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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-06-19 · 25 (19.6.1896) · p. Seite 422

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
25 (19.6.1896)
Date
1896-06-19
Page
Seite 422 (sequence 2)
Language
German
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M II Seite 422. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 25. Das schließt aber nicht aus, daß der Jugendgottesdienst in andern Gemeinden sehr gut und zweckmäßig eingerichtet werden kann. Ebenso wie die Möglichkeit vorhanden ist, daß in irgend einem entlegenen Nest ein bedeutender Rabbiner von vielem Wissen und vollem Herzen zu finden sein wird, der sich dort unter kleinlichen Verhältnissen innerlich verzehrt und ansreibt und sich vielleicht mit seiner zahlreichen Familie nicht satt essen kann, während unsere en^ros-Rabbiner ihr Geschäft eben geschäftsmäßig betreiben nach dem bekannten Heineschen Wort: die Menge thut es! Wenn man demnach vom Jugendgottesdienst sprechen will, so kann man keineswegs ein allgemein giltiges Urteil fällen. In Berlin wird er gewiß nichts wert sein — dafür werden schon die mit seiner Einrichtung betrauten Organe sorgen — während er in der Provinz vielleicht sehr ersprießlich sein kann. In den letzten zwei Sitzungen unseres Gemeindekollegiums hat man sich mit dieser Frage eingehend beschäftigt. Wir waren über die Debatte, welche sich an die Beratung dieses Gegenstandes knüpfte, nicht sehr erbaut. Kein Wunder auch! Wer an einen kranken Organismus Herangehen will, um da seine therapeutischen Künste zu versuchen, der müßte auf der Höhe der medizinischen Wissenschaft stehen, wenn er nicht ein Kurpfuscher werden soll. Nun, wir haben ja in Deutschland Gero er befreih eit, auch in der ärztlichen Praxis. Wir müssen es uns daher gefallen lassen, daß kleinliche und matte Seelchen sich an dies große Werk heranwagen, mit ihrem dilettantenhasten Wissen vom Judentum dieses zu kurieren. Und da denken sie sich eine „Agende" aus — schon das Wort Agende, das nach Nachäfferei riecht, wirkt auf uns wie Digitalis in Mixtur; in Pillen könnte man sie schon vielleicht vertragen. Da sind ein paar Liedchen, Nürnberger Ware, ein bischen Musik, viel Salbaderei — und die „Agende" ist fertig. In dem Repräsentanten-Kollegium hat sich eine mit Heftigkeit geführte Debatte darüber entspannen, ob man den zu verlesenden Abschnitt aus dem Pentateuch gegen einen anderen vertauschen dürfte. Der übliche sei für Kinderohren nicht passend. In der Sache selbst stehen wir auf Seiten des Vorstandes; denn inderthat ist kein Grund vorhanden, darin eine Verletzung des Judentums zu erblicken. Wir haben zwar den üblichen Abschnitt in unserer Jugendzeit vorlesen gehört; wir haben ihn sogar verstanden und erheben dennoch Anspruch darauf, in der Moral mindestens unserer jeunesse doree, welche so fleißig das Apollo-Theater besucht, nicht nachzustehen. Aber nun ja, es sind andere Zeiten, die andere Einrichtungen erfordern. Wir koncedieren den andern Abschnitt recht gerne. Aber, die Frage sei uns erlaubt: glaubt ihr wirklich, das Judentum mit Einrichtungen zu fördern, die auf eurem sterilen Boden entstanden sind? Der Jugendgottesdienst kann sehr heilsam für das Judentum werden; aber es kommt darauf an, wie und von wem er eingerichtet wird. Denn wie lautet das iudische Sprichwort, das Schopenhauer so schön fand? „Nach ihren Thaten werden die Menschen geboren, dumm, stumm, taub, ungestaltet." In andern Händen ließe sich daraus etwas gutes machen; in Berlin jedoch wird es das werden, was die meisten unserer Einrichtungen geworden sind — eine Farce. Wir wollen euch, wenn es sein muß, auch Reformen koncedieren; aber eure „Reformatoren" verleiden uns den Appetit an allem. Da riecht alles nach Parnassim-Weisheit, nach bureaukratischem Dünkel — da bleiben wir lieber davon weg. Aus eurem Jugendgottesdienst werden gewiß keine Juden hervorgehen. S. B. Aus dem Serlinkr Geuikin-epurlament. Draußen eine fast tropische Hitze, drinnen im Beratungszimmer eine große Anzahl von Beratungsgegenständen, dazu langatmige Diskussionen und mitunter ein Ton, der in seiner Schärfe an die so stürmisch verlaufene Sitzung der vorigen Woche erinnerte, das war die Signatur der diesmaligen Repräsentantensitzung, der letzten vor Beginn der Ferien. Zn Anfang der Sitzung wurde ein von Herrn Professor Levin an den Vorsitzenden des Vorstandes gerichtetes Schreiben verlesen, in welchem Herr Levin Protest erhebt gegen die Giltigkeit des Beschlusses der vorigen Sitzung hinsichtlich des Jugendgottesdienstes an den hohen Feiertagen. Herr Pros. Levin behauptet, daß dieser Beschluß nicht in Gemäßheit der Geschäftsordnung erfolgt sei und demgemäß nicht zur Ausführung gelangen dürfe. Von seiten des Vorstandes wurde das bestritten. Es erforderte erst eine längere Geschäftsordnungsdebatte, ehe man zu einer Diskussion gelangte und diese verlief schließlich im Sande, da es sich inderthat herausstellte, daß die Voraussetzungen des Herrn Levin irrtümlicher Natur waren. Alsdann machte Herr Justizrat Meyer Mitteilungen über die Fortsetzung des Kolonisationswerks des verstorbenen Baron Hirsch. Leider waren diese Ausführungen im einzelnen auf der Tribüne vollkommen unverständlich. Die Versammlung erklärt sich sodann einverstanden mit der Annahme einer Schenkung des Herrn Moritz Manheimer im Betrage von 6000 Mark für das Hospital als Grundstock für eine David und Emma Packscher - Stiftung. Im Anschluß hieran delegiert die Versammlung die Herren Moritz Manheimer und Louis Sachs als Vertreter der Repräsentantenversammlung und die Herren Louis Aron, Moritz Heilmann, Albert Heimann und Rudolf Mosse als Vertreter der Gemeinde in das Kuratorium dieser Anstalt. Die Synagogengemeinde Charlottenburg bittet in einer Petition, daß die Berliner Gemeinde ihre Synagoge übernehme. Wie bekannt, ist dies Gotteshaus in Charlottenburg mit einer Hypothek von 80,000 Mark belastet. Ob die Berliner Gemeinde mit der geforderten Uebernahme ein gutes Geschäft macht, ist demnach mehr wie zweifelhaft; für die Herren in Charlottenburg allerdings mag es ja angenehm sein, wenn andere für die Fehler aufkommen müssen, die sie selber begangen. Zur Vorberatung dieser Angelegenheit wird eine gemischte Kommission eingesetzt und in dieselbe entsendet die Herren Dr. Weigert, Oppenheim, Leonhard Sachs, Fränkel, Dr. Tiktin und Marcuse. Verlängert auf weitere 3 Jahre wird der Kontrakt mit dem Unternehmer für das Leichenfuhrwesen. Bei dieser Gelegenheit führt Herr Dr. Weigert Klage über die nach seiner Meinung unwürdig ausgestatteten Leichenwagen. Für den Bau einer Veranda am Hospitalgebäude werden 7000 Mark bewilligt. / %;

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