Israelitischer Reichs-Bote
- Journal
- Israelitischer Reichs-Bote
- Volume
- 8 (1882)
- Issue
- I./II. Beilage zum Israelitischen Reichs-Boten Nr. 29 & 30.
- Date
- 1882-07-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ב Anlage MM Israklitische« Reichs-Kote« Kr. 29 & 30, י<ר%* 'V* Erkliirmig. Da wir leider die traurige Erfahrung gemacht haden, daß Feinde unserer Institution und des dabei am Meisten interessirten Theils der Bewohner des gelobten Landes glauben, demselben am Empfindlichsten durch schriftliche nnd mündliche Verläumdung unseres Hauptarbeiters schaden zu können, und sich nicht entblöden, unseren Herrn Secretär in der niederträchtigsten, verlogensten Weise anzuschwärzen, in der Hoffnung, dadurch unsere ganze Verwaltung in Verruf zu bringen, — finden wir uns veranlaßt, folgende Aeußerungen unseres ehemaligen Vorsitzenden, des weltbekannten Nabbi A k i b a L e h r e n s. A. hierniit in wortgetreuer Abschrift zu veröffentlichen: 1. Unter dem 8 Jjar d. I. 5633 schrieb derselbe an den seligen Herrn Distriktsrabbiner S. B. Bamberger in Würzburg: ״Man sucht der Welt einzureden, ba^ סופרנו הפזהי״ר שי׳" die ganze Administration führe und leite, ״und ich, ohne die Sache eingehend zu prüfen, ״Alles gutheiße, was er mir in Vorschlag bringt, ״und alle mir vorgelegten Schriftstücke, ohne de- ״ren Inhalt einer genauen Untersuchung zu un- ״terziehen, mit meiner Unterschrift versehe. Es ״ist dieß aber eine einfache Unwahrheit, da סופרנו היקר נ״י" nicht מרים ידו ist, ohne mich vorher ״um meine Meinung zu befragen, und jede schrist- ״liche Mittheilung erst nach Rücksprache und gehö- ״riger Verhandlung mit mir abgefaßt wird, bei ״irgendwie erheblichen Fragen sogar erst von mir "אסיפת הפקוא״ט anberaumt wird, um die Sache ״nach allen Seiten hin restlich zn überlegen wld "לפי רוב רעות einen Entschluß zu fassen. Noch ״schlimmer ist das שקי הרע*?, welches sie in Be- ״zug auf סופרנו היקר נ״י selbst מוציא sind, dessen ״strenge Gewissenhaftigkeit und fleckenlose Ehr- ״lichkeit über jedem Zweifel hoch erhaben ist, wie ״wir aus eigner, mehr denn neununddreißigjäh- ״riger Erfahrung wissen; ebenso ist ihm jede An- ״maßung in ארץ ישראל Angelegenheiten ganz ' ״fern, da er nur das zur Ausführung bringt, ״was ich im Vereine mit meinen הברים נ״י ihm ״vorschreibe, auch zeigt er nicht einmal die Neigung, ' ie Sachen selbstständig behandeln und sein eigenes rtheil zur Geltung bringen zu wollen. Es sind ״jene Aussagen daher pures לשו; הרע 2. das Schlußwort seines offenen Brieses an die ״Redaction des in Jerusalem erscheinenden "חבצלת" in der hebräischen Ausgabe des Israelit ״(verantwortlicher Redakteur Herr Rabbiner Dr. ״M. Lehmann in Mainz) Nr. 30 vom 3. Adar ״Scheni 5635 lautet: "אלה הדברים אשר מלבי יצאו ואשר צויתי לסופר פקידי אמשטרדם להביאם בעדי עלי גליוך; כי רק" בו בחרתי גם היום להשיב אותך אמרים למען ידעוך" כל אשר ישימו עיניהם עליהם, כי בחיתיהו כצרף כסף" ונפשי יודעת כי ישר מעשהו וכסא משמרתו נקי מכל" אשר העמיסו עליו מחליקי לשון בשאט בנפש; ומי" יתן ויוחקו בלבך ובלב כל קורא באמת Soweit der oben genannte frühere Präses unseres Comites. Auch wir, die heutigen Mitglieder desselben, schließen uns aus innigster Ueberzeugung diesen Auslassungen in ihrem ganzen Umfange an und verleihen gleichzeitig dem aufrichtig empfundenen Wunsche Ausdruck, daß es dem Allgütigen ב״ה gefallen