Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 21 (1960)
- Issue
- 1778 (17.5.1960)
- Date
- 1960-05-17
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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Maries, 17 de Mayo de 1960 SEMANA ISRAELITA Herzl FUEYRREDON 21901. St. T. E. 83 - 2613 Kürzlich überreichten Mitglieder der Zionistischen Exekutive und der Landes- Schekel-ICommission die ersten beiden „Herzl-Schekei“ dem Staatspräsidenten Jizcnak Ben Zwi und Frau Rachel Jannaith Ben Zwi. Diese schlichte Feier im Hause des Staatspräsidenten in Jerusalem symbolisiert den Beginn der Schekel-Aktion , in Israel mit welcher der 25. ' Zionistenkongress eingeleitet wird, der gegen Ende dieses Jahres I960 in Jerusalem in den — bis dahin hoffentlich bezugsfertigen — „Bauten der Nation“ abgehalten werden soll. Die Schekelaktion, der Kongress und dieses Jahr 1960/5720 sollen im Zeichen des 100. Geburtstages Theodor Herzls stehen, des Visionärs des Judenstaates und Schöpfers der Zionistischen Organisation (des „Judenstaat unterwegs“) und ihrer Kongresse, der am 2. Mai 1960 in Budapest geboren wurde. Der erste Schekel wurde übrigens erst 1898 ausgegeben, ein Jahr nach dem ersten Kongress. Der erste Schekel, (Nr. 1 vom 4. März 1898' trug den Namen von Hugo (Hillel) Schachtel aus Krotoschin, der später in Haifa lebte. Der Herzl-Sehekel bildet also den Auftakt zum Herzljahre, und es lohnt daher einen Blick auf den zionistischen Schekel als solchen zu werfen. Wir sagen: den zionistischen Schekel, denn die Bezeichnung selbst ist ja viel älter, da dieser „Silberling“ in der Tora als Tempelsteuermünze (Ex. 30,15) erwähut wird. Das alte Statut der Zionistischen Organisation vom XII. Kongress (1921), das ,1923, 1925 und 1926, sowie auf dem XV. Kongress 1927 revidiert wurde und, soweit ich sehe, seine letzte gültige Fassung im Juli 1928 erhielt, sah vor: Par. 2: „Die Zionistische Organisation umfasst alle Juden die das Zionistische Programm anerkennen und den Schekel entrichten.“ Nach langen Diskussionen über die Frage, ob der Schekel überhaupt noch beibehalten werden soll, hat das neue Statut der ZO vom Dezember 1959 ihn nochmals bestätigt. Aber er rückte etwas weiter nach unter. Er steht nun im Absatz 1 des Par. 19: „Das Wahlrecht zum Kongress ist an den Erwerb des Schekel gebunden. Niemand kann mehr als einen Schekel erwerben.“ Das war freilich schon immer so aber doch ist hier ein kleiner Unterschied gegeben. Das Wahlrecht... nicht aber die Zugehörigkeit zur ZO hängt nunmehr vom Schekel ab, denn es ist ja nach Dr. Goldmanns Reformplänen vorgesehen, dass ganze Grossorganisationen sich der ZO anschliessen können (und sollen), jedoch nicht an den Kongress - Wahlen teilnehmen, aber durch Abkommen auf dem Kongresse vertreten sein werden. Diese Organisationen wären dann eigentlich vom Schekel befreit? er zl-Jahr es von SCHALOM BEN-CHORIN Nach dem alten Statut Par. 1 war das „Basler Programm", aas jedes jüdische Kind eizamal auswendig kennen sollte, der inhaltliche Text des Schekel-Formulars: „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentl.ch-rechtlich gesicherten Heimstätte in Falästina“. Heute, zwölf Jahre nach Staatsgründung der Republik Israel muss der Text natürlich anders lauten, beziehungsweise einen Zusatz erhalten, und dies geschah durch das „Jerusalem-Programm“ des 23. Kongresses: „Aufgabe des Zionismus ist: Festigung des Staates Israel, Sammlung der Verstreuten im Lande Israel usd Garantie der Einheit des jüdischen Volkes“. Die Epigonen hatten nicht mehr die Formulierungskraft der