Israelitischer Reichs-Bote
- Journal
- Israelitischer Reichs-Bote
- Volume
- 8 (1882)
- Issue
- 35 (1.9.1882)
- Date
- 1882-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/9610652-9611059-9611089--33-9611090- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 3× ep/1002670
OCR text
Organ für religiöse, wissenschaftliche und gemeinnützige Interessen des Judentums. Abonnement: Vierteljährlich 2 Mark, Ausland vierteljährlich 2 Mark 50 Pfg. Bestellungen nehmen alle Postanstalten entgegen. erscheint jeden Freitag. Herausgeber und Redakteur Moritz Baum Redaktion und Expedition: Unterer Atzemer Nr. 9. Inserate: Die Petitzeile oder deren Raum 10 Pfg. Zahlbar hier. Inserate werden bis Die n st a g erbeten. Frankfurt a. M., 1. September 1882 (5642). Ur. 35. Achter Jahrgang. Iu Z02N סדרה פי Zu dem Verse der heutigen Thoravorlesung היום הוה ד׳ אלקיך מצוך לעשות את החקים ואת המשפטים ״ וג״וHeute gebietet dir der Ewige, dein Gott alle diese Satzungen und Rechte zu halten, daß du sie bewahrst und hältst mit ganzem Herzen, und ganzer Seele" macht der Erklärer Raschi die Bemerkung: :בכל ים וים יהיו בעיניך חדשים כאילו נצטוית עליהם ״Jeden Tag sollen uns die göttlichen Gebote so neu sein, als wie am Tage, da sie uns geboten worden sind!" Und mit Recht soll die Thora uns jeden Tag wie neu gegeben und offenbart erscheinen, wie Raschi auch dasselbe zu der Stelle 2. B. M. 19,1 ״an demselben Tage kamen sie an den Berg Sinai" bemerkt: ״Die Worte der Thora sollen uns so neu sein, als wenn sie heute erst gegeben sind!" Die Thora wird an einer Stelle des Talmuds mit einer Turteltaube תוד verglichen, die, wenn sie einmal von ihrem Neste oder Wohnplatze vertrieben ist, nicht wieder zu demselben zurückkehrt. Man soll beständig die Thora bewahren, wie den Apfel seines Auges. Spr. Sal. 7/2. Es ist daher unsere Ausgäbe, beständig die Sprache der Thora, die heilige Sprache auf's Neue zu ersorschen,und nie ihre Untersuchung außer Acht zu lassen. Die heilige Sprache verdient eine solche fortwährende Betrachtung, und ununterbrochenes Studium, ihrer Reichheit, Bildungsfähigkeit, Kraft und Lieblichkeit, ihres Verwachstnseins mit dem tiefen, religiösen Gemüthe des jüdischen Volkes, der heiligen Schätze, die in ihr niedergelegt sind, wegen. Einer der härtesten Fluche, welche von dem Gesetzgeber in der heutigen Sidrah ausgesprochen sind, ist, daß der Herr ein Volk gegen Israel schicken wird אשד לא תשמע לשנו dessen Sprache du nicht ^verstehst; ein Volk, dessen Roheit schon an seiner Sprache erscheint das wie ein Raubvogel, auf die schüchterne Turteltaube Israel herabschießt, dessen Sprache die eines ״ עו פניםfrechen Gesichtes" nicht die der sanstgirrenden Turteltaube ist. Auf die Sprache, deine heilige bescheidene, wohlklingende Sprache kannst da nicht genug achten und Werth legen, Israelit. Die größten Männer jeder Nation und jedes Bekenntnisses beschäftigten sich gern mit ihr. Ein Göthe, ein Alexander von Humboldt schrieben gern in ihren Briefen und Werken Hebräisch. Die Deutlichkeit deiner Sprache sei dir eine Pflicht! Befiehlt Gott doch Moses 27,8, ״du sollst auf die Steine (des Altars, welcher jenseits des Jordans errichtet werden soll) die Worte der Thora mit deutlicher Schrift באד היטב schreiben. (Nach der Auslegung Raschi's in den 70 Sprachen der Erde.) Wir wollen daher unsere Untersuchung über die Veränderungen in der hebräischen Sprache hinsichtlich ihrer Laute und Mitlaute fortsetzen, und uns heute näher mit den letzteren beschäftigen. Die verschiedenen Stufen der Mitlaute können leicht in ihre nähere Stufe übergehen, wodurch dasselbe Grundwort oft verschieden lautet: so heißt