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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-10-09 · 41 (9.10.1896) · p. Seite 692

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
41 (9.10.1896)
Date
1896-10-09
Page
Seite 692 (sequence 16)
Language
German
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Seite 692. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 41. aber ein Kranz aus Kornblumen mit der Inschrift: „La France aux Francais.“ — Herr Clemenceau, der sich seit seinem Rücktritte vom Parlament ganz der Litteratnr gewidmet hat, ist nach Galizien gereist, um dort Studien über die Juden zu machen. — Der Militärdolmetscher Djebari tritt mit der Behauptung auf, der Marquis de Mores sei noch am Leben und habe selber die Todtenszene in der Sahara veranlaßt, damit man an seinen Tod glauben solle. Wie dem auch sei, nach den Enthüllungen, die nach der Todesnachricht über den antisemitisch-anarchistischen Marquis gemacht wurden, ist er zum mindesten moralisch tot, mausetot. — Der Großrabbiner macht einige interessante Mitteilungen über den Zustand der hiesigen jüdischen Gemeinde. Sie besteht aus 50 000 Seelen, worunter 15 000 russische Juden sind, welche, durch die sie auf den Ansiedelungsrayon beschränkende Gesetzgebung zur Emigration gezwungen wurden. Die Hauptopser dieser Legislative sind die jüdischen Kolonien Beßarabiens; diese Flüchtlinge sind ehrliche Familienväter und intelligente, thätige Arbeiter, zum größten Teile Kunsttischler. Tausende von ihnen sind in den Fabriken von Faubourg St. Antoine beschäftigt. Seitdem jedoch die Maßregeln gegen die Juden von den russischen Behörden ein wenig gemildert wurden, kehrten viele zu ihrem heimatlichen Boden zurück, dem sie noch immer leidenschaftlich ergeben sind. -y. London, 29. September. (Ein jüdischer Lord Mayor.) Als Lord Mayor wurde Faudel Phillipps einstimmig gewählt. Derselbe ist ein Schwager des Eigentümers des „Daily Telegraph", Sir Edward Lawson. Sein Vater, Sir Benjamin Phillipps, war 1866 Lord Mayor. — Herr Sigmund Finemann aus New-Pork ist hier eingetroffen, in der Absicht, hier ein ständiges jüdisches Theater zu gründen. Er behauptet, daß ein solches einen sehr bedeutenden erziehlichen und moralischen Wert für die Juden, besonders aber für die jüdischen Fremden in East-End haben müsse, und daß Erfahrungen, die man in Amerika mit solchen Bühnen gemacht, sehr wohl zu einem solchen Schluffe berechtigen. In New-Iork bestehen drei jüdische Theater ausgezeichnet. Jedes davon bezahlt etwa M. 100000 jährliche Miete und nimmt ungefähr eine Million Mark jährlich ein. Herr Finemann selbst ist ein ganz vorzüglicher Schauspieler; seine Frau Dinah genießt jenseits des Oceans den Ruf einer ausgezeichneten Schauspielerin. Aus dem Repertoir steht für die allernächste Zeit „Hamlet", der in einer jüdischen Bearbeitung der Schlegelschen Uebersetzung gegeben wird. Man sieht dieser mit gespanntem Interesse entgegen. R. Stockholm, Ende September. Unser Rabbiner Herr Dr. Klein ist jüngst von unserem König zur Audienz befohlen worden, während welcher ihm der ehrenvolle Auftrag wurde, im Herbst dem Könige und einigen Auserwählten im Schlosse über einige Fragen streng wissenschaftlicher Natur Vorträge zu halten. Die Themata dürften die Ursprünge des Judentums und Christentums, jüdische Philosophie und Mystik und anderes behandeln. £ Petersburg, 1. Oktober. (Zum Exzeß in Djatlowka.) Wie schon kurz gemeldet, haben sich in der Ortschaft Djatlowka (Gouvernement Gtodno) infolge eines Streites