Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 6 (1945)
- Issue
- 344 (9.11.1945)
- Date
- 1945-11-09
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
- journal issue
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9 de Noviembre de 1945 — An« VI — N« 344 JÜDISCHE WOCHENSCHAU 7 MEIN LIEBER ONKEL BAS! 1 Tk Der Brief eines geretteten Maedeliens Meine liebe Tante Selma, Onkel Eli, Heinz und Inge! Nur dem lieben Gott sei aller Dank und Ehre, dass ich wieder etwas von Euch hören durfte. Sehr, sehr viel habe ich Euch zu schreiben, und hoffentlich wird es mir gelingen, alles aufs Papier zu bekommen. Vor allen Dingen muss ich Euch sagen, dass ich gar nicht mehr richtig deutsch schreiben kann, weil all diese Kriegsjahre kein Deutsch mehr von den echten Niederländern gesprochen wurde. Also hier in Holland waren die letzten Jahre des Krieges tagtäglich Menschenjagden durch die SS,, grüne Polizei u. holländischen Nazis, hauptsächlich in Amsterdam, wo wir wohnten. Nach 8 Uhr abends durften die Juden nicht mehr auf die Strasse. Dann begannen die Ueberfallwagen durch die Strassen zu rasen- Wenn man diese schon hörte, verging einem Hören und Sehen. Ihr müsst Euch denken, dass das jahrein, jahraus ging. Man wusste nicht, welchen Abend man geholt wurde, und so sass man täglich in nervöser Spannung. An einem Mittwoch- Abend im September 1942 kamen einmal die Grünen und wollten uns mitnehmen. Aber mittags kam eines unserer Pflegekinder gerade aus dem Krankenhaus, das Kind war noch viel zu schwach Was mein Papa gesprochen hatte, weiss ich nicht mehr, aber der Schluss war, dass nich!s daran zu ändern war, bis Freitag-Abend mussten die Rucksäcke gepackt sein. Wir sollten geholt werden. Ihr könnt Euch unsere Stimmung wohl vorstellen, aber wir hatten noch zwei Tage Zeit. Nun wusste ich, dass, wenn einer von der Familie im Krankenhaus lag, die anderen Familienmitglieder zuhause bleiben durften. Ohne Mutti etwas zu sagen, informierte ich mich überall Man wollte mich im Krankenhaus aufnehmen, aber ich musste mich operieren lassen. Gut, man fragte mich, was ich haben wollte, einen Finger oder eine Zehe weg, ob ich einen Bruch hätte oder lieber den Blinddarm raus. Ich entschloss mit für Blinddarm. Als ich nach Hause kam, sagte ich, dass ich im Krankenhaus in einem Bett liegen dürfte. Wenn nun die Deutschen kämen, sollte mein Papa sagen, dass ich operiert im Krankenhaus liege. Mutti fragte ängstlich: “Aber doch nicht richtig operieren?“ “Nein — sagte ich — nur Theater.“ Wenn die Eltern gewusst hätten, dass es doch wahr wäi*e, hätten sie die ganze Nacht nicht geschlafen. Ich ging inzwischen ins Krankenhaus und innerhalb einer halben Stunde lag Ich operiert als Patient im Bett Als am nächsten Tag mein Papa mich besuchte, wollte er erst nicht glauben, dass ich mich operieren liess, aber dadurch sind wir dieses Mal noch den Klauen des Löwen entkommen. Das zweite Mal ging es schlechter; welcher Monat es war, weiss ich nicht mehr. Gemeine SS kam ins Haus und durchsucht,? alles. Alle Pflegekinder und meine Eltern wurden nach schrecklichen Beleidigungen mitgenommen. Ich blieb ruhig in meinem Zimmer — sie kamen nicht herein (Gottes Bewahrung), ich lief ihnen nicht freiwillig in die Arme. Die ELtern hatten immer gesagt: “Solange man aus ihren Armen bleiben kann, muss man es tun, dann kann man später nochmal anderen helfen.” Den nächsten Morgen lief ich von einer Instanz zur anderen, man sagte mir, man würde alle Hebel in Bewegung setzen, aber man gab mir wenig Hoffnung. Als ich aber nachmittags um 5 Uhr nach Hause kam, sah Mutti mir schon mit strahlendem Gesicht aus dem Fenster entgegen. Durch Vorlegen von allerlei Papieren waren sie freigekommen. Ihr