Gründer. Es fehlt naturgemäss der revolutionäre Schwung des Originals und seine Klarheit. Aber auch das so wenig bekannte und gekannte Jerusalem-Programm ist <- echter Ausdruc“: der Zeit, der jüdischen Situation nach der Errichtung des jüdischen Staates. Was steht nicht im Jerusalem-Programm ." Ganz einfach: es steht .lieht darin, dass jeder Zionist (nicht jeder Jure!) verpflichtet ist, nach dem Staate Israel einzuwandern oder wenigstens, wie es ein in die Geschichte der deutsch - zionistischen Akademiker eingegangener Kartelltag vor Jahrzehnten bereits in Posen formuliert hatte: „Palästina in das eigene Lebensprogramm einzubeziehen.“ Vom Zionismus der „Hagschama ‘azmit’ ”, der Selbst- \ -rv/irklichung distanziert sieh der Schekel-Text, obwohl gerade hier die logische Fortsetzung des Basler Programms vorlag. Das soll keineswegs heissen, dass jeder Jude zv* Alija verpflichtet wird, sondern eben nur jeder ..Zionist“, der sich dadurch vön anderen noch so guten Juden unterschiede. Wie bekannt, liegt hier einer der entscheidenden Differenzpunkte zwischen Ben Gurion der diese Auffassung vertritt, und Dr. Goldmann der sie ablehnt. Das Jerusalem - Programm und der neue Schekel, der „Herzl-Sehekel“ aber tragen nicht das Signunm B.G.s, sondern sind Ausdruck des Goldmann - Halprinschen Kompromisses. Zu Beginn des Herzl-Jahres zu prophezeien, welchen greifbaren oder ’ „unterschwelligen“ Erfolg es haben wird, wollen wir unterlassen. Immerhin ist erfreulicherweise schon jetzt festzustellen, dass der Geist Herzls seine wohltätige Wirkung bereits zu Beginn der Zentenarfeiern ausstrahlt. Regierung und Sochnut haben ein gemeinsames Herzl-Jahr- Comite geschaffen. Der Staat Israel fühlt sich verpflichtet, seinen geistigen Vater zu ehren, .und die Sochnut — den Gründer der Zionistij sehen Organisationen. Wir I wissen nur allzugut, wie latent . die Spannungen zwischen Staat und zionistischer Bewegung sind, und es wäre erfreulich, wenn die gemeinsame Herzl - Ehrung das etwas brüchig gewordene Band, das beide umschlingen sollte, straffen würde. Darüber hinaus aber hat das Herzl-Jahr noch ganz andere spezifische Aufgaben, die wohl mehr in Israel als in der Diaspora liegen. Dort ist es relativ leicht, die zionistische Arbeit, die stets nach neuen Losungen Ausschau hält, in den Schatten des Titanen zu rücken, über Herzl zu sprechen, seine Schriften und seine Biographie zu verbreiten, in Ausstellungen Leben, Werk und Persönlichkeit des wiener Journalisten der zum Propheten Zions wurde, darzustellen. Es gibt überall eine neue jüdische Generation, die diese Dinge noch nicht kennt, una eine alte, die sich romantisch-bewegt gern an den Stern ihrer Jugend erinnern lässt. Nicht so in Israel: das schön gepflegte Herzl-Grab mit seinen prächtigen Anlagen auf dem Herzlberge in Jerusalem wiri zwar in organisierten Aufmärschen alljährlich zum ' Unabhängigkeitstage 5. Ijar) und zur Herzl-Jahrzeit '20. Tamus) besucht, aber man kann nicht sagen, dass die israelische Jugend jemals aus eigener Initiative dortuin pilgert. Ob das durch die Errichtung des geplanten Herzl - Museums anders wird? Wir wollen es hoffen. In Israel selbst müsste das Herzljahr ein Jahr der Rehabilitierung werden. Der Begriff „Zionismus”, (der zwar nicht von Herzl selbst, sondern von Nathan Birnbaum stammt) muss wieder zu Ehren gebracht werden, nachdem „Zionut“ ein Synonym für leere Phrasen geworden ist. Die gefährliche Ideologie der Kna'anim und der Semitischen Aktion (Peula Schemit) di« das „Ei akzeptiert, aber das Huhn negiert’, d. h. vorgibt, den Staat Israel zu