Israelitischer Reichs-Bote
- Journal
- Israelitischer Reichs-Bote
- Volume
- 8 (1882)
- Issue
- Beilage zum Israelitischen Reichs-Boten No. 39 & 40.
- Date
- 1882-09-27
- Page
- Seite 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Verlage nun Israelitischen Reichs-Boten Na. 39 & 40. Cine Studie über den Selbstmord. (Nachdruck ohne Erlaubniß nicht gestattet. Red.) Selbstmord ist mit bewußter Absicht vollbrachte, gewaltsame Zerstörung des eigenen Lebens. Er unterscheidet sich zwar von einem freiwilligen Tode, der sich für ein höheres Ganze, oder aus besonders edlen Motiven aufopfert, aber die Begriffe sind sich auch hier so nahe verwandt, man hat hier so genau und scharf zu unterscheiden, daß es sehr schwer zu bestimmen ist, wann ein Tod ein freiwilliger, oder ein Selbstmord ist. Es giebt gewiß verschiedene Stufen im Selbstmorde. So unterscheidet man den groben von dem feineren, den unmittelbaren vor dem mittelbaren. Doch wie verschiedenartig Motive und Gestalt des Selbstmordes, einer Handlung gegen den jedem Geschöpf eingepflanzten Trieb, auch sein möge — stets sind sie unsittlich, von den Fällen abgesehen, wo entweder Wahnsinn den Geist verdunkelt, oder unverschuldetes, gehäuftes Mißgeschick, unerträglicher Schmerz, überhaupt Zustände, welche bewältigend und übermächtig aus den Entschluß des Menschen einwirken, und ihn der vollen Freiheit des Handels berauben, zur Selbsttödtung führen. Es ist eben ein merkbarer Charakterzug unserer heutigen Zeit, diese Verwerflichkeit des Selbstmordes zu übersehen, und ihn gar zu entschuldigen. Es scheint dies eine Folge des häufigen Borkommens dieser schrecklichen Handlung zu sein, und läßt man eben die Gesetze schweigen, wie es der griechische König Agesilaus empfahl, weil die Strafe zu Biele treffen und zuviel Geräusch machen würde. Jedenfalls ist Beschönigung und häufiges Borkommen des Selbstmordes immer ein Zeichen des religiösen, wie des ökonomischen Verfalles einer Zeit, und zeigt tiefe Schäden in den socialen Berhältnissen an. Je nachdem in den verschiedenen Zeiten und verschiedenen Gegenden in verschiedener Weise von den Ursachen und Quellen des Selbstmordes, von seiner Sittlichkett, seiner Beziehung auf die Pflichten gegen uns selbst, gegen Gott «nd gegen andere Menschen geurtheilr worden ist, ward derselbe mehr oder weniger verwerflich gehalten. Soviel steht indeß fest, daß Derjenige, welcher ein lasterhaftes und verbrecherisches Leben, um den quälenden Vorwürfen seines Gewissens oder dem verschuldeten Unglück zu entgehen, durch Selbstmord endigt, der endigt eben auf unnatürliche Weise sein unwürdiges Dasein, oder, wer aus Mutlosigkeit und Schwäche, weil er über ihn gekommenes Unglück nicht abwenden, oder ertragen zu können glaubt, dabei aber mit vollem Bewußtsein und freiem Entschluß sich selbst den Tod giebt, der mag am Ende Mitleid erregen, — seine Handlungsweise aber ist unsittlich. Untersuchungen über Entstehen, Borkommen und Bedeutung des Selbstmordes müßten zugleich die verschiedensten Gebiete menschlichen Denkens und Wissens in Anspruch nehmen. Der Gegenstand greift tief in dre Moral, die Anthropologie, Geschichte der Menschheit, Ethnographie, Heilkunde, Gesetz und Recht em. Aus der Kenntniß der verschiedenen Borstellungen, Urtheile und Grundsätze über den Selbstmord, wie sie die Geschichte uns lehrt, wird sich, neben dem Interesse, welches eine derartige Darstellung für Jeden hat, auch eine Art Heilung des in heutiger Zeit auch in Deutschland überhand nehmenden Uebels ergeben. Die vollkommenste Heilung liegt zwar in der Rückkehr zu den ewigen Prinzipien der Moral und der Religion, die m unserem egoistischen, nur das eigene Selbst und das individuelle Ich beachtenden Zeitalter, so vielfach geschädigt werden. Alle Mittel und alle Hülfe, die man der leidenden Armuth und dem Elende zu Theil werden läßt, werden solange fruchtlos denl Selbstmorde gegenüber bleiben, als jene Mittel erst in der letzten Stadie des Elendes verabfolgt werden, und man den Menschen erst vorher m's Elend sinken läßt, um ihm zu Helsen. Es muß dem Elende, dem sittlichen und materiellen Verfalle vorgebeugt werden, der verschämten Armuth, dem unverschuldeten