könnt Euch meine Freude vorstellen, aber es dauerte nicht lange. Am 9. April, abends um 10 Uhr. klingelte es wieder. Es waren wieder andere Grüne, die Eltern und Kinder holten- Die Deutschen hatten eine Methode, nach Listen zu arbeiten. Einmal holten sie alle Diamantenschleifer mit Familie, ein anderes Mal alle Menschen, wo die Pass- Nummer mit 10 begann. Die Eitern wurden dieses Mal geholt auf Grund einer Liste aller Eltern, deren Söhn« in Buchenwald ges'orben sind — ausdrücklich nur, wo die Söhne gestorben sind. Sie wollten also auf diese Weise die ganze Familie ausrotten. Eine Woche lang blieben sie noch an einem Versammlungsplatz in Amsterdam, und dann sah ich, wie sie in einem Ueberfallwagen weggeführt wurden. Sie blieben noch ein paar Tage in einem Camp, Westerbork in Holland, wo Onkel Leo. Tante Liesel, Hannelore und Tannenbaums auch waren, und dann gings fort ins Unbekannte, seit dieser Zeit habe ich nie wieder etwas von ihnen gehört, Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie mir mein Zuhause, meine Eltern, meine Brüder fehlen... Manchmal weiss ich selbst nicht, ob ich wache oder träume. Ich durfte natürlich auch nicht mehr in unsere Wohnung, all unser Hab und Gut war in kurzer Zeit durch die Deutschen für die “Winterhilfe” weggeführt. Wie mein Leben diese Monate war, schildere ich lieber nicht. Der lieb? Gott gab mir aber Kraft und gib1 sie mir noch immer. Ich war seit 1941 Säuglings- und Kinderpflegerin, aber als die Eltern deportiert wurden, konnte ich mich nicht mehr ernähren, wenn ich in diesem Heim bliebe, da ich dort nichts verdiente; ich war 17 Jahre alt. Ich wollte immer Krankenschwester werden, und da ich gross und kräftig war, machte man eine Ausnahme, da ich doch ganz allein dastand. Meine Arbeit gab mir Befriedigung, und in der Arbeit, vergass man sein eigenes Elend. Nur abends im Bett fühlte ich mich verlassen und allein in der grossen Welt, aber des Morgens, wenn ich durch die Frauen- und Männersäle ging, begann wieder meine Arbeit, die Kranken zu pflegen, da vergass ich beinahe mein eigenes Leid: ich gab ihnen so gern etwas Liebe und Herzlichkeit, zumal ich selbst weiss. wie es ist, wenn man sie entbehren muss. Aber meine Krankenhauszeit in Amsterdam war unruhig. Wir Krankenschwestern waren im Krankenhaus etwas gesicherter vor der SS-Tatze als andere Menschen, aber auch nicht lange. Schon begann man die Kranken aus den Krankenj häusern zu holen und auch die! Krankenschwestern. (Viel kann ■ ich heute nicht mehr erzählen,! denn meine Kerze ist ausgebrannt, j und es ist die letzte, man kann i auch keine hier kaufen- Diese be-; kam ich voriges Jahr zufälliger- | weise von einem katholischen j Priester.) In kurzem kann ich j Euch sagen, dass ich selbst siebenj mal in den Händen der Deutschen j war. Zweimal sass ich schon im j Viehwagen, um transportiert zu werden. Einmal hatte ein jüdisches Ehepaar m?ch den Deutschen ausgeliefert, um selbst gerettet zu werden, aber immer wieder rettete mich unser lieber Vater im Himmel mit seiner wunderbaren Kraft. Am 1. September 1944 nahm ein unbekannter Herr mich aus dem Krankenhaus mit. Er überredete mich, mit ihm mitzugehen, dann würde ich gerettet werden vor den Deutschen. Später hörte ich, dass j dieser Mann ein Pfarrer war. In | meiner Angst dachte ich, dass es j jemand von der Geheimen Poli- 1 zei war und dachte bei mir selbst:; “Gehe nur ruhig mit. ohne dich! zu widersetzen, es ist besser allein j arrestiert zu werden, als mit ei- I nem Massentransport in einen I Viehwagen gesteckt zu werden.”