Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 61 (30.9.1921)
- Date
- 1921-09-30
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Es ist uns, wenn wir die Aussprüche des großen Trösters hören, als tönte eine mächtige Stimme mus der Vergangenheit uns entgegen, erleuchtete uns dis Geaenwart und enthüllte uns die Zukunft. Zijon, Jerusalem, iinki nicht uiuergcgange». 'Trümmer alter Zeiten werden wieder aufgebaut, alte Pracht erneuert sich, hellauf strahlt die Sonne über Judas Volk, der Friedenskünder, der Mewaffer Schalom, naht und ihm folgen die zerstreuten Kinder unseres Volkes, an de» Händen werden sie herbeigefllhrt, um den Glan^Zijons mit staunenden Augen zu erschauen. Welch' ein Anblick! Die Finsternis, die über der Erde lagert, schwindet, der Nebel, der die Völker bedeckt, teilt sich, siegreich bricht die Sonne hervor und die Herrlichkeit des' Ewigen breitet sich mir über seinem Volke. Hat diesei 'Seher wirklich nur für seine Zelt gelebt, vor nahezu 2500 Jahren? Sein Wort es .^achcht noch heute Doihier erunA di« duntle ZiEt^h Zwischen, dein. Sabbath, des Urpftes’ und denk, cher Unserem Rosch-Haschanäh unmittelbar voraiiaeht, hören wir seine Worte, Zimmer mächtiger schwellen siie an, wie die Akkorde einer gewaltigen Trostes-Symphon.ie, die kein Beethoven hat erklinaen lassen. Dann nähert sich der „Tag des Posaunenlchalls" und kündet uns wieder einen Wendepunkt an. Nur den im Dasein des Einael- Immer mächtiger schwellen sie an, wie die ein ganzes Volk bildet. Wenn irgend einmal von einem Wendepunkte in der Geschichte eines Volkes gesprochen werden kann, so muß dies Wort, in diesem neuen Jahre, gelten von dem Leben unseres jüdischen Volkes, das ein wunderbares Geschick erlebt. Unsere Au-wn werden gewürdigt, die Erneuerung Zijons zu erschauen. Welch' ein Hochgefühl, sich sagen zu können, was unsere Propheten erhofften, unsere Dichter ersehnten, zur Tat ist es geworden. Nicht mit wehmütiger Trauer erfüllt uns Jehuda Hulewis Sang von Zijon, sondern mit frohgemuter Zuversicht, und, mit kräfti"ender Hoffnung, lesen wir Iesaias Wort: Wie ich den Himmel und die Erde erneuere, so lebt euere Nachkommenschaft ewiglich fort. Dies gibt dem hcuriacn Rofch- Haschanah seine ewig denkwürdige Bedcutuna. Als des Schoohars Ton wieder erschallte, da begann in unserem Staate, jene Versammlung zu taaen, die man in der Tat als den Kongreß des ganzen jüdischen Volkes bezeichnen kann. Aus allen Weltgependen kamen sie, die Abgesandten unserer Nation, keine Reiseschwierigkeit hiell sie auf, ein Wunder ist's unseren Augen. Und ihrer aller Augen sind auf Zijon gerichtet, auf den geheiliaten Boden der Väter. Wieder soll er non jüdischen Bauern bearbeitet der Kammer des Arbeiters soll wieder in der allen Heimat gehört werden, die Hallen unserer Willenschaft sollen sich wieder auftun: Von Zijon geht die Lehre aus, das Wort des .l^errn von Jerjalem. Da wollt ihr nun nicht von einem Rosch-Haschonah sprechen? Die Pforte einer alten Zeit schließt sich und die einer neuen tut sich auf. Nrm wollen wir der neuen Zeit u»se< ien Glückwunsch darbringen. Jll alte Sitte. Zum neuen Jahre sollt ihr einaeschrieben werden zum auten. Was wünschen sich Menschen? Leben vor allem. Leben wollen 3. Jahr noottnr 802 ichrtft Jun^^la ■jt Prag, Stefuuikg. 