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Israelitischer Reichs-Bote · 1882-09-01 · 35 (1.9.1882) · p. [Seite]

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Journal
Israelitischer Reichs-Bote
Volume
8 (1882)
Issue
35 (1.9.1882)
Date
1882-09-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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— Der Verein zur Beschränkung des Wanderbettels, tritt am 1. September in Thätigkeit. Das Bureau des Vereins befindet sich M a i n st r a ß e 2 0 Parterre. — Uns sehr bekannte und gut unterrichtete bedeutende politische Blätter, welche aus Petersburg direkre Berichte erhalten, melden, daß in K i e w vor einigen Tagen wieder ernste Judenhetze stattfauden. — In dem hies. Opernhause hat ein fügendlicher Heldentenor Herr Wertheimer, zun! ersten Male eine glänzende Probe bestanden. Der erst 25 jährige Sänger war noch vor 3 Jahren im Bureau der deutschen Effektenitub Wechselbank thätig; aus Veranlassung des Herrn Moritz L. A. Hahn und auf Empfehlung des Herrn Kapellmeister Dessoff begab er sich znm Kammersänger Hauser in Karlsruhe, und oblag hier seiner weiterer! Ausbildung. Es liegt irr der Absicht derr Künstler für das Opernhaus zu engagiren. — Das an der Efchersheimer Landstraße bekindliche Besitzthum des Baron Wilhelm v. Rothschild, 6a 15 Morgen Flächeninhalt, ist von demselben ans 15 Jahre an den Geflügel- und Wildprethändler Mayer verpachtet morden, der nun seine, in Worms betriebene Geflügelzucht und Mästereigeschüft, dorthin verlegen wird. — Der Geheime Oberregierungsrath Polizei- Präsident v. Madai hat in Königstein Herrn Kohn- Speier aus seiner Villa besucht, und gedenken . einen längeren Aufenthalt daselbst zunehmen. : — Dr. M. Lazarus, Professor an der . Berliner Universität, hat, von Sr. Majestät, dem i Könige den Rothen-Adler-Orden erhalten. j — Der von uns vor einiger Zeit, schon an-! gedeutete, internationale Antisemitencongreß wird ( am 9—12 September ganz incognito in Dresden; abgebalten werden. Unter den Unterschriften des ' Einladecirculares prangen natürlich die Namen: j H. Henrici, Präs, des Berliner Reformvereins, < V. Jstoszy, ungarischer Reichtstagsabgeordneter Onody, desgleichen u. s. w. — Gelegentlich der 300 jährigen Feier der Begründung der Würzburger Universität wird eine ( interessante, historische Notiz mitgetheilt, die sich < auf das von! Bischof Julius Echter von Mespel: bronn gegründete, und den wichtigsten Theil ( der Universität ausmachende Juliushospital be- 5 zieht. Dieses Hospital ist auf einem Platz erbaut, ' welchen tue' Twriige Judeirschaft׳ um dreihundert Goldgulden von Bischof Gottfried von Limpurg erkauft hatte. Auch bei der Austreibung der Juden! durch Bischof Friedrich, waren sie zwar alles ihres ' Besitzes in der Stadt verlustig geworden, aber 1 jener Platz, der ״Judengarten" oder ״Jndenkirch-; Hof", war ihr Eigenthum geblieben. Als Bischof Julius seinen Bau begann, ״unterstunden" sich die ' Juden, wie der Chronist schreibt, beim kaiserlichen Hose Einspruch zu erheben. Das Argument des Bischofs, daß der Bau, Gott zu Ehren, und den Arnien zu Gute begonnen sei, schlug durch, und die Weiter- ■ führung des Baues wurde gestattet. Nun verlangten ' die Juden unter Vorzeigung des Kaufbriefes wenigstens das Geld zuri'lck, daß ihre Voreltern für den ' Platz ausgegeben, ״aber Bischof Julius hat auch dasselbige abgeschlagen." Und dabei ist s geblieben. — Herr M. I. Poliakoff in Odessa hat der