zwischen einem Bauern und einem Juden antisemitische Exzesse ereignet. Im Verlaufe des Streites erlitt nämlich der Bauer, welcher epileptisch ist, einen Anfall seiner Krankheit, und als er hinfiel, begannen die Bauern des Ortes, welche glaubten, daß ihr Genosse von den Juden getötet worden sei, sofort eine regelrechte Judenhetze, indem sie alle jüdischen Geschäftsläden plünderten. Die Wut der Bauern nahm bald so große Dimensionen an, daß sie sich auch gegen die behufs Ruhestiftung erschienenen Polizeiagenten und ihren Anführer, den Polizeikommiffar, zur Wehre setzten. Sie griffen den Kommissar selbst an, entrissen ihm seinen Säbel, so daß sich dieser nur durch die Flucht in das Haus eines Kaufmanns retten konnte. Von dort konnte er das Dach eines benachbarten Hauses erreichen, aber auch da war er vor der Wut der Bauern nicht sicher. Sie wollten ihn steinigen, und thatsächlich wurde er am Kopfe durch einen Steinwurf verletzt. Er wurde schließlich nur dadurch gerettet, daß eine Anzahl besonnener Männer das betreffende Haus umgaben und ihn dann, trotz aller wilden Verwünschungen seitens der aufgeregten Menge, sicher nach Hause brachten. Nun begannen die Bauern seine Wohnung zu belagern und nur ein zufälligerweise eingetretener Regenguß, der sie zwang, den Platz zu verlassen, verhinderte ein größeres Unglück. Die Verhandlung gegen die Ruhestörer, deren Zahl siebzig beträgt, wovon fünf die Anstifter der Unruhen wäre-, wird demnächst vor dem Gericht in Grodno stattfinden. £ Petersburg, 4. Oktober. Die „Korobka" (Fleischsteuer) wird von den jüdischen Gemeinden als drückend empfunden. Seit längerer Zeit beabsichtigt man, die Korobka gegen einen Besteuerungsmodus zu vertauschen, welcher sich mehr den Vermögensverhältnissen der Besteuerten anpaßt. Ein solcher Modus ist in Polen angewandt worden. Die Bedürfnisse der Gemeinde werden hier durch eine Repartitionssteuer gedeckt. Eine für 3 Jahre gewählte, unter dem Vorsitz des Rabbiners stehende Kommission stellt für das Triennimn ein Budget der Gemeinde auf. Die jüdische Bevölkerung wird in fünf Gruppen geteilt, von welchen die erste als die wohlhabendste 4/io der Repartition trägt, die zweite ist mit 3/io, die dritte mit 2/io die vierte mit '/in belastet. Die fünfte Gruppe, zu welcher Personen gehören, welche auf die öffentliche Wohlthätigkeit angewiesen sind, ist von der Repartition befreit. Bei einer derartigen Verteilung der Steuerlast wird sie von dem jüdischen Proletariat nicht sonderlich schwer empfunden. Die erfolgreiche Anwendung dieses Systems in einer so bedeutenden Gemeinde, wie in Warschau, ist ein Beweis dafür, daß die Gruppierung der jüdischen Bevölkerung zu Steuerzwecken auf keine Hindernisse stoßen kann. Die Gemeinden in Polen besitzen die Rechte juristischer Personen und können bei Steuerverweigerungen die Hilfe der Polizei in Anspruch nehmen. Wie eine jede direkte Steuer, so veranlaßt auch die Repartitionssteuer die Zahlenden auf eine regelrechte Verwendung der beigetriebenen Steuern zu achten; infolgedessen wird das Budget sorgsam zusammengestellt, es entstehen keine großen Ueberschüffe und sind Mißbräuche schwer möglich. Die Abschaffung der Korobka wäre schon im Hinblick auf eine dadurch entstehende Aufbesserung der Ernährungsverhältnisse des Gros der jüdischen Bevölkerung wünschenswert. ■1 H ii 1 i verantwortlicher Redakteur: A. Levin, Berlin. — Verla«: Siegfried «lronbach, Berlin W. 67. — Druck: Arthur Schalem, Berlin C., Hofft«. *.

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