629 la (;ln rtidw»f. Bubten siche cho __ «w »all. ,irti U ^rtlrtoff fofirn «o b für öle »lach Gehaltene MU. itnrlerAcile. flniräö- *»i Na lernte übernehmen «nfire dt r flbmlntftrailon alle Gröberen Bn umcenetpebiltonen ftrlaielnl leben ftreliofl. wir, aber nicht allein für uns, sondern auch vor allem für unser Volk. Auf den schmalen Pfaden der Selbstsucht wollen wir nicht einherschreiten. „Bin ich nur für mich, was bin ich?" ruft der alte Hillel aus. Und, er sagt auch, „sondere dich nicht von l^r Menge aus." Die Zeit ist vorüber, in der sich der Jude ins einsame Kämmerlein zü> rückzog, um dort seinen unfruchtbaren dich lektischen Künsteleien sich zu ergeben. Diesen Luxus dürfen wir uns jetzt nicht gestattet^ Me Mann an Bord, das ist der Ruf, der nun an uns ergeht. Alles für unser Volk, Wort, Schrift, Tat in seinen Dienst gestellt. D a s ist das Leben, das wünschen wir dem Kinde, das uns neu aeboren wurde, unserem neuen Jahre. Man wünscht sich auch Reichtum. Wir denken dabei nicht an die Schätze, welche die Habsucht aushäuft, wenn auch das Geld In unserer Zell zur wirklich überragenden Macht geworden. . Groß ist des Geldes Gewalt. Und wir werden es zur Aufrichtung unseres Volkes gar sehr brauchen. Es wird viele Thränen trocknen. Denn, wir wollen uns darüber nicht täüschen, das Elend eines Teiles unseres Volkes Ist groß, unsäglich groß. Wir erinnern nur an das schauderhafte, barbarische Wort Pogrom, — und alles ist damit gesagt. Man wird die Geldbesitzer an Ihre Pflicht erinnern müffen. tun sie es nicht selbst. Wenn wir also Reichtum wünschen, so denken wir an das reiche jüdische Herz, das zu spenden versteht, das Thränen trocknet, Herzen erquickt. Gebeugte aufrichtet, trauernde tröstet. Ein. an Liebe reiches Lehen, ein Leben wohlwollender, starker Tatkraft, wünschen wir unserem, Volke zvm. Und -türdcl wir uns wahren,'die Ehre ünseres Volkes nicht besteckentund' von'niemand beflecken lassen. Leben, Reichtunt. Ehre, man hält sie für Vergängliches Gut. Aber auch das vergänzllche Gut kann zu einem beständigen, ewigen werden, wenn wir es nur zu einem solchen gestallen.,— Wir halten dem veroangenen Jahre einen Nachruf und rufen dem neugeborenen unsere Wünsche zu. Nur unter seinem Schutze kann unsere g^oße Sache, die des jüdischen Volkes, gedeihen. Friede, besonders in unserer Mitte. Nicht, als scheuten wir die Parteien, wohl aber die Parteiungen. Wir haben durch sie viel zu leiden gehabt. Glaube ja niemand, er habe ein, wie man es nennt, Patent auf das Judentum. Dies mögen sich die merken, die sich Zijonswächter zwar nennen, es aber durchaus nicht sind. Ihre Streitigkeiten führen sie angeblich im Namen des Judentums, aber in Wirklichkeit mißbrauchen sie besten Namen. Jeder ist uns wlllkommen, der sich in den Dienst unseres Volkes stellt. Friedlich wollen wir alle zusammenwirken,, uns der Erneuerung unseres Volkes freuend. Friede von außen, Friede im inner» fei ukis beschert. Unduldsamkeit, was man jetzt Chauvinismus nennt, sei uns ferne. Wir hatten unter diesem Artikel genug zu dulden und zu leiden. Nein, wir schließen nienumd aus und lasten jeden nacki seiner Faston selig werden, auch die, welche im fremden Volkstum ihr Genüge finden. Aber in Ruhe sollen sie uns lasten, für unser Volk werden wir selbst Sorge tragen. „Israel zu Deinen Zelten", der alte Ruf ertönt von neuem, und gierig lauschten wir ihm. So komme es denn, das neue Jahr und erfreue uns mit seinen Früchten. Zuverstchllich bücken wir ihm ent- »egen. Dies ewig besiegte und immer wieder siegende, ewig unterliegende und wieder auflebende Juda, es stirbt nicht. Aus unverfieglicben Quellen schöpft es stets neue Kraft, der Stab Aharons grüßt und blüht und trägt neue Früchte. Im Zeichen des jüdischen Welt-Parlam-mts grüßen wir dich, neues Jahr 5682. Ziehe ein in unsere Mitte, unter den Tönen des alten Schophars. Er erwecke uns, belebe uns, feuere uns an zu neuen Kämvfen, guten Taten, herrlichen Siegen. Alles kann Man uns. nehmen, nur die Hoffnung nicht. Und Zijon ist unsere Hoffnung. Sie kräftigt die Iugen, erfreut die Alten. Mit unseren Jungen und Alten vorwärts, aufwärts und wir werden das Land in Besitz nehmen. Seid stark und besten Früchte