dort. Gemeinde die Summe von 160,000 Rubel geschenkt zur Gründung und Instandhaltung eines Asyls für jüdische Greise. —• Oesterreich. Blättern zufolge soll in Grodno eine jüdische Schule durch eine im Keller des Hauses erfolgte Explosion mit allen Erwachsenen und Kindern in die Luft geflogen sein. — Der in Paris weilende Oberrabbiner von Alexandrien, Herr Samuel ben Lahsin, erschien am 5. d. in der Portugiesischen Synagoge der Rue Busfault und hielt dort eine hebräische Predigt, in welcher er den Segen des Himmels auf die Französische Republik und ihr Oberhaupt herabflehte. Es sei dies, sagte er, seine Pflicht, nach Allem, was Frankreich für die unglücklichen Israeliten von Alexandrien gethan hätte. Herr Samuel ben Lahsin ist aus Algier, gebürtig und also französischer Unterthan, wirkt aber schon seit 25 Jahren als Geistlicher in Alexandrien; welche Stadt er übrigens schon vor dem Bombardement verlassen hatte. — Am 24 und 28 c. fand in Paderborn die Einweihung der neuen Synagoge, zu welcher eine sehr zahlreiche Versammlung sich eingefunden hatte, statt. Erfreulich ist die Thatsache, datz die katholische Confession sich dem Feste wohlwollend bewies. Der Bischof von Paderborn, hat durch eine Zuschrift an den isr. Vorstand die Verhinderung, die Einladüng zu dem Feste anzunehmen, entschuldigt. Her Dr. Frank aus Cöln hielt die Festrede, und die Sabbathmorgenpredigt. — Herr Dr. Frank wird die drei Fest-Reden und die drei Predigten, zu welchen ihm die Synagogen-Einweihungen im Lause dieses M. zu Brühl, Stommeln, und Paderborn Gelegenheit gaben, wie wir hören, im Druck crschnnen lassen. — Der jüngst verstorbene Geheime Commerzienrath Jakob Landau (siehe Nummer 33 d. Bl.) hat für Berliner und Breslauer Wohlthätigkeits Anftalten 101,000 Mark vermacht. Außerdeur 10,000 Mark zu Gunsten der Kaiser Wilhelm-Augusta-Stiftung. Man berichtet uns über das in vergangener Woche erfolgte Absterben Sr. Ehrw. des Herrn Rabbiners Lang in Altkirch, in einen! Alter von erst 46 Jahren. Der ״Univers Jsraelite" in Paris wird eine längere Dan^A6׳rign6 aus der Hand des Rabbiners S. Levy aus Ooersulz bringen, und werden wir z. Z. daraus zurückkommen. ־— In Mühlhausen b. Tabor (Böhmen) ward in Folge von Drohschriften und Publikationen gegen die Juden, Gensdarnierie requirirt, trotzdem wurden in der Nacht vom 15. aus 16. c. sämmtliche Fenster der Synagoge eingeschlagen. — In Galatz si׳w am 19 A. 228 jüdische Emigranten mit completer Ausrichtung nach Palästina gereist, um eine Ackerbaucolonie Zu gründen. Frankfrrrt, den 30 August. —■ Wir bringen über die Tisza-Eszlaer Affaire in unserer nächsten Nummer einige besonders auf die so vielfach bemängelten und verufenen Gerichtsuntersuchungen bezügliche Protokolle, die uns direkt von Buda-Pest zugesandt sind. Man wird durch dieselben immer inehr über die Unrechtmäßigkeiten und Irregularitäten die in der ganzen famosen Angelegenheit vorgekommen sind und vorkomruen,überzeugt und man fragt sich mit Verrvunderung und Erstaunen, wie dergleichen in unserm erleuchteten Jahrhundert und dem auf sein Recht und Gesetz stolzen Oesterreich Vorkommen kann. Ist in Wien Nichts von der Angelegenheit bekannt geworden? Der 14 jährige Knabe Moritz Schars ist den erhaltenen Berichten und Gerichtsprotokollen zufolge aus dem Grunde noch gerichtlicherseits in Gewahrsam gehalten worden, weil n!an fürchtet, daß die Juden an ihm Rache "nehmen würden, seiner Aeußerungen wegen, durch die wie man weiß, die