Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 6 (21.1.1921)
- Date
- 1921-01-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Freitag, 21. l 1921< 3. Jahr. WMMMMt msnatll K 7— Mjiibtr. K20— DnS südliche Ä-'otköblarti,i kein Lokalblatt, lc-ndern als Versand aeitung dazu berufen den nationalen. knlturcllen »nd wtrtsÄaftlichen Interessen der bemühten Iudenschaft im «nn,en tsckechostcmakikchen Staate und tn Gali> f ,icn ru dienen - Inserate kosten 30 t> für die Zsach gespaltene Mil \ imcteraeile. Knrräa, füt In- | ,erate übernehmen anher der i Sldmintstration alle gröberen An- I «oncenerpeditionen. Erscheint iek den Dienstag und Ireirag. 12. Schebet 5681. mmmssssm OEssassza Kerrn -aieffsd. Steten Hajeffod-ArLett. Dis Parteileitung für Deutsch-Oesterreich hat ein besonderes Komitee gebildet, welches rn jedem einzelnen Falle zu prüfen hat, ob ein Zionist mit seiner Zeichnung seine Pflicht voll erfüllt hat und mit seinem Namen in die Liste derer ausgenommen werden soll, die dem Keren Hajessod das verlangte Opfer gebracht haben. In Jugoslawien ist ein Kuratorium für den Keren Hajessod mit dem Sitz in Zagreb gegründet worden. Der gefchäftsführende Vorsitzende ist Herr Simo ,Spitzer, det sich für die Arbeit in einem so weitgehenden Maße zur Verfügung gestellt hat, daß es möglich war, von der Anstellung eines Generalsekretärs vorläufig abzusehen. In Serajewo ist ein besonderes Kuratorium für Bosnien und die Herzegowina, in Novifad ein solches für die Wojwoda eingerichtet worden. Das Kuratorium in Serajewo steht unter der Leitung des Großrabbiners und des Vorsitzenden der dortigen sephardischen Gemeinde, den Herren Tr. Levy und Ingenieur Sumbul. Als Generalsekreiär wurde Herr Michael Levy angestellt. In Novisad soll das Kuratorium noch gegründet werden. Als Generalsekretär fungiert Herr Advokat Dr. Händler. — Recht lebhafte Keren Hajessod-Arbeit wird in Norwegen vorgenommen, das im Dezember von Dr. Salkind besucht wurde. Es wurde ein Komitee gebildet, das aus Zionisten und Nichtziowsten zusammengesetzt ist. Dr. Salkind besuchte außer Christiania u. a. auch Drontheim. Es ist beabsichtigt, etwa 200.0C0 Kr. in Norwegen aufzubringen. — China. Herr Israel Cohen, der im Aufträge der Keren Hajessod-Leitung Australien und Ostasien bereist, hat in Shanghai bisher 10.000 Pfd. gesammelt. (Z. K.) Keren Hajessod in Frankreich. (I. C. B.) Das Zentralkomitee der französischen zionistischen Föderation hat sich auf {einer letzten Sitzung ausschließlich mit der Organisierung des Keren Hajessod in Frankreich befaßt. Nach einem Referate Alexand. Noldsteins aus London, wurde beschlossen eine Länderkommission für den Keren Hajessod einjusetzen, deren erste Aufgabe die Ausarbeitung sines detaillierten Arbeitsplanes für eine großzügige Aktion des Keren Hajessod in Frankteich sein wird. Dieser Plan soll deckt Mitte Fanuar stattfindenden Delegiertentage der französischen Zionisten vorgelegt werden. Amerika gegen dis iisüeifisig der (I. C. 23.) Auf Grund eines Berichtes aus Wien über die Ausweisung smaßregetn der österreichischen Behörden gegen die fett Kriegsausbruch nach Oesterreich zngewandcrten Juden aus Galizien und der Bukowina, hat das Administrationskomitee des Kongresses der amcri'a. i che t Regierung unternommen. Das Kongreßkomitee erhielt von der Regierung in Washington eine Antwdrt, daß der amerikanische High Commissioner in Wien bcanfcragt wurde, unverzüglich Jnfornrationen über die Ausweisungsgesahr nach Washington einzuschicken, worauf die Negierung die erforderlichen Schritte unternehmen wird. Tor der brrichtmlg des Fudestzsater. Von Dr. Hugo H e r r m a n n, M.