Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 30 (28.7.1893)
- Date
- 1893-07-28
- Page
- Seite 480 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9610650-9609441-9609578--233-9609592- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 480. I e s ch u r u n. Nr. 30. von fern oder ohne Aufmerksamkeit, so hält er ihn für einen silbernen Apfel, einem Scharfsinnigen aber scheint das Innere durch und er wird bald gewahr, daß er von Gold ist. So verhalten sich auch die Gleichnisse und Bilder der Propheten, deren offener Sinn weise, jedem verständliche Lehre enthält, während der verborgene den Zweck hat, den Glauben an gewisse tiefere und heilsame Wahrheiten zu begründen-- Aber laßt uns hier abbrechen: denn unsere gute Hausfrau macht schon ein saueres Gesicht, daß wir uns der Gesellschaft zu lange entziehen." ,Jch muß jetzt," ergriff Abulmaali das Wort, „in die Dvniäne der Frauen eingreifen; heute kann ich mit interessanten Neuigkeiten aufwarten, mit zwei, besonders den lieben Schwager angehenden Nachrichten, ich wollte vorhin nicht unterbrechen, aber länger will ich sie nicht vorenthalten." „Nur heraus damit! Die Frauen hören ebenso gern Tagesneuigkeiten, als sie welche erzählen," scherzte Aknin, „zumal gleich ans einmal zwei, für jede eine." „Zunächst wurde mir durch den Schreiber des Ministers Alfadhel mitgeteilt, daß er heute Deinen etwas langatmigen Namen Abu-Amram Musa den Maimun Obaid Allah in die Liste der Hvfürzte eingetragen habe Es sei Dir ein bestimmtes Gehalt festgesetzt worden, und morgen sollst Du die Anzeige davon wie das Diplom empfangen." „Gott sei Dank," ries mit wonnestrahlenden, leuchtenden Augen die Hausfrau, „es kommt uns gerade recht zu Statten, unser junger Weltbürger kostet uns nicht wenig und, wie ihr wisset, nimmt ja mein Mann für sein geistiges Amt keine Besoldung. Er geht nicht von seinem Grundsätze ab, es sei unerlaubt, von heiligen Diensten einen Nutzen zu ziehen. Er handelt streng nach dem Worte der Weisen: „Machet die Gotteslehre nicht zur Krone, um damit zu glänzen, und nicht zum Spaten, um damit zu graben." „Herrschte die volle Gleichberechtigung in unserem Staate", bemerkte Aknin, „dann hätte unser Meister längst von Rechtswegen erhalten, was ihm die Gunst des Veziers jetzt erst verliehen hat. Ein Mann, der so zahlreiche medizinische Schriften geschrieben, der die Werke des Galenns bearbeitet und nach seiner gründlichen Art die Ansichten aller Autoritäten der Heilkunde systematisch geordnet hat, müßte schneller eine Stufe erklimmen, die oft ein muhamedanischer Stümper und Quacksalber nicht allzuschwer erreicht. Er müßte schon Leibarzt des Sultans sein." „Verlangen wir nicht zu viel auf einmal und begnügen wir uns vor der Hand mit der Vorstufe, geschätzter Aknin", sprach die Frau des Geheimsekretärs voll Entzücken über die ihrem Bruder zu Teil gewordene Ehre; „möge uns der Wert der Auszeichnung nicht geringer erscheinen, weil sie bereits erreicht ist; er wird durch die vornehme Kundschaft, die er durch Alfadhel erhält, schon zu hohem Ruhme gelangen und so aus eigener Kraft von Stufe zu Stufe zur höchsten Würde emporsteigen. Es ist ehrenvoller als durch Brauch und Herkommen, durch sich selbst die allgemeine Anerkennung zu erringen. — Aber sagte mein Mann nicht, er habe noch eine Neuigkeit auf dem Herzen? Ist sie auch so erfreulich?" „Das werdet ihr besser wissen", erwiderte