ganze 0au86 6616dra hervorgerufen ist. Wir halten diese Befürchtung, nichtallein fiir!!!!gegründet, da die sich unschuldig sühlenden Juden nacht an dergleichen Revanche denken, sondern wir glauben, daß man durch jene Gesangenschast des betreffenden ,Knaben beabsichtigt, aus demselben einen zweiten Mortara zu machen. Wir fragen uns bei dieser Gelegenheit, warum die ungarischen Juden nicht durch Cautionstellung ihre unschuldig verhafteten und im Gefängniß schinachtenden Glaubensgenossen befreit haben. Gewiß würden jene ungegründeten und unschuldiger Weise Verhafteten, eben so gut wie andre, noch gefährlichere Verbrecher, durch Caution auf freien Fuß gesetzt werden können. D. Herausgeber. FrftFÄKevg, in! Aug. In der an! 12. c. an der hies. Realschule vorgenonnneuen Prüfung der isr. Realschüler in der Religionswissenschaft, welche durch Herrn Lehrer Heß in Gegenwart des großherzogl. Realschuldircctors Herrn Dr. Möller abgehalten ward, bewiesen die Exanlinanden die gründlichste Vorbereitung in der Religionslehre. Auch au der hies. Musterschule ist der Religionsunterricht von der 1—8. Classe nun entsprechend geordnet. Diese segensreiche Veranstaltung wird außer dem neuen Schulgesetze der Initiative des Stadtraths! Herrn C. Hirsch verdankt. Köln, 27. Aug. G. H. R! Sie haben in Ihrem gesch. Blatte Zwei kürzlich stattgefundenen Synagogeneinweihungen geschildert, und bitte ich Sie nunmehr als Dritte im Bunde die Einweih: ung der Synagoge in Zündorf, ebenfalls in der Umgend von Köln mit einigen Zeilen in ihrem Blatte zu bedenken. (Synagogen werden G. s. D. trotz aller judenfeindlichen Agitation — wie sie in Berlin wieder neuerdings zunimmt, gegründet, und ist nur der Wunsch auszusprechen, daß dieselben auch von ihren Gründern besucht werden mögen. Wir kennen eine Gemeinde, nicht weit von den Ortschaften, deren Synagogeneinweihung wir erwähnten, deren neue, schöne Synagoge nicht nur durch Wegzug besser situirter Familien, sondern hauptsächlich durch die herrschende religiöse Gleichgültigkeit der Gemeinde, das ganze Jahr leer steht. R.) Die iör.• Gemeinde in Zündorf feierte an 17. u. 18. d. M. die Einweihung ihrer neuen Synagoge, zu welcher sich von nah und fern viele Theilnehmende eingesunden hatten. Das Fest verlies in der auf dem Lande, in unserer Gegend, üblichen Weise. Der Herr Seminardirektor Dr. Plato, Rabbiner der orthodoxen Religionsgesellschaft in Köln überließ die Funktion der Einweihnngsrede, dem Herrn Siegfried Wertheim, Lehrer (wo?) und ehemaligem Schüler des Herrn Rabbiners. Die Rede ward günstig ausgenommen, und dauerte V/10 Stunde. Sogar die anwesenden Nichljuden waren von der Bedeutung der Rede tief bewegt. Man bat den Redner allseitig, die schöne Rede, wie auch seine Predigt am Sabbathmorgen, im Druck zu geben Besonders verdient die Thatsache erwähnt zu werden, daß hier ein junger Lehrer eine selbsterfundene und empfundene Rede extempore vortrug, gegenüber die so häufig vorko!nmenden und allgemein gerügten bequemen Fahrlässigkeit unserer jüngeren Herren Gelehrten, sich von Andern angefertigte Reden zu memoriren. KeEtt. 