bejahen, aber die zionistische Bewegung zu verneinen, muss zu einem echten und offenen Ideen- Kampf herausgefordert werden. Die Hakenkreuz« von Köln bis Buenos Aires müssen im Lichte der Herzl-Nordauschen staatspolitischen Zions- Konzeption gesehen werden, wobei sich freilich nun ein ganz neues Problem auftut: die Judenfrage wurde, soweit wir sehen können, auch durch den Zionismus nicht gelöst, sondern verschleppt. Von Europa ach Asien. Vom Abenland in den Orient — vom Hass gegen nationale Minderheiten wurde sie die Judenfrage,, in Aggression gegen die nationale Majorität in Israel umgewandelt. Aber die Frage besteht, wie das jüdische Volk, trotz des grausa. ten aller Aderlässe (1933—1945) weiter, ja gekräftigt weiter besteht. Wir sollen Herzl nicht nur feiern in diesem Jahre sondern auch seine Konzeption kritisch neu durchdenken. Dabei wird man wieder auf den Ethiker stossen, den man über dem Politiker so gern und leicht vergisst, den Träumer einer besseren, nichtnur einer neuen Gesellschaft. Es käme darauf an, den „unbekannten Herzl” in diesem Jahre bekannt zu machen, nicht die längst zu geflügelten Worten erstarrten Zitrte, wie „Wenn ihr es wollt, ist es kein Märchen” bis zum Ueberdruss zu wiederholen. Der echte Herzl ist kontrovers, ist z. B. ein heftiger Kritiker der Demokratie gewesen, war ganz und gar ein Kind seiner Zeit und zugleich ein sendungsbewusster Prophet. — Der echte Herzl, der „Mensch mit seinem Widerspruch” könnte auch die Jugend Israels wieder anziehen, die sich von dem Postkarten- Kitsch-Herzl abgewandt hat. NACHRICHTEN AUS ISRAEL REICHES WASSER- VORKOMMEN Bei Bohrungen, die von der Gesellschaft Mekorot in der Nähe von Awdon in Westgaliläa vorgenommen wurden, stiess man in der Tiefe von 470 Metern auf eine reiche Quelle von gutem W asser. Pumpversuche zeigten eine Ergiebigkeit von 400 Kubikmeter Wasser in der Stunde. AUSFUHR VON FLUES- SIGEM AMMONIAK Die erste Sendung von flüssigem Ammoniak, erzeugt von den „Fertilizers & Chemicals Ltd.”, Haifa, im Gewicht von 350 Tonnen, wurde vor kurzem auf ein norwegisches Schiff im Hafen von Haifa verladen und nach Europa gesandt. KLEINERES DEFIZIT DER HANDELSBILANZ Die Differenz zwischen Einfuhr und Ausfuhr betrug in den Monaten Januar bis August 1959 305.700.000 IL. Verglichen mit derselben Periode im Vorjahr ist in diesem Jahr das Defizit der Handelsbilanz um fast 30 Millionen IL kleiner. Kein Judesein ohne Zionismus B. b. S. — Es gibt kein Judesein ohne Zionismus. Denn Zionismus ist das Streben nach Verwirklichung der Sehnsucht unseres Volkes nach der WTeder-Errichtung von Zion, die aus allen Gedanken und Gebeten, aus allen Hoffnungen und Träumen herausstrahlt, ein Grundmotiv unserer Geschichte. Erst die Bestrebungen der westeuropäischen Judenheiten nach bürgerlicher Gleichberechtigung habn den gescheiterten Versuch unternommen, den Zionsgedanken vom pulsierenden jüdischen Leben zu isolieren. Theoretische Konstruktionen sollten diese Identität von Judentum und Zionismus aus der Welt schaffen. Es war ein verhängnisvoller Irrtum der sogenannten Emanzipationszeit anzunehmen, dass man sich die bürgerliche Gleichstellung im Leben der europäischen Völker durch einen Verzicht auf diesen Grundgedanken des Judentums und auf dieses in allen Jahrhunderten lebendige Gefühl der Verbundenheit mit Zion erkaufen könnte. Dieser Irrtum und alle durch diese Fehlspekulationen gemachten Fehler führten zu jener bedauerlichen Haltung und geistigen Verfassung; die mit einer völligen Verkennung der' bewegenden geschichtlichen Kräfte verbunden war. Deswegen