Israelitischer Reichs-Bote
- Journal
- Israelitischer Reichs-Bote
- Volume
- 8 (1882)
- Issue
- 31/32 (11.8.1882)
- Date
- 1882-08-11
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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der sommerlichen Weide bald sich verabschiedende Hirte zur Trennungsstunde bläst. Wehmuth beschleicht uns selbst in der Stunde der Freude, der behaglichen Ruhe! Die Thrüne dringt in unser Auge, wir wissen nicht, wie uns geschieht! Die Ahnung des Todes, des Dahinscheidens tritt mit dem immer deutlicher und deutlicher vor uns hintretenden Absterben der Natur vor uns Hill! Da siehe! ״Die Stimme des Freundes hüpfend über die Berge, hervor brechend über die Hügel!" Er ruft: Kehre um, kehre um, Sulamith! (H. L. 6,13) Mein Geliebter legt seine Hand durch die Thür, und all mein Inneres wird für ihn wach! (das. 5,4.) Er klopft an und spricht: Siehe ich lege vor Euch Segen und Fluch! Der Tag der Besiegelung nahet! Den Segen gebe ich Euch, wenn ihr höret auf die Gebote des Ewigen, eures Gottes, die ich Euch heute gebiete, und den Fluch wenn ihr nicht hört auf die Gebote des Ewigen eures Gottes, und abweichet von dem Wege, den ich heute gebiete, und gehet andern Göttern nach, Göttern, die ihr llicht kennet! Ihr sollt nicht thun, wie wir es heute noch thun, ein Jeder wie er es Recht in seinen Augen denkt, — welches die Veranlassung war, daß Ihr bis auf diesen Tag noch nicht die Ruhe, und den Besitz Gottes gefunden habt! Ihr sollt den Jordan überziehen, (der euch vom Lande Gottes trennt,) und ihr sollt wohnen im Lande, welches der Ewige euch zum Besitze giebt, und dort Ruhe finden vor euren Feindeil, ringsum, und in Sicherheit lvohnen. O, daß wir auf die Mahnung unseres Freundes hörten, Israeliten! Daß es Viele gäben in heutiger Zeit, die uns mit kräftiger Stimme eine derartige Vermahnung, wie die heutige Sidrah es thut, zurufen! Sollte es so sein, wie Rabbi Eleasar ben Asarjah sagte: תמה אגי אם יש בדור הזה שיודע להוכיח ״Es sollte mich wundern, wenn es in unserer Zeit auch nur Einen geben sollte, der im Stande wäre, zurechtzuweisen! Oder wie Rabbi Akiba sagte: ״ תמה אני אם יש בדור הזה שמקבל תוכחותEs sollte mich wundern, wenn in diesem Geschlechte Einer ->'äre, der sich eine Zurechtweisung gefallen ließe!" Es würde dann schlimm mit mrs stehen, sollte dies der Fall sein. Denn noch ist Israel nicht zum ruhigen Besitze seines Glückes gekommen, noch wird e : von Feinden ringsumher umgeben, und aus Dein alleinigen Grunde, weil ein Jeder das ihm, was Recht in seinen Augen ist, und sich nicht hält an die Gebote und Vorschriften seines Gottes! Traurig sieht es aus irr Israel! Traurigere Zeiten erblickt man noch für die Zukunft! Schon dringt deutlich an uns heran die Mahnung unseres Gottes: Ich lege Euch Segen und Fluch vor! Wartet nicht. bis der Fluch besiegelt ist, bis sich das Geschick Israels in der Zukunft erfüllt! Wühlet den Segen, wühlet die Gebote des Herrn! Schwer und erwartungsvoll schlägt das Herz des Freundes Israels, in der bangen Entscheidungsstunde, welches Loos aus der Urne der Geschichte Israels zufallen wird, ob es das weiße Loos des Segens, oder das schwarze des Fluches sein wird. Mit Hoffnung nur erfüllen ihn die Worte der heutigen Haphtora: ״O du arme, besttirmte Ungetröstete! Siehe ich lege in Bleiglanz deine Steine und gründe dich in Saphiren! Und ich mache aus Rubin deine Zinnen, und deine Thore