! Also, ich ging ruhig mit. aber wie ' erstaunt war Ich, als die Eisen-; bahn vor dem Camp nicht anhielt . und wir weiterfuhren. Während j der ganzen Reise sprach der Herr; mit mir kein Wort es wurde immer dunkler, aber der Zug fuhr weiter. Es brannte kein Licht in der Bahn. also stockdunkel. Nachts, 3 Minuten vor 12 Uhr, hielt der Zug. Ich getraute mich nicht zu frage«!, wo wir uns befanden. Ich musste leise aussteij gen, nicht auf dem Bahnsteig, j sondern auf der anderen Seite, in! den Sand. Wir standen da eine j Weile ohne zu sprechen, dann I pfiff der Herr leise auf seinen! Fingern. “Hallo”, hörte ich rufen, j mein Herz klopfle heftig vor! Angst. Ein grosser dicker Herr in j Uniform trat herbei. “Alles in j Ordnung”, sagte er und begrüsste! mich danach kurz. In dieser dunk- } len Nacht sass ich ein paar Minu- , ten später auf dem Gepäckträger j vom Fahrrad des Polizei-Komi mandanten. Der fremde Herr fuhr | schweigsam daneben. Nachdem wir j ca. 1:2 Stunde durch die dunklen j Felder gefahren waren, hielten wir J vor einem Hause- Der Herr bej dankte sich bei der Polizei und ging mit mir durch die Hintertüre in das Haus. Wir kamen in eine nette grosse Küche, in der Mitte um den Tisch sassen fünf Menschen, 3 davon hatten echt jüdische Gesichter. Noch wusste ich nicht, wo ich war.. Bald sassen der Herr und ich auch mit am Tisch mit einem Teller Pfannkuchen und einem Becher Buttermilch. Bald wusste ich, dass der fremde Herr der Herr des Hauses war Ohne dass ich es wollte und mich bemüht hatte, war ich “unter ' Wasser’* getaucht, plötzlich von der Welt verschwunden. Ich war seitens der Deutschen dem Tode verfallen, wenn sie mich entdecken würden, denn erstens hattp ich meinen Stern von meiner Brust getan; (den trugen alle Juden vom 6. Jahre an — er sah wie ein richtiger Mögen David aus, 11 ctm. im Durchschnitt gelb) und das war die grösste Sünde. Alle dies? Sachen wurden mit dem Tode bestraft, aber nur der liebe Gott konnte mich aus den Händen der Deutschen befreien- Jetzt befand ich mich im Hause des Pfarrers, im Norden unserer Landes, eine halbe Stunde entfernt von der deutschen Grenze. Als ich den Pfarrer gefragt hatte, warum er mich aus Amsterdam geholt hatte sagt? er, es hätte auch jemand ten einen überall ergreifen Ohne meine Sachen, die inzwischen schon alle verschwunden waren, irte ich umher, wurde aber immer wieder liebevoll aufgenommen und habe immer soviel zu essen gehabt, dass ich nicht zu hungern brauchte. Es war manchmal arg, aber ich lebe norh und Hunderte sind am Hunger’od gestorben. Es konnten keine Särge mehr gemacht werden, in Papiertüten wurden die Menschen begraben Tante Selma, das finde idv-ddch lieb von Dir, dass Du/%leich ein Paketchen für mich geschickt hast. Jetzt machst Du Dir gleich solche Extraausgaben, aber doch muss ich. wenn ich ehrlich bin. sagen, dass ich mich nach all den Kriegsjahren sehr darauf freue. anders sein können, aber Gott leitet? mich auf deinen Weg und so-Ich freue etzt J^^-gghr darsollst du gerettet werden, wenn . .ist bis Gott es will- Ich durfte in se:nem 1 gekomiiroeneri Din- Haus? bleiben. Er holte immer jei ist man ganz ohn8 etwas, de Woch? willkürlich Menschen, wen er gerade in seine Hände bekam. und wer in Not war. Später breitete sich diese Hüfe von Amst°rdam über das ganze Land au*. Immer mehr Menschen, die antideutsch waren, begannen ihm zu helfen, es erweitert? sich zu einer Organisation über ganz Holland Ich brauchte keinen Cent zu bezahlen, weil ich in dem Hause des Pfarrers lebte. Wir bzkamen illegale Lebensmittelkarten, dazu wurde in den Büros der Deutschen unter Lebensgefahr ein gebrochen. Wir nahmen von den Deutschen, was nur möglich war, was von uns Holländern war und worauf wir also ein Recht hatten. Wir “Unter tauch er“ waren abhängig von den guten Menschen, die uns behilflich waren. Wir kamen Jahre lang nicht unter