Israelitischer Reichs-Bote
- Journal
- Israelitischer Reichs-Bote
- Volume
- 8 (1882)
- Issue
- 39/40 (27.9.1882)
- Date
- 1882-09-27
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Gemeinde Berlins hatte sich nach London und Paris begeben, um von dort nachdrücklicheren Schutz für die russischen Flüchtlinge in Amerika zu erwirken. Sein Bestreben war, besonders die unterbrochenen Beziehungen des Berliner Hülfs-Comite mit dem Mansion House-Comite wieder herzustellen. (Ludwig Löwe trat anfangs als Fr.und und Schüler Lassalles in das öffentliche Leben, doch schloß er sich nach deffen Tode der Fortschrittspartei an. 1864, erst 27 Jahre alt, ward er zum Stadtdeputirten des Berliner Gemeinderaths gewählt, und ward darauf Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses. Obschon stets in dem politischen Leben hervorragend, ward er jedoch erst, nach zwei vergeblichen Versuchen 1879 in den Reichstag gewählt. Löwe ist Manufacturift ersten Ranges. 1869 errichtete er eine große Aktionärgesellschaft für Maschinenbetrieb, welche zu den ersten Etablissements Berlins zählt. Die Aktien umfassen ein Capital von 200,000 Mark und 1500 Arbeiter werden beschäftigt.) (Herr Löwe fand eine unerwartete Unterstützung seiner Bestrebungen in Paris und London durch die wieder hervorgetretene antisemitische Bewegung Ln Deutschland gelegentlich des antisemitischen Congreffes in Dresden und seines Nachspiels in Berlin. Die Entrüstung darüber sprach sich gleich lebhaft in allen Schichten der gesitteten Gesellschaften aller Confessionen aus. — Wir sehen, daß die Antisemitenverfolgungen grade das Gegentheil ihrer bösen Absicht bewirken. :ומלאך רע על כרתו עונה אמו Der bösgesinnte Engel muß gegen seinen Willen: Amen sagen!) — Die Antisemitenversammknng ist also richtig zu Stande gekommen. Von allen Congreffen, an denen unsre Zeit so reich ist, ist dieser jedenfalls der merkwürdigste. Merkwürdig, weil er sich in die .Zeit, Ln welcher er tagen sollte, geirrt hat. Er hätte im dunkelsten Mittelalter, zu der Zeit der Kreuzzüge, der Flagellanten, der schwarzen Pest, die man 1350 den Juden zuschrieb und so große Verfolgungen veranlaßte, tagen müssen. Man hat sich versammelt. Stöcker, Jstoczy, Henricy, das ganze Triumphirat läßt seiner schwärzen bittern Galle freien Lauf, gegen unschuldige Staatsbürger, deren einzige Schuld darin besteht, eine von diesen Hetzern verschiedene Religion zu besitzen. Cs ist Pflicht des Staates, den Gesetzes- Paragraphen, der gegen die Aufhetzung zu confessionellem Haß und Störung N>er Russe und Sicherheit der Staatsbürger, gerichtet ist, in Kraft treten zu kaffen. Das Versammlungsrecht und die Preßfreiheit, um welche jene Hetzer uns verkürzen wollen, sich selbst aber in so reichem Maße aneignen, muß seine Grenzen haben. Im Uebrigen kann uns jene Schreierei unfern Gleichmuth kaum stören. Unser Recht, und unsere Religion ist aus zu feste Stützen gebaut, als jeden Sturm in einem Glase Wasser zu fürchten. : עצו עצה ותפר דברו דבר ולא יקום 2׳ עמנו אל ״.Fastet Rathschlag und er wird verworfen, beredet -euch — und es besteht nicht, denn mit uns ist Gott. Jes. 8. 