-Ostrau. IV. Das IaArumenj des Aushaues. Wir haben gesehen, daß die wesentlii^- sten politischen Vorbedingungen für den Aufbau der jüdischen Heimstätte gegeben sind, daß das jüdische Palästina errichtet werden kann, und daß seine Errichtung eine Notwendigkeit für das jüdische Volk ist. Wir haben uns die wichtigsten Aufgaben vergegenwärtigt, die in der ersten Periode der konstruktiven Palästinaarbeit zu lösen sind. Die nötigen Pläne sind vorhanden, die Fachleute zu ihrer Durchführung stehen zur Verfügung^ zeyniansende von arbeitswilligen und arbeitsfähigen Mentchen warten nur auf das Zeichen zum Aufbruch. Und doch kann dieses Zeichen nicht gegeben werden, können die Plane nicht ausgeführt, kann die Arbeit nicht begonnen werden, so lange eine wichtige Voraussetzung fehlt, das sind die nötigen Geldmittel. Wer das dritte Kapitel unserer Ausführungen gelesen hat, weiß, daß die Arbeiten, die uns zunächst obliegen, so geartet sind, daß sie mit dem privatwirtschafllichen Maßstab gemessen unrentabel sind. Der Erwerb von Boden in Palästina in Privateigentum soll nach Möglichkeit gänzlich ausgeschaltet werden. Die volkswirtschaftliche Wissenschaft läßt keine Zweifel darüber, daß das Privateigentum an Grund und Boden, wenn nicht die einzige, so doch sicher die Hauptursache für alle Härten und Mängel des kapitalistischen Systems ist. Wir knüpfen nur an die große Tradition des antiken Judentums an, wenn wir darnach streben, daß der gesamte Boden des Landes nicht im Besitz von Einzelnen sondern im Eigentum des ganzen jüdischen Volkes ist, das diesen Boden nur in Erbpacht an die Bebauer gibt. Somit ist an einen Geioinu d:rch die außerordentliche Weristeigerung des Bodens nicht zu denken. Die materielle und sanitäre Vorsorge für die Emigration, die Errichtung von Einwandererhallen in den Ankunftsl)äfen, die Ausschließung zusammen äugender Bodenflächen durch Entsumpfung, Bewässerung, Entsteinung und 2lusforstung kann einen unmittelbaren Eetrag nicht liefern. Tic Früchte dieser Arbeiten wird das jüdische Volk, vielleicht noch in dieser Generation, vielleicht erst in der nächsten, genießen und zwar in der Gestalt eines gesunden, blühenden Landes, das mit öffentlichen Einrichtungen reichlich ausgestattet ist und über einen erfreulichen nationalen Besitz verfügt. Aber niemals kann unsere Absicht sein, die Kolonisation so durchzuführen, ■ :>) das neue lirrterve mungcu keinphilarnropischen Grundsätze befolgen, sondern gesunde geschäfllrche Maximen, daß sie nicht trägen Elementen ein müheloses Dasein ermöglichen, sondern arbeii tenden Menschen die Vorbedingungen der Ar- [ beit erleichtern. Damit hängt schon zusammen, Haß die Mittel, die für solche Zwecke nötig sind, nicht verloren gehen, auch nicht 5m privatwirtschaftlichen Sinne, sondern eine angemessene Verzinsung finden. Ohne Rücksicht auf diese Erwägungen ist schon vor längerer Zeit, so bald nur überhaupt die Möglichkeit des Aufbaues tu greifbare Nähe zu rücken schien, der Gedanke aufgetaucht, die Mittel zum Ausbau durch eine nationale Llnleihe zu schaffen. Der Gedanke ist so alt wie der politische Zionismus selbst. Theodbr Herzl, der, um eine bestimmte Ziffer zu nennen, im „Judenstaall' von einer Milliarde Mark (50 Millionen Pfund Sterling) als dem nötigen Llnfangskapital svrach, dachte an drei Wege der Auchringnug dieses Kapitalst durch die Hochbank, dnr Hdie Mittelbank und durch eine vollsiüuttiche Subskription. Aber unmittelbar nach der Niederschrift des „Judenstaates" schwebten ihm doch nur zwei Möglichkeiten vor, die erste und die dritte. Und als Baron Hirsch in der denkwürdigen Unterredung <mt Pfingstsonntag i a i':b derart exploitiert wird, das; es die uö-! tigen Aufwendungen reichlich