möge, unserem würdigen Herrn Secretär ער ביאת הגואל בבי״מ Kraft und Lust zu verleihen, unserer Administration in bisheriger musterhafter Weise zur Seite zu stehen. Amsterdam 23 Tamus 5642 (10 Juli 1882). Pekidim und Amarkalim der israelitischen Gemeinden des heiligen Landes zu Amsterdam < M. de Lima, vice Präses B. S. Rubens jr. M. S. Rubens jr. I. L. Lehren M. I. Goldschwidlson Lieprn. PH. Prins. Anmerkung der Aedaktton. Es kann uns nur schmerzlich berühren, daß es einer solchen Erklärung bedurfte, um das Leben und Wirken eines im Amte ergrauten Di armes zu rechtfertigen. Nur Neid und Bosheit vermag es, die Ehre eines so ehrwürdigen Mannes angreifen zu wollen. Wir kennen den Herrn Jacob Roos schon seit über zwanzig Jahre, da uns die Bekanntschaft dieses Herrn durch die Verbindung in welcher er mit Herrn Jonas Goldschmidtson זצ״ל, seiner Zeit selbst יה,PO (Schwiegervater des HerausgeberS d. Bl.) stand, ermöglicht war. Wir fanden in ihm einen wahrhaft religiösen und durch hervorragende talmudische Kennt nisse ausgezeichneten Mann. Wir hatten öfter den beneidenswerthen Genuß, seinen Vorträgen in der תלמוד תוהה Schule beiwohnen zu können. So noch vor einen halben Jahre ^,Wir wünschten, daß der geehrte Herr R. uns jene so zeitgemäßen Vorträge zur unseren Besprechung in unserm Blatte zustellen möchte. Wir ergreifen diese Gelegenheit, um auf das Gewissen- Hasteste hier unsre Ueberzeugung zu constatiren, daß alle Herren, welche als Unterzeichneten des Comitos zn Amsterdam geriren, von den edelsten/ uneigennützigsten Gesinnungen beseelt sind, und ihr Charakter über jede Veargwöhuung erhaben ist. Ohne Amsterdam und Dasjenige was dort gethan wird, würde es schlimm mit unfern leidenden Brüdern in ארץ ישראל stehen. Der Vorletz'tgezeichnete ist der Schwager des Herausgeb. d. Bl. und dürfen wir ohne Befürchtung einer Widerrede, oder des Vorwurfs unsrem Verwandten zu schmeicheln, behaupten, daß derselbe schon hinreichende Bürgschaft gewährt für die gewissenhafte, correkte Thätigkeit des Comitos. Dasselbe gilt von unserm geschätzten Freunde und Gönner Herrn L. PH. Prins. Mögen sie Alle der hl. Sache noch lange in Frieden und Glück dienen! Zum 0. Am. (תשעה באב) Seit Jahrhunderten erinnert uns keine Zeit so sehr an die Zerstreuung der jüdischen Nation, an die Zerstörung des Tempels, als die heutige Zeit. In dem Lande, welches hinsichtlich der jüdischen Bevölkerungsanzahl fast denselben Rang für die Juden einnimmt, wie es Palästina ארץ ישראל einst für die andern Länderthat, in Rußland, wo fast die Hälfte aller lebender Juden wohnte, ist eine graufame Verfolgung ausgebrochen, haben sich die entsetzlichsten Bilder der Zerstörung Jerusalems wiederholt. Keine andere Zeit fordert uns daher mehr zur Selbstprüsung, zur Untersuchung unsers Wandels, zur Bekehrung und Buße auf, als die jetzige Zeit, und der herannahende Fasttag des 9. Aw, redet mit gewaltiger Stimme zu uns, durch die Worte des Propheten, Jeremiah, Klagelieder 3, 40—43. Laßt uns unsre Wege suchen und prüfen, und wieder zu dem Herrn zurückkehren. Unsre Herzen mögen sich mit unfern Händen zu Gott im Himmel erheben. Denn wir haben gesündigt, und waren wid erspenstig und du hast nicht verziehen! Der 9. Tag in Aw, ist nach dem Versöhnungstage unser wichtigster Fasttag. Er steht als ein besonderer ״schwarzer Tag" in dem Buche