat, dass auch in den USA durch einen Börsenkrach eine Wirtschaftskrise entstand, ohne dass ein Hitler gross werden konnte, so sehen sie in diesen historischen Beispielen keine befriedigende Antwort. Sie wollen Hitler nicht als ihre grosse Schuld gelten lassen, sondern ihn als das Produkt einer historischen Situation „erklären”. Natürlich gibt es wache Menschen, die sich nicht mit diesen „Erklärungen” einlullen, aber es scheint, dass sie heute noch in der Minderzahl sind. ANTISEMITISMUS OHNE JUDEN Man hat in Deutschland heute meist gar keine Vorstellung davon, wie viele, oder besser gesagt, wie wenig Juden es in der Bundesrepublik gibt. Als nach einem Pro-Israel-Vortrag des bekannten evangelischen Theologen Prof. Gollwitzer an der Freien Universität Berlin die Frage nach der heutigen Zahl der Judqn in der deutschen Bundesrepublik aufgeworfen wurde, gingen die Schätzungen der Studenten bis zu eineinhalb Millionen. Als man ihnen erklärte, dass es heute höchstens dreissigtausend Juden in Westdeutschland gibt, hielten das viele für einen jüdischen Propaganda-Trick. So wenige Juden unter 55 Millionen Deutschen? Unvorstellbar. Dreissigtausend Juden: das ist zahlenmässig natürlich bedeutungslos, aber wir wissen längst, dass es Antisemitismus ohne Juden geben kann, eine Tatsache, auf die Jean-Paul Sartre schon vor längerer Zeit hin gewiesen Beschwerde gegen Oesterreich Tel Aviv. — Der Weltverband österreichischer Juden veröffentlichte ein Memorandum, in dem gegen die österreichische Regierung Beschwerde erhoben wird, weil sie trotz ihrer wiederholten Versprechungen bisher keine Wiedergutmachungs-Gesetzgebung erlassen hat. Im Namen der 75.000 Juden, die von der 200.000 Seelen zählenden Gemeinde vor Hitlers Zeiten übrig geblieben sind, erklärt der Verband, die von Oesterreich für die Entschädigung aller Naziopfer, einschliesslich der Juden, reservierte Summe von 35 Millionen Dollar, sei völlig unzureichend, weil, wie der Verband feststellt,' allein die von der Jüdischen Gemeinde erlittenen Verluste sich auf eine Million Dollar beziffern. In einer öffentlichen Veranstaltung in Wien berichtete Dr. Nachum Goldmann über seine Verhandlungen mit Bundeskanzler Raab und dem Vizekanzler Bruno Pittermann. Goldmann teilte mit, beide Beamte hätten ihm versprochen, konkrete Massnahmen für die Wiedergutmachung an jüdische Opfer der Naziverfolgungen in Oesterreich zu ergreifen. Er versicherte, es sei Hoffnung vorhanden, dass Oesterreich sein Wort hal- ' ten werde, doch, so fügte er hinzu, sollte das jetzige Parlament diese Gesetzgebung nicht verabschieden, so müsse die Weltjudenheit dies als einen Beweis schlechten Willens ansehen. Dr. Goldmann wird noch mit anderen österreichischen Beamten über die gleiche Frage verhandeln. (ITA) Archäologen und Soldaten von ELIAHU SALPETER Die Freundschaft, die zwischen Archäologie und Armee in Israel herrscht, begann in den ersten Tagen der Unabhängigkeit des Landes, und sie zeitigt heute noch die glücklichsten Ergebnisse. Vor 12 Jahren war ihre Personifizierung ebenso wie heute der damalige Brigadier Jadin, jetzt Prof. Jadin. Zu jener Zeit war Jadin, der Sohn des verstorbenen, bekannten Professors Sukenik, der Operationschef der wiedergeborenen israelischen Armee.Er kannte die alten israelitischen Methoden der Kriegsführung ebenso gut wie die modernsten Kommando- Taktiken, und auf den Pfaden der alten jüdischen Krieger von vor 2.000 Jahren führte er die Soldaten des jungen Israels zu Ueberraschungs-Angriffen gegen die eindringenden arabischen Heere. In diesem Frühjahr schlossen sich Soldaten und Archäologen erneut unter Jadins Kommando zusammen und unternahmen die grösste archäologische Expedition die jemals in diesem Teil der Welt durchgeführt wurde. Jadin ist vor einigen Jahren aus dem Heeresdienst ausgetreten, wo er den Posten eines . Generalstäbschef bekleidete, ' und wurde Professor für Archäologie an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Er wandte sein Hauptinteresse den alten Schriftfolien zu, durch deren Entzifferung sein Vater berühmt geworden ist-. Auch diese letzte, von ihm geführte Expedition begab sich auf die Suche nach alten Schriftrollen. Seit der Funde in Qumrum sind die nomadischen Beduinen auf den Wert der alten Rollen aufmerksam geworden, die in den unzähligen Höhlen der, jüdischen Wildnis, welche heute zum grössten Teil zu Transjordanien gehört, verborgen liegen. Von Zeit zu Zeit werden neue Rollen, manchmal auch nur winzige Fragmente, die von den Beduinen gefunden wurden, auf den Märkten in Beirut, Amman tmd anderen arabischen Städten zum Kauf angeboten. Obwohl die Beduinen in jedem Fall behaupten, sie auf transjordanischem Gebiet entdeckt zu haben, so hegt man doch den starken Verdacht in Israel, dass sie auf israelischem Territorium! gestohlen wurden. Aus