Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 4 (24.1.1896)
- Date
- 1896-01-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ao. 4. Iayrgang V. (!?**errre SJatR«,24. Januar 1896. Nebst einer wissenschaftlichen Beilage „Ieschurun". Herausgeber: A. (evin. Redaktion ».Verlag: Gr.Kambnrgerstrahe 21. Heöffnet werktäglich von 9—12. Treu und frei! Bezugspreis vierteljährlich: Inland Mk. 2,00. * Slusland Mk. 2,50 ^ost-Zeitungskiste Yr. 1V8. Die „Wochenschrift" erscheint an jedem Freitag mindestens 16 Seiten (2 Bogen), der „Jeschurun" am Schlüsse jeden Monats mindestens 8 Seiten (1 Bogen) stark- Zu beziehen durch die Post (Zeitungsliste pro 1896 Nr. 108) oder unsre Expedition. Anzeigen werden mit 2» Wsg. für die einspaltige Petitzeile oder deren Raum berechnet. Bei Wiederholmigen oder größeren Aufträgen tritt eine Preisermäßigung ein. Alle Annoncen-Expeditionen sowie unser Bureau nehmen Anzeigen für dieses Blatt entgegen. Iirtzerltr Ersurcht vor dem König. Bon Dr- I- Kohn. Zur Frage des obligat. Religionsunterricht. Kon M- O. Fuchs- Die Rabbinerwahl in Berlin, l. Bon Dr- S- Bernseld- Ein Kompetenzstreit. Unsere Rabbiner. Bon Dr. Rülf- Der Prozeß Deckert. Schopenhauer und das Judentum. Bon R. K- Josef Rassi- Aus dem Ungarischen, von Sam. Lobstein. Wochen-Ehronik. — Briefu- Fragekasten. — Kalender- — Anzeigen. Ehrsucht vor dem König. Religiöse Betrachtung zu Kaisers Geburtstag Text: „llnd der Ewige sprach zu Mose: Siehe, ich setze Dich zum Gott über Pharao." (2. B. M.. 7,1.) So heißt es auch, bemerken unsere alten Lehrer: „TDZin "j'rs Hl xm ’S". „Wer ist der König, der dem Menschen Ehre und Würde verleiht? Der Herr der Heerscharen — er ist der König der Ehre!" (Psalm 24, 10.) Er läßt Salomo sitzen auf dem Throne des Ewigen (Chronik 1, 29,23), Mose nimmt den Stab des Ewigen (2. B. M- 4. 20) und Israel trägt das Gewand des Ewigen. (Psalm 29, 11.) (Jalkut. z. 2. B- M. 7, 1.) In dem jüngst verlesenen Schriftabschnitte treten die zwei höchsten Würdenträger der Menschheit vor unser geistiges Auge — ein König und ein Lehrer — Mose und Pharao. Beiden sind wir die höchste Ehrfurcht und Ehrerbietung schuldig. Bom König sagt die Schrift: „Fürchte den Ewigen, mein Sohn, und den König!" (Sprüche 24, 21.) Und vom Lehrer sagt die Mischna: „Die Ehrfurcht vor Deinem Lehrer sei wie die Ehrfurcht vor Deinem Gotte!" Also beide, Mose wie Pharao, waren hervorragende Persönlichkeiten^ in der menschlichen Gesellschaft. Wie fommt es aber, daß der eine, Mose, in seiner Würde, in seinem Ansehen immer höher steigt, daß alle Welt noch nach Jahrtausenden mit Ehrfurcht und Bewunderung zur Größe und Hoheit dieses unsterblichen Mannes emporblickt, daß sein Andenken von Geschlecht zu Geschlecht gesegnet wird, während der andere, Pharao, bei Lebzeiten immer tiefer gesunken, alles Ansehen, alle Achtung eingebüßt hatte und nach seinem Tode der allgemeinen Verachtung anheimgefallen ist? Diese Frage ist leicht beantwortet. Die Quelle aller Achtung, aller Ehrfurcht und Ehrerbietung, die wir einem Menschen erweisen, ist Gott, ist der Glaube an Gott. Wenn wir glauben, daß Gott den Menschen in seinem Ebenbilde geschaffen, daß im Menschen ein Funke Gottes lebt, daß ein Teil der Gottheit selber ihn beseelt, dann werden wir jeden Menschen achten, ihm mit Achtung begegnen, weil er im Ebenbilde Gottes geschaffen, dann werden wir keinen Menschen geringschätzen — des ihm innewohnenden göttlichen Teiles wegen. Wenn wir glauben, daß der Lehrer das Wort Gottes öerkündet, daß er uns den Weg Gottes zeigt, dann müssen wir ihm das höchste Maß an Ehrfurcht und Ehrerbietung entgegenbringen! Wenn mir glauben, daß Gott den König mit Macht und Herrschaft ausgestattet, damit er Recht und Gerechtigkeit aufrechthalte und fördere und Gewalt und Verderben von der menschlichen Gesellschaft fernhalte, dann müffen wir uns beugen vor der Majestät, vor der Größe und Erhabenheit des Königs. Indem wir den Menschen ehren, ehren mir Gott im Menschen. Wenn uns aber ein lebendiger Gottesglaube nicht beseelt und wir mit Pharao sprechen: „Wer ist der Ewige, auf dessen Stimme ich hören soll", dann ist der Mensch nicht im Ebenbilde Gottes geschaffen, und wir brauchen ihm keine Achtung zu erweisen, dann verkündet der Lehrer nicht das Wort Gottes und wir sind ihn: keine besondere Ehrfurcht schuldig, dann hat Gott den König nicht mit Macht und Würde bekleidet und mir sind nicht verpflichtet, ihm Ehrfurcht und Ergebenheit zu erweisen. Das ist der Unterschied zwischen Mose und Pharao. Mose spricht: snVtr „der Ewige hat mich gesandt," und dieses Wort verleiht ihm Ehre und Würde; Pharao aber sagt: „Wer ist der Ewige, daß ich auf seine Stimme hören soll"! Er glaubt nicht an Gott, kennt kein Menschentum — was Wunder, daß Geringschätzung im Leben und Verachtung seiner harrten — nach dem Tode! Fürmahr, nur Gott und der Glaube an Gott verleiht deni Menschen Ehre und Würde! Er ist -jn:rt ff-s, der König, der dem Menschen Ehre und Würde verleiht. Wo der Glaube fehlt, wo Gott fehlt, da fehlt auch alle Achtung, alle Ehrfurcht und Ehrerbietung vor den Menschen. Schön und sinnig sagt daher der weise Hillel: „Meine Erniedrigung ist meine Erhebung und meine Erhebung ist meine Erniedrigung." Das heißt: Unsere Bescheidenheit, wenn wir mit Mose sprechen «n der Ewige hat uns aus Erden gesandt, wir sind nur Boten,