Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 16 (17.4.1896)
- Date
- 1896-04-17
- Page
- Seite 278 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 278. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 16. Können die Litteratur eines Volkes bereichert, dem noch zu Karls des Großen Zeiten Schreiben ein vöttig unbekannter Wortbegriff gewesen. Und dieses Volk mag ihn nicht als einen der Seinigen betrachten! Seinen Liederschatz hat es sich wohl zugeeignet, singt bei allen Anlässen mit Vorliebe seine poetischen Schöpfungen, — dennoch ist auf dem Boden der Vaterstadt des Inden Heine kein Raum gewesen zu einem Denkmal für den Dichter Heine! , Kein deutscher Schriftsteller hat so viel wie er zur Ver-! edlung der deutschen Prosa beigetragen. Seiner völligen Ver-s schmelzung mit dem Deutschtum läge demnach, sollte man meinen, außer seinem jüdischen Bekenntnisse, kein weiteres Hindernis im Wege. Um auch dieses zu beseitigen, honorierte er einen christlichen Priester, der seine Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinschaft taufbücherlich beurkundete, — trotzdem fand sich kein Munizipium im großen deutschen Reiche, welches die Aufstellung einer Biiste Heines ans seinen: Territorium ver-- stattete! Lebte er heute, er wiirde mit feinem Zeit- und Gesinnungsgenossen Börne gefragt haben: „Wer giebt mir die zwei Friedrichsd'or zurück, die ich meinem Taufvater für mein bischen Christentum offeriert habe?" — Weder Heine noch Börne hätten ihre Eintrittskarte in die christliche Gesellschaft zu teuer erkauft, hätte ihre offen einbekannte Reue spätere Tauslustige vou dem Wahne geheilt, ihre Desertion werde eine nachsichtigere Beurteilung ihrer Abkunft zur Folge haben, sie werde bewirken, daß man ihnen verzeihe, einem Volke zu entstammen, welches der Welt einen Gott, eine Religion und eine religiöse Litteratur gegeben. Dies ist aber nicht der Fall. * Nur zu häufig gewahrt man noch in unserer Zeit Gestalten, über die Heine sich lustig gemacht, — Gestalten mit goldenen Kreuzen von ostentativer, ihren Nasen Konkurrenz bietender Größe auf der Brust, so daß der lebende Heine nichts gewirkt hat. Und darum plädieren wir für ein Heine-Denkmal, welches das Gemütsleben des Dichters illustriere, plädieren wir, daß dieses Denkmal errichtet werde in jedem jüdischen Hause, empfehlen wir als Inschrift: Keine Messe wird man lesen. Keinen Kaddisch wird man sagen! Das Echo. I. Jüdische Kritik fin de siede. Geehrte Redaktion! In der vorigen Nummer Ihrer gesch. Zeitschrift veröffentlichte Herr Dr. Bernfeld das Vorspiel zu seinem satirischen Lustspiel „Litteraturvereins-Rummel". Bei aller Verehrung des Jeschurun-Aristophanes, bei aller Anerkennung seines Eifers für die Wahrheit, kann der lustige Hirtenbrief, den Dr. Bernfeld an die sündige Judenheit erlassen, in mir nicht die Begierde nach der Fortsetzung seiner satirischen Moralbriefe wecken. Vielmehr halte ich mich verpflichtet, gegen die unkritische Methode der Beurteilung litterarischer Strömungen und Bestrebungen aus dem Gesichtspunkte einer übertriebenen Wahrheitssucht Protest zu erheben. Schön ist freilich die Rolle eines Max Nordau der jüdischen Litteratur. Angenehm ist es für gewisse Staturen, allwöchentlich in einem Aufsatze einige Größen der jüdischen Philisterwelt — der Wahrheit — zu opfern und einige Altäre der Unwissenheit im Namen der Wissenschaft zu zerstören. Spaß macht es, vom erhabenen Richterstuhl der absoluten Wahrheit ans die Eitelkeit und Unwissenschastlichkeit Manasse ben Israels, die Geschichtsklitterei Grätz', die Ungezogenheit Heines zu verdammen und zugleich eine Reihe von Anklagen gegen Unbekannt zu erheben. Dem Judentum aber, dem allein Dr. Bernfeld dienen will, kommen diese Herrlichkeiten nicht zu statten. Im Gegenteil, wenn die wenigen Vertreter und Verbreiter der jüdischen Litteratur der Ignoranz und Aufgeblasenheit, des Geschäftsidealismns und Eharlatanismus geziehen werden, dann sind viele Berliner für Schließung der Bude. Man kann es ihnen garnicht verdenken, wenn sie eine Gemeinschaft zu Tode verurteilen, in der alles Phrase, Heuchelei und Geschäft ist. Mit den: einzigen Mann der Wahrheit, mit Dr. Bernfeld allein, wollen sie sich nicht begnügen und möchten die Gemeinschaft aufgeben, in der blos ein Gerechter lebt. Ich spreche mich hiermit nicht für eine Vertuschung der Wahrheit ans, sondern warne blos Männer, deren Urteil mit Recht einige Autorität besitzt, vor unnötigen Uebertreibungen und gefährlichen Verallgemeinerungen. Was hat denn die jüdische Wissenschaft verbrochen, daß man sie mit dem Begriff fin de siede in Verbindung gebracht? Weshalb ist der Litteraturverein dem „Meere der Unwissenheit" preisgegeben? In Königsberg i. Pr. ist Manasse ben Israel in einem Vortrage als der gelehrteste und bedeutendste Mann des siebzehnten Jahrhunderts bezeichnet worden. Ein Unglück ist daraus wahrlich nicht entstanden. Es ist nicht der Beschluß gefaßt worden, Manasse ben Israel in Königsberg ein Denkmal zu setzen, so daß Kant auch fürderhin von den Königsbergern trotz der Konkurrenz Manasse ben Israels als Genie verehrt werden, und die Kulturjudenheit fin de siede ihre Kenntnis des „Taußfes Jontef" dem ungezogenen Heine verdanken wird, ohne aber, wie es Dr. Bernfeld wünscht, den Verfasser des „Taußfes Jontef" anstatt Manasse ben Israels zum größten Manne des 17. Jahrhunderts zu proklamieren. Der Vortrag in Königsberg ist unbeachtet geblieben; denn nicht alles, was in Königsberg vorgetragen wird, ist „reine Vernunft". Den Predigern des Todes jedoch ist dieser Vortrag nicht entgangen, und ihre feinen Nasen haben einen Modergeruch der Verwesung verspürt. Als Symptom des Niederganges, als Zeichen des Verfalles wird der genannte Vortrag von den Leuten bezeichnet, die in ihrem Uebereifer in allem und jedem Gespenster sehen. Ich kann nur mit einem Satze aus Nietzsche antworten: „Ihnen begegnet ein Kranker oder ein Greis oder ein Leichnam, und gleich sagen sie: „das Leben ist widerlegt". Unsere Litteraturvereine weisen allerdings mehr Kranke, Greise und Leichname als wünschenswert auf, allein dadurch ist die Lebensfähigkeit und Lebensberechtigung der Vereine noch nicht widerlegt. Die Litteraturvereine sind reformbedürftig, aber auch reformfähig. All'die Schattenseiten, die sich bei den Litteraturvereinigungen bemerkbar machen, lassen sich auf die eine Thatsache zurückführen, daß man die verschiedenartigen Ziele dieser Vereine durch ein und