werden unser, sein. Unter günstigen Zeichen beginnt das neue Jahr. Sein.Morgenrot leuchte einem befreiten und freien Volke. „Auf leuchte, denn es kommt dein Licht und die Herrlichkeit des Ewigen,' ergänze die Juda", zum neuen Safir. : ’ ‘ . ' Dr. M. Grünfeld. Die Araber und die jüdische Gemein« 0? Wirschaft. Bon Robert SBelJ, Franksnrt a. M. 5t "i" 8n» ^einem bemnächsi erscheinenden ' '• Buche „Die palLstinengsche Zentralbank nnb ihre Sooperattnen" stellt.null der Verfasser ball nachsolgenbe Napitel zur : ' Berjügung. , ' l Soll nicht , die jüdische Wirtschaft durch Arabereinfälle,' also durch außerökonomische Hinderniste jederzeit gefährdet sein, so wird ein Weg gefunden werden wüsten, um die Araber in organische Verbindungen mit der jüdischen Gemeinwirtschaft zu bringen. ■ Jede Untersuchung der Araberfrage, die nicht oberflächlich geführt wird, muß als Endergebnis .Nachweisen können, daß Otto Bauer's allgemeine' These „Nationalitätenkampf . 'ist '- '.transformierter Klassenkampf", auch' für unseren Spezialfall gültig ist. Die religiösen und kulturellen.Differenzen zwischen Arabern und Juden sind tzwar .lehr wejentlsthe Lcmlponenieu der lantijüdischc»' Pewümtler tm: Lande, gber ste-kömürkl k, lAMtsten« JnlerestengSgcnlatz« ökgno> Mischer Natur, die tyst ohne Ucoertreibgng afe Klastenkämpfe bezeichnen dürfen, Vorhang deu wären. In diesem-Zusammenhänge kann eine eingehende Analyse, der palästinensischen Gesellschaft nicht gegeben werden, eine Skizze ibrer Ergebnisse wird genügen. Vier soziale Schichten kämpfen gegen einander um die politische und wirtschaftliche Machtstellung im Lande: Die arabischen Großgrundbesitzer (die „Effcndis"), die jüdischen Unternehmer (die „Kolonisten"), die arabischen Zwergbaucrn (die „Fellachen"), die jüdischen Arbeiter. Zeitweilige Verbindungen zwischen einzelnen dieser vier Schichten der palästinensischen Gesellschaft können uns darüber nicht hinwcgtäuschen, daß die Interessen aller dieser Schichten so lange unvereinbar sein müssen, als die kapitalistische Wirtschaftsordnung, bezw. das Feudalsystem, die jüdische und arabische Produktion regelt. Die ökonomischen Interessen der jüdischen Kapitalisten find jenen ihrer jüdischen und arabischen Arbeiter entgegengesetzt. Tie ökonomischen Interessen der Effendis verlangen die Ausbeutung des armen unwissenden Fellachen. Jeder Dunahi, den jüdische Arbeiter im. Lande bebauen, erhöht zwar den allgemeinen Wert des Bodens, vermehrt, aber direkt und indirekt den Wohlstand der Fellachen und mindert damit die Ausbeutung und den Grilndrentenbezug seitens der Effenjiis. Das kapitalistische Koukurrenzsystem aber hetzt nicht nur Klasse gegen Klasse, sondern verlangt den erbittertsten Kampf zwischen den Angehörigen ein und derselben Klasse: der jübische Unternehmer muß die arabische Produktion aus dem Markte verdrängen, wenn ihn nicht selbst das gleiche Los erwarten soll. Der jüdische Arbeiter muß mit allen Mitteln, mit Opferfreudigkeit, Entbehrung und rationellem Wirtschaften es erreichen können, um annähernd gleiche Löhne wie die Araber arbeiten zu können. Die religiösen und nationalen Gegensätze verschärfen diese wirtschaftlichen Kämpfe und erscheinen dem oberfläLlichen Beobachter als die letzte Ursache alles Streites mit den Arabern. Deswegen ist für manche Zionisten die Araberfrage letzten Endes nur mit Machtmitteln „lösbar", die Bajonette der englischen, beziv. jüdischen Truppen sollen die Fellachen in Schach halten. Ein Prohibitivmittel, das kaum für den heutigen Tag genügt, die Krankhcitskeimc nicht aus^dyr.West schafft, sondern im Geaentell 27. Clul 5681. noch ernährt. Das Ziel unserer Araberpolitik, der Friede im Lande kann nur dann erreicht werden, wenn es uns gelungen ist, die