die-! sem Grunde hat man jetzt auf der israelischen Seite des jüdischen Berglandes alle Höhlen untersucht, die einst vor den Römern fliehenden Judäern sowie verschiedenen messinasichen Sekten als. Versteck dienten; Der archäologischen Expedition gehörten 120 Pröffessoren, Studenten und Amateure an. Sie wurden von der Israel-Armee tatkräftig unterstü izt. Militärische Formationen sorgten nicht nur für Transport, Verbindungen, Schutz und Nahrungsmittel, sondern sie nahmen auch mit für die Suche geeignetem militärischem Material an der Erkundung teil. Helikopter der Flugwaffe nahmen Luftbilder auf, Marinepersonal knüpfte Stricke und Leitern um den Zugang zu den sonst unerreichbaren Höheleneingängen hoch in oen Klippen zu ermöglichen. Minensucher wurden zur Auffindung vergrabener Metall-Gegenstände verwendet, und die Ingenieure sprengten Felsen, die zwei Jahrtausende hindurch die versteckten Fusspfade versperrt hatten. Die Expedition verlief nicht sehr erfolgreich, wenn man bedenkt, dass nur ein grösseres Rollenfragment und ein Bündel Schritt stücke gefunden wurden. Aber nach elf Tagen erfolgloser Suche entdeckte man andere archäologische Kostbarkeiten, nämlich römische Opfergefässe, die anscheinend von den belagerten jüdischen Kämpfern erobert wurden, sowie andere Gegenstände, die den Flüchtigen gehört haben, darunter auch eine Ledertasche, die das Eigentum einer längst vergessenen Frau war, denn sie enthielt Parfumbehälter hat. Die „Idee des Juden” ist es sozusagen, die als Blitzableiter eigener Unzulässigkeit aufgestellt und — gehasst wird. KAEMPFENDE JUGEND Andererseits gibt es heute in Deutschland auch eine kämpfende Jugend, die den Bazillus des Antisemitismus ausrotten will. Diese Menschen kennen oft auch keine „leibhaftigen Juden”, sodass es also auch einen Philosemitismus ohne Juden gibt. Eine Studentengruppe, die mit Studenten aus Israel Fühlung sucht, die DIS (Deutsch-israelische Studentengruppe) in Berlin, hat einige israelische junge Menschen an sich ziehen können. An der Spitze steht ein Freiherr von Wrangel, der stolz bekennt, dass er der erste in seiner Familie ist, der mit der Tradition des Antisemitismus bricht und Gemeinschaft mit jüdischen Menschen sucht. Besonders aktiv ist ein junger Orientalist, I der Student Strecker in Ber-! lin, dem es bereits gelungen ist, 43 Ex-Nazi-Richter zu entlarven. So lange die Verbrecher von gestern auf den Richterstühlen von heute sitzen, kann die Gerechtigkeit nicht zum Durchbruch gelangen. Strecker und seine Freunde drohen: wpnn dpr Antisemitismusnicht wirk- í hcK aüsgerottet werden karrfiT^-gann verlassen wir Öeutschland. (Lfebrigens leitet Strecker seinen Stamml>äum~~von~ Moses Mendels - sohn ab. Im Dritten Reich gan selrie Familie dennoch bereits als „arisch” Er emigrierte aber nach Südameri- und andere kosmetische Ar- ' tikel, einen metallenen Spiegel, Wollknäule und Stücke 1 gefärbten Tuches. ( Die Wissenschaftler fühlten sich um 2000 Jahre zu- : rückversetzt, und der Einblick in die Bedingungen, unter denen die alten jüdischen Widerstandskämpfer gelebt haben, kann als wertvollstes Resultat dieser Expedition betrachtet werden. Jüdische Bevölkerung in Rumänien Wien. — Ueber die heutige Stärke der jüdischen Ge^ meinde liegen keine genauen Angaben vor. Die letzte Schätzung aus dem Jahre: 1954 nannte die Zahl 230 000. Im Jahre 1949 lebten noclx rund 250.000 Juden in Rumänien. (ITA) ka und kehrte erst nach dem Zusammenbruch des Nauregirnes zurück). In den Anne Frank-Bäiisern, in Gesellschaften ‘’iir christlich - j üdische Zusammenarbeit, in liberalen Zirkeln aller Art haben sich vor allem auch jüngere Menschen zusammengefunden, die die Vergangenheit wirklich „aufarbeiten” wollen. GRENZEN DER DEMOKRATIE Das ist alles erfreulich und schön, aber was soll man dazu sagen, dass die alte Giftmischerin Mathilde Ludendorff jeden Sommer 17 Jugend-Lager organisiert, wo deutsche Kinder mit dan Wahnideen von der jüdischen Weltherrschaft, von. den „Weissen von Zion”, von der Verschwörung Judas gegen alles „Nordische” vollgepfropft werden! Heisst es nicht die Demokratie (wie? der einmal) ad absurdum führen, wenn man solchen Antidemokraten freie Hand lässt?^-———" *^wir sollten zu dieser Verhetzung deutscher Jugend nicht schweigen. Es gibt eine UNESCO, der man dergleichen unterbreiten kann, es gibt den Weltrat der Kirchen, den man mobi’isieren muss... es gibt vieles, von dem wir noch nicht .genügend Kenntnis genommen haben. Klein sind die Anfänge, grauenvoll körnen die Folgen sein. Wer gedenkt heute noch der Thule-Gesellschaft, die um 1919 die ersten Hakenkreuze an die Wände ¡malte? Mit Farbe und Pech beginnt es — mit Blut, Strömen von Elut en*) det es. Wir sind gewarnt, i yt * ir-tf Registro de ia Propiedad Intelectual N9 624 070 Impreso en la Imprenta POLIGLOTA — Corrientes 3líi