טמן,צפן,ספן bergen; טבח, u. זבח schlachten. Jede verschiedene Veränderung und Schwankung zeigt aber eine Nuancirung, eine wenn auch noch so schwache Veränderung in dem Sinne an, denn ein jeder Mitlaut hat seinen bestimmten Sinne im Hebräischen. Ja, jeder Mitlaut hat seine eigene Geschichte in der Sprache, und wie die Vokale so suchen auch die härteren und rauheren und schwereren Mitlaute immer mehr in weichere, sanftere und leichtere überzugehen. Ein wechselseitiger Fluß herrscht unter den Mitlauten. Rein zufällig ist keine Aenderung in ihnen. Alles hat in der Sprache Bedeutung und Werth. Der Prophet Jesaiah 15.9, verwandelt den Flußnamen Diwon in Dimon um auf das דם Blut anzuspielen. Das ist in keiner ähnlichen Sprache möglich! Die 6 Stummlaute בנד כפ ת baben eine Neigung zur weicheren Aussprache, Aspiration, Anhauchung, und müssen, wenn sie härter ausgesprochen werden sollen mit dem Dajesch lene ק,ל, versehen werden. Auch Zischlaute erweichen,' wie Sahav, Gold von Zahov, gelb entsteht. Schin und Sin werden so oft mit einander verwechselt, da nur die Lage des Punktes hier den Unterschied macht, daß man oft, um die Unterscheidung möglich zu machen ein Samech für Sin setzt, wie סכר für שכר miethen, סכלות für שכלות Thorheit. Am weichsten und flüssigsten sind י,ו man vergleiche יאה ziemen von נעה, schön. Vor Vokalen werden diese eigentlichen Vokale stets Mitlaute, während sie als Mitlaute am Anfänge einer Silbe wieder sich in Vokale auslösen, wie das Bindewörtchen ו (ve) in u übergeht. Von den, den Semitischen Sprachen fast ganz eigenthümlichen Hauchlauten, gutturale, hat die Hebräische Sprache 4, א,ה,ח,ע, die sich oft einander vertreten. א ist, der griechische Sj/ntus asper. harter, ה Spiritus lenis, weicher Hauch. Des ע hat eigen!- lich den Laut des g, in unserem ״nage." Die Septuaginta drückt es theits durch g aus, theils gar nicht; עזה wird von ihr mit ״Gaza," עמד mit ״Gomor" gegeben. Im Talmud wird auf die Ausspräche des ע der größte Werth gelegt, so daß ein Vorbeter, der die Aussprache desselben nicht kennt, als nicht tauglich erklärt wird. Erft in neuerer Zeit haben hebräische Sprachlehrer das ע als bloßen Hauch wie das 8 angesehen. Vor und nach diesen Hauchlauten erleiden die Vokale die größte Aenderung. Am Leichtesten «ז« Ende der Silbe, wo er vom vorigen Vokale bedrängt wird, kann sogar ein jeder Mitlaut sich in einen Vokal verwandeln z. B. Kochaw Stern, von Kawkaw. Wir sehen also auch bei diesem Kapitel aus der hebräischen Grammatik, wie die hebräische Sprache den Wellenschlägen des Gemüthes und den Bewegungen des Herzens so leicht folgt, und nachgiebt wie ein Schilfrohr von dem leise lispelnden Hauche des Westes bewegt wird, wie eine Aeolsharfe vom Winde gespielt wird, und wie die Memnonssäule bei dem ersten Strahle der Sonne einen Ton erschallen läßt; der Vergleich mit einer Sinnpflanze war daher treffend. Wie aber ein Gesetz, eine Bestimmung, eine Richtschnur durch die Sprache sich hindurchzieht und alle Abweichungen und Veränderungen die sie erleidet durch dieses einzige Gesetz bestimmt wird, so zieht sich auch ein einziges Gesetz, eine einzige Richtschnur durch die Religion, durch die ganze Gesetzsammlung hindurch, und alle und jede Gesetze und Vorschriften in der vielfachsten Wandlung und Abweichung sind nur auf dieses eine höchste Gesetz zu beziehen. So sind alle 613 Ge- und Verbote von dem Propheten Amos 5,4 in ein einziges gefaßt worden: ״ דדשוני וחיוSuchet mich und lebet!" (מכות כד) Alle anderen Gebote! sind in diesem Suchen Gottes, in dieser Rückkehr! zu ihm, zu unserem Ebenbilde, enthalten!