zu Karfunkelsteinen, und deine ganze Grenze zu Edelsteinen! Und alle deine Kinder werden sein Lehrlinge des Ewigen, und groß das Glück deiner Kinder!" Nun, das klingt wie ein Segen! Doch, ach, fern scheint noch jene segensvolle herrliche Zeit für Israel zu sein. Wir befinden uns in einer Krankheit. Sollte es, Hohes Lied 3,5 כי חולת אהבה לי die Krankheit aus Liebe, aus Sehnsucht nach dem Geliebten sein? Sollte es die Liebe sein die da spricht: (das. 8,6) Er lege mich wie ein Brustschild an sein Herz, wie ein Schild an seinen Arm, denn stärker wie der Tod ist die Liebe! Und die Gluth der Gottesflamme brennt mehr als Feuerkohlen! Mächtige Fluthen sind nicht vermögend, die Liebe zu löschen, und Ströme können sie nicht stillen! Wenn Jemand sein ganzes Haus für diese Liebe geben wollte, er würde verschmäht werden!" Sollte Israel solche Gottesliebe, die mächtiger als Alles, stärker wie der Tod, über allen irdischen Reichthum erhaben ist, besitzen? Sollte es darum תפוח Apfel genannnt werden, weil man es zu verführen sucht zum Götzendienst, es aber treu im Glauben steht? Wohl uns, sollte dies der Fall sein! Ja, dann möge man es noch so sehr befeinden. — ״Durch Gerechtigkeit wirst du befestigt werden; sei fern von Angst, denn du hast uichts zu fürchten, und von Schrecken, denn er wird dir nicht nahen. Siehe man mag sich nur rotten, es ist nicht von mir; wer sich rottet wider dich, wird dir zufallen! Jedes Gerüth wider dich gebildet, wird nicht Gliick haben, und jede Zunge die auftritt wider dich zum Gerichte, wirst du verurtheilen. Dies ist das Erbe der Knechte des Ewigen, und ihr Heil von mir ist der Spruch des Ewigen! Die Gabe der Sprache. ihre Würde, und der rechte Gebrauch derselben, nach vorzüglichen Quellen dargestellt von Gmit Benjamin - Memel. Noch bedeutungsvoller und von weit größerer Wichtigkeit aber tritt diese Aufforderung für uns Jsraeliten selbst auf, um durch Wahrheit die Wahrheit an uns, einem jeden von 1ms, zu vertheidigen um mit und durch sie alle die Vorurtheile und Verleumdungen, denen wir leider noch heute — trotz all der modernen Aufklärung — ausgesetzt sind, zu widerlegen und zu bekämpfen, aus solidarischem Mitgefühl und allgemeiner Mitleidenschaft. Wenn nämlich jene Einheit, Gemeinschaft und Solidarität unter uns Israeliten eine Wahrheit ist, so kann es uns, so kann es keinem von uns gleichgültig sein, wenn der gute Ruf unserer Glaubensbrüder unverschuldet geschändet, untergraben wird. Zur Vertheidigung sind wir darum allermeist verpflichtet, auch wenn wir — was Gott verhüte — den guten, gerechten Zweck nicht erreichen, und vielleicht für unsere Offenherzigkeit leiden sollten. Es gibt hier keinen Ausweg. Gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit dürfen wir nicht allein, sondern wir sollen sprechen. Die höhere Obrigkeit wird und will uns liebevoll schützen — dessen sind wir gewiß —; es ist dies ihre Pflicht, so wie es unsere Pflicht ist, sie zu ehren und zu lieben, ihr mit kindlicher Treue und Hingebung zu gehorchen, für deren Heil und Glück stets zu beten, und Alles, was uns das Theuerste ist, selbst unser Blut aus dem Felde der Ehre sür sie hinzuopfern, und ihr unser Leben zu widmen. Ja, die höhere Obrigkeit hat bisher uns Schutz und Schirm gewährt, sie wird uns auch jetzt, in der Stunde der Noth ihren mächtigen, wohlthuenden Beistand nicht versagen und der Gerechtigkeit unserer Worte eine feste Stütze