der israelitischen Geschichte bezeichnet! Wie man im Talmud, מסכת תעניות ersieht, sind an diesem Tage fünf Unglücksfälle für Israel vorgefallen. Es wurde an diesem Tage über Israel beschlossen, daß die mehr als 40 Jahre AltM,- wegen-des Ausstandes bei den Kundschaftern, nicht in das gelobte Land wandern sollten. Sowohl der erste Tempel (2 Könige, 25, 3.) als der zweite Tempel gingen an diesem Tage in Flammen aus. Die Stadt Bethar, der letzte Zufluchtsort der Juden, ward im Jahre 135 in der Empörung des Bar Cochba von den Römern erstürmt, und dadurch endschließlich die Zerstörung der Juden besiegelt. Es sollen bei dem entsetzlichen Blutbade 580,000 Juden umgekommen sein. Bar Cochba siel im Kampfe, und sein Haupt ward ins römische Lager gebracht. Der große Rabbi Akiba ward unter entsetzlichen Martern umgebracht, nachdem er 5 seiner Schüler durch die Semicha zu Lehrern und Richtern ernannt hatte. Schließlich ließ der Römer an diesem Tage den Ackerpflug über die zerstörte Stadt fahren, zum Zeichen, daß dieselbe nie wieder ihren früheren Glanz erhalten sollte. Mehr als je sind unsere Augen wieder auf das Land unserer Väter gerichtet. Der Gedanke einer abermaligen Bewohnung derselben durch Juden ist angeregt worden, als Colonisation für die Vertriedenen. Mögen wir unsererseits Alle dazu beitragen, daß sich die Worte des Propheten Sachariah 8, 8, erfüllen: Ich will sie bringen, und sie sollen wohnen in der Mitte von Jerusalem, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein in Wahrheit und Recht! und Vers 19: So spricht der Herr Zebaoth: das Fasten des 4. Monats, und das Fasten des 5. Monats, und das Fasten des 7., und das Fasten des 8. Monats sollen dem Hause Judas zur Freude und Wonne werden und fröhlichem Feste: Rur liebet Wahrheit und Frieden! - Ja, kehren wir mit ganzem Herzen zu dem himmlischen Vater zurück, der zu uns spricht: שובו ארי ואשובה אלכם (מלאכי 'ג) Kehret zu mir zurück, und ich kehre zu euch zurück! Daß sich ferner erfüllen die Worte des Propheten והפכתי אבלם לששון ונחמתים ״ :ושמחתים מיגונם (ירמיה ל״א)Ich werde umwandeln ihre Trauer in Wonne, ,werde sie trösten, und sie mehr, als ihr Kummer war, erfreuen!" Rabblnen oder Redakteure? 1. Bei einem Rückblicke in die Geschichte der jüdischen Vergangenheit, wo man die zurückgelegten oft mühevollen und kampfreichen aber auch durch wahrhafte Größe, Edelmuth,. religiöse Aufopferung biedere, wahre Uneigennützigkeit ausgezeichneten Entwicklungsstufen unseres Volkes betrachtet, wird das Gemüth von wehmüthigen Gefühlen bewegt, wenn wir diese, durch innerliche Begeisterung für die Religion ausgezeichnete Vergangenheit mit unserer von kleinlichen Rücksichten, von Eigennutz, von elenden Geschäftsrücksichten beherrschten neuen Zeit, der Gegenwart, mit ihrer religiösen Indifferenz, ihre Halb- und Lauheit vergleichen! Mit Verwunderung fragt man sich, bei einem solchen Vergleiche, worin denn oft der gepriesene Fortschritt besteht, den das menschliche Geschlecht gemacht haben will. Wir müssen hier den Spruch eines großen Römers anwenden: Qui proficit in litteris, sed deficit in moribus, plus deficit quam proficit. ״Wer in Wissenschaften zunimmt, aber in der Sitte abnimmt, nimmt mehr ab als zu. Wir haben in Wissenschaften Fortschritte gemacht, wer wird es läugnen? Bis zu den Sternen stieg unsre Wissenschaft, das