Wirt-, schaftlichen Ursachen des Interessengegensatzes zwischen Juden . und Arabern avfzuhebcn. Da diese Konflikte mit der Beibehaltung des Kapitalismus, bezw. Feudalsystems untrennbar Zusammenhängen, wäre also konsequenter Weise der wirtschaftlichen Nutzung jüdischer und arabischer Arbeitskräfte durch jüdische Unternehmer, der Ausbeutung arabischer Zwergbauern durch arab. Großgrundbesitzer ein Ende zu machen. Denn ein Klassengegensatz zwischen freien jüdischen Arbeitern und freien arabischen Bauern ist undenkbar. Aber weder Kapitalismus noch Feudalsystem können angesichts der heustgen politischen und kulturellen Zustände abgeschafft iverden. Verbleibt also als. UebergangsM einer zionistischen Araberpolitik die möglichste, Minderung der wirtichaftlchen .Gegensätze. Dies kann von zwei Seiten aus mit Erfolg erreicht werden. ' ■ Einerseits durch ein Abkommen zwischen den Effendis und der zionistischen Organisation. Derartige Bestrebungen sind bereits im Gange: die Araberdelegotion, die im Juli »ach London fuhr, um die Aufhebung der Balsour-Deklaration zu verlange einer Meldung mit der Execürit' frischen Organisation in Verhaus treten. Eine Versöhnungspolitik wird von Tag zu Tag ihnen selbst denn nach übereinstimmenden BerichtcnbqäAy r-i Palästina sollen sich die ökonomischen luup 4 hältnisse der Fellachen dank der gercas englischen ' Verwaltung ' bedeutend äebcstert,' 1 habeiUDie'türkische Mißwirtschaft liefet die / eBadjes völlig der Habgier der Efsendi» und. ellachen KreitiS ein beträchtlicher Teil Arbeitsertrages.' „Der Fellache bekommt-. »V A Appetit zum Bodenkauf, anderseits-wird es f dem Effendi in den neuen politischen, und 'lj ökonomischen Umständen immer schwerer seinen eigenen Boden zu bewirtschaften und eine erträgliche Rente herauszuschlagen. Dies ■ wird den Effendi zum Bo'oenkauf zwing n." (Anmerkung 1). Für die nächste Zeit kommen aber nur der I- N. F. und jüdische Kapital- ' besitzer als Käufer arabischen Bodens in Betracht. Daher werden — wie Dr. Leviti richtig folgert — die Effendis jich mit der jüdischen Immigration abfinben, ja sie wird ihnen sehr, willkommen werden, da sie allein den Grund-' besitzern es möglich machen wird, durch Bo^ denverkauf bedeutende Summen zu erwerben. Eine kluge Politik der zionistischen Or, ganisation, bezw. des jüdischen Bürgertums im Lande, wird den Effendis bald zu verstehen gel>en, daß an ihrer wirtschaftuchen Notlage l icht die einwandernden Juden, sondern vor allem die Auswirkungen einer guten englischen Regierung Schuld tragen. Daher wird es für die Effendis am besteh. . sein, zu retten, was noch zu retten ist und mit dem jüdischen Kapital eine Alliance zu > schließen. J Es mindern sich also die Jnteresssilgegensätze durch einen Ausgleich zwischen den nationalen Gruppen innerhalb der blitzenden Klassen. Ein weiterer Tell des Koiiflikistoffes wird aber durch Friedensbemühungen der Besitzlosen im Lande verringert werden können. Zunächst durch die Bildung jüdisch-arabischer ' Gewerkschaften. Ansätze zu jüdischen Gnverkschaften sind im Lande bereits vorhairden, aber arabische Gewerkschaften? Ist dem arabischen Arbeiterdie europäische Gcwerkschaftsidee überhaupt verständlich zu machen? Wenn das zivilisato-. rische Niveau des Fellachen auch weiterhin' niedrig gchalten wird, so ist wenig Aussicht dafür vorhanden, daß das solidarische Handein einer einzigen Organisation sofort an die Stelle der egoistischen wirtschaftlichen Bestrebungen Tausender von Fellachen wird treten können. Aber wenigstens die Intelligentesten unter den Fellachen werden den Ge> werkschaftsgcdanken in ihrer Weise nmprägen und unter die Masse verbreiten. Jüdische und Anm. I! Dr. M. Levlie-Baih.-chlomoh in be« -34b. Rmtblibau" fit. 0} oom 5. 8. 11