27 Aug. Es soll von maßgebender Seite der Königl. sächsischen Regierung in Dresden angedeutet sein, ein wachsames Auge aus den in nächster Zeit stattfindenden Anlisemiten-Congreß Zu haben. Desgleichen verlautet es, daß Stöcker und seiner Partei ein ruhiges Verhalten in der Antisemilenpartei anbesohlen ist. — Die sächsische Negierung hat nun auch den Entschluß gefaßt, den antisemitischen Congreß wenn nicht zu verbieten, so doch streng polizeil. Zu überwachen. — Berliner Blätter melden, Fürst Bismark ginge mit dem Plane um, den Geistlichen das Wahlrecht zu entziehen. ״Sollte an die Ausführung der Maßregel gegangen werden, so würde sich ihre Schärfe weit weniger gegen den katholischen CleruS als gegen — Herrn Stöcker richten." M-sskarr. Am 21 Juli starb allhier der durch seine uneigennützige Thätigkeit und Opferwilligkeit, für hies. Synagogengemeinde ausgezeichnete Herr Eduard Levinthal, langjähriges Vorstandsmitglied der Synagoge, und in jeder Beziehung ein erfreuliches Muster thätiger Sorgfalt, und von Eifer für die Gesammtheit, der er ein dauerndes und ehrenvolles Andenken hinterlassen hat. Friede seiner Asche! Kemberg, 27. Aug. Die Zahl der aus Amerika Zürückkehrenden, hier ankommenden jüdischeu Emigrirten nimmt täglich zu. Das Breslauer Hülsscomittz hat die Weiterbeförderung von etwa 1000 namentlich in Breslau u. Deutschland über- Haupt weilenden zurückgekehrten Emigrirten zu übernehmen. (Wir haben diesen Fall längst in Aussicht gestellt. R.) Die Tisza-Eszlaer Angelegenheit oder vielmehr Mysterien so mystisch, unwahrscheinlich, räthselhast, widersprechend, klingt Alles was Mer ffe geäußert, widerrufen, nochmals geäußert, und nochmals widerrusen wird, so daß Alles wie ans einer mirakelhasten Schaubühne vorzugehen scheint, war vor Kurzem in's Stocken gerathen- Man meldet neue Conslikte zwischen Staatsanwalt und Untersuchungsrichter, Oberstaatsanwalt und Justiz-Minister u. s. w. Der bei der Untersuchung wegen des Verschwindens der Esther Solymossy aus Tisza-Eszlar entstandene Conslict zwischen Ober-Staatsanwaltschaft und Justizministerium, ist nunmehr durch persönliche Vermittlung des Justiznrinisters Dr. Pauker beigelegt worden. Der Vice-Staatsanwalt Ladislaus Epressy-Nazy welcher die Untersuchung seit dem Selbstmorde Both's, erster Untersuchungs-Anwalt in der Tisza- Eszlaer Geschichte leitete, ist seines Amtes in dieser Affaire als Staatsanwalt enthoben worden. Dieser Anwalt will nun in Folge dieser Amtsentsetzung im Interesse der Sache und zur Aufklärung des Publikums den wirklichen Thatbestand demnächst ausführlicher darstellen. (Wir sind daraus gespannt.) — Drei in der Tisza-Eszlaer Untersuchung inhastirt gewesene Juden, Namens Herschko, Mathe und Esepkovits, erschienen nach ihrer Freilassung vor ihrer heimathlichen Ortsbehörde in Szeklencze und gaben zu Protokoll, daß die von ihnen gemachten Aussagen durch dieFolter erzwungen worden seien; der Sicherheitscommissür habe sie in der grausamsten Weise gefesselt und g e p ei - nigt und ihnen die Geständnisse ab gezwangen. Die Aussagen wurden von dem Ortsrichter, Notar und den Geschworenen zu Protokoll genommen, von den drei Gefolterten unterschrieben und deurStuhlrichteranite übergeben. — Der Pester Lloyd verlangt energisch Aufklürung von dem Jusiizminister, ob die erwähnten Mißhandlungen der Zeugen in der Tisza-Eßlaer- Affaire wahr seien. — Aus Anordnung des Ober-Staatsanwalts wurde Zeuge Moritz Scharf, der bisher, ohne selbst Angeklagter zu sein, seit drei Monaten in Hast gehalten wurde, freigelassen, in den! das Zurückhalten eines Zeugen als Häftling völlig uumativirt erscheint. (Erst nach drei Monaten Gefängniß wird also erst eingesehen, daß einem Zeugen die Freiheit nicht genommen werden darf. O. stolzes Österreich-Ungarn, wohin sind

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