Israelitischer Reichs-Bote
- Journal
- Israelitischer Reichs-Bote
- Volume
- 8 (1882)
- Issue
- 29/30 (21.7.1882)
- Date
- 1882-07-21
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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einem besuchenden Juden erklärt, fortan seine Agitation aufzugeben, ist demnach unbegründet. Red.), doch soll der Hofprediger viel an seiner ursprünglichen Energie und Lebhaftigkeit verloren haben. Auch war die Versammlung in der Hermannshalle nur von 400 Personen besucht, was eine geringe Theilnahme des sonst so „lieben Ravensberger Landes" bekundet. Ob seine jetzige Bescheidenheit aus der Befürchtung sich in seinem Wahlkreise zu schaden, hervorgeht? Die ungehörige Sitte, die Person des Monarchen in die Wahlagitation zu ziehen, kann Herr Stöcker einmal nicht aufgeben. Unter Anderem ist auch die ausgesprochene Ansicht des Herrn Hospredigers, daß es verwerflich ist, wenn jüdische Bankiers dem russischen Reiche den Credit entziehen, eine dem Hofprediger eigenthümliche. Ein Jude, der für den Schutz seiner Glaubensgenossen eintritt, ist nach Stöcker's Ansicht noch schlimmer, als die Mordbrenner und Schandbuben in Rußland! Das ist jedenfalls eine Art von Moralpredigt, wie sie sich im Munde eines Hofpredigers — bleiben wir parlamentarisch — sehr eigenthümlich ausnimmt. Linz a. d. Donau. An hiesigem Orte hat sich unter dem Vorsitze des Rabbiner Hr. Dr. Ad. Kurrein zur Beförderung und Anregung jüdischer Wissenschaft ein Leseklub gebildet, der sein Ziel durch Kenntnißgabe populärer deutsch geschriebener Werke jüdischen Wissens und jüdischer Zeitschriften zu erreichen sucht. Aus Lemberg berichtet man, daß jeden zweiten Tag 400 Emigrirte wieder in die Heimath befördert werden. — In London sind bis jetzt über 2,000,000 Mk. dem russischen Hülfs-Comite zugeflossen. — Zu dem von der Türkei beabsichtigten Plane jüdische Auswanderer nach der Insel Kreta (Candia) zu leiten, um dort das den Türken günstige Element zu verstärken, schreibt der in Athen erscheinende „Messager d'Athines: „Man scheint am Bosporus vergessen zu haben, daß Creta eine autonomische Provinz ist, deren Regierung nicht vom Divan, sondern von ihrer General-Assemblee abhängt. Letzterer steht es somit zu, sich über eine jüdische Einwanderungsfrage schlüssig zu machen. So weit wir die Verhältnisse aber übersehen können, möchten wir keiner nicht hellenischen Emigrantencolonne rathen, sich Candia zu begeben, denn sie dürfte sicher sein, \ . den canoiotischen Griechen nicht mit offenen Armen, sondern mit Pulver und Blei empfangen zu werden!" Das heißt deutlich gesprochen. Mögen es sich die interessirten jüdischen Hülfsvereine gesagt sein lassen. Petersburg. Graf Tolstoi hat zwei Circuläre in der Judenfrage erlassen. In dem ersten wird an dem Circular Loris Melikows vom 3. April 1880 festhaltend, den Gouverneuren eingeschärft, die Juden nur an solchen Orten wohnen zu lassen, wo sie zu jenem Datum wohnten. Das zweite Cirkular, befiehlt den Gouverneuren Acht zu geben, daß die Juden nicht durch betrügerische Agenten zur Auswanderung veranlaßt werden. Ein jüdischer Friedhof aus alter Zeit in Schlesien. (Nach dem Jewish Messenger). Unter den alten jüdischen Friedhöfen in Deutschland, welche ein wenig entfernt von der gewohnten Reiseroute der Touristen liegen, verdient der kleine jüdische Friedhof in Dphernfurth unsere Aufmerksamkeit. Die Stadt selbst, welche schön an der Oder gelegen ist, in kurzer Entfernung von Breslau, erhält durch die Thatsache ein besonderes Interesse, daß sie nicht nur die älteste, schlesische, jüdische Gemeinde ist, sondern berühmt ist in den Annalen der hebräischen Typographie. Die Dyhernfurther Talmudausgabe ist eine der bekanntesten, und erhielt viel Ruhm durch die Glossen des R. Jesaiah Berlin. Der Friedhof liegt mitten in dem Parke des Schlosies. Im Jahre 1869 ward er von dem Drucker Sabalki für 17 schlesische Thaler, für jüdisches Begräbniß, erworben. Die interessanteste, ja pathetische Inschrift ist diejenige, welche ein am Sonnabend, 5. Thamus 5509 (1749) in Breslau vorgekommenes Ereigniß mittheilt, als das Pulvermagazin explodirte und weithin Zerstörung verursachte. (Roch heute zeigt eine Tafel in der flLallstraße 4 den Ort der Zerstörung