Jüdische Wochenschau
- Journal
- Jüdische Wochenschau
- Volume
- 1 (1940)
- Issue
- 29 (8.11.1940)
- Date
- 1940-11-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German, Spanish
- Belongs to
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tfùfi T Arm 4%&*- iA'v(n/ru fa'&J Y ÿn/hsrt Ol/i/fá JunsoE mciDsanu! GEDENKE DES 1 10. NOVEMBER HILF AUFBAUEN IN DEN JUED1SCHEN i ORGANISATIONEN! . AÑO I. No. 29 Semanaria Independien te BUENOS AIRES, NOV. 8 DE 1940 Redacción y Administración: Pneyrredón 2339 — U. T. 41-5405 10 ctvs. GEDENKE /W. B. In der Leidensgeschichte des jüdischen Volkes stellen die Geschehnisse des letzten Jahrzehntes trotz aller Verfolgungen, Peinigungen, Verbrennungen und Beraubungen früherer Zeiten etwas Neues dar: Der Antisemitismus, bisher psychologisch, sozial, oder noch anders erklärbare, von Einzelinteressen diktierte Hassbewegung, ist im Gegensatz zu vergangenen Ereignissen zum politischen Programmpunkt geworden, der Kampf gegen die Juden zum integrierenden Bestandteil der Regierungspolitik erhoben, für dessen Durchführung alle Mittel des Staates ausnahmslos mobilisiert wurden. Die Organisation des Antisemitismus, der lückenlose Vernichtungskampf gegen die Juden, ist ein Produkt unserer Zeit, in der der Antisemitismus zum ersten Mal weltpolitische Bedeutung gewonnen hat. Denn die Eroberung der Herrschaft über Europa begann mit dem Kampf gegen die Juden, weil man mit Recht dig Juden als Verfechter der Ideen von Freihe't und Gerechtigkeit empfand. Mit der Vernichtung der Juden sollte ein Bollwerk der verhassten Demokratie beseitigt werden, die ein friedliches Zusammenleben aller Völker erstrebte, deren Ideal nicht Herrschaft des Starken über den Schwächeren, sondern die fre;e Entfaltung der nationalen und kulturellen Kräfte jedes Volkes ist. Man wusste, dass diese Gedanken so tief in jedem Juden verwurzelt sind, dass Marter und Folter, mit denen andere Völker geknechtet werden, unzulängliche Mittel im Kampf gegen uns sein würden. Deswegen wurde die totale Vertreibung, die „Ausrottung”, der Vernichtungsfeldzug proklamiert; dieses kurze Kapitel unserer Geschichte, dessen letzte traurige Blätter jetzt geschrieben werden, zeigt deutlich, wie aus vereinzelten Anfängen allmählich und systematisch der Krieg gegen uns zum Weltenbrand wurde, gegen unseren Willen, aber doch notwendig einem inneren Gesetze folgend, da mit dem Vernichten eines tragenden Pfeilers unser ganzes Weltgebäude einstürzen muss. Es ist keine leichte Aufgabe, schon jetzt, noch mitten in der Entwicklung, zu den Ereignissen der letzten Jahre Stellung zu nehmen, weil das eigev 3 Erleben nicht immer die gestaltenden Kräfte richtig bewerten lässt. Besonders schwierig aber ist die Erkenntn s immer dort, wo das Erlebnis so stark so gewaltig, so niederdrückend zugleich ist, wie es unser Er leben war. Dennoch sollten wir im Gedenken an die furchtbaren Ereignisse dieses 10. November 1938 bemüht sein, uns über den inneren Ablauf des Geschehens Klarheit zu verschaffen, die uns in dem Ringen um unser Recht befähigt, als die geretteten und jetzt wieder freien Söhne des europäischen Judentums zu kämpfen. Denn dies ist der tiefe, der historische Sinn unserer Rettung. Damals, und es sind jetzt noch nicht 8 Jahre vergangen, wurden unter dem Schein einer Berechtigung die Juden zunächst aus einigen Berufsgruppen ausgeschaltet. Beamte, Aerzte, Rechtsanwälte wurden ausgeschlossen, eil diese Berufe so „überjudet” seien, dass für die eigenen (nichtjüdischen) ,Volksgenossen’ kaum Platz gewesen wäre. Auf die wmm der Handhabung der Judenfrage sogleich zutage. Aber die Anarchie war eine allgemeine, wenn auch unter dieser allgemeinen Rechtsunsicherheit die Juden am meisten zu leiden hatten. Für