Ssnnenspektrum mußte sich ihrer Analyse offenbaren; sie stieg wiederum hinab bis zu dem Urstoffe, bis dahin wo selbst Hackel und Darwin erklären, daß der fernere Grund der Erscheinungen sich dem menschlichen Geiste entzieht. Und bei allem diesem stolzen großen Wissen ist kein wahres, inneres befriedigendes Glück, wahre Zufriedenheit unter den Menschen. Bei all dem hoch und laut prunkenden Fortschritte haben die inneren Kämpfe, Leiden und Gebrechen der menschlichen Gesellfchaft zugenommen, nnd mit Recht können wir die Worte Jesaias 14,13—16. auf unsere Gegenwart anwenden: ״Du hast in deinem Herzen gesprochen, ich will.zum Himmel steigen, über die Sterne Gottes meinen Thron aufschlagen. Auf dem Berge der Zusammenkunft will ich sitzen, am Ende des Nordens, lieber die Wolkenhöhe will ich steigen, und will Gott gleichen. Aber du sollst abwärts zu der Hölle wandern, tief unten in die Gruft! An dem Sitten-und religiösen Verfall unserer Zeit, sind viele Umstände und Verhältnisse schuld die alle sich auf den Geist, auf die allgemeine Tendenz der Zeit zurückführen lassen, alle höheren, heiligen Rücksichten vor einer einzigen Leidenschaft zurücktreten zu lassen, alle sittlichen Bedenken einer einzigen Sucht zu opfern, der Leidenschaft und der Sucht nach (stewinn, dem Materialismus^im fchlimmen Sinne. Hier, nur hier liegt die WundesOegt das tiefe Uebel der Gegenwart, und Alle die es an einen! anderen Orte suchen, sie irren, sie suchen die Heilung vergeblich. Gewähren nicht selbst unsre Großen, unsre Lehrer, unsre Oberhäupter, dieses Beispiel von Vernachläffigung höherer Pflichten aus weltlicher, fremder Rücksicht, von Haschen und Drängen nach fremden Zielen, nach Zwecken die ihrem Amte entfernt liegen mit ihm unverträglich sind, ja ihm schaden, es beeinträchtigen? Ein wahres Merkmal unserer, nur weltlichen Zielen zugewandten Zeit, ist es sicher, wenn wir das jüdische Zeitungswesen fast ausschließlich in die Hand von Rabbinern gelegt sehen, von Männern, deren ganze Sorge, deren ganze Aufmerksamkeit ihrem heiligen Berufe hingegeben fein soll. 3. B. M. 21. 12: ומן המקדש לא יצא ולא יחלל את מקרש אלהיו Er soll aus dem Heiligsten nicht gehen, und nicht entweihen das Heiligthum seines Gottes! Wenn wir, wie wir oben gesagt, die Annalen der jüdischen Vergangenheit aufschlagen, so treffen wir große Männer, Rabbinen, die, um nicht für ihre Lehre sich bezahlen zu lassen, Handwerke trieben. Rabbi Jochanan, (רי יוחנן הסנהלר) war Schuhmacher, Rabbi Joseph war Zimmermann, (ר׳ יוסף הנגר) Rabbi Jsak Schmied,(ר׳ יצחק נפחא) Rabbi Simon Weber (ד שמעון שלורד). Der große Rabbi Hillel, der Nasi, Vorsitzende des Sanhedrins, trieb ein Handwerk, und hatte den Spruch: ״Wer sich der Thora zum Eigennutze bedient, vergeht! Daraus, sagt der Spruch der Väter weiter folgt (Awoth 4. 7.) ״Wer Vortheil aus den Worten der Thora zieht, hat sich sein Leben selbst entzogen!" Das waren frühere Rabbiner die ihr ganzes Leben dem Studium widmeten, und das Wort 5 B. M. 17. 19. 20. erfüllten: ״Sie (die Thora) soll bei ihm sein und er soll daraus lesen, (hier hat das Wort קרא den Begriff des Lernens,) alle Tage seines Lebens; damit er lerne zu fürchten den Herrn, seinen Gott, zu beobachten alle Worte dieser Thora, und alle diese Satzungen, um sie thun! Damit sein Herz sich nicht erhebe über seine Brüder,