an). Die Inschrift nennt diejenigen, welche „in einem Hause durch den Blitz umkamen," da das Pulvermagazin vom Blitze getroffen ward. Ihre Namen sind: Herr Woluf (Wolf?) sein Bruder Samuel, seine Schwester Ella, Kinder des Jakob Basch, Mucker Ziporah und Enkel Theodorus Samuel, und der Knabe, und Frau Eva aus Rawitsch. An einer benachbarten Stelle ruhen zwei weitere Opfer der Catastrophe, Abraham, Sohn des Herrn Scherogo Quereres und Frau. Da man die Todten damals nicht in Breslau begraben durfte, wurden sie in Dyhernfurth bestattet. Mindestens hat der Tourist, welcher ihre Gräber besucht, den Trost, daß sie nicht durch die Volkswuth umkamen. Sie wurden nicht durch irreligiösen Fanatismus in's Grab gebracht! Vermischtes. — Das ermordete Christenkind. In jüdischen Chroniken findet sich die Geschichte eines Kindermordes verzeichnet, welche ein lebhaftes Streiflicht auf jene Zeiten wirft, welche die Herren Jstoczy, Schönerer 6 tutti quanti so unendlich herbeisehnen. Am jüdischen Osterfeste des Jahres 1662 fand man das zwölfjährige Söhnchen des Bürgermeisters von Danzig ermordet unter einem Düngerhaufen liegen. Sofort hieß es, die Juden hätten ihn geschlachtet, um sein Blut unter die Ofterbrode zu mengen, und alsbald begann der Pöbel an die Plünderung und Ermordung der Juden zu gehen. In ihrer Angst wandten sich die Juden bittlich an den Herzog und der Rabbi von Danzig machte sich anheischig, den Mörder binnen zwei Stunden ausfindig zu machen, so zwar, daß an seiner Schuld nicht gezweifelt werden könne. Der Herzog ließ nun der Plünderung Einhalt gebieten und zog mit seinem Hof auf den Marktplatz; damit der Rabbi den Mörder vor allen Einwohnern bezeichne und seine Schuld beweise. Der Rabbi ließ einen mit einem Tuch bedeckten Hahn bringen, wählte fünf Juden und fünf Christen aus dem umstehenden Volke und ordnete an, daß jeder dieser zehn Männer den Rücken des Hahnes streichle; dieser werde, sofort wie ihn der Mörder berühre, zu krähen beginnen. Die zehn Männer, unter welchen sich nach der Angabe des Rabbi, der Mörder befand, streichelten einer nach dem anderen den unter dem Tuche verborgenen Hahn, ohne daß dieser jedoch einen Laut von sich gegeben hätte. Das enttäuschte Volk wollte sich nun auf den Rabbi stürzen, aber dieser bat um noch einige Minuten Aufschub und forderte die zehn Männer auf, ihre Hände in die Höhe zu heben. Die Fläche der rechten Hand war bei neun Männern vollkommen berußt und nur bei einem rein. Diesen mit der reinen Handfläche bezeichnte der Rabbi als den Mörder, weil er aus Furcht, der Hahn werde krähen, diesen, der über und über mit Ruß beschmiert war. nicht zu berühren wagte, während die anderen neun Männer, sich unschuldig wissend, den Hahn ruhig streichelten und so ihre Hände beschmutzten. Der Mörder gestand das Verbrechen sofort und erlöste dadurch die Danziger Juden aus ihrer Bedrängniß. Es war der Bruder des Bürgermeisters, der dessen einzigen Sohn und Erben aus dem Wege schaffte, um seinen greisen Bruder selbst beerben zu können; das Manöver aber war vom Rabbi ersonnen, um den Mörder, welcher von einem Juden bei der That gesehen wurde, unumstößlich als den Verbrecher zu bezeichnen. B. L. Z. — Alexander Weil giebt in dem Pariser „Evenement“ einige interessante Reminiscenzen an Meyerbeer. Als es bekannt geworden war, daß die Mendelssohn'sche Familie dem- Judenthum entsagt hatte, ward es bei den jiidischen Schriftstellern, Künstlern und Komponisten Mode, dem Beispiele des Mästros zu folgen. Eines Tages fragte Friedrich Wilhelm IV. Meyerbeer, warum er nicht auch den christlichen Glauben annähme, und der Componist erwiderte: „Würde ich im Stande fein, besser zu componiren, Ew. Majestät? Hat sich Mendelssohn höher in der Sphäremnusik hinaufgeschwungen, seitdem er seine Religion verläugnet hat?" Der „Prophet" war ursprünglich „Moses". Meyerbeer hatte seit mehreren Jahren die Idee gehegt, eine große Oper „Moses" zu verfertigen, doch gab er diese Idee auf, um nicht mit Rossini, der gerade „Moses in Egypten" componirte, in Concurrenz zu treten. In Folge dieses zarten Gefühles des Componisten, ward der fo vielfach abgenutzte Charakter des Fanatikers von Leiden statt seiner gewählt, und das Libretto ward von Scribe geschrieben. Die