10. Wir bringen hiermit den Wortlaut eines dem ״Frankfurter Journal und Presse" über jene Ver- Handlung entnomnienen Berichtes und bemerken nur noch, daß dieses Blatt, wie alle anständigen politischen Blätter, sich über das Unwesen der Agitatoren mit Entrüstung ausspricht. ״Zunächst eine Reihe von Thesen des Hospredigers Stöcker, welcher die Lösung durch eine Reihe von Beschränkungen der Juden in bürgerlicher Beziehung herbeiführen will. Energischer war der Antrag des Di־. Henrici, welcher direct die Entfernung der Juden aus Deutschland verlangt: ״Die Juden sind nur staatsrechtlich zu behandeln," lautet derselbe. Wohin dieselben sich zu wenden hätten, falls man sie über die Grenzen wiese, das, meinte er, sei ihre eigene Sache. In dieser Sache ließ sich Prediger de la Roi spezieller aus, welcher den Antrag stellte, der Congreß möge die englische Regierung aufforderu, die Juden kostenfrei nach Egypten über- Zuführen. Indessen fand diese Auffassung wie auch der weitere Antrag, 12 beredte Juden zu den Ver- Handlungen des Congresses hinzuzuziehen, wenig Anklang. Der ungarische Abg. Jstoczy verlas den ׳Entwurf eines Manifestes an die christlichen Regierungen und Völker Europas, worin dieselben auf- -gefordert werden, gemeinsame, gesetzliche Maßregeln zur Beschränkung des Judenthums zu ergreifen, ihnen namentlich das Vereins-, Versammlungs- und Preßrecht zu nehmen. Die Verhandlungen, bei welchen die Anbänger der Stöcker'schen und Henrici'schen Richtung sehr scharf aufeinanderplatzten, endeten mit der Annahme der Stöcker'schen Thesen. — /Heute war der Congreß nur noch von höchstens 150 Mitgliedern besucht; viele; darunter Herr Stöcker, haben Dresden schon gestern Abend wieder verlassen. Zur Verhandlung stand das erwähnte Manifest des ungarischen Abgeordneten v. Jstoczy. Ueber den Inhalt läßt sich in Kurzem nur sagen, daß es, wo nicht die Unterstützung der anti-jüdischen Bewegung direct, so doch die Duldung der von derselben ins Werk gesetzten Agitation gegen die Juden beansprucht. Dieses Manifest, dessen Verlesung eine halbe Stunde dauerte, ward mit sehr großer Majorität 6n bloc angenommen;® nur die Partei des Hern Stöcker gab die Erklärung ab, in dieser Angelegenheit, so sehr sie damit sympathisire, aus gewissen Rücksichten, eine reservirte Haltung beobachten zu müssen. Der Congreß beschloß, das Manifest als Broschüre drucken zu lassen und an sämmtliche Regierungen, Parlamente, Badeörter und größere Zeitungen (ohne Unterschied der Färbung) Europas und Nordamerikas zu versenden. In der ״Times/' dem ״Weltjudenblatt", soll es als bezahltes Inserat erscheinen. *) Bezüglich der Kosten gab das Comite die Erklärung ab, die erforderlichen Gelder für die Verbreitung seien vorhanden; woher diese Summen fließen, sei nicht opportun, zu verrathen, jedenfalls aber sei die Quelle rein. Ferner wurde eine von dem Reichsfreiherrn v. Fechenbach eingesandte Resolution angenommen, welche die Stöckerffchen Thesen noch durch die Bestimmungen verschärft, daß gegen die fortgesetzte Einwanderung von Juden aus dem Osten eine Grenzsperre eingerichtet werde 2) und daß ferner die Juden vom Militärdienst befreit sein sollen. Der Congreß beschloß ferner die Bildung eines permanenten Comites nach dem Vorbilde der alliance israelite universelle8) deren Mitglieder verschiedenen Ländem Europas angehören und deren Namen geheim bleiben sollen. Für die Unterstützung der antisemitischen Presse durch Abonnement und Inserate soll besonders agitirt werden. Auch der Prozeß in Sachen der verschwundenen Esther Solymossy wurde zur Sprache gebracht. Der ungarische Reichstagsabgeordnete v. Simonyi erklärte, daß er unumstößliche Beweise in den Händen habe, daß es sich um einen rituellen Mord dabei handle; ihm selbst seien dahinlaufende Geständnisse gemacht worden. 