בצלם 1 אלקים בדא אתו. B. M. 1,27, ״im Ebenbilde j Gottes schuf er ihn." Rückkehr, Aussöhnung, Wiederj finden, Aehnlichkeitswerden, Werden wie Gott, giebt es eine höhere, eine schönere, wohlthuendere und erhebendere Idee, ein höheres Ziel, ein höheres Gesetz? Hoch ragt diese herrliche Zinne, dieses erhabene Panier über alle Nebenbestimmungen, mW Ableitungen, und Triebe und Ranken des Judenthums hervor, und verkündet in alle Welt der! höchsten Gedanken desselben! Weil der Mensch iur Ebeubilde Gottes geschaffen ist, ist ein entarteter, ein mißhandelter, ein unterdrückter Mensch, oder Sünder, der des Herrn Weg verlaffenba^ vder der Uebermüthige, der Stolze, der 1IP®TO seine Brüder erhebt, und ihnen wehe thut, eine Entartmrg vor den: Ebenbilde Gottes, ein entstelltes Bild desselben, unb daher ein Fluch Gottes. Denn das Wort קללת אלקים bedeutet wie sich aus dem Verse 21,23, ergiebt, eine Erniederung, eine Entweihung, ״ כי קללת אלקים תלויEin Gehenkter ist eine Entweihung Gottes!" Das Wort kommt von lieikal, entweihen, her. Eine Entweihung ist ein Fluch, ein Fluch eine Entweihttng. Jeder Sünder ist ein Fluch, eine Entweihung Gottes; aber auch jeder Unglückliche, jeder Elende, jeder Arme und Unterdrückte, der das erhobene Wort seiner Religion 18,13, ״Sei vollkommen mit deinem Gotte" in seinem Elende nicht erreichen kann, ist eine Entweihung, ein Fluch Gottes, und Jeder der ihm aufhilst/der, seinem Gesetze getreu, dem armen Bruder die Hand reicht, der den Fluch löst, inacht ’ stch^-MU--׳ cheinvti—W« nur zu seinem Urbilde zitrück. Spr. Sal. '14,31. ,,Wer den Armen unterdrückt, lästert seinen Schöpfer, iver ihn ehren will, erzeige sich dem Dürftigen gnädig!" Und auf die Unterstützung der Brüder, auf offene Hand gegen ihn, wird ein besonderer Segen Gottes gesetzt, 15,10, ״wegen dieser Sache, wird dich der Herr irr all deinenl Thun, und in allem Wirken deiner Hände segnen!" Armuth ist der höchste, der erste Fluch Gottes; mit dem er seine Strafen beginnt, unb aus dem alle anderen Flüche hervorgehen. 28,17, ״Verflucht sei dein Korb und beine Backschüssel!" Darauf folgt: ״Verflucht sei die Frucht deines LeibesArmuth ist der erste und der letzte Fluch. Der Arme ist in jeder freien Regung, jedem kräftigen Aufschivitng gehemmt, die Schwingen des Geistes werden gelähmt, dem Herzen das Mark der Lebensfreudigkeit entzogen, jedes Selbstbewußtsein verliert sich, Schwäche und Schwankung, Verzagtheit und Verwirrung treten ein, Verkrüppelung, Verkommung, Verderb und Verfall! Er finkt von Stufe zu Stufe, er fällt in den niederen Koth, sinkt unter die Parias dieser Erde, die Verworfenen herab, ohne Kraft, sich zu erheben. Verflucht ist Alles an ihm, jedes Werk seiner Hände mißlingt, er ist bürgerlich und gesellschaftlich todt! ״Der Arme ist wie ein Todter zu betrachten!" ״Lege alle Leiden der Welt in eine Wagschaale und die Armuth in die andere, so ist gewiß, daß die Armuth alle Leiden aufwiegen wird." (מדרש דבה) Wer aber in diese Finsterniß, in diese, durch keinen freundlichen Stern erleuchtete Nacht, in diese Schreckniß und dieses 'Leben des Fluches mit voller Hand die wohlthätige Spende streut, gleicht seinem Schöpfer, und wer mit sonnigem Auge der Liebe und Milde einen Hoffnungsstrahl des Glückes in das Herz ergießt, gleicht ihm, der hell und klar seine Sonne über die ganze Menschheit strahlen läßt, gleicht seinem göttlichen Ebenbilde, ist zu ihm zurückgekehrt, hat die vollkommene Buße, תשיבה, Rückkehr vollzogen! ״Du sollst deinem Gotte nachahmen, und Werke der Gnade und Barmherzigkeit üben; wie Er ist erbarmungsvoll, so ser auch du barmherzig; wie er wohlwollend, so sei auch du wohlwollend; er ist allgütig, so erstrecke sich auch