Unglücke, muß die Schmach des Elendes, und des beschämenden Hülfesuchens, die so manchen Selbstmord veranlassen, erspart werden. Kurzum das staatsökonomische Prinzip muß nicht das, der auf sich selbst gestellten, selbst für sich schaffenden und sorgenden Person und Individualität sein, — sondern der weiteste Raum muß thätiger Fürsorge, Nächstenliebe und Milde gegen Armuth undUngüick angewiesen sein. Die Seele des Menschenverkehrs und des Lebens muß das göttliche Moralgesetz werden, und das steinerne, menschliche Gesetz, welches den ärmeren Bruder unerbittlich und unerflehlich hart sich gegenüberstellt, muß erwärmt und erweicht werden vom Feuer der Religion und des Gottesglaubens. Wenn überall Liebe des Menschen zum Menschen, überall Achtung und Würdigung der menschlichen Natur und des Göttlichen, das in ihr verborgen liegt, herrscht, dann wird auch der Selbstmord schließlich aufhören, eine Rolle in der politischen Erscheinungswelt der Gegenwart zu spielen, und sein Gespenst wird aus unserm gesellschaftlichen Leben gewiß verschwinden. Diese Vorbemerkung vorangeschickt, gehen wir zu einer längeren geschichtlichen Abhandlung des Bezirk-Rabbiners A. Roth zu Siklos über dieses Th^ma über, an welche wir sodann eine besondere Darstellung der Selbstmordfrage vom Standpunkte des Judenthums anknüpfen. In unserer genußsüchtigen Zeit hängt man sehr an dem Leben und seinen Genüssen. Man ist eifrigst bestrebt, sich das Leben auf alle erdenkliche Art angenehm zu machen, und rennt und jagt, um den Kelch der sinnlichen Genüsse bis zu seiner Neige zu schlürfen. Das Streben unserer Zeit ist ferner, um mit den Worten des bekannten biblischen Weisen zu sprechen: „Paläste zu bauen, Weinberge zu pflanzen, Lustgärten anzulegen, Gold und Silber zu sammeln, Sänger und Sängerinnen zu unterhalten, alle Vergnügungen zu suchen, welche den Menschen zu Wollust dienen." Aber so, wie sich die Liebe zum Leben und seinen vielseitigen Freuden auf jedem Schritt und Tritt in eklatanter Weise kund giebt, so tritt wieder merkwürdiger Weise die Abscheu vor dem Leben, der sich in dem täglich so häufig erscheinenden Selbstmorde kund giebt, zu einer epidemischen Krankheit auf. Der Selbstmord in seinen schaudererregenden Gestalten ist eine stete Rubrik der Tagespresse. — Der Verfasser unterwirft diese kontagiöse Krankheit hier einer näheren Besprechung, hauptsächlich über die Ursachen dieser Krankheit und deren Heilung, ob der Selbstmord nach allen Umständen zu verdammen, oder es Fälle im Leben giebt, wo er berechtigt oder doch verzeihlich ist, über Geschichte der Märtyrer, das Duells, die Beerdigung und Betrauerung des Selbstmörders. Die Ursachen des Selbmordes sind zumeist: 1) Der täglich zunehmende Mangel an Vertrauen auf Gott und seine eigene Kraft, 2) Die Arbeitsscheu, verbunden mit Genuß und Habsucht, 3) Die falsche Scham, 4) Der Pessimismus. Die epidemische Krankheit des Selbstmordes liegt in der grassirenden Arbeitsscheu. Man möchte gern schnell und mit Adlersflügeln und Dampfkraft, ohne Arbeit und Anstrengungen reich werden. Wer schnell will reich werden, bleibt aber nicht frei vom Schlechten; es werden alle unerlaubten Mittel angewendet, um nur zum Ziele zu gelangen. Der bekannte Krach mit seinen traurigen Folgen ist eine getreue Illustration dieser angeführten Worte. Die Börse ist für so viele, welche in ihrer Arbeitsscheu schnell reich werden wollen, einBegräbnißhaus geworden. Endlich ist die Arbeit das beste Mittel für Makrobiotik. Eine geregelte Thätigkeit, d. h. angemessener Wechsel zwischen Arbeit und Erholung ist das sicherste Mittel, körperlich und geistig gesund zu bleiben, und des Lebens froh zu werden. Der Arbeitssame genießt das Leben doppelt, denn nur er kennt die ganze Süßigkeit der Erholung. Die Arbeit selbst, weil er sie mitLust und Liebe betrieb, ist ihm eine reiche Quelle des Genusses. Der Arbeitssame findet das Vergnügen, ohne es zu suchen, der Müßiggänger sucht dasselbe, ohne es zu finden. „Wer seinen Magen spürt" sagt Feuchtersleben, verdaut schlecht; und wer die Zeit spürt wird schnell alt." Notre ennemi le plus grand est l’ennui. Wollen wir vor Hypochondrie, der Mutter des Selbstmordes, geschützt