Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 24 (12.6.1896)
- Date
- 1896-06-12
- Page
- Seite 406 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 408. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 24. blasierter Philister, welchen es an Kraft gebricht, Juden zu sein, thun sich zusammen, um das jüdische Gotteshaus nach dem Muster eines Operettenhauses umzuwandeln und aus unserer Liturgie eine schlechte Operette zu mache». Rasch ist auch ein „Rabbiner" zur Hand, der das Libretto schreibt; eine schlechte Musik ist leicht da, und so haben wir das allerneueste Judentum, das sich wie ein schlechter Zeitungsartikel ausnimmt. Natürlich „zieht" dies nur so lange, als es mit dem Reiz der Neuheit behaftet ist. Später wird es recht langweilig und kein vernünftiger Mensch besucht den Gottesdienst mit den „orthographischen Gebeten", wie Heine spottet. Dieses kann man in unzähligen Gemeinden beobachten, ohne daß sich dadurch unsre Resormfexe davon abschrecken ließen, das Judentum auch in der andern Gemeinde zu zerstören. Es scheint, daß dies uns wie eine Epidemie heimsuchen muß. Nun, die Geschichte wird über diese Reformhelden und den „Rabbiner", der ihnen als Eideshelfer zur Seite steht, zur Tagesordnung übergehen. Das neue Gebetbuch, das schon jetzt Makulatur ist, wird bald, wie seine Vorgänger andrer Fabrikation, dem Fluch der Lächerlichkeit verfallen fein. Aus dem Kkmei»-k-Parlamcnt. Schwere Gewitterwolken umdüsterten den Horizont, als am 7. d. M. unsere Repräsentanten zu löblichem Thun sich versammelten, und auch drinnen im Saale über dem hufeisenförmigen grünen Tische zog ein Wetter sich zusammen, wie es seit Jahren wohl kaum mit so explosiver Gewalt an dieser Stelle sich entladen haben dürfte. Daß dabei grelle Blitze die ganze Atmosphäre unseres Gemeindelebens beleuchteten, ist selbstverständlich, hoffentlich wird aber auch in diesem Fall diese Entladung nicht in bloßem Theaterblitz und Theaterdonner bestanden haben, sondern wie bei einem richtigen Gewitter reinigend und erfrischend wirken. Doch gehen wir in medias res. Aus den geschäftlichen Mitteilungen wollen wir nur erwähnen eine Petition der Religionsgemeinde zu Charlottenburg, in welcher gebeten wird, die Kultusangelegenheiten der Charlottenburger Bezirke, welche westlich vom zoologischen Garten belegen sind, auf die Berliner Gemeinde zu übernehmen. Die Petition trägt 125 Unterschriften. Der Vorstand der Berliner Gemeinde wird demnächst beantragen, die Angelegenheit in gemischter Deputation vorzuberaten. Für Rückkauf von Synagogenständen bewilligt sodann die Versammlung die Summe von 800 Mark. Zur Renovierung von Denksteinen an Militärgräbern und zur dauernden Pflege der Grabhügel werden 185 Mark bewilligt. Dankenswert ist auch der Versuch, die elenden akustischen Verhältnisse des Sitzungssaales zu verbessern. Was bisher in Aussicht genommen wurde, von diesem Mißstande abzuhelfen, Teppiche aus Linoleum, ein über den Saal gezogenes Netz, Portieren zwischen den Säulen, ist allerdings, wie Herr Leonhard Sachs mitteilt, laut sachverständigen Urteilen kaum geeignet, Wandel zu schaffen. Dennoch will man weitere Versuche anstellen, und stellte die Versammlung hierfür 300 Mark zur Verfügung. Bis dahin war alles friedlich abgegangen. Nunmehr aber änderte sich die Situation, das Wettergewölk, das