Musik gehört indeß dem „Moses" an. Der Kriegsgesang der Wiedertäufer sollte der Waffenruf Moses an die Kinder Israels fein; der religiöse Marsch war für den Dankgesang der Kinder Israels nach ihrer Befreiung aus egyptischer Knechtschaft bestimmt, und die Krönungsscenen waren nicht für Johann von Leiden, sondern für den großen Gesetzgeber selbst bestimmt. Das Buch der Elegien nyx rfao metrisch übersetzt, mit einem hebräischen Doppelkommentar, mm'' }VOT genant. Von Prediger Dr. H. Tietz. Schrimm. (Selbstverlag.) Wir begrüßen mit Freuden das Erscheinen dieses vortrefflich gelungenen Werkes eines sehr geschätzten Autors, der auf diesem heiligen Gebiete bereits Vorzügliches geleistet und durch seine vielseitige literarische Thätigkeit sich bereits namhafte Verdienste erworben. Derselbe gab vor 12 Jahren das „Hohelied Salom." mit metrischer Uebersetzung heraus, welches in vielen (auch in hebr.) Wochenschriften sehr günstig beurtheilt wurde. — Durch das meisterhaft bearbeitete Buch der Elegien hat Hr. Dr. Tietz sich als gründlicher Kenner der hebräischen Sprache, sowie der klassischjüdischen Literatur aufs Glänzendste dokumentirt. In der (deutschen) ausführlichen Einleitung giebt uns der geehrte Herr Verfasser sehr nützliche und interessante Hypothesen über Diction und Construction, Inhalt und Form, Zeit der Entstehung der einzelnen Kapitel u. s. w. der Megilas Eichu. — Die kunstreiche Uebersetzung betr, war der Verfasser eifrig bestrebt, eine möglichst sinn- und wortgemäße, zugleich aber auch in Reime gefaßte Uebertragung zu produziren, welche sich an den Geist des Originals eng anschließend, denselben treu wiedergiebt. Daß die Uebertragung den Erklärungen jder Kommentare genau konform bearbeitet ist, kann jeder Leser sofort konstatiren. In dem Kommentars hat der Verfasser die bedeutendsten und beliebtesten Schrifterklärer und Grammatiker, wie R. A. E. Raschi, Kimchi, Lechem Dinuh u. A., citirt und mit großer Mühe und vielem Geschick zusammengefügt. Ich kann daher dieses gediegene Merkchen allen Freunden der hebräischen Sprache aufs Angelegentlichste nur bestens empfehlen. Cottbus D'-ttDn l'2 A. Zadeck, Cantor. Das berühmte Räthfel Ibn Esras ins Deutsche übersetzt und erklärt von Dr. H. Tietz. Einstmals zeugt' ein Vater Auf der Mutter Erden Vier der Söhn', bestimmend, Daß sie inn'ge Brüder werde». An Gewicht sind diese Weder schwer noch leicht Und ihr Stoff ist niemals Trocken, niemals feucht. Ihre Kraft bewegt oft Aller Räder Speichen, Während für sich selbst sie Aus der Ruh' nicht weichen. Sie sind gleich den Sternen In des Himmels Hohen, Die sich bald verbergen, Bald sich lassen sehen. So sie sich uns zeigen, Merkt das Aug' sie nur allein. Meines Räthsels Deutung Dürft' gar schwierig sein. Doppelt groß der Theil ist Dessen, der zuerst geboren, Und ein Name, tönender als Aller, Ward für ihn erkoren. Doch du findest ihn dem Namen Des Zweitält'sten angefüget, Aber unbemerket bleibt er hierbei, Weil aufs Innigste ihm angeschmieget Und des dritten Bruders Name ist ein Doppellaut, Während der des vierten Seinen Werth gar zweimal schaut. Die Natur des Mannes Und des Weib's wohnt inne Dem Zuerstgeborenen, doch Mit des Weib's allein'gem Sinne Ward der Bruder, der ihm folgt, Nur versehen und begabet. Von dem dritten ist bekannt, Daß er sich als Mann gehabet, Und der viert' erscheint In dem Vordergrund als Mann, Doch im Hintergrund sich haltend Siehet man das Weib ihm an. Streiter, eilet rasch herbei, Kommt mein Räthsel zu ergründen. Seine Deutung kann sehr leicht Euch ein isralit'scher König künden. Sechs der Fälle giebt's, die Sanfte Ruh' gewähren Dem Zuerstgebor'nen, Niemand kann ihn stören. Diesem folgt alsdann Der zweitgebor'ne Bruder, Der jedoch nur meistens Dreimal ist am Ruder. Den zwei jüngsten Brüdern Ist die Ruhe nur vergönnt In zwei Fällen; ihre Namen Schwerer, als die anderen man nennt. Schlaget nur im Buch der Lehre nach Dortselbst ist es leicht zu künden, Daß am sechsten Schöpfungstage Die vier Brüder schon Erwähnung finden. Von den Brüdern ist der jüngste Grad, nicht etwa ungefähr, Als der drittgebor'ne Bruder Ganz um so viel mehr, Als es dies zu sein Jenen zweitgebor'nen von ihnen Vor dem ält'sten Bruder wir Sehen sich ganz dreist erkühnen.