die Entwicklung in der Judenpolitik s nd diese Ausschreitungen symptomatisch, aber nicht entscheidend. Denn die Regierungsstellen wagten sich noch nicht weiter vor, sie stellten „Uebergriffe” fest, ohne allerdings auch nur das Geringste dagegen zu unternehmen. Das Jahr 1938 erst war das Jahr der Offensive, d e den offenen Kampf einleitete, nun nicht mehr gegen die Juden allein, sondern schon gegen alle freien Völker. Der Ueberfall auf Oesterreich, die erzwungene Abtretung des Sudetengebietes und der grausame Schlag, mit dem die Juden vernichtet werden »sollen, sind die Marksteine auf dem Wege zum Chacs. Zunächst unternahm man eine Aktion gegen angeblich „Vorbestrafte”, in deren Verlauf Tausende unbescholtene Männer den furchtbarsten Quälereien in den riesigen Folterkammern unserer trostlosen Zeit, die man Konzentrationslager nennt, ausgeliefert worden sind. Dann versuchte man die polnischen Juden an einem Tage über die Grenze zu schieben, ohne ihnen auch nur Zeit zu lassen, sich richtig anzukleiden: Kinder, Greise, Blinde, Kranke, alle. Und endlich fand s ch der „Grund”, den vernichtenden Schlag gegen das deutsche Judentum selbst zu führen. Die Affekttat eines Verzweifelten wurde zum Vorwand genommen, um am 10. November 1938 Greueltaten zu vollbringen, die zu den schlimmsten Ve.vrungen menschlicher Verworfenheit gehören. Diese Tat Grynspans war nur Anlass der Pogrome, ihre Ursache war die Tatsache, dass die „Partei” sich in dem demoralisierten Europa stark genug zum Kampf gegen alle wusste. Die Tatenlosigkeit, mit der die Welt dem 10. November zusah, wurde der P stein des Weltgewissens. Sie zeigte da:r die Offensive gegen die angeblich noch freie Welt begonnen werden konnte. Hatte nicht bereits einige Zeit vorher in einer Affekthandlung ein junger Mensch einen Sendboten dieses Regii i- ’ '4V‘X t» mes niedergestreckt? Damals wurde nichts unternommen: niemand zweifelt heute daran, dass es schon damals einen „10. November” gegeben hätce, wenn es nur möglich gewesen wäre. Man war noch mcht so weit. Jíí&í: mm April man sich Die Synagoge Fasanenstrasse in Berlin SüitShP^ ^recbtigung derartiger oberflächlicher Behauptungen, die lediglich die g?en Sn'Ruhten verbergen und gleichzeitig solche Massnahmen populär mazSweisen b“ ni°ht geworden ^d), braucht man nicht^eitS hTni^q^a^e£n?wlkalen in\eigenen Lager eine Konzession machte und am 1. -Phr?05?0tt geg®n alle jüdischen Unternehmungen durchführte, musste nur einmalige? ¡w’- m °effentllchkeit zu erklären, dass diese Massnahme smio L Vd llbngen aber d’e Juden in ihrer wirtschaftlichen Betätigung nicht beeinträchtigt werden sollten. kensDw^alnnrhrnfpnf”Pilfrtefi’’ *ebÜn n°Ch nicht Weit genugdas Regiment des Sehr. ■ m Kht gefestlgt’ der erste brutale Akt hatte eine Abscheu vor diesem barbai..sehen Treiben erzeugt, die Reaktion der gesitteten Welt war noch stark genug um Einhalt zu gebieten. Die „Partei” gab Ruhe, sie liess die Juden in der irtschaft gewahren, sie behielt bestimmte Kategorien von jüdischen Beamten, Aeizten, Rechtsanwälten, nur weil sie hoch nicht stark genug war. Jetzt wurden sorgfältig und systematisch die Machtpositionen der Barbarei verstärkt und zum zweiten Male unternahm die „Partei” den Versuch, die Juden zu „verruchten”. Man hatte, zwar schon Jahre vor der Machtergreifung alles getan, um die Juden in der Achtung der eigenen Bürger wie der ganzen Welt herabzusetzen Man entfaltete eine zügellose Propaganda, deren moralischer Tiefstand die Verachtung selbst im Kreise des inzwischen durch die Willkürherrschaft eingeschüchterten deutschen Volkes hervorgerufen hatte. Aber die immer wiederkehrenden Beschuldigungen hatten doch die Wirkung gehabt, dass selbst Gutwillige auch in an* deren Ländern Zweifel