über der Versammlung hing, öffnete seine Schleusen, und ein Unwetter prasselte hernieder mit Sturm, Blitz, Donner und Hagel. Die Versammlung genehmigte die Dringlichkeit eines Antrages, der ursprünglich für diese Sitzung nicht vorgesehen war, nnd trat nun in die Beratung über die Errichtung von Jugendgottesdiensten am Neujahrs- und Verföhnungsfeste ein. Warum eigentlich dieser Antrag erst in zwölfter Stunde gewissermaßen an die Versammlung gelangte, ging aus den Ausführungen des Referenten, Herrn Dr. Kirstein, nicht recht hervor. Der Herr Geheimrat teilte mit, daß die Kommission beschlossen habe, den Jugendgottesdienst an den beiden Neujahrstagen und am Versöhnungsfeste je zweimal stattfinden zu lassen bei jedesmaliger Dauer von 17a Stunde. Eine Agende sei ausgearbeitet und habe die Zustimmung des Rabbinats gefunden. Diese Agende in ihren einzelnen Teilen dem Kollegium zur Kenntnis zu bringen, hielt der Herr Geheimrat nicht für nötig. Daß eine solche Arbeit schriftlich oder gedruckt allen Mitgliedern in die Hände gelangen muß, wie das in allen andern parlamentarischen Körperschaften eine löbliche Einrichtung ist, ist leider hier des Landes nicht der Brauch. Herr Dr. Kirstein begnügte sich nur damit mitzuteilen, daß die Kommission beschlossen habe, an Stelle des “icNti' -p-n den Gottesdienst mit 2^' jHN beginnen zu lassen, am Jom Kippur an Stelle der traditionellen Vorlesung Achare Moth etwas anderes aus dem dritten Buch Moses vorlesen zu lassen, „weil das Traditionelle für die Jugend nicht geeignet sei." An beiden Tagen Rösch haschanah die Akedah zur Vorlesung zu bringen, und endlich Schofar blasen zu lassen. Alle Achtung vor diesem letzteren Beschluß der Kommission, dem vor Jahrtausenden gegebenen göttlichen Gebote auch ihrerseits für den Jugendgottesdienst in Berlin zuzustimmen. Die Kommission empfiehlt die Annahnie dieser Agende und bittet, alle Einzelheiten sonstiger Art der Kommission vertrauensvoll zu überlassen. — Und nun brach's los! In sichtlicher Erregung begann Herr Professor Levin seine Ausführungen und machte seiner berechtigten Entrüstung in scharfen Worten Luft. Man möge die Vorlage, so wie sie sich darbiete, einfach ablehnen. Er müsse sein höchstes Erstaunen darüber ausdrücken, daß nach den Erfahrungen der letzten Monate man wieder mit so unberechtigten Neuerungen im Kultus komme, daß man alte Traditionen bei der Vorlesung der Thora, die bis jetzt noch keinem kindlichen Gemüte geschadet hätten, ohne Grund nnd Anlaß abgeändert habe. Für ein solches Vorgehen habe er einfach keine Worte. Zu bedauern sei es auch, daß unser Rabbinat bei dieser Gelegenheit so wenig seinen Standpunkt als Rabbinat betont habe. Wenn diese Resormsucht so weiter gehe, so würde das zu merkwürdigen Konsequenzen führen. Mit Entschiedenheit müsse er dem Vorstande das Recht bestreiten, über Fragen des Gottesdienstes Entscheidungen zu treffen. Herr Dr. Blumenthal, der zunächst das Wort ergreift, steht auf demselben Standpunkt, vermißt aber außerdem in dem Anträge der Kommission noch so manche Einzelheit über verschiedene nicht unwichtige Fragen und bittet, die Angelegenheit an den Ausschuß zurückzuverweisen. Nunmehr erhebt sich Herr Justizrat Meyer, um sich wieder in seiner ganzen Größe und Eigenheit zu zeigen. Es sei doch besser, so etwa meinte er, etwas als garnichts zu schaffen