sein. מלך שופט באמת דלים כםאו לעד יכין (Sprüche 29,14.) Ein König, der nach Wahrheit die Hilflosen richtet, dessen Thron wird befestigt für ewig, sagt selbst ein weiser König. Die Gerechtigkeit ist eben die zweite Säule der sittlichen Weltordnung, sie ist der Mittelpfeiler, auf dem das ganze Staatsgebäude ruht, durch deren mächtigen Einfluß nur der Zersplitterung des großen mächtigen Staatskörpers vorgebeugt werden kann. Wo die Gerechtigkeit fehlte, da sanken die Völker, wo die Gerechtigkeit aber einzog, wo sie wohnte und waltete, da wurden die Völker besser und glücklicher. Gerechtigkeit ist die Basis, worauf Menschen-nnd Völkerglück überhaupt gegründet werden kann. Man denke sich einzelne Familien, oder nur zwei Menschen, welche sich nach diesem Gesetze behandeln; man denke sich Städte, wo die Bürger nach diesem Gesetze leben; man denke sich ganze Nationen, welche das Gesetz der Gerechtigkeit ihr erstes Gesetz sein lassen, und sage, ob dann noch eine Vergehung des Einen gegen den Andern, ob Zank, Streit, Tyrannei rc. 2c. ob irgend ein Verbrechen oder eine Schandthat noch möglich sei? Vielmehr würde eine allgemeine Eintracht und Liebe das Band sein, welches die Menschen, als eine Gesellschaft, umschlingt, und kein Mensch würde dem andern wehe thun, oder so begegnen, daß es der Andere übel empfindet. Es ist durchaus keine schlechte Handlung mehr möglich, wenn dieses Gesetz der Gerechtigkeit liebgewonnen von Allen, die Richtschnur des Verhallens Aller, des Einen gegen den Andern wäre. Zu einem Zwecke würden sich die Menschen, die große Gesellschaft Eines Gottes, vereinigen, und die höchstmöglichste Glückseligkeit auf Erden zu befestigen suchen, sie begründen können, und kein Uebel würde weiter stattfinden und bekannt sein. Umstürzen würden die Schaffotte und alle zur Schande der Menschheit und Entehrung der Religion fast in jedem Lande errichteten Denkmäler menschlicher Grausamkeit und Bosheit; die menschliche Gesellschaft würde keinen Kerker, Ketten und Banden bedürfen, um einen Bösewicht zn entfernen und darin aufzubewahren. Es würde keinen Socialdemokratismus, keinen Nihilismus, ja auch keinen Antisemitismus überhaupt kein derartiger die Wohlfahrt des Menschen untergrabender Nebel, geben. — _.__(Fortsetzung folgt.) Berlin. Der bekannte antisemitische Agitator Gustav Költzsch, wird in diesen Tagen sich vor dem Gerichte, wegen körperlicher Mißhandlung zweier Herren jüdischer Konfession, der Herrn Rentier Philippsthal und Juwelier Friedländer zu verantworten haben. Költzsch hat seinerseits den gerichtlichen Weg ergriffen, da er selbst, von den genannten Herren mißhandelt zu sein, vorgiebt. Das Berl. Tagebl. bemerkt: Nach dem ganzen herausfordernden Verhalten des K. welches durch öffentliche Ausstellung verhöhnender Karrikaturen bezeichnet wird, kann ein solcher Skandal nicht eben überraschen. Berlin. 30 Juli. Geheimer Eommerzienrath Louis Reichenheim, Mitbegründer des Reichenheimer Waisenhauses, Mitglied des Verwaltungs-Ausschusses der Berlin - Potsdam - Magdeburger - Eisenbahngesellschaft ist Sonnabend im 77 Lebensjahre in Ems verschieden. — Die Kreuzzeitung hat wie die ,.Germania" nunmehr eine stehende Rubrik der Tisza Eßlaer Angelegenheit im Hauptblatte angelegt. Der Briefwechsel zwischen H. v. Puttkammer und Stadtrath Magnus bringt sie versteckt iu kleinster Schrift in der Beilage. Di? eigentlichen Judenhetzer gehen in ihren