4) Der Congreß sprach die vertrauensvolle Erwartung aus, daß der ungarische Richterstand in dieser Sache bei seiner bewährten Unparteilichkeit seinen hohen Verpflichtungen in vollem Maße genügen werde." 1 Dieser Weg bezahlter' Inserate--empfiehlt sich sehr. Auf diese Weise würden auch anständige Blätter etwas an dieser Hetzerei verdienen. I. R.-B. 2. Ist ja überflüssig, wenn die Juden, wie der ehrenwerthe Congreß vor hat, nach Egypten transportirt werden sollen. I. R.-B. 9. Welche perfide Verunglimpfung der.Alliance israelite universelle, als wenn deren Wirken eine geheimnißvolle Jntrigue wäre, wie dieser Congreß solche beabsichtigt. J.R.-B. 4. Dieser Abgeordnete scheint demnach eine besondere Untersuchung gegen die ungarischen Juden in der berüchtigten Tisza-Eßla Angelegenheit vorgenommen zu haben, und dabei andre Resultate erzielt zu haben als alle fachkundige Justizbeamtc, die mit jener Untersuchung betraut waren! I. R.-B. Wir empfehlen die Durchsicht der Congreßükten dem Staatsanwalte. Jedenfalls wird er in ihnen reiche Handhabe für einen Prozeß wegen aufwühlerischer Uutriebe sinden. Redaction I. R.-B. Derlirr, 23. Sept. Julius Ruppel, der bekamtte antisemitische Agitator, ist von der Anklage wegen Behauptung, daß die Juden zn rituellem Zweck Christenkinder schlachteten, von der Strafkammer des Landgerichts freigesprochen worden, weil in dem incriminirten Artikel ein direet beschimpfender Ansdruck nicht enthalten sei. (Man könnte hiergegen appelliren! R.) Wien. Der hies. isr. Verein ״Zion," welcher beabsichtigt auf der Haide im zweiten Bezirk einen Tempel zu bauen, hat sich vorher an den Bürgermeister mit der Bitte gewendet, ihm bekanntzugeben, ob nicht jemals ein Friedhof auf diesem Platze sich befunden habe, in welchem Falle nach ritueller Bestimmung der Tempelbau an dieser Stätte nicht aufgeführt werden dürfte. — In Pest entstand am Vorabende des Versöhnungstages in der großen Synagoge durch ungeschickte Manipulation mit der Gasuhr vollständige Finsterniß, und dadurch panischer Schrecken. Glücklicherweise brannten einige Kerzen und von außen drang noch etwas Tageslicht ein. Prediger Kohn besaß so viel Geistesgegenwart, mit lauter Stimme zur Ruhe zu ermahnen, worauf sich die Gemüther allmählig beschwichtigten. — In der Czechenstadt Elbekostelet sind am Freitag während des Gottesdienstes die Fenster der Synagoge eingeschlagen worden. Dragoner zerstreuten die Exedenten und nahmen mehrere Verhaftungen vor. Duda-Urst. Nach amtlich beglaubigter Meldüng ist der Häftling Fogel in der Tisza-Eßlaer Affaire mehrfach mißhandelt worden, Der Untersuchungsrichter Vary schlug Fogel mit den Akten ins Gesicht, der Panduren-Commissär zwang ihn so lange aus einem Eimer Wasser zu trinken, bis Fogel sich brach. Sodann wurde Fogel von Lök nach Eßlar in der Weise spedirt, daß er vor den Pferden der Panduren eine lange Strecke im Trab einherlaufen mußte. Der ״Hamagid" theilt aus Galatz den dort erfolgten Tod des Herrn Eisak Rothenberg (er erreichte das Alter von 82 Jahren) mit, der für seine Glaubensgenossen, wie für das Beste aller Menschen ohne Unterschied der Confession stets rümlichst gewirkt hat. Er - stand in der Gemeinde Galatz stets an der Spitze, wenn wohlthätige Handlungen anszuführen waren. Im Jahre 1865 rettete er bei der damaligen großen Hungersnoth durch seine edelmnthige Unterstützung und Hilfe Viele vom Tode. So half er auch bei der 1881 stattgefundenen