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Jüdisches Volksblatt · 1921-06-28 · 47 (28.6.1921) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1921)
Issue
47 (28.6.1921)
Date
1921-06-28
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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MzMummer 1 K. Nr. 47 Wonneurrnt «L Redaktion u»d Administrativ«: MSH^isch-Ostrau, La»gegaffe 24. Ma^rskrivte auch mit Rückvort» «erden nur obu« Gewähr angenommen und aukbewahrt. Eine Verpflichtung »nr Rücksendung wird nicht rncrkannt. Sprechstunden de^ Redaktion täglich von 11 bis :.9 Uhr vormittags. Eigentum bi* jüdischen Cer» lageS" reg. Gen. m. b. H. in i Rtährisch-Ostran. Herausgeber und verantwortlicher ^Redakteur Dr. I Hugo Herrmann in Mätzr^-Ostrau. A. Je- Das jüdische VolkSblatt" ist kein Lokalblatt, sondern alS Versand- Leitung dazu berufen. Ken natio I nalen. kulturellen und Wirtschaft - Interesse» der bewußten "* im ganzen tschecho» und in Galt» ->te kosten , .e M l- I ur In- >. a ^er der i ■ f größeren Anne i e«: •, ' Er cheint reden ^iereSiag und Freitag. Dienstag, 28. VI. 1921. 22. Silvan 5681. PaWina im englischen Unter- Hans. Ire Debatte über Churchills Mlamng. Nach Churchills Erklärung im englischen Unterhause (siehe jüd. Bolksbl. Nr. 46) sprach Earl Winterton zunächst über mesopotamische Angelegenheiten und sagte dann: „In den Bemerkungen meines sehr ehrenwerten Freundes über Palästina war ein Gegenstand, auf den ich mich beziehen muß, und das ist die Fra^ der Auswanderung. Ich kenne Rischon le Zion beträchtlich besser als mein sehr ehrenwerter Freund/ Ich nahm teil an einem Gefecht in seiner Umgebung während des Krieges und ich freue mich, daß wenige der hübschen Gebäude durch das Artilleriefeuer der Kämpfenden beschädigt wurden. Es ist ein Denkmal der schm eren Arbeit und guten Gesinnung der jüdischen Einwanderer, ich glaube aber, daß der sehr ehrenwerte Herr vielleicht unabsichtlich den arabischen Bearbeitern ein gewisses Unrecht getan hat. Es ist wahr, daß ihre Methoden der Bodenbearbeitung jenen der Juden nachstehen. Ich gebe.zu, daß ich mich auf heiklen Boden begebe. Schließlich waren die, arabischen Bebauer Palästinas, wie veraltet und überholt ihre Methoden fein mögen, doch die Leute, die ursprünglich auf dem BodeN faßen. Es gab einen Zeitraum von scheint mir etwa 1600 Jahren, währenddessen es keinen jüdischen Bewohner überhaupt gab und die arabischen Bauern im Besitze des Bodens waren. Es besteht ein Gefühl unt^r den Arabern, das durch die von den Juden angewendeten höheren Methoden der Arbeit die Anschauung durchdringen könnte, daß im Laufe der Zeit die'Araber den Juden Platz zu machen haben werden. Nichts könnte wesentlicher für die gute Regierung Palästinas sein als die Zerstreuung dieser Vorstellung. Aus die arabischen Bebauer sollte keinerlei Druck ausgeübt werden ihr Land aufzugeben, selbst wenn sie dabei bleiben es krach altartigen Methoden zu bebauen. Wenn wir nicht diese Vorstellung, die ich erwähnt habe, zerstreuen, werden wir eine agrarische Bewegung von sehr ernster Art in Palästina haben. Wir haben bereits etwas dort gesehen, was noch staunenswerter ist, eine mohammednnischchristliche Liga, deren Zweck der Schutz der Interessen der ursprünglichen Bebauer ist. Die Sache wird sehr sorgfältige Behandlung erfordern. Ich hatte immer beträchtliche Zweifel, ob es möglich sei, viel mehr Auswanderer nach Palästina zu bringen und sie auf dem Lande anzusiedeln. Ich habe die Sache mit einem früheren Mitglieds dieses Hauses besprochen, das unglücklicherweise nicht mehr unter uns weilt, mit dem verstorbenen Sir Mark Sykes, und er hatte den Gedanken, eine große Zahl von Leuten im Jordantale anzusiedeln. Ich zweifle aber daran sehr. Ich glaube nicht, daß Palästina viel mehr Einwanderer als Landwirte zulassen wird, Aber es gibt Formen der Industrie dort; man kann auch in den ^ersten Jahren viel für die Verbesserung der