Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 8 (21.2.1896)
- Date
- 1896-02-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8. Jahrgang V. llgemerne Berlin, 21. Februar 1896. Nebst einer wissenschaftlichen Beilage „Ieschurun Herausgeber: A. Levin. Redaktion und Uerlag: Uoßstraße 3. Telephon Amt I, Ar. 558. Treu und frei! Bezugspreis vierteljährlich: Inland Mk. 2,00. * Ausland Wk. 2,50. Post-Zeitungsliste Nr. 108. Die „Mochenschrift" erscheint an jedem Freitag mindestens 16 Seiten (2 Bogen), der „Irschrrrnn" am Schluffe jeden Monats mindestens 8 Seiten (1 Bogen) stark. Zu beziehen durch die Post (Zeitungsliste pro 1896 Nr. 108) oder unsere Expevition. Anreizen werden mit 25 pfg. für die einspaltige Petitzeile oder deren Raum berechnet. Bei Wiederholungen oder größeren Aufträgen tritt eine Preisermäßigung ein. Alle Annoncen-Expeditionen sowie unser Bureau nehmen Anzeigen für dieses Blatt entgegen. Inhalt: Zu Sabbat Sachor. Bon Dr. F. Zur Klärung und Verständigung. I. Von A. Treu. Das jüdische Weib. (Schluß). Die Insurgenten. (Fortsetzung.) Von S. P. Spiegelbilder^aus dem jüdischen Leben Von F. Sophra. Wochen-Chronik. — Briefkasten. — Kalender. — Anzeigen. Exotisch-jüdische Hochzeitsgebräuche. Litterarisches — Lose Blätter. 3u Sabbat äachor. „Und du warst matt und müde." Die mächtigen Akkorde des Siegesliedes waren verklungen. Das befreite Israel hatte stillschweigend und, vom frommen Schauder ergriffen, das tosende Meer und die sturmgepeitschten Wogen gesehen. Wie festgebannt stand das Volk am jenseitigen Ufer und mit Gewalt mußte es Moses dem verhängnisvollen Gestade entführen. Drei Tage Wanderung ohne Wasser; die nach Freiheit lechzende Seele war wohl befriedigt, quälender Durst verleidete die reine Freude, denn bitter schmeckte das Wüstenwasser. Moses versüßt es, versäumt aber nicht seinem Volke, das ihm für Entbehrungen nicht stark schien, ethische Regeln und Grundsätze zu diktieren, ihm Gesetz und Recht zu geben, damit es bei äußerer Not und körperlichem Mangel geistige Nahrung und innere Festigkeit sinder: könnte. Rach dem Wasser fehlt das Brot. Himmelsspeise, Manna, wird den Darbenden zuteil. Sie dürfen sich sättigen, doch nicht vergessen, daß das Brot vom Himmel komme. Nach dem Brote fehlt neuerdings Wasser. Da rieselt eine Quelle aus dem Kieselsels. Doch die Labung wird teuer bezahlt. Es war kein Wunder, daß die junge Freiheit unter solchen Umständen dem arbeitgewohnten Volke weniger begehrenswert schien als die Knechtschaft in Egypten; dort hatten sie doch mehr als Wasser und Brot. Es war eine harte Probe und sollte noch schlimmer kommen — „da kam Amalek". Der Kamps gegen die Natur rvar leidlich überstanden und für die Beschaffung leiblicher Bedürfnisse genugsam gesorgt. Da kam es in Rephidim zum ersten Zusammenstöße mit einem trotzigen Feinde. Und dieses Rephidim blieb für alle Zeiten ein memento. Israel war matt und müde und sollte jetzt gegen räuberisches, krieggewohntes Gesindel kämpfen. Man kann sich die Erbitterung des hoffnungsfrendigen Volkes denken; es muß ein furchtbares Schlachten gewesen sein. Hunger und Durst waren vergessen; die Schwachen wurden Helden, die Matten und Müden mutige Kämpfer. Mose, auf einer Höhe, betet inbrünstig um Sieg. Bis zum Abend währt der Kampf. Es sinkt die Sonne, mit ihr Amalek. Nun wird mit blutigen Lettern in das geschichtliche Gedenkbuch geschrieben: „Krieg führt Gott mit Amalek von Geschlecht zu Geschlecht." Das ist ein rachsüchtiger, grausamer Gedanke, scheint es. Und doch so natürlich. Unwi/lkürlich zogen diese Bilder in den letzten Jahren vorüber. In den Zeiten der Not ist die Geschichte ein guter Trost; der Trost, deu Denkende in der Thatsache finden: „Nichts Neues unter der Sonne". Für die Geschicke des Judentums wenigsteus gilt dieser Satz vollinhaltlich. Zwar giebt es kein Egypten, das ist wahr; es gäbe eines, fände sich ein Pharao; und er fände sich, stünden wir nicht denn doch an des neunzehnten Jahrhunderts steige. Das „große Jahr" und die Jahre nachher haben die Juden aus den Pferchen und Winkeln des Ghetto in den Hellen Tag der bürgerlichen Freiheit und in das Sonnenlicht der Gleichheit versetzt. Manche sind dabei erblindet. Die beengte Brust atmete die erfrischende Lust der Aufklärung mit Wonne. Und wir atmen ja, Gottlob, auch heute diese Luft; doch sie ist mit widerwärtigem Krankheitsstoff versetzt; ganz geschwunden waren die Miasmen nie. Bald fehlte das Brot, bald das Wasser. Diese Gefangenenkost, sollte man glauben, diese unbedingt erforderlichen Nährmittel muß man doch jedem Lebewesen ungeschmälert und unverfälscht gönnen. Doch ach, das Wasser wird verbittert, das Brot knapp zngemeffen.