Feuersbrunst vielen der Unglücklichen, besonders auch Christen, wieder auf. 1869 ging er dem Kaiser Franz Joseph von Oestreich, welcher zur Einweihung des Duezkanals sich nach Egypten begab, bis nach Rustschuk entgegen, und unterbreitete ihm eine Bittschrift, für seine in großem Elende lebenden Glaubensgenossen Rumäniens. Der Kaiser gab ihm huldvoll die Hand und tröstete ihn. Der Verstorbene, dessen Wohlthaten aufzuzählen das Blatt nicht hinreicht, hat sich ein ewiges Andenken in den Herzen aller bewahrt! ת' נ, צ׳ ב׳ ה׳ — (Aus Armuth wahnsinnig.) Aus Czernowitz wird folgender Vorfall gemeldet: ״Der cand. ph.il. Josef Rosenstein, welcher einer der fleißigsten und tüchtigsten Studenten der Czernowitzer Universität war und mit Unterrichtgeben seine arme, alte Mutter ernährte, hatte am 9. d. aus Verzweiflung über seine und seiner Mutter Nothlage einen Wahnsinnsanfall, in welchem er folgenden gräßlichen Plan zu seinem Selbstmorde faßte: Er kaufte sich Spiritus, begoß mit demselben feine Kleider, sein Gesicht und seinen Körper, nahm von dem Alkohol den Mund voll und zündete sich dann in der Mitte seiner Wohnkammer selbst an. Das Jammergeschrei, welches der Bedauernswerthe erhob, rief die unglückliche Mutter desselben und mehrere Nachbarn herbei, deren Bemühungen es gelang, das Feuer zu löschen. Der arme Student war über und über mit Brandwunden bedeckt und wurde in bewußtlosem Zustande nach dem Svitale überfübrt Hier kam!^-^///ner Weile zum Bewußtsein und äußerte zu"seiner Umgebung, daß er gern sterbe, jedoch wegen seiner armen Mntter sehr bekümmert sei. Es ist wenig Hoffnung vorhanden, Rosenstein am Leben Zu erhalten. Petersburg Jüngst aus den westlichen Gebieten hier eingetroffene Inden-Deputationen petitioniren um Erweiterung ihrer Rechte, und um Beseitignng der im Mai erlassenen temporären Maßregeln. Wie gemeldet wird, sollen für das bevorstehende akademische Lehrjahr die Juden auf der Charkower Universität als freie Zuhörer abgewiesen werden. — (Ein Akt wahrer Menschenliebe.) Die katholiche Geistlichkeit der Stadt Prena, Gouvernement Suwalki, hat, wie eine der ״Germania" zugegangene Correspondenz mittheilt, ein schönes ׳ Beispiel von Menschenliebe gegeben. In der Nacht vom 14—15 August warfen sich die Bauern, der nt der Umgend von Perna liegenden Dörfer — nachdem sie sich vorher verständigt, wie man nachher erfuhr, — auf die Juden, und begannen, ihre Magazine zu leeren. Da die russischen Beamten kein Lebenszeichen von sich gaben, begannen die Bauern, ge- Holsen von dem Stadtpöbel die Juden zu mißhandeln. Diese liefen die größte Gefahr. Auf diese Nachricht legte sich die katholische Geistlichkeit in's Mittel, und stellte den Bauern das Unrechtmäßige und das Verbrecherische ihrer Handlungen vor. Viele, selbst Nichtkatholiken, gaben diesenErmahnungen Gehör. Aber einige hartnäckige Auftmhrer stürzten auf die Priester und begannen dieselben zu belästigen. Die Priester, der Pfarrer an der Spitze, empfingen mit Entsckflossenheit die Insulten, weil sie dadurch vielen ^Juden die nötbige Zeit verschafften, sich in Sicherheit zu bringen. Vermischtes. Ein Rabbiner nahm sich kürzlich auf einer Soiree bei der reichen Banqnierfamilie U. die Freiheit, über das heute so sehr betriebene und in jeder Beziehnng schädliche Lesen von Romanen einige mißfüllige Aeußerungen fallen zu lassen. '״Man kann 'doch nicht immer Talmud sind iren!" erwiederte die Tochter des Hauses ן mit schalkhaftem Lächeln.