Blättern noch weiter. Sie versteigen sich zum Jnternationalismus, indem sie die Portraits der magyarischen Antisemitenführer Jstoczy und Onody verbreiten. Im September soll in Dresden ein Antisemiten-Congreß unter Assistenz der magyarischen Herren abgehalten werden. K a ss e l. Auf eine Beschwerde des hiesigen isr. Gemeindevorstaudes bei dem Staatsanwalt, bezüglich die antisemitische Presse, erfolgte Seitens desselben Zurückweisung, wie auch auf Appellation an den Ober-Staatsanwalt. Der letztere führt in seiner Replik aus, daß das ״Kasseller Journal" die bezogenen Artikel nicht ״gegen die Gesammtheit der jüdischen Bekenner gerichtet hat, sondern gegen diejenigen Juden, welche auf dem Gebiete des Handels, der Presse und der Wahlen nach Ansicht der, von dem ״Kasseler Journale" vertretenen, Partei sich Uebergrifse zu Schulden kommen gelassen hat? §130 des St. G. B. findet keine Anwendung, weil keine Personen deutlich genannt sind. Auch fehle der Veweis, daß durchdjene Artikel zu ״Gewaltthätigkeiten u. s. w. angereizt werde. Es liege das nicht in der Tendenz des ״Kasseler Journals" welches die Stöckersche Partei vertritt. Am bemerkenswerthesten ist der Schluß des Bescheides, welcher besagt: ״Die fraglichen Artikel beabsichtigen, die conservative Partei zu stärken und Andere zum Abfall von der liberalen Partei, ins be sondere von der Fortschrittspartei, zu bewegen. So sind die Schilderungen von den Uebergriffen der Juden und dem zerstörenden Einfluß der von Juden geleiteten Presse aufzufassen. Die Möglichkeit, daß durch diese Zeitungspolemik Klassen der hiesigen Bevölkerung zu Gewaltthätigkeiten angeregt werden könnten, ist entschieden zu verneinen." Die Ansicht des Oberstaatsanwaltes Herrn Bartels über den Zweck der antisemitischen Bewegung als Wahlagitation ist originell. Jedenfalls ist mit ihr aber den Kaffeler Juden nicht gedient. Mainz. Der Hierselbst zur Hilfe der russischen Verfolgten gegründete Frauenhilfsverein hat mit staatlicher Genehmigung eine Lotterie, an welchen sich auch viele Nichtjuden betheiligten, veranstaltet. 3000 Loose a 1 Mark wurden verkauft, und viele kostbare Geschenke gegeben. Die Steuerbehörde erstattete sogar die erst erhobene Loossteuer zu 150 Mark wieder zurück. Der Betrag der Einnähme ward an den Vorstand des Verpflegungsvereins zu Berlin gesandt, und ist ein sehr herzliches Dankschreiben von demselben eingegangen. Könitz. Nachwehen seines Judenkrawalls kann man den Prozeß gegen den Schneidermeister Winde aus Baldenburg, der zu 3 Monaten Gesängniß verurtheilt ist, nennen. Am Abende des 2. August ward durch Steinwürfe von einem ״Hep! Hep!" schreiendes Pöbel, dasLefeversche Ehepaar genöthigt in das Haus zu flüchten, welches darauf mit Steinen bombardirt, und der Hintergrund desselben niedergerissen ward. Winde war die Seele des Aufstandes und der Antisemiten. — Man schreibt uns aus Paris: Victor Hugo's ״Torquemada"hat einen jungen Spanischen Maler zu einem intereffanten Werke inspirirt. In der maison Bingham am Boulevard des Italiens ist ein Gemälde von Enrique de Alba ausgestellt, welches sich ein ״Traum Torquemada's" betitelt. Vor dem schlummernden Fanatiker taucht in der Gluth des Scheiterhaufen eine Gruppe von an den Marterpfahl geketteten Juden auf. Der Künstler hat das craffe Sujet dieses Auto-da-fe-Traumes in sehr glücklicher Weise behandelt. Victor Hugo hat das Gemälde bereits in Augenschein genommen.