Kommunikationen tun und möglicherweise werden sich auch Mineralschätze finden. Ich glaube, es gibt Möglichkeiten der Entwicklung. Jede Regierung in Palästina wird sich in dem Zwiespalt zwischen den Wünschen des arabischen Bauern und' den Forderungen einer fortschrittlichen wirtschaftlichen und intensiven Bearbeitung finden. Fraglos karln man dies erzielen, aber nur jrm den Preis einer Enteignung des arabischen Bauern. Sobald wir beginnen, stand für die Ansiedlung jüdischer Bauern iu kaufen, werden wir uns der vererbten Antipathie gegenüberfinden, die auf der;anzen Welt der jüdischen Rasse gegenüberteht. Gleichzeitig will ich aber keine trüben! Aussichten für die Zukunft Palästinas ge-i ben. Ich empfinde so stark wie der geisterte Anhänger der zionistischen Bewegung die Angriffe, die gegen sie gerichtet wurden. Wir haben in Sir Herbert Samuel einen Mann mit großer Regierunaserfahrung und von durchaus unparteiischer und gerechter Art und ich glaube, daß cr sich bereits unter allen Gruppen der palästinensischen Bevölkerung beliebt gemac': hat. Wir in diesem Hays und in Englarschulden ihm die Verpflichtung, die von l". in Palästina bekleidete Stellung nicht noch schwerer zu machen als sie schon ist. Eö ist ein sehr kleines Land; dig in diesem Hause gestellten Fragen erfreuen sich einer! genauen Beachtung seitens lokaler Parteien und es ist nicht wünschenswert, die Auf-, merksamkeit auf Differenzen zwischen,'Juden und Arabern zu lenken. Wenn man bestrebt sein wird, dies so zu behandeln wie die Frage von Irland und wie die Differenzen zwischen den Ulsterleuten und den übrigen Iren, so wird das eine sehr bedauerliche Wirkung in Palästina haben. -Palästina ist in gewissen Beziehungen, erfreulicherweise nicht in allen, ähnlich wie Irland und nichts ist leichter, als durch Dispute von außerhalb Unruhe zu erregen. Ich glaube, man müßte Sir Herbert Samuel, um eine vulgäre Phrase zu gebrauchen, Gelegenheit geben, erst einmal seine Hand zu zeigen. Die Erklärung über die militärischen Auslagen in Palästina ist sehr zufriedenstellend. Wie im Falle Mesopotamiens, io kann ich im Falle Palästinas nicht sehen, wie irgend jemand vorschlagen könnte, wir sollten'mit Sack und. Pack aus dexn^ande gehen und es in einer schlimmeren Lage zurücklassen, als es früher war. Ich glaube, wir sind berechtigt, von seiten der sogenannten „Anti Waste-Partei" (die Opposition der Sparfanatiker. Anm. d. Red.)! eine Erklärung über ihre Haltung zu dieser Frage zu bekommen. Die Kommission hat das Recht, von den Führern dieser Partei zu hören, was die andere von ihnen vorgeschlagene Politik in Palästina und in Mesopotamien ist und ob es wirklich die ist, das Land mit Sack und Pack zu verlassen oder nur weniger GSld auszugeben und in diesem Falle, in welcher Beziehung es eine bessere Politik als die von meinem sehr ehrenwerten Freunde dargelegte ist. Ich glaube, mein sehr ehrenwerter Freund hat den weit klügeren Weg gewählt. Ich glaube, die Konferenz in Kairo, an der er 'teilnahm, wird von der größtmöglichsten wohltätigen Wirkung für jetzt und die Zukunft für das ganze britische Reich sein". Es sprach dann Sir Charles Townshend über mesopotamische Fragen. Ihm folgte Colonel W e d g - w o o d, einer der Führer der Arbeiterpartei:. „Sowohl der sehr ehrenwerte Herr (Churchill) als auch der edle Lord stWinterton) haben mährend ihres Aufenthaltes in Palästina etwas von dex Atmosphäre dieses Landes eingesogen. Zweifellos war seit dem .Waffenstillstand oder vielleicht schon länger die militärische Atmosphäre dtzrt antijüdisch und araberfreundlich.' Die Beamten verkehrten in der Gesellschaft der Efendis, der extürkischen Beamten und Großgrundbesitzer;, der alten Herren des Landes. Sie vertrugen sich mit ihnen. Sie hörten ihre Anschauungen, und wenn der edle Lord und der sehr ehrenwerte Herr hier austreten und uns sagen, was die Anschauungen der Araber gegen die Juden sind, wie bitterfeind sie