Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 44 (30.10.1896)
- Date
- 1896-10-30
- Page
- Seite 726 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 726. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 44. Sünde, wie sich auch Gott erbitten ließ, die böse Einwohnerschaft von Sodom zu schonen, wenn zum wenigsten zehn gute Menschen sich in dieser Stadt befänden. Der „Judengott" ließ der sündigen Stadt Niniveh ihren Untergang verkünden. Ihm reute aber das Unheil und er verzieh der Stadt, als sie Besserung zeigte. Der „Judengott" nach dem talmudischen Begriffe nahm es Moses und den aus Egypten flüchtenden Juden übel, daß sie einen Lobgesang über den Untergang der verfolgenden Egypter angestimmt hatten. „Wie?" — fragte dieser selbe Judengott, der von einem deutschen Gerichtshof eine so schlechte Zensur erhalten hat — „meine Geschöpfe sind in des Meeres Tiefe versunken, und ihr stimmt Dankgesänge an?" Der Talmud versichert jedem Juden das ewige Heil, wenn er täglich den 145. Psalm mit Andacht betet. Warum? Weil es da (Vers 16) heißt: „fGottj sättigt alles Lebendige in seiner Gnade." Dadurch fand dieser Psalm den Vorzug vor einem andern, der in seiner Komposition ähnlich lautet, der aber verheißt, daß Gott nur die Frommen mit Nahrung versorgt (Ps. 111, Vers 5). Der Jndengott verkündet nach einer talmudischen Aeußernng in Anlehnung an Kohelet 3,15: „Selbst wenn der Gute den Bösen verfolgt, ist der Verfolgte Gottes Schutzes sicher." (Jalkut zur Stelle.) Der „Judengott" hat es abgelehnt, durch den frommen König David ein Heiligtum erbaut zu bekommen, „weil er in den vielen Kriegen zu vieles Blut vergossen" und nach der Lehre Israels jeder Mensch, gleichviel ob Jude oder Heide, „im göttlichen Ebenbilde" geschaffen ist. Der „Judengott" lehrt nach dem vielgeschmähten Talmud, daß man die nichtjüdischen Armen gleich den jüdischen unterstützen müsse, die nichtjüdischen Kranken pstegen, ihre Toten begraben, den Leidtragenden Trost spenden. Der Begriff des „Judengotts" involviert nach der talmudischen Moral, daß ein Heide, der sich mit der Lehre der sittlichen Vervollkommnung beschäftige, dem Hohenpriester an Würde gleich sei, daß Israel an dem Sukkotfeste zuerst Opfer für das Heil der andern Nationen zu bringen habe und dann erst für sein eigenes. Nach dem jüdischen Gottesbegriff darf man den „Judengott" nicht lästern, sondern überhaupt keiue Gottheit, d. h. das religiöse Bekenntnis irgend eines Volkes. Nach der „jüdischen" Moral wäre ein jüdischer Sedlatzek schon in der ersten Instanz streng bestraft worden. Der „Judengott" verbietet, in der Gegenwart eines zum Judentum bekehrten Heiden verächtlich von seinem früheren Glauben zu sprechen, da ihn dies vielleicht doch kränken würde. Der „Judengott" verbietet, überhaupt jemanden zu kränken oder zu beschämen, denn es sei besser, daß sich der Mensch in einen glühenden Ofen lege, als daß er „jemanden beschäme", lehrt der böse, unmoralische Talmud. Der „Judengott" verbietet auch die bloße, boshafte Neckerei, gleichviel ob gegen Jude oder Heide. Wir sehen also, daß sich der Judengott ganz gut sehen lassen kann, selbst im Lichte der modernen Moral. Freilich hat der „Judengott" einst befohlen, in Palästina die götzendienerische, durch und durch verderbte Bevölkerung gänzlich auszurotten, ein Vergehen, das ihm von allen Antisemiten, von