sein, so müssen wir arbeiten; weil nur Derjenige, welcher seine Arbeit mit Lust und Liebe verrichtet, und sich dabei angemessen eine Erholung gönnt, sich einen Frohsinn, eine Lebenslust, eine Fähigkeit für den Genuß der Freude aneignen wird. Es mögen hier die treffenden Worte Stugaus reproduzirt werden: „Eine Menge von Krankheiten, physischer nud psychischer Art lassen sich heilen, ohne alle Medizin, durch bloße Arbeitsamkeit. Leider wird dieses Heilmittel noch viel zu wenig angewendet. Mit Mixturen, Aderlässen und in die Bäderschicken glauben unsere Herren Aerzte Alles gethan zu haben. Würden sie fleißiger Psychologie studiren, so könnten sie Kuren machen, wie jener englische Arzt, der einen reichen Mann auf eine originelle Art vom Spleen befreite. Ein Lord, der an Lebensekel litt, kam zu einem als gescheidten Mann und sonderbaren Kauz bekannten Arzt. Er klagte ihm sein Leid und fügte, bei: daß, wenn ihm nicht bald geholfen werde er entschlossen sei, sich todt zu schießen. Der Arzt fragte dies und das, und gab dann dem Patienten den Rath, die große Tour durch Europa zu machen. Davon bin ich gestern zurückgekommen, antwortete der Lord. Und das Reisen hat Ihnen nicht geholfen? Im Gegentheil, es hat das Uebel verschlimmert. Dann müssen wir etwas Anderes versuchen. Haben Sie etwas gelernt? Ich meine etwas Nützliches, Solides? Gelernt habe ich mancherlei, ich zweifle aber, ob es sehr nützlich war. Ich meine, ob Sie etwas gelernt haben, womit Sw eintretenden Falles Ihr Brod verdiene« können? Ich habe Brod. Das ist der Fehler. Können Sie reiten? Darin thun mir's Wenige zuvor. Das ist Alles was wir brauchen. Wollen Sie meinen Anordnungen Folge leisten, welche Kurmethode ich ihnen auch Vorschlägen mag? Ich will. Gut! Gehen Sie Milord, sofort zu einem Postmeister, verdingen Sie sich auf ein Jahr als Postillion und versprechen Sie mir bei ihrem Ehrenworte, während dieser Zeit nur von dem zu leben, was Sie verdienen. Der Lord versprach es ging zum nächsten Postmeister, verdingte sich, that ein volles Jahr lang Postillionsdienste, so schlecht wie ein gewöhnlicher Postillion, und war nach Ablauf des Jahres vom Spleen gründlich geheilt. Als Honorar erhielt der Arzt den ganzen BetrM dessen^ was der Lord tut Lause des Jahres an -Knen Ein-' künften erspart hatte. Es belief sich auf eiroa 30,000 Pfund Sterling. Es hat sich in unserer Zeit die allgemeine Sucht verbreitet, alle unsere Kinder studiren zu lassen, damit sie Aerzte, Advokaten oder Beamte werden. Wir erziehen ein Proletariat von gebildeten Männern und wenn wir früher eine arme Amtsbildung hatten, so bekommen wir eine ausgebildete Armuth. Arbeitsscheu, verbunden mit Hab- und Genußsucht sind die Unholde, die in ihrer schrecklichen Dreieinigkeit geschäftig graben am Grabe der Welt. Gesundheit und Kraft des Lebens, Ruhe und Frieden des Herzens stürzen in Trümmer unter dem Andrang dieser Laster. Der Hab- und Genußsüchtige spannt sich selbst in's Joch und legt selbst die Lasten auf sich. Der Genuß selbst macht die Abspannung noch größer, die größte Abspannung zeigt sich nach dem Genüsse. „Der Mensch ist nicht glücklich, sagt Göthe, als bis sein unbedingtes Streben sich selbst seine Begränzung bestimmt." Der Habsüchtige hat niemals Ruhe, denn wer Geld liebt, wird des Geldes nie satt. Der Habsüchtige gleicht dem Gourmand, dem nicht das Sattsein, sondern das Essen selbst Genuß ist.s Die Habsucht ist nicht nur dadurch verderblich, daß sie uns blind gegen unsere eigenen Interessen macht und uns zu unbesonnenen Schritten hinreißt, sondern daß sie uns auch verleitet, fremde Interessen zu durchkreuzen. Sie kann oft nur. dadurch seinen Zweck erreichen, daß man Andere übervortheilt, Andere verdrängt; daher in unserer realistischen, auf materiellen Besitz nnd Sinnengenuß ausgehende Geistesrichtung der Zeit, täglich so viele Defraudationen und Rabulisterei, die endlich zum Selbstmorde führen. Die Genußsucht spricht mit dem Wüstling Mortimer in Maria Stuart. „Das Leben ist nur ein Moment, der Tod ist auch nur einer! Man schleife mich nach Tybura. Glied für Glied zerreiße man mit glühender Eisenzange, wenn ich dich, Heißgeliebte, umfange." (Fortsetzung folgt.)