Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 27 (3.7.1896)
- Date
- 1896-07-03
- Page
- Seite 468 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 468. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 27. Aus Hessen, 30. Juni. Ein wenig erbaulicher Zeitungskrieg spielt sich hier ab. Der Vorsteher der Gemeinde Ober-Ramstadt inseriert die dort vakant gewordene Lehrerstelle und erklärt die eingetretene Vakanz damit, daß der bisherige Beamte die Pflicht gehabt habe, sich bei einem benachbarten Rabbiner einer Prüfung als Religionslehrer zu unterwerfen, „dieselbe aber nicht habe annehmen (sic!) können." (Beiläufig: Eine Prüfung des Herrn Vorstehers in deutschem Stil könnte nichts schaden.) Hierauf erwidert der bloßgestellte Beamte: „Auf die Annonce betreffs der vakanten Religionslehrerstelle in Ober-Ramstadt habe ich folgendes zu erwidern: Es ist nicht wahr, wie es in der Annonce heißt, daß ich die Lehrerprüfung bei Herrn Dr. Selver nicht annehmen konnte, sondern ich wollte in letzter Zeit von Herrn Dr. S. überhaupt nicht peprüft sein, weil ich schon z. Z. nach hier engagiert war. Zum Schluß bemerke, daß ich keinem der Herren Kollegen resp. Bewerber rate, die Stelle in Ober- Ramstadt anzunehmen, weil die Gemeindemitglieder untereinander nicht den Frieden zu wahren wissen, der für eine einigermaßen erträgliche Stellung der Beamten erforderlich ist." — Wem soll dieser Streit vor der Oeffentlichkeit nützen? r. Wien, 29. Juni. Die neue antisemitische Stadtverwaltung zeigt in ihren ersten Handlungen, weß Geistes Kind sie ist. So hat der Gemeinderat beschlossen, die Subvention von 3200 fl., die dem Volksbildnngsverein gewährt worden ist, auf 500 fl. herabznsetzen. Sehr eigentümlich ist auch der Beschluß, einem intimen Freunde Luegers namens Fister die Salvator-Medaille zu verleihen, die höchste Auszeichnung der Stadt Wien. Die Blätter erinnern daran, daß der also Ausgezeichnete früher dem Gemeinderate angehörte, aber sein Mandat niederlegen mußte, als die Thatsache bekannt wurde, daß er einen politischen Gegner wegen Majestätsbeleidigung denunziert hatte. X Prag, 17. Juni. Der Vorstand des israel. Landeslehrervereins hielt am 14. d. M. eine Sitzung ab. Aus dem Berichte des Schriftführers war zu ersehen, daß sämtliche Beschlüsse der letzten Sitzung ausgeführt worden waren und auch zum Teil der Erledigung der eingebrachten Gesuche vorliege. So hat die Israel. Allianz in Wien dem Vereine eine Spende zur Förderung seiner Schulzwecke gewährt. Von den Beschlüssen, die gefaßt wurden, sind diejenigen hervorzuheben, welche die am 3. August abzuhaltende Generalversammlung, die Absendung einer Petition behufs Ausdehnung der obligatorischen Altersversorgung auf die Kultusbeamten als Privatbeamten, die Lehrplan-, Gebetbuchsangelegenheit, die Gewährung von Darlehen, die Aufnahme von neuen Mitgliedern betreffen. O Pest, 27. Juni. Das Knaben-Waisenhaus hat aus Anlaß des Millenniums vier Stiftungen von je 10,000 Kronen gemacht. Die Zinsen zweier Stiftungen werden zur Erziehung von zwei Lehrerwaisen — ohne Unterschied der Konfession — dienen, während die Zinsen der andern zwei Stiftungen zur Erziehung von zwei Honvcd-Ofsiziers- oder Unteroffiziers- Waisen, gleichfalls