Tacitus bis auf Sedlatzek vorgehalten worden ist. Wir plädieren trotz alledem auf mildernde Umstände, indem inderthat für das jüdische Volk die Gefahr bestanden ' hat, von der Verdorbenheit jener heidnischen Bevölkerung angesteckt zu werden. Das Unglück fürdenjüdischen Stamm war jenes strenge Gebot nicht ausgeführt zu haben, weil sich die menschliche Natur gegen solche heroischen Mittel sträubt. Und dann, wie lange ist es her, daß die Kreuzzügler, doch wohl nicht im Namen des „Judengottes" unter den Mohammedanern in Jerusalem ein Blutbad angerichtet haben und, wohl blos um in die Hebung zu kommen, auf ihrem Zuge nach dem gelobten Lande, Hunderttausende wehrlose jüdische Opfer abgeschlachtet haben? Wir denken, daß dem gegenüber das, was man dem „Judengotte" zum Vorwurf macht, schon längst verjährt ist. Nein, unflätig beschimpfen darf man in Deutschland den „Judengott" nicht mehr ungestraft; aber seine wahre Natur verkennen — dies ist das verbürgte Recht auch solcher Männer, die berufen sind. Recht zu sprechen. Aber wir sind überzeugt, der Gerichtshof hätte dem „Judengotte" eine bessere Zensur ausgestellt, wenn er in den Lehren des Judentums ebenso gilt und erschöpfend unterrichtet gewesen wäre, wie in den deutschen Gesetzen. Auch der „Judengott" verzeiht leicht Fehler und Jrrtümer, welche bona fide begangen werden, wie er sich schließlich auch dabei beruhigt, daß ihn Sedlatzek beschimpft. Wenn wir aber aufrichtig sein sollen, so müssen wir gestehen, uns hat das gerichtliche Erkenntnis mehr wehe gethan, als Sedlatzeks Schimpfereien. 8. 6. Die Rundfrage. Wer im deutschen Israel — und zuweilen auch außerhalb unserer Religionsgemeinschaft — etwas sprechen oder thun will, was allen recht sein soll, muß vorerst jeden einzelnen um seine gefällige Ansicht fragen, wenn er sich nicht einer nachfolgenden abfälligen Kritik aussetzen will, die um so vernichtender ausfallen wird, je geringer der Erfolg ausfällt. Das Ausland zeigt sich in dieser Beziehung säst ausnahmslos vornehmer und vorurteilsloser; da dort jedoch die Beantwortung von Kulturulld meist auch anderer Fragen der Rücksichtnahme auf universelles Verständnis fast gänzlich entbehren und ein Lokalkolorit zur Schau tragen, so hat diese Behandlungsweise für uns lediglich ein akademisches Interesse. Anders in Deutschland. Die edle Absicht, die Wichtigkeit der Materie, das warme Interesse gelten bei Fragen, welche selbst unser religiöses Vitalprinzip berühren, nicht als nennenswerte „Entschuldigung" für die verursachte Aufregung, und es müßte eine solche „Frage" schon aus dem Umwege über Paris oder London zu uns gelangen, um der allgemeinen Aufmerksamkeit und eventuellen Billigung sich zu erfreuen. Diese Erfahrung mußte auch die von der Redaktion dieser Zeitschrift ergangene Rundfrage, über die Ursachen des zweifellos vorhandenen Niederganges im Judentum und die Mittel zur Abhilfe desselben, an sich erleben, deren Behandlung in der inländischen Presse an die seltsame Auffassung aus Ibsens „Volksfeind" erinnert. Sicherlich ist mit dieser Rundfrage etwas einfach zugestanden, was jeder Einsichtsvolle seit Jahrzehnten bereits erkannt hat, und ihr Inhalt bildete, allen Beiwerks entkleidet, das Leitmotiv aller seit Jahren über die Zustände im Judentume erschienenen Betrachtungen, wobei Herrn Dr. Bernfeld rückhaltlos zugestanden werden muß,