hatten, ob nicht doch an einigen Verdächtigungen „etwas Richtiges wäre”. Als die zweite grosse Aktion erfolgte und die Nürnberger Schand-Gesetze eingeführt wurden, durch die alle Juden ln ungeheuerlicher Weise diffamiert worden sind, tat man bereits mehr, als der inneren Stärke entsprach, und unmittelbar darauf suchte man das im tiefsten verletzte Weltgewissen zu besänftigen und erklärte feierlich, dass nunmehr die Gesetzgebung gegen die Juden abgeschlossen sei. Gew'ss hat sich in zahllosen Einzelakten der Kampf gegen die Juden die folgenden Jahre hindurch ausgetobt. Jeder kleine Beamte, jeder Bürgermeister, jeder Gauleiter, hat sich berechtigt geglaubt, mit den Juden seines Amtsbereiches so zu schalten, wie es ihm gerade gefiel. Die ganze Brüchigkeit dieses Systems, die furchtbare Anarchie, die von Anfang an mit dieser Herrschaft der Gewalt einriss, trat in Nur wer dabei war, an jenem kalten, finsteren 10. November, kann ermessen, was es heisst, wenn Jagd auf Menschen gemacht wird, was er heisst, Gotteshäuser brennen zu sehen. Man suchte schon keine Beruhigungen mehr, man erklärte nur, die „Volkswut” hab' gesprochen. In einem grossen Reiche brach an allen Ecken und Enden am gleichen Tage mr gleichen Stunde diese „Volkswut spontan” los, die sich blindwütig gegen Unschuldige richtete, die Fensterscheiben zertrümmerte, . Plünderungen, Morde, Brände, Diebstähle forderte. Und als die arbeitsame Bevölkerung erwachte, da stellte sie fest, wie vandalisch die Volkswut getobt hatte. Bezahlte Banditen hatten auf höchsten Befehl eine Schandtat vollbracht, die als ewiger Makel diesem Volk der „Dichter und Denker” anhaften wird. In allen Städten und Städtchen loderten an diesem Unglückstage die Flammen aus unseren Gotteshäusern. Gemeinden wurden vernichtet, die Jahrhunderte und Jahrtausende bestanden haben. D’e Lebenskraft unseres Volkes aber hat man nicht brechen können« denn viele, die jene fürchterlichen Schrecken über sich ergehen bauen tatkräftig an einem neuen jüdischen Leben in vielen Ländern der Erde, . - .er hat nicht verstanden, was sich an diesem 10. November 1938 v^jLieger, hatte. Mit Abscheu, Schrecken und Verachtung wandte man sich von dieser Barbarei ab. Nirgends aber hat man begriffen, dass das Entfachen der Flammen in unseren Synagogen den kommenden Weltenbrand angekündigt hat. Die Flammen, die in den traurigen Morgen dieses 10. November hineinloderten sind nicht erloschen Dieselben Brandstifter haben Europa in den Abgrund gestürzt. Die Flammen des 10. November werden die verzehren, die sie legten. So wird, unser Opfer seinen Sinn bekommen. Als Vorposten der freien Menschheit hat man uns angegriffen, als Vorposten der freien Menschheit werden wn durch unser Op fer zum Siege der Ordnung über das Chaos beitragen. Nicht untätig dürfen wir den Ablauf der Ere'Sn’sse abwa ten. wir müssen immei: wieder "die freien Völker darauf hinweisen. dass der Kampf gegen unTTui dis EiöSnungsgefecht gegen die Freiheit, das Selbstbestimmungsrecht und die Unabhängigkeit aller Volker ist. Wir müssen die anderen aufklären, dass durch das Gift des Judenhasses nui die Rechtfertigung geschaffen werden soll, die eitle Theorie von dem Mehrwert der Rasse zu propagieren, um nur um so sicherer ein. Volk nach dem anderen zu u L. - jochen. Braucht man noch Beispiele? Die Volker Europas sind durch die Waffen besiegt worden nachdem man sie durch das Gift der Rassentheoue betäubt hatte. Wir müssen aber aus dem Erlebten lernen. Wir sollen me vergessen was kommen kann wenn man einer gemeinsamen Gefahr nicht gemeinsam entgegentnt. Wieviele gab es, die als Einzelne unterzutauchen glaubten, um spater nur noch Stär!dto» sollte jeden in seine Gemeinschaft hineingestellt ha- (Torlsotwnis auf Seite-12)