ihnen sind, so geben sie nur die Ansichten der arabischen Efendis wieder, der alten Beamten der türkischen Regierung. Diese.Leute hassen die Juden und zwar aus einem sehr triftigen Grunde. Die Juden kommen aus Rumänien, Rußland, Polen, und sie kommen nicht nur als Juden, sondern auch als Vorposten sozialistischer Ideale und westlicher! Ideen von Zivilisation, die sie ini Palästina einpflanzen. Das. erste, was die! Juden tun, ist, daß sie eine Gewerkschaft! gründen. Das zweite, was sie tun, ist, daß! sie die unerzogenen und ungelernten Ara-! der dazu zu bringen versuchen, mit ihnen! Zusammen die Löhne in die Höhe zu rrei- I ben. Es gibt nichts auf Erden, was jede herrschende Klasse' mehr haßt als daß das -'nwcsfends, stupide und versklavte Proletar'at Ideen davon bekommt, was für Löhne :> fordern darf. Diese verfolgten Juden, lose bolschewistischen Juden beginnen damit, den Arabern zu erzählen, daß sie höhere Löhne für ihre Arbeit fordern sollen. Bisher konnten die Efendis ihr Leben lang! Zusehen, wie die Araber für sie arbeiteten, md konnten sie um ihren Lohn betrügen, o verhielten sich die Dinge in diesen östrr. ’ üchen Ländern seit unzähligen Jahrhunder-! ten. Da jetzt die im Westen'entwickeNen Ju-! den ins Land kommen und lehren, daß die! arbeitenden Klaffen das nicht nötig haben,! paßt das den Efendis nicht. Sie erzählen! das dem edlen ° Lord (Earl Winterton) j beim Speisen. Die Offiziere der briti-! schen Armee geraten in Eifer, wenn sie dar- -an denken. Natürlich wollen die Efendis! ihre Arbeiter billiger bekommen; sie mö-! gen diese neuen Ideen nicht; sie werden , kostspieliger und kostspieliger." , Skr F. Banbury: „Bekommen! nicht die Juden ihre Arbeiter in Rußland heute auch billiger: sie zahlen überhaupt nichts?" Col. Wedgwood: „Der sehr ehrenwerte Baronetz versieht mich nicht. Die Juden hier sind eine östliche Raffe. Die Juden in Palästina sind die Pionnlere westlicher'Zivilisation, die den langen Schlummer der Jahrhunderte stören. Diese schrecklichen Europäer sind die Ursache der Pogrome; es ist nicht der arabische Dauer. Er versteht ja sehr wenig von den Fragen. Er arbeitet mit den Juden zusammen, ist gut Freund mit den Juden und streitet nicht j mit ihnen. Der edle 'Lord müßte, scheint mir, eigentlich wissen, daß die meisten Araber Hirten und nicht Bauern sind. Sie wandern hin und her. und können durch enge Verbindung mit dem jüdischen Element kaum beeinträchtigt werden. Aber der. gewöhnliche Araber spielt gar keine! Rolle. Eine Rolle spielen jene Geldjuden,! die sich daran gewöhnt haben, die Bewohner Palästinas auszubeuten. Sie bekommen, billige Arbeiter und haben den Dor- _ teil, daß der neue Nationalismus die sonst gegen sie gerichtete Agitation ausschaltet. All das wirkt zusammen und der Efendi nützt es aus für seinen eigenen Zweck, die niederen arabischen Klassen zum Mord an Juden auszuhetzen — und das ist die Geschichte - der Poarome auf der ganzen Welt." Mr. Ormsby-Gore: „Der ehrenwerte und tapfere Herr meint die Levairtiner." ^Cownel Wedgwood: „Sie hetzen U<T „schwarzen Hundert" auf, die Juden abzuschlachten und bei der ersten Gelegenheit dieser Unruhen sperrte die Regierung sofort den Zustrom weiterer Juden nacb Palästina. Das ist dis d e n k b a r schleckteste Politik. Das heißt, eine Prämie aus die Pogrome setzen. Wenn wir keine weiteren Juden hereinlassen, so ist das genau das, was die Efendis wollen — Palästina als Domäne für ihre alten Ideen zu behalten. Wenn wir diesen Leuten das, was sie wünschen, dafür geben, daß sie Juden erschlagen, so werden wir vielleicht viel mehr als §000 Mann Militär dort brauchen. Leider hat sich Sir Herbert Samuel ins Bockshorn jagen lassen. Ich hoffe, wenn er wieder zu wählen hat, wird er sich etwas weniger um die Behauptung kümmern, die man'ausgekocht hat, um zu beweisen, daß jüdische Agitatoren und Bolschewiken direkt von Lenin aus Moskau kamen. Es gibt nur einen Weg, die Juden w scoützen, ohne zu große Lasten auf den Steuerzahler in EnAaud zu legeu und ohne die Besatzung von . 