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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-03-20 · 12 (20.3.1896) · p. Seite 206

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
12 (20.3.1896)
Date
1896-03-20
Page
Seite 206 (sequence 2)
Language
German
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Seite 206. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 12. Die Judenheit geht unstreitig einer ernsten Zukunft entgegen, und wir dürfen uns nicht verhehlen, daß uns schwere Kämpfe und heftige Stürme bevorstehen. Wie auch die Vorsehung über uns beschließen mag, eins muß uns klar sein, daß es nämlich jetzt gilt, Israel innerlich widerstandsfähig zu machen. Das kann nur dadurch erreicht werden, wenn die Judenheit sich aus ihre geistige Kraft besinnt, aus das, was dem Judentum in den schwierigsten Zeiten einen Halt verlieh: auf die Erforschung der Lehre und auf die religiöse Erziehung der Jugend. Die jüdischen Gemeinden müssen sich daher auf jene Männer besinnen, von deren Wirken wir die Kräftigung des Judentums erwarten dürfen; diese müssen mit der nötigen Autorität, mit dem gebührenden Einfluß ausgesiattet werden, damit ihre erziehliche Thätigkeit für die Gemeinde und die Heranwachsende Jugend eine ersprießliche werde. Es ist nicht mehr an der Zeit, daß die Gemeinden vor allem auf die Erweiterung ihrer sogenannten „Autonomie" bedacht sein dürsten. Es gilt, sich freiwillig der Leitung bewährter Führer unterzuordnen, um so vereint, und mit geistigen Waffen gerüstet, in dem bevorstehenden Kampf unsere Stellung behaupten zu können. Den Gemeinden und der ganzen Judenheit würde es zum Segen gereichen, wenn jene, den Ernst der Zeit erkennend, das frühere Ansehen der Rabbiner und Lehrer wieder Herstellen. Wir Juden sind ja sonst so gelehrige Schüler und gucken gerne alles ab, was draußen gethan wird, um es getreulich nachzuahmen. Es könnte nicht schaden, wenn wir auch darin von den Anderen lernen wollten, unseren geistlichen Beamten die ihnen gebührende Stellung in der Gemeinde und in der Gesellschaft einzuräumen. In dem biblischen Buche der „Richter" wird der trostlose Zustand jener Zeit geschildert, als Israel, von außen angeseindet und bekämpft, innerlich demoralisiert und zerrissen, ein Bild der Auflösung und des Verfalls bot. Diese trüben Schilderungen schließt der biblische Schriftsteller stets mit dem Refrain: „In jenen Tagen gab es keinen Herrscher in Israel; ein jeglicher that, wie es ihm wohlgefiel." Das war auch ein Zustand der „Autonomie", durch den Israel um alle seine geistigen Errungenschaften kam, um schließlich einer beklagenswerten Demoralisation zu verfallen. Die „selbstgewählten" Richter waren eben ohne Macht und Einfluß, und tiefsinnig macht der Talmud, an einen Satz aus jenem Buche anknüpfend, die zutreffende Bemerkung: „In jener Zeit, in der Israel so tief gesunken ist, war es Sitte geworden, daß das Volk seine Leiter leiten wollte." Auch wir sind bereits zu jenem Grade von „Autonomie" gelangt; die Schäden, die das Judentum aus dieser Art von „Autonomie" erhalten hat, sind unverkennbar und es gilt jetzt, den Mut zu haben, den begangenen Fehler anzuerkennen und nach Möglichkeit gut machen zu wollen. Diese „Autonomie" muß beseitigt werden; die Stellung der Rabbiner und der Lehrer in der Gemeinde muß befestigt werden, die Uebergriffe der Gemeindevorstände müssen aufhören, und an einer Wiederverjüngung der Gemeinden in diesem Sinne müssen sich alle Juden beteiligen, denen die Zukunft Israels am Herzen liegt. — Ist schon die Stellung der Rabbiner eine unerfreuliche, so ist es noch mehr die der Lehrer, die draußen in den kleinen Gemeinden einen harten Kampf ums Dasein führen müssen, zugleich aber auch von allen Seiten drangsaliert werden, indem sich bald der Gemeindevorsteher, bald die Gemeindemitglieder allerhand Uebergriffe gegen sie erlauben, um sie moralisch und materiell zu schädigen, Namentlich muß es ernstlich gerügt werden, daß viele Rabbiner sich dazu hergeben, in solchen Gemeinden, in denen die Lehrer das Brot des Elends essen, Funktionen auszuüben, wodurch der arme Lehrer völlig in den Hintergrund gedrängt wird und den letzten Rest an Ansehen und Achtung einbüßt. Es ist dies stets eine Konzession an das Protzentum, das bei jeder Gelegenheit mit dem Gemeindebeamten vor der andersgläubigen Nachbarschaft nicht genug prunken zu können glaubt und sich daher eine „Größe" von außen „verschreibt". Rabbiner, die auf ihren Stand etwas halten, dürften sich zu einer solchen schmachvollen Rolle gar nicht hergeben. Indem wir für die Hebung des Rabbiner- und Lehrerstandes kämpfen, für die Vermehrung ihres Ansehens und Einflusses eintreten, indem wir darauf bestehen, daß die Gemeindevorstände endlich die usurpierte Machtsülle aufgeben und dem geistlichen Element mehr Bedeutung in der Gemeinde gönnen, indem wir die Notwendigkeit einer gründlichen Umkehr auf diesem Gebiete betonen, denken wir nur an die Zukunft des Judentums, an seine innere Stärkung und Befestigung. Das goldene Zeitalter Israels war das der Blüte der Wissenschaft und des Unterrichts, und die Wiederherstellung jener glücklichen Zustände muß unser Bestreben sein!*) Dr. S. Bernfeld. Aus dem Gkmeindeparlumnt in Kcelin. Die Welt wird schöner mit jedem Tag, Man weiß nicht, was noch werden mag? Mit dem Einzuge der neuen Repräsentanten in das Gemeind eparlament werden wir an dieses Dichterwort immer mehr erinnert. Und wenn auch beim Vorstaude und seinen Getreuen die alten Zöpfe fliegen ob des frischen Luftzuges, der mit einem Male in die seit Jahrzehnten herrschende Stickluft hineinbläst, in der Gemeinde empfindet man es dankbar, daß endlich einmal ein Strom frischen Lebens hineingeleitet ist in die dumpfe Atmosphäre der Gleichgiltigkeit und Thatenlosigkeit. Auch in der Repräsentantensitzung am 15. März machte dieser neue Geist sich mächtig geltend, nicht allein im Wege der Abwehr und Verteidigung, sondern auch aus dem Wege thatkräftiger Initiative, die es mit dem Grundsätze hält, daß unter allen Umständen die beste Deckung der Hieb ist. Freilich, der Ton ist gegen früher ein milderer, ruhigerer geworden, sicherlich nicht zum Schaden der Sache; in der Sache selbst aber war die Entschiedenheit die alte. Vielleicht trägt aber auch an dem veränderten Tone der Umstand die Schuld, daß von den Gouvernementalen die Hauptrufer im Streite, die Herren Kirstein, Moste, Weigert durch ihre Abwesenheit glänzten. *) Wir kommen auf diese bedeutsame Frage, von deren Lösung in der That die Gesundung unseres Gemeindelebens abhängt, noch einmal zurück. Red.

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