vergilt oder auch j nur entsprechend verzinst. Das ist ja der fundamentale Unterschied unserer Kvlonisationsaufgabe von den bisher bekannten, dag noch jedesmal, wenn ein euroväisches Volk kolonisiert Hut, dies zu Gunsten und zu Nutzen des „Mutterlandes" geschah, während in unserem Fal e das über die ganze Welt zerstreute jüdische Volk kolonisieren will zu Gunsten und zu Nutzen desjenigen Teiles, der sein Leben mit dem Leben der altneuen .Heimat verkimpft. Daher ist jede Llrt von imperialistischer Kolonisation, von Kolonialwirtschaft zu Gunsten derjenigen Schicht, die die Kolonisation finanziert, von vornherein ausgeschlossen Damit ist nicht gesagt, daß nicht einzelne der durchzuführenden Arbeitetr auch in prioatwirtschaftlichem Sinne rentabel sein sollen. Die Schaffung von Kraftwerken und die^ Entwicklung einer darauf basierenden Industrie, ferner die Errichtung von Bankinstituten zur Beschaffung des nötigen langfristigen 5zypothekar-, und Agrarkredites wird zweifellos so zu erfolgen haben, daß diese 1H95 Herzl davon überzeugte, daß die Hoäpfinanz für den Plan nicht zu lmben sein werde, die Frage der Geldbeschaffung aber letzten Endes der Kernpunkt des Problems sei, da rief ihm tz>erzl zu: „Ich werde eine jüdische Rationalanleihc von zehn Milliarden Mark arfbringcn." Ter Gedanke scheint ja auch so überaus einleuchtend. Tie erforderliche Sunnne ist so groß, daß sie im Budget eines Mittel-.. steartS eine ansehnliche Rolle spielen würde, daß il re Ausbringung durch Privatanstreugimg einzelner, und seien es auch die k'cichften der Erde, undenkbar ist; da kann nur eine große Aktioir des ganzen Volkes Helsen und die Form der Anle'kr ist der gegebene Ausdruck dafür, daß es lich diesmal nicht mehr um noch so große organisierte Hilfe für Einzelne, sondern um die Hilfe für das Volk, um die Gründung des Staates handelt. Einzelne Vertreter des Anl-ihegedankcns haben ia sogar das etwas bizarc 2lrgument vorgebracht, durch die 2lufuahme einer Anleihe trete das jüdische Volk eben in die Ztei^e der staatsbildenden Völker ein, denen allen fomeinfam sei, daß sie Staatsschulden haben. Es ist ein Körnchen Wahrheit auch in diesem Argument und jeder Kenner der Psychologie der jüdischen Massen wird zugeben, daß es eine außerordentliche Erleichterung für die Aufbringung der nötigen Summe iväre, wenn die Parole der nationalen Anleihe hätte ausgegeben werden können. Den Verfechtern dieser Parole stand aber bei den entscheidenden. Beratungen des vergangenen Jahres eine andere Gruppe gegenüber. Steitüfetott. Zur Fudeufrage. VorchFr. W. Foerster. Die Berliner „Jüdische Rundschau" chreibt: Im Verlag „Friede durch Recht" (Statt* kartl erschien soeben ein hochinteressantes Buch m bekannten Pädagogen und Polfti.ers Fr. P. Foerster: „Mein Kampf gegen das miliiärische und nationalistische Deutschland." Ohne sich mit allem dort Gesagten zu identifiZieten, darf gesagt werden, daß in ihm eine der wesentlichsten Quellen cmfgedeckt wird, »us der das über Deutschland verhängte Schicksal geflossen ist: der nationalistische und »ustitarislische Dünkel. Wenn wir^aus diesem Küche das kurze Kapitel über die Judenftage lier. zum Abdruck bringen, so geschieht es keni-rcr tüii der darin enthaltenen Abiqge ^egen den Äntisemst'-mus willen. Wichtiger icheint es Lt; als Beispiel dafür, wie seltjam sich sogar im Denken eines der freiesten »nd edelsten deutschen Geister Jüdisches sxie- »elt.^ Daß der überzeugte Christ von der »Asnniilierung an den Geist ührists" spricht, nmsnL uns nicht Wunder. Nachdenklich masten rber sollte es uns. wie wenig anscheinend auch k-iejer Maml vom Wesen des Judentunis als einer Gemeinschaft weiß. An dem tiefen und uncinnüdllchen Streben Foersters nach Wahrheit und Gerechtigkeit ist kein Zrveifel erlaubt, klm so deutlicher wird, wieviel uns noch zu tun bleibt, um den Gedanken des jüdischen Volkes wenigstens denen nahe zu bringen, die gleich ihm an einer neuen Weftoronung des Rechtes schaffend sich bemühen. In dem Kapitel über den deutsch-französischen Konflikt wurde ein Wort Paul Seippels zitiert: daß der Triumph des Rechts und der Wahrheit im Dreyfußprozeß dir Ouvertüre zum ftanzösischen Sieg an der Marne gewesen sei. Dieses überaus treffeirde Wort hat eine tiefe, mahnende Bedeutung für Deutschland. So nsl* Frankreich gerat»? deshalb der deutschen Wucht standtzuhalten vermochte, weil es moralische Kraft und Klarheit genug besessen hatte, um das Recht eines einzigen Juden schwer zu nehmen und monatelang dafür zu ringen, daß das Leben dieses Juden den Militärs entrissen werde — so wird Deutschland endgültig .zufammenbrechen, wenn es den deutschen Nationalisten gelingt, weitere Kreise in Teulschland zur B'-utallsierung der jüdischen Elemente aufzuhchen. Wie wir den Juden behandeln, danach werden wft gerichtet werden. Ter Jude ist uns g;- gebM,. .dM.it wir uns ihm gegenüber in schwerem Kampf mit eigener roher Unduldsamkeit zum Rechtsgedanren emporringen unser eigenes Recht in der Welt wird weder durch flammende Proteste noch durch Gewalt und Intrige, sondern nur durch unsere innerste Bewährung gegenüber dem ftemden Rechte zur Anerkennung gebracht werden. . Gewiß kann es niemand verwehrt werden, den jüdischen Einfluß für schädlich zu halten und ihn mit allen erlaubten und anständigen Mitteln zu bekämpfen, das wilde und harte Generalisieren aber, die Fußtrutsprache, die gesellschaftliche Achtung und Ausschließung verrät eine unbeschreihliche Rolreit der Gesinnung: nran ftagt sich mit Grauen, ob das deutsche Volk für diesen Ant-femlt'smus. dessen erster und lautester Wortführer bezeichnenderweise Treitschke war. nicht noch 'inmal schwer gestraft werden könne dadurch, daß ihm in der Welt das gleiche zugefügt wird, was seine Hetzer jetzt dem Juden zufügen. Eine Ahnung von solchem Gericht ka> n man rnr Ausland bekommen, wenn mnn merkt,, wie wir überall als „hoches" gestempelt finb; da kann man sich eine Vorstellung van der Tiefe des Wehs machen, das oie hochgesinnten Elemente unter den Juden über diese verailgeme.'nernde Aussto iua;. ü'er dielen Makel ihrer Geburt, über diese unmenichsiich«. MLsMWg empffnden. So wie im vorangehenden vom Preußen gesagt war, daß er die letzten Konsequenzen ans einen» allgemeinen Weltzustand gezogen habe und dadurch ein Spiegel für eben diesen Weltzustand geworden sei, so darf man auch vom Juden sagen, daß sein Geschäftsgeist nicht etwa ein isol'ertes Uebel innerhalb der menschlichen Wirtschaft darstellt, sondern psef' mehr das tieffte Wesen dieser Wirtschaft mjt konzentrierter Betriebsamkeit und Logik ans Licht bringt und deshalb ein Spiegel der Selbsterkenntnis ftlr den Geist unserer „arischen'.' Oekonomie ist. Dian soll gewiß die Art von jüdischem Typus, die auf diesem Boden gewachsen ist, nicht beschönigen, es ist aber der Gipfel der Oberftächlichkeit. wenn man den Zorn all derer die unter dem nrodernea Geldmenschentum leiden, auf den Juden aVlcnkt, statt ihnen das Wort auf die Lippen zu legen: nostra culpa, noftra marima cuwak Tenn auch die arischen Kapitalisten sind nicht »Banditen innerhalb einer Welt von Liebs : und Ehrlichkeit, sondern auch sie bringen auf I einem ganz beslimritten Gebiet nur die all- ' gemeine rücksichtslose und kulturlose Gier na-H {materieller Sicherung und Macht zum Ausdruck. Für das deutsche Volk wird die Art seiner Stellungnahme zur Judenftage außen-