5000 Mann englischen Soldaten zu erhöhen; nämlich durch die Erlaubnis, daß die Juden eine Verteidigungstruppe für sich bilden. Sir hatten während des Krieges ein ausgezeichnetes Regiment. Dieses Regiment tat vorzüaliche Dienste. Am Kriegsende wurde cs "von der damaligen Militärverwaltung; in Palästina sogleich aufgelöst. Lassen wir. sie ihre eigenen Regimenter bilden. Die. palästinensischen Juden und die Zionistische Organisation sind durchaus bereit, die. Mittel für diese Truppe zu beschaffen. Gsben wir ihnen die Möglichkeit, ihre eigenen^ Siedlungen zu verteidigen, und wir werden viel weniger von diesem gefährlichen Punkt im Orient hören.. Man braucht nicht-! zu fürchten, daß sie die Araber angreisenj werden/ Die Juden sind ein sehr friedlie-- bendes Volk. Sie wissen, daß es für bist} Minderheit immer unklug ist, die Mehrheit" anzugreifen. Heute find alle. Polizisten! im Lande Araber. Diese arabischen Polizisten hetzen andere, an der Ermordung der! jüdischen Einwohner teilzunehmen. Die- Gefahr für die Juden ist sehr ernst. Ich' i empfehle der Regierung, alle Schritts zu unternehmen, die möglich find, um dis Bildüng von territorialen Truppen zum-. Schütz der Juden zu unterstützen und gleich-! zeitig die Steuerzahler Englands von einer Auslage zu entlasten, die sonst aus ihre' Schultern fallen wird. Inzwischen hat der sehr ehrenwerte Herr (Churchill) meinen - Segen. Ich würde nur wünschen, er wäre; schon vor Jahren statt im Kriegsamt im Kolonialamt gewesen. Wir hätten Millionen ersparen können. Wo er ist, wird er der Hecht im Karpfenteich seines Devartements und ich glaube, daß es sehr gut wäre, wenn auch die übrige Regierung seine Auffassung teilte, daß schließlich Frieden die wichtigste Notwendigkeit fiir den Bewohner Englands ist. Mr. Ormsby-Gore: „Heute hat ein mehr oder weniger einstimmiger Chor von Bewunderung der Rede meines sehr ehrenwerten Freundes (Churchill) geantwortet. Ich will sicher nicht der einzige sein, der den allgemeinen Dithyrambus auf die von ihm so glänzend dargelegte Politik stört. Ich muß sagen, daß ich mit meinem unmittelbaren Vorredner vollkommen. übereinstimme. Ich wünschte nur, daß die Politik, die jetzt in Mesopotamien verfolgt! wird, seit dem Augenblick des Waffenstill-' standes verfolgt worden wäre und daß! wir, statt in Mesopotamien eine breite kost-! spieliae und unpopuläre anglo-indische Bürokratie hinter einer von Lord Curzon so»! genanten arabischen Fassade einzusetzen.! das einzig richtige geschaffen, hätten, nämj lick die englische "Fassade mit der arabischen! Wirklichkeit dahinter". Der Redner sprichtim einzelnen über Mesopotamien und fährt j fort: „Ich gehe zu Palästina über. Ich bi»! nicht vollkommen einverstanden mit dem ' was mein edler Freund (Eard Winterton) über Palästina sagte, aber ich gehe weit, wenn nicht gänzlich mit ihm einig mit dem. was von meinem ehrenwerten und tapfe! ren Freund (Oberstleutnant Wedgwood) gesagt wurde. Ich glaube, wenn wir zum Beispiel Galiläa nehmen, daß der arabische Bauer in Palästina ausgezeichnet mit seinem jüdischen Nachbarn auskommt, ebenso wie die jüdischen Nachbarn mit ihm. Ich gebe zu, daß in Jaffa, in den Städten und in ihrer unmittelbaren Umgebung in der Mittelklasse beider Religionsbekennt niste statt einer Verbesserung des Verhält niffes der Raffen zueinander eine Ver schlechterung in den letzten Monaten eings treten ist. Das ist bedauerlich. Ich bin i Lande gewesen und habe im Lande ein ve. antwortliches Amt bekleidet. Ich war aü politischer Beamter den ganzen Sommei 1918 über in Jerusalem. Ich glaubte immer, daß die einzige Möglichkeit für dieser Bezirk, vorwärts zu kommen, die Heran ziehung jüdischen Kapitals, jüdischer A? beiter und jüdischer Energie sei, um der Boden des Landes wieder nuszubauen. I, ~

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