Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 2 (10.1.1896)
- Date
- 1896-01-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Io. 2. Iayrgang V. llaettt £t tt £ Aerkin, 10. Januar 1896. Nebst einer wissenschaftlichen Beilage „Jeschurun". Herausgeber: A. tevin. Redaktion u. Perlag: Gr. Kambnrgerstraße 21. Keöffnet wrrktägtich von 9—IS. Bezugspreis vierteljährlich: Inland Mk. 2,00. * Ausland Mk. 2,50. Treu und fvei! Jost-ZeitungsNste Ir. 108. Die „Wochenschrift" erscheint an jedem Freitag mindestens 16 Seiten (2 Bogen), der „Jeschurun" am Schlnsse jeden Monats mindestens 8 Seiten (1 Bogen) stark. Zu beziehen durch die Post (Zeituugsliste pro 1896 Nr. 108) oder unsre Erpedition.! Anzeigen werden mit 25 Wfg. für die einspaltige Petitzeile oder deren Raum berechnet. Bei Wiederholungen oder größeren Aufträgen tritt i eine Preisermäßigung ein. Alle Annoncen-Expeditioneu sowie unser Bureau nehmen Anzeigen für dieses Blatt entgegen. Die Kleingemeinden. 1. Zahlen beweisen! Ein Briefwechsel- Bon Dr- S. Bernfcld- Obligatorischer Religionsunterricht. II. Bon Dr. I. Schneider. Unsere Rabbiner- VI. Von Bar Minan. Gemeindebilder. Der Jugendgottesdienst in Wien. Von Josef Singer. Suum cuique. II. Zahn uni Zahn. Wochen-Ehronik. — Briefu. Fragekasten. — Kalender — Anzeigen. Die KlemMkindk«. 1. Wollte jemand die jüdische Diaspora, wie sie seit nahezu?wei Jahrtausenden weithin zerstreut und überall wie schillerndes Geäder in mächtiges Gestein eingesprengt ist, kartographisch darstellen, so würde ihm die ganze Judenheit als ein System von Kircheninseln inmitten der Ozeane fremdgläubiger Majoritäten erscheinen. Bald treten diese Judeninseln als Archipele auf, als Gruppen von größeren und kleineren Inseln gebildet, bald sind es ziemlich isolierte Eilande von vulkanischem oder neptunischem Ursprung, je nachdem eine gewaltsame Eruption des mittelalterlichen Fanatismus sie dahin geworfen, oder die Flut der Völkerwanderungen dort angeschwemmt hat. Bilden aber Inseln stets die Brückenköpfe der Kultur, so darf man kühn behaupten, daß auch die jüdischen Ansiedelungen nicht nur den Handels-, sondern auch den Jdeenverkehr mächtig gefördert und ihrer insularen Mission getreulich nachgekommen sind. Es mag anderen Darstellungen Vorbehalten bleiben, dies an einzelnen Beispielen nachzuweisen, wie auch im Charakter der Juden das Wesen der Eilandsbewohner näher zu bezeichnen. Für unfern Zweck genügt es den einen Unterschied zwischen Kontinental- und Jnsular-Einwohmrschaften hervorzuheben, daß jene sich leichter zentralisieren,, uniformieren, in Massen zusammenziehen, die von den mannigfachsten Banden sich umschlungen fühlen, während die Jnselbevölkerung nur im idealen Zusammenhänge sich fühlen und bei aller Gemeinschaft der Intentionen sich als Eigenarten und Besonderheiten wissen und sich nicht leicht einem Organismus einstigen. Jede Gemeinde hat ihren Ortsbrauch, ihre Lokalstatuten, ihre eigentümliche Verfassung, wenn auch allen ein allgemeiner und als solcher leicht zu erkennender Typus aufgedrückt ist. Mit derselben Grandezza schreitet der Führer einer kaum 20 Seelen umfassenden Betversammlung einher, wie der Präsident der nach Zehntausenden zählenden Kultusgemeinde, auch er ist vom Gefühle seiner Würde und von stolzem Selbstbewußtsein getragen, aber auch er fühlt die Schwere seiner Verantwortlichkeit und erfüllt die Pflichten, die ihm seine Rangstellung auferlegt, oft gewissenhafter, als der vornehmthuende Großgemeindevorsteher, welch letzterer sich aus purer Gnade herabgelassen hat, das jüdische Ehrenamt anzunehmen. So kommt es, daß die kleinere Ansiedelung häufig besser regiert wurde und verhältnismäßig größere Opferwilligkeit an den Tag legte, als.die stolze und reiche Großversamwlung, die mitleidig auf das mikroskopische Gemeindeleben in ihrer Nähe niederblickte. In dieser Weise hatte sich bis vor etwa vier Jahrzehnten das insulare Leben der jüdischen Diaspora erhalten, als die Freizügigkeit einerseits, die Erweiterung der politischen Rechte anderseits Veränderungen mit sich herbeiführten. Die jüdischen Ansiedelungen legten ihren insularen Charakter ab und nahmen allgemach ein kontinentales Wesen an, d. h. sie organisierten und zentralisierten sich. Dies erklärt sich vollständig daraus, daß die Jnsularität keine Mission mehr hak und daher wie jede Institution, die zwecklos geworden ist, verfällt. Die Mittel des Handelswie Jdeenverkehrs sind reichere und von früher nie geahnter Wirksamkeit geworden, und die Niederlassung der Juden selber wird weder im Wege der Eruptionen, noch in dem der Anschwemmung bestimmt, sondern erfließt aus der Wahl und aus ganz individuellen Veranlassungen und Absichten. Es wird keine Gemeinde durch Zufall in eine Gegend geschlagen, sondern sie setzt sich aus Individuen zusammen, die denselben Aufenthaltsort aus den verschiedensten Interessen gewählt haben. Werden nun diese Ansammlungen groß und macht sich daher das Bedürfnis fühlbar, diese Aggregate zu einem Organismus zu konstituieren, so kann von vornherein gar nicht daran gedacht werden, an alte, gemeinsame Traditionen anzuknüpfen, da solche niemals vorhanden waren. Im günstigsten Falle gruppierten sich die neu hinzugetretenen Elemente (wie dies in Berlin, Wien und Pest der Fall war) um einen älteren Kriftallstock und schoflen zu Gebilden an, die den Gesetzen ihrer Figurabilität folgen. Andere Großgemeinden, die aus ganz fremden, neuen und einander heterogene Elemente bestehen, geben sich eine Verfassung, die mehr a priori als aus dem Geiste und der Empfindung entsprangen und nach einer künstlichen Schablone gebildet sind. Prüft man die betreffenden Statuten, so wird sich in keinem einzigen ein ursprünglicher Geist offenbaren, aus keinem ein eigentümlicher Gemeindecharakter erhellen. Alle diese Statute, zumeist von Rechtsanwälten, die bei deren Abfaflung nichts