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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-04-17 · 16 (17.4.1896) · p. Seite 279

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
16 (17.4.1896)
Date
1896-04-17
Page
Seite 279 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1K. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 279. dasselbe Mittel, durch gleichartige Organisatiou, durch dieselben Personen erreichen will. Die Ziele dieser Vereine sind: Vertiefung der Wissenschaft des Judentums einerseits und Verbreitung der Litleratnrkenntnis unter die indifferenten Glaubensgenossen andererseits. An der Vertiefung unserer wissenschastlicheil Anschauungen haben die Jünger der Wissenschaft das Hauptinteresse, und nur die Lehrer der Wissenschaft können erfolgreich wirken und beitragen zur Erlangung des hohen Zieles. Jedes Wort der reinivissenschaftlichen Vorträge, die der Läuterung unserer Ueberzengung dienen sollen, unterliegt nun der Kritik. Gegen solche Vorträge wird der Großdonnerer dieses Blattes eifern dürfen, wofern sie Durchschnittsgrößen in den Hinunel heben. Geschieht es nicht zu einem bestilnmten Zwecke -- ernste Forscher befassen sich überhaupt nicht mit der müßigen Frage der Rangordnung im Reiche der Denker, sondern überlassen die Entscheidung, ob Jorntob Lipmann Heller oder Mairasse den Israel, ob Moses Mendelssohn oder Lippinann Znnz größer waren, Leuten, die in sich den Berns zum Hvfmarschallamte des Paradieses fühlen. Diese Rangstreitigkeiten erinnern an den ewigen Streit glaubenswütiger Chassidim, welcher Wunderrabbi der bedeutendere sei. Zur Verfeinerung unserer Litteratrrr- und Geschichtskenntnisfe trägt die Bestimmung des Größenverhältnisses rmserer Geisteshelden nuv wenig bei und die Herbeiführung einer solchen Verfeinerltng ist doch das Ziel der Litteratnrvereine. Bedeutsamer und von weit größerer Tragweite ist jedoch das zweite Ziel der Litteratnrvereinigung: Die Verbreitung der .Kenntnis nnseres Schrifttums. Dieses Unternehmen kommt der Gesamtheit zu statten und f'mm und soll von jedem unterstützt werden, der etwas gelernt und das Gelernte anderen mitteilen kann. Diesem Ziele biencnbe Vorträge, die vorläufig blos das Interesse für die Wissenschaft des Judentums erwecken solleil, fallen nicht der unerbittlichen Kritik anheim. Ein wenig Margarinelitteratur ist itnvermeidlich, ja geradezu notwendig bei Leuten, die leider in das Wesen der jüdischen Wissenschaft nicht eindringen können. Dis populären Vorträge müssen das spezifisch Jüdische hervorkehren. Sie müssen z. B. in der Geschichte des 17. Jahrhltnderts neben Spinoza Manasse den Israel u. a. behandeln, und zwar den letzteren umsomehr, als er nicht allein ein hervorragender Priester des Judentums, sondern auch ein erfolgreicher Kämpfer für die Jndenheit geivesen. Ter Teil seiner Thätigkeit, der ein Publikum interessieren kann, ist das, was er teilweise — nach dem nicht ganz unberechtigten Vergleich bei Grätz — genrein hat mit Gabriel Rießer — seine Thätigkeit und Schriftstellerei für das jüdische Volk. Mein Resormvorschlag geht darum dahin, daß in den Vereinen eine sach- und fachmännische Arbeitsteilung vorgenommen werden müsse. Dem bedenklichsten Uebel würde .dadurch gesteuert werden: der tötenden Langweiligkeit der Vorträge. Bei der gegenwärtigen Einrichtung ist die Langeweile der Reden und Vorlesungen obligatorisch. Tenn ein Gemisch von Fachwisserrschaft und Laienlitteratur wird mit weirigen Ausnahmen dem einen zn „verkehrt", dem andern zu leer, und fast allen langweilig erscheinen. Bei einer vernünftigen Organisation hingegen könnte es anders werden. Auch die Phrase und die Reklame würden sich aus die Fälle beschräilken, in denen dieselben verzeihlich, weil notwendig sind. Es giebt Zeiten und Umstände — allerdings traurige — in welchen Reklame, d. h. die Kunst, sich oder seine Ansichten gelteild zn machen, Pflicht ist. Diese Pflicht macht sich oft gelteild im Leben einer Gesamtheit, wofern es sich um die Rettung ganzer Volksklassen vor geistig-religiösem Untergänge handelt. Eine holländische Reinlichkeitssncht und eine ostentative Wahrheitsmanie ist in diesem Falle ein Verbrechen, und Wahrheitsbolde sind hier schlimmer als Lügenbolde! Wenn sich nun ein Mann wie Bernseld gegen die Logik der Thatsachen mit Schärfe und Bitterkeit rvendet, dann möchte nlan in der Sprache des Tages allch von einer jüdischen Kritik tili de siede sprechen. Berlin, 14. April 5656. Dr. I. Riemirower. * . * II. Jüdische Wissenschaft fin de siede. Geehrte Redaktion! Jüngst meinten Sie in Ihrem Briefkasten, es sei nnthunlich, nur ein .Namensverzeichnis der Vorträge zu bringen, da dieses niemand interessiere; hingegen würden Sie sich freuen, wenn man Sie in den Stand setzte, ganze Auszüge aus den Vorträgen abzndrncken. Wir säumten nicht, Ihren Wünschen zil entsprechen, indem wir Ihnen sofort nach Ihrer betreffenden Briefkastennotiz einige Auszüge zustellten. Kaum hatten Sie aber den ersten gebracht, als schon Dr. Bernfeld wie ein IN sich auf den nichts ahnenden Vortragenden stürzte und in seiner Art: pNl?p::i DCI — Du, lieber Himmel! — Da komnit der Redner aus der kleinen Provinzialstadt aus eigene Kosten nach unserer Provinzial - Residenz, hält uns einen durchaus beifällig ansgeirommenen Vortrag, für den er mit keinem Heller bezahlt wird, und schließlich erhält er seinen Tank in einer öffentlichen Abkanzelung! Und warum? Weil er angeblich Manasse ben Israel, den Helden seines Vortrages, zu sehr gelobt hatte! Zunächst kann ich letzteres durchaus nicht zugeben. Der Hörer hatte nicht den Eindruck, daß über Manasse ben Israel mehr gesagt worden sei, als dieser immerhin ausgezeichnete Mann und wirklich große jüdische Patriot thatsächlich verdiente; denn auch feine Schwächen wurden vom Redner hervorgehoben, wenn auch, wie selbstverständlich, diese in dem kurzen Zeitungsbericht nicht noch extra aufgeführt worden sind. — Und selbst, wenn ein vor zwei Jahrhunderten Verstorbener schon wirklich etwas zu viel gelobt sein sollte — was thnts? Thut dies etwa unserm Judentum Abbruch? Ist es für die Fortentwickelung desselben denn besser, wenn unsere alten großen Toten heruntergerissen, ihres Glorienscheins, in welchem sie zu sehen wir bisher gewohnt waren und der uns allen durchaus wohlgefiel und auch durchaus wohlgethan, weil wir uns darin sonnten und daran uns begeisterten — ist es denn besser, frage ich, wenn wir unsere anerkannt bedeutenden Männer des sie umgebenden Glorienscheins entkleiden und uns dann logischerweise sagen müssen: „Alles, was unsere Eltern und Lehrer uns Schönes und Erhabenes von unseren großen Männern erzählt haben, ist gar nicht wahr; im Gegenteil, diese waren gar keine großen Männer,

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