Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-09-04 · 36 (4.9.1896) · p. Seite 598

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
36 (4.9.1896)
Date
1896-09-04
Page
Seite 598 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/4794838-9609712-9610356--1682-9610358
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 598. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 36. erst vernommen und dem die Aufgabe geworden, diesem Tone die Stimmführung in dem Kulturkonzerte der Menschheit zu sichern. Und klingt auch seit langem der Schall unseres Schofar heiser, so daß erwachsene Buben des Tokea und seines Instrumentes spotten — wir glauben, daß es nicht an jenem noch an diesem liege, daß es einzig der Satan Schwäche ist, der dem Tone die freie, ungetrübte Entwickelung raubt. Dieser Glaube war es, der uns allezeit widerstandsfähig erhalten, der uns nicht verzweifeln ließ an uns selbst und an unserer Zukunft. Allein weiter sich so mächtig erwiesen, entwickelte sich mählich dieser Glaube zu einem Ueberglauben. Für jede Schwäche in unserer Mitte, für alle Anzeichen religiöser Decadence, für die Lauheit und Lässigkeit in der Abwehr derselben wird irgend ein Satan verantwortlich gemacht. In unserer Zeit und unserem Lande führt er den Namen Antisemitismus. Ob der eine versucht, dem Bibelworte gemäß, seine „Stimme wie einen Schofar zu erheben und dem Volke seine Schuld und Israel sein Fehl zu künden"; ob der andere sich unterfängt, wider religiöse Modethorheiten auszutreten, die seit Jahrzehnten an der „Verjüngung" des Judentums arbeiten und es allgemach so „verjüngt" haben, daß es fast kindisch geworden; ob ein dritter es wagt, einen vollen Ton gegen den, nach der Tradition „poßeln" (unverwendbaren) vergoldeten Schofar und seinen widerwärtig kreischenden Klang zu richten — immer wird man an den Satan gemahnt, der in unserem Schofar stecke und einen freien, offenen Ton nicht gestatte. Es giebt aber besonnene Männer, die in dieser beständigen Furcht vor dem Satan den größten Triumph der gegen uns gerichteten Bewegung erblicken, zugleich aber auch die unleugbare Gefahr, daß diese Furcht unsere ohnehin schwache Thatkraft lähmen und die Kenntnis in der Handhabung des religiösen Schofar völlig rauben könnte . . . * * * Ein Märchen aus alten Zeiten, Das kommt mir nicht aus dem Sinn: Aus der Ferne heimgekehrt, betrat ich nach Jahren wiederum an einem Rosch haschanah das Gotteshaus meiner Heimat. An dem Pulte stand wie ehedem der greise Tokea, die Gemeinde folgte wie ehedem den Vorbereitungen zu dem Akte des Schofarblasens, der Rabbi sagte wie ehedem die Reihe der Schofartöne vor; aber nicht wie ehedem — blies der Tokea mit größter Sicherheit, ja mit einer gewissen Virtuosität. Eine Erklärung heischend, erzählte ich nach Schluß des Gottesdienstes dem frommen Greife die Reminiszenz aus meiner Kindheit. Der Tokea nahm mich bei Seite und flüsterte vorsichtig und geheimnisvoll, erklärend und aufklärend: „Mein Sohn, der Satan ist nur dem gefährlich, der an ihn glaubt, ich aber glaube nicht mehr an den Satan." * * * Wir stehen an der Pforte eines neuen Jahres und, wenn nicht alle Zeichen trügen, auch an der Pforte einer neuen Zeit für Israel. Das Bild, das einst nur dem Auge des gottbegnadeten Propheten sichtbar gewesen, ist auch uns wahrnehmbar worden: Die trockenen Gebeine Israels scheinen sich neu zu beleben und zeigen Zeichen von Bewegung. Sie werden völlig erwachen und sich neu entwickeln, wenn das Nebel behoben sein wird, das so lange sie gelähmt, wenn sie werden gelernt haben von meinem greisen Tokea, aus ihrer Mitte werden getilgt haben den Glauben an den Satan. Die Aiitniortkii auf unsere Frage. I. In der vorigen Nr. haben wir mitgeteilt, daß wir uns an siebenzig Notable mit der Frage gewandt haben, ob das Judentum im Niedergang begriffen und was zu thun sei, um den etwaigen Niedergang auszuhalten? In der heutigen Nr. beginnen wir mit der Veröffentlichung der inzwischen eingelaufenen Antworten. Wir machen den Anfang mit den Zuschriften derer, die geantwortet haben, daß sie — nicht antworten werden, und ihre Ablehnung motiviert haben. Eine Beleuchtung dieser Antworten, besonders der von persönlichen Anspielungen nicht freien Antwort des Herrn Geheimrat Lazarus behalten wir uns für die nächste Nr. vor. * * * Rechtsanwalt Dr. Heinrich Meyer Cohn-Berlin. Auf das gefällige Schreiben vom 3. d. M. teile ich Ihnen ergebenst mit, daß ich mir von der beabsichtigten Anthologie nichts verspreche. Eine Antwort, die ernst und nicht nur ein flüchtiger Brief wäre, müßte von jedem der Angefragten fast einen Band füllen. Bei all diesen Masseninterviews (zum Beispiel Klopfer, Bahr über Antisemitismus) ist nichts Gescheites herausgekommen. Derartige „Fragen" kann man eben nicht zwischen Frühstück und Mittag „lösen". Uebrigens halte ich schon die Fragestellung nicht für glücklich. Das „Judentum" als Idee ist eines Niedergangs überhaupt nicht fähig. Die Fragestellung läßt folgende Deutungen zu: 1. „Ist unsere Konzeption der jüdischen Idee im Niedergang? 2. Ist die Judenheit im Niedergang? 3. Ist die Kraft der jüdischen Idee im Niedergang, d. h. hat sie qualitativ und quantitativ an Anhängern verloren? Qualitativ: a) bezüglich der Qualität der Personen, b) bezüglich der Qualität — dem Maße des Eifers für die Sache. Diese letztere Frage 3 a und b haben Sie wohl im Auge. Ueber eine solche Frage sollte man meiner Meinung nach nur schreiben, wenn man sie redlich durchdacht hat, und gerade dann wird man nicht gern im engen Rahmen ein paar Gedanken loslassen. Endlich bin ich der Meinung, daß die Frage einen gewissen Mangel an Selbstvertrauen dokumentiert — der beiläufig meiner Meinung nach nicht berechtigt ist — und dadurch schädlich wirken kann. Irr allen Fällen sollte die Fragestellung sich nur auf Deutschland beziehen. Bon vielen Ländern, in denen weit mehr Juden wohnen als bei uns, wissen die An-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.