Menschen und in die Aussenwelt. Als ich noch im Pfarrhaus war. da ging es noch, wir waren da 6 Juden und 2 Studenten zusammen. Jeder musste sich natürlich fügen und zufrieden sein, wie er nachts schlief, aber es ging. Nachdem der Pfarrer jahrelang für allerlei Juden gesorgt harie. wurde er plötzlich verraten und arrestiert. Wir mussten wie der Wind alle Spuren von uns Jm Hause verwischen. und in nächtlicher Stunde wurden wir alle durch vertraute Menschen an eine andere Stelle gebracht- Wenn Du mir zum Beispiel mit Schuhen helfen könntest. Ich habe nur ein Paar, die ich trage, und wenn Du hörst, was es für welche sind, wirst Du lachen. Ich hatt« nämlich kein? mehr, und wpnn mb niemand welche geborgt häfte .könnte ich nicht auf die Strasse Nun bekam ich voriges Jahr von einem amerikanischen Caoitain ein paar schwarze hohe jSoId^tensehuhe mit derber, dik- \er Sohle. Diese trage ich nun tagaus. tag ein. aber sie sind so schwer und machen so müde. Wenn. Ihr nun die Schuh« bekommen könnt, ohne Bons, würdet Ihr so lieb sein und mir welche schikken? Ich lauf? hier mit meiner Schwestern uniform herum, wir fragen schwarze Strümpfe, und dann mit einem Mal die Solda- Dnsehuhe, so stolziere ich bei den Kranken herum. Wir müssen schwarze Schuhe tragen, mit halbe- Hacke und Schnürsenkeln, richtige Berufsschuhe. Seid alle herzlichst ge grösst von Eurer Hanna Ruth. Der Pfarrer wurde tagtäglich unter schrecklichen Martern ver- Das W< «icIiiiM LONDON (TTA) — Ein sorechcr der .T?wKh Azercy erklärte, dass er öD tragi^hen Ereignisse, di« der Tod von neun Personen verhört, aber er sagte nichts. Nach | ursarhte^ h-rDure. Er sagte, dass fünf Monaten Entbehrung und ' “?s ein^ Tragödie ist. dass das PaaMrterung wurde er plötzlich füh-! Täslinm-reMem zu soichen Vorfälrsiliert. Mein lieber Onkel Bas, er war immer so gut zu mir. Wie ein richtiger Vater. So lieb, gut und treu, zu allem war er mir behilflich. Er wurde erschossen, als sein zweites Kind gerade 16 Tage alt war und sein anderer Junge 3 Jahre. Jetzt ist die Frau allein. Sie wurde natürlich versorgt und gestützt. Aber ihre grösste Stütze ist doch weg- Er haf für uns alle sein Leben gelassen. Aber Onkel Bas hat immer zu mir gesagt, als er noch lebte: “Ich weiss, dass der Tag kommen wird, dass die Deutschen mich ergreifen. Aber so lange muss ich tun, was der liebe Gott von mir verlangt. Meine Nächsten zu lieben und zu helfen, wie ich kann.” Und das tat er auch, ohne viel zu sprechen. Als ich einmal aus dem guten Hause des Pfarrers war, wurde es ein Flüchten von einem Haus zum anderen. So habe ich bis zur Befreiung gelebt. Die Deutschen konnten geführt, hat. DD Politik des Weissbuches, die Beschränkung der Einwanderung und die ar»HJüdisch°n Landk°uffe»pfir.öze sind ein Versuch O n Hoffnungen des jüdischen Volkes den Todesstoss zu versetzen. Dia Fortführung einer derartigen Politik. obgleich bereits mehrere Monade seit Kriegsende vergangen sind, hat die Gemüter in noch nie dagewes^ner Art erregt. Ausserdem haben die palästinensischen Juden gesehen, wie die Leiden ihrer europäischen Brüder zunehmen, von denen viele ihre Verwandten sind. Die Jewish Agency lehnt die Gewohltätigkeit als Mittel im politischen Kampfe ab. Sie kann aber den Juden nicht raten, die Ruhe zu bewahren, so lange eine Politik in Kraft bleibt, die sie als fatal für die Zukunft unseres Volkes ansehen müssen.” ilfe, Massenkundgebung des Comite Central Unido pro Socorro a las Victimas Israelitas de la Guerra y Refugiados am Sonntag den 18. November 1945, 9 Uhr, im Luna Park Eintrittskarten bei sämtlichen jüdischen Organisationen und Institutionen gratis erhältlich. Keiner fehle! Näheres in der nächsten Ausgabe dieses Blattes -1 »t tuimui »