waren die Juden Westeuropas unvorbereitet, als die bereits von Herzl vorausgeahnte und vorausgesehene Katastrophe über unser Volk hereinbrach. Man braucht nur die warnenden Reden nachzulesen, die einer der grössten Söhne unseres Volkes, Prof. Chaim Weizmann, zwei Jahrzehnte hindurch in allen Weltteilen gehalten hat. um die Richtigkeit dieser Darstellung wenigstens nachträglich zu begreifen und heute den Weg zum Volke und zu seinen wahren gestaltenden Kräften zu finden. Historische Gesetze lassen sich nicht nach Bedarf abwandeln. Man hat sich schon lange genug vergeblich abgemiiht, die Tatsachen und die Entwicklungen umzudeuten, um aus dem Zionismus eine unter vielen Parteien zu machen. Zionismus ist niemals eine Partei gewesen, sondern war stets die Organisierung des jüdischen Lebenswillens. Im Rahmen einer solchen Bewegung hatten und haben alle Platz, die an der Zukunft eines einheitlichen jüdischen Volkes arbeiten wollen, die keine Vorbehalte machen und an kein „Bindestrich-Judentum” glauben, das durch irgendwelche t«sonderen Adjektive in Wirklichkeit seiner ganzen Grösse beraubt wird, weil jede Einschränkung eine Verkleinerung unserer Gedankenwelt und eine Verflachung unseres Gedankenreichtums bedeutet. Durch die Kraftentfaltung der zionistischen Bewegung und ihrer Verwirklicher wurde der neue jüdische Staat geschaffen, der in den wenig mehr als 12 Jahren seines Bestehens der geistige, religiöse, kulturell«, moralische und politische Mittelpunkt des ganzen jüdischen Volkes geworden ist. Man kann den jüdischen Staat nicht bejahen, ohne die zionistische Idee und Bewegung zu bejahen. Man kann sich nicht stolz auf Herzl und Weizmann, Ben Gurion und Goldmann, Mosche Shertok oder Abba Eban berufen, ohne auch die Ideen für sich als verbindlich anzuerkennen, die von diesen Persönlichkeiten vertreten werden, deren Träger und Exponenten sie waren und sind. Wer ernsthaft und wirklich ar. der jüdischen Zukunft arbeitet und baut, unabhängig davon, ob er in Israel oder h der Galut wirkt, kann nur seine Aufgabe erfüllen und kann nur als ein aufrechter Juden anerkannt werden und gelten wenn er sich ganz, und ohne Vorbehalt zur zionistischen Grundidee, d. h. zum Zionsgedanken im Judentum, und damit zur zionistischen Bewegung bekennt. Eine Zwischenlösung existiert nicht; sie ist weder interessant nc:h möglich. Denn in dieser Welt ist kein Platz für Halbheiten und kein Raum für Lippenbekenntnisse oder sentimentale Beteuerungen, die doch nur bei der Realisierung unserer gewaltigen Aufgaben als störend empfunden werden müssen. Unsere geistige Position, unsere wirtschaftliche Lage und unsere politische Situation erfordern den vollen urd nicht den bedingten Einsatz aller Kräfte. Deswegen wendet sich die Zionistische Organisation — und n unserem Sektor die THG — an alle Juden, sich ganz der Arbeit für eine gemeinsame Zukunft zur Verfügung zu stellen und im Verbände der zionistischen Bewegung an sämtlichen Aufgaben mitzuwirken, die wir vor uns haben, seien sie politischer, ökonomischer,, gemeindlicher '■der kultureller Natur. Innerhalb dieser Bewegung und dieses weiten geistigen Rahmens besteht die freie Entscheinung über Weg und Form, besteht eint wahrhaft demokratische Toleranz und jede Möglichkeit der parteilichen Orientierung, besteht das Recht der freien Meinungsäusserung und der unabhängigen Gruppierung. Nur eines muss endlich einmal festgestellt sein: wer sich ausserhalb der Zionistischen Organisation stellt, steht ausserhalb des Judentums. Denn es gibt kein Judesein ohne Zionismus. _ Erwerbl den Schekel