ohne Unterschied der Konfession, verwendet werden sollen. Eine Abordnung des Waisenhauses sprach gestern beim Kultus- und Unterrichtsminister Dr. Wlassies vor und überreichte ihm den betreffenden Stiftungsbrief. Der Minister dankte für die ebenso patriotische wie humanitäre und freisinnige Thal der Stifter. O Bosnien, 12. Juni. Die letzte Volkszählung ergiebt nachstehendes Resultat: Zahl der jüdischen Einwohner 1879 mit 3426 „ „ „ „ 1885 „ 5805 „ „ „ „ 1895 „ 8213 Die Juden in Bosnien und der Herzegowina nehmen eine durchaus geachtete Stellung ein. £ Libau, 16. Juni. 25 jüdische Auswanderer verließen dieser Tage den hiesigen Hafen; sie haben sich Südafrika als neue Heimat erwählt, wohin bekanntlich schon recht viele Glaubensbrüder von hier aus gezogen sind. Die Auswanderung nach Argentinien hat vorläufig ganz aufgehört, in diesem Jahre hat von hier aus gar keine Beförderung dorthin stattgesunden. In einigen Wochen wird hier der russische Generalagent des jüngst verstorbenen Barons Hirsch, Herr Feinstein, aus Argentinien zurückerwartet; von seinem Befunde der dortigen Lage wird es wohl wesentlich abhängen, ob überhaupt noch weitere Auswanderertransporte dorthin erfolgen werden. 8t. New-Nork, Anfang Juni. Das hiesige jüdische Waisenhaus hatte im abgelaufenen Jahre an Einnahmen 275000 Doll, zu verzeichnen, an Ausgaben (darunter allerdings einen erheblichen Betrag für Bauten), 325000 Dollar. In dem Waisenhause werden 699 Kinder erzogen (427 Knaben und 272 Mädchen), welche pro Kopf rund 100 Doll, erforderten. Ein großer Teil der Einnahmen wird von den „United Hebrew Charities“ zur Unterstützung derjenigen Kinder zur Verfügung gestellt, welche in die Waisenhäuser nicht ausgenommen werden können. Da sehr viele Gesuche abgewiesen werden mußten, wird die Errichtung eines zweiten Gebäudes für 500 Kinder geplant, wofür 250000 Doll, aufgebracht wurden. Nach Beendigung dieses Baues wird das Waisenhaus die größte derartige jüdische Anstalt der Welt sein. — Chicago, Anfang Juni. Fräulein Karoline I. Bartlett, Pastor der unitarischen Gemeinde Peoples Church in Kalamazoo, Michigan, predigte in der Chicagoer Sinai-Synagoge am 10. Mai d. I., während Rabbiner Dr. Hirsch an demselben Tage in ihrer Kirche predigte. y' * Aus den Gemeinden. In Fürth starb im 85. Lebensjahre ^der Distriksrabbiner von Floß, Herr I. Wittelshöfer. Seine langjährige Wirksamkeit wurde durch Verleihung des Verdienstkreuzes d. O. vom h. Michael anerkannt. — Herr M. Schidorowsky, dessen Wahl zum ersten Kantor in Ratibor hier mitgeteilt wurde, ist inzwischen auch für das nämliche Amt in Tilsit gewäht worden. -- Vakanzen. Frankenstein (Schlesien). Zum 1./8. gepr. Rl., K., Sch. Fix. 1200 Mk., fr. Wohn. u. Nbk. Reisek. d. Gew. — ©Hingen. Zum1./8. sem. geb. Rl., K., Sch. (Bayer.) Fix. 750 Mk., Nbk. ca. 600 Mk. u. fr. Wohn. Reisek. d. Gew. Meld. an Simon Schülein. — Sulzdorf o. L. (Unterfranken). Sem. geb. Rl., K. Fix. 600 Mk., fr. W. u. Heiz. Meld. an M. Hecht. — Groß-Steinheim (Hessen). Zum 1./11. L., K., Sch. Eink. nicht unt. 1200 Mk. Meld. an S. Schönmann. Verantwortlicher Redakteur: A. Lev in, Berlin. Verlag: Siegfried Sronbach, Berlin W. 67. Druck: Arthur Schalem, Berlin C., Roßstr. 8.