dieser. „Ein gewisser Jbn-Moischa aus Fez bat einen hiesigen angesehenen Jman um Auskunft über Maimunis Thun und Handeln, über seine schriftstellerische Thätigkeit, seinen Beruf, besonders über die religiöse Wirksamkeit; ob auch diese Mitteilung für euch günstig ist, möchte ich von euch hören." „Regt sich auch dieser Wurm noch!" rief Maimuni unangenehm überrascht, „will auch der noch an mir nagen? Das ist jener Moischa," sprach er zu Abulmaali gewandt, „von dem ich mehrmals erzählte, wie wunderlich er sich meine Dankbarkeit vorstelle. Solche bekehrungssüchtige Seelenfänger sind doch sonderbare Käuze. Weil er mir das Leben geschenkt, soll ich nun aus Erkenntlichkeit in meinem eigenen Eingeweide wühlen, selbst die Axt an unseren alten Stanim anlegen. Ich soll für meine Rettung, gab er mir deutlich zu verstehen, durch Schrift und Wort behülflich sein, die zahlreichen Glaubensgenossen im Almohadenreiche, die nicht auswandern können, das heißt fast alle, da sie dort nicht als Juden leben dürfen, zu aufrichtigen Bekennern des Islam zu machen." „Allerdings nur nach der reineren Auffassung desselben", spöttelte die Schwester, „wie der große Madhi Jbn- Tumar ihn gelehrt; sagte er nicht so?" „Ganz recht, die reinere Auffassung mag da bedeuten: das Land von Christen und Juden reinigen und sie zwangsweise zu Muselmännern machen. An mir," fuhr Maimuni fort, „war ihm nicht viel gelegen, er kannte meine festen Überzeugungen, doch aus den durch langjährige Schein- Übungen schon schwankend gewordenen und nach beiden Seiten hinkenden Juden dürfte sich eine erkleckliche Anzahl Seelen für die vom Propheten seinen Getreuen verheißenen paradiesischen Wonnen fischen lassen. Und ich sollte dazu sein Werkzeug sein, sollte dies gutheißen, wenigstens nicht abraten und unsere Brüder nicht noch ferner zum Ausharren anspornen." „Ich habe in meiner früheren Heimat von diesem Fanatiker gehört," sagte Aknin. „Was mag er jedoch hier wollen, wo wir geschützt und sicher leben, und schon der Name eines Saladin und Alfadhel gleich von vorn herein solchem Gebühren die Spitze abbricht?" „Drohen will er dem Undankbaren und versuchen sein Ansehen zu vernichten. Es giebt übrigens auch hier glühende Eiferer, welche das Gerücht, ich hätte lange Zeit als Mnhamedaner gelebt, gegen mich ausbenten werden. Wenn übrigens der Richter streng sein will, so kann , er auch hier ein älteres Gesetz hervorsuchen, welches den Übertritt vom Islam zu einer andern Religionsorm mit harten Strafen belegt. Die Entdeckung wäre mir gerade jetzt äußerst unangenehm. Der fanatische Moischa wird noch empörter sein, wenn er hören wird, baß ich seitdem schon wieder die Israeliten in Jemen zu treuem Ausharren veranlaßt habe, bis für sie jetzt eine günstigere Wendung eingetreten ist, und daß ich hier als gewissenhafter Rabbiner wirke und sogar Werke zur Befestigung des Judentums geschrieben habe. Dieser Wolf im Schafpelze wird mir wohl nunmehr seine scharfen Zähne zeigen." (Fortsetzung folgt.) Akiba's Trost. Von Dr. L. A. Rosenthal. Seht, dort schwankt das kleine Fahrzeug, — stürmisch ist die Meeresfahrt; Doch die Männer aus Jehuda haben kühn den Mut gewahrt. Endlich winket Puteoli, herrlich das ital'sche Land — Staunend ist dem schönen Ufer jedes Auge zngewandt. Welch Getöse! Sind's die Wogen, die das Schiff durchschnitten hat V Nein! Die Hauptstadt ist's der Länder, Roma tobt, die ew'ge Stadt.