Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 51 (18.12.1896)
- Date
- 1896-12-18
- Page
- Seite 838 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 838 Nllgerneiue Israelitische Wochenschrift. Nr. 81. Geiger sind von der Bildfläche verschwunden. Zu ihrem Ersatz sind die Herren Sanitätsrat Dr. Boas, Rechtsanwalt Lilienthal und Wilhelm Goldschmidt berufen. Was Herrn Sanitätsrat Dr. Boas betrifft, so schwankt sein Charakterbild in der Geschichte unserer Gemeinde. Die Konservativen haben ihn als zum andern Lager gehörig im vorigen Jahre aus der Repräsentantenversammlung ausgemerzt, und jetzt haben sie ihn gewählt. Sie haben sich nämlich, wie sie sagen, über Herrn Dr. Boas im Irrtum befunden. Die Liberalen aber zählen ihn noch immer zu den Ihrigen und haben ihn auch gewählt. Wer wird sich jetzt getäuscht finden? Herr Lilienthal, der zweite Stellvertreter, hat in der Fürsorgekommission eifrige und nützliche Thätigkeit entwickelt. Sein Programm ist nicht bekannt. Man hat ihn nicht danach gefragt oder wenigstens die Auskunft nicht weiter gegeben. Erst an die sechste Stelle haben die Konservativen einen Mann von ausgesprochener Farbe gebracht: Herrn Wilhelm Goldschmidt. — Um den letzten von sechs Plätzen zu besetze«, haben die Konservativen einen Sieg auf der ganzen Linie nötig gehabt! Wie viel bescheidener hätten ihre Ansprüche sein können, wenn sie unterlagen? KoMIim»-Mische Volksschulen. Wenn jemand mit seinen Lieblingsideen in Gesprächen allzu freigebig ist, so kann es ihm passieren, daß der Angeredete ihm schließlich kaum zuhört, und wenn er gar ein Organ findet, daß seine Ideen mit Druckerschwärze verbreitet, so wird er lästig, und will er dann, durch dieses ermutigt, einergroßen Vereinigung in seiner bescheidenen Weise eine Direktive geben, so macht er sich einfach — lächerlich. Diese Gedanken kamen mir unwillkürlich, als ich bei einem vorübergehenden Aufenthalte in Berlin in einem dortigen Blatte einen Artikel unter obiger Spitzmarke las; und obwohl es mir sonst ganz fern liegt, gegen das nicht genannte Blatt und den unbekannten Verfasser zu polemisieren, — gegen die darin enthaltenen Ideen muß ganz entschieden Front gemacht werden. Als vornehmste Aufgabe des neugegrüudeten „Deutsch- Israelitischen Lehrerbundes" betrachtet der Verfasser, die Sorge, daß die jüdisch-konfessionellen Volksschulen vermehrt werden. Er wünscht in seiner bescheidenen Weise diesem Bunde damit die Direktive zu geben. Auch wir begrüßten die Gründung des Lehrerbundes mit Freuden, und wenn wir uns auch vou ihm keine großen Thaten versprechen, so ist doch für manche interne Fragen, die Schule und Lehrer betreffen, eine Zentrale geschaffen. Der Bund kann Gutes leisten, wenn er sich phantastischen Projekten sernhält und solche überhaupt nicht diskutiert. Die jüdischen Volksschulen stehen auf dem Aussterbeetat, — das erkennt auch der Verfasser an. Im Jahre 1882 schrieb ich in meinem Werke: „Der jüdische Lehrer, sein Leben und Wirken": „Mit der jüdischen Elementarschule wird es bald vorbei sein, denn die kleinen Gemeinden verringern sich und sind kaum noch imstande, einen Kantor und Religionslehrer zu halten." Ich srug weder damals noch heute ängstlich: „Was soll aus unseren jüdischen Volksschulen werden?" — sondern sagte damals wie heute: eingehen sollen sie! Was nicht lebensfähig ist, muß sterben, das ist überall, im Leben der Natur, wie im Leben des Individuums, unabänderliches Gesetz. Unsere jetzt noch bestehenden jüdischen Volksschulen sind heute nur noch entweder Kleinkinderbewahr-Anstalten, d. h. Schulen für zwei unterste Klassen, oder — Armenschulen! Ein wirkliches Bedürfnis für jüdische Elementarschulen ist noch in Berlin vorhanden, wo unter 25 000 schulpflichtigen jüdischen Kindern mindestens 2000 Kinder unbemittelter Eltern vorhanden sind, die diese zwei Schulen besuchen und dort ausnahmsweise Kenntnisse erwerben, die über das Niveau einer gewöhnlichen Volksschule hinausreichen. Außerdem giebt es noch im Osten größere Gemeinden, wo das Verhältnis ein ähnliches ist. Außer Berlin haben aber sämtliche größeren jüdischen Gemeinden in Preußen, wie Breslau, Königsberg, Hannover, Köln, Danzig rc., ihre früher bestehenden Elementarschulen aufgelöst und dafür ihre ganze Sorgfalt dem Religionsunterricht zugesührt. Hamburg und Bremen gehören nicht zum preußischen Staat, und Frankfurt a. M. hat zwei jüdische Realschulen. Alle noch bestehenden jüdischen Elementarschulen werden allmählich aufgelöst und alljährlich verringert, und wahrlich nicht zum Schaden des Judentums und der jüdischen Religion. Und bei dieser Decadence stellt der Verfasser jenes Artikels die strikte Forderung, daß alle jüdischen Gemeinden, die 40 schulpflichtige Kinder zählen, mehrklassige Elementarschulen errichten sollen! Er verkennt es allerdings nicht, daß von den Gemeinden in dieser brennenden Frage nichts zu erwarten sei, darum müsse der „Deutsch-Israelitische Lehrerbund" diese Sache in die Hand nehmen. Alle anderen Fragen müßten vor dieser zurücktreten; es dürfe nicht eher gerastet werden, bis wir unser Ziel erreicht. Es ist angesichts dieser Naivetät wirklich schwer, die Satyre zu unterdrücken, aber wohl möchte ich wissen, wie der Verfasser sich diese Lösung eigentlich denkt. Soll der Verband, über den Kopf der Gemeinden hinweg, die doch nun einmal autonom sind, Elementarschulen gründen? Oder sollen die Gemeinden durch die Regierung veranlaßt werden, derartige Schulen einzurichten? Wer soll denn in diesen Fällen, die sicher nie eintreten, die jüdischen Eltern zwingen, ihre Kinder in diese Schulen zu schicken? Diese Forderung wäre allerdings das Ideal der Antisemiten, sie sollte aber von einem jüdischen Lehrer nicht einmal gehegt werden. Ich amtierte bis jetzt in fünf mittleren Gemeinden, die alle über 40 schulpflichtige Kinder zählten. Von diesen 200 Schülern besuchten 4 Kinder die Volksschule, alle übrigen aber das Gymnasium oder die höhere Töchterschule. Ich greise nicht fehl, wenn ich die Zahl meiner Schüler seit 27 Jahren aus 1500 schätze, wovon über 90% höhere Schulen besuchten. Eine weitere Frage, der ich volles Verständnis entgegenbringe, ist die: Was soll aus den Elementarlehrern werden? Auch diese hat längst ihre Erledigung gesunden. Anstatt sich mit den ganz unfruchtbaren Vorbereitungen für die Mittelschullehrer- und Rektorats-Prüfungen zu befassen, mögen die Herren sich mit dem Studium zum Kantorat- und Predigeramt beschäftigen. Die Zukunft gehört dem